Französische Kennzeichen: das Geheimnis der sieben Zeichen
Französische Kennzeichen sind weit mehr als eine schnöde bürokratische Registrierung – sie sind ein mobiles Stück Identität … und eine Gewissensfrage. Das erlebte ich genau in jenem Moment, als mein geliebter alter Benziner mit fast 300.000 Kilometern ohne große Problme endgültig Geschichte war.
Kaum war der Abschied vom alten Auto verdaut, steckte der Kopf schon tief im Papierkrieg. Das vertraute Fahrzeug, mit dem unzählige Kilometer durch Frankreich zurückgelegt worden waren, war verkauft. Nun stand der Nachfolger beim Händler. Neu, glänzend, schwarz statt rot – und bereit für die Straße.
Bevor es losgehen konnte, wartete allerdings die französische Bürokratie.
Formulare wurden hervorgeholt. Dokumente geprüft. Kopien gestempelt. Der Verkäufer arbeitete sich mit beeindruckender Gelassenheit durch einen Stapel Papiere, der gefühlt die Höhe eines Pyrenäengipfels erreichte. Seite um Seite füllte er aus, beantragte die Carte grise, organisierte die Zulassung und tippte routiniert Daten in seinen Computer.
Dann hielt er plötzlich inne.
„Welches Département möchten Sie auf Ihrem Kennzeichen haben?“
Die Frage kam unerwartet.
Welches Département?
Ich starre ihn an. Wie bitte? Seit 2009 regelt das Système d’Immatriculation des Véhicules – kurz SIV – die Zulassung in Frankreich. Jedes Fahrzeug bekommt ein Nummernschild auf Lebenszeit im Format AA-123-AA. Der zweistellige Départementcode auf der rechten Seite aber ist frei wählbar – ganz unabhängig vom eigenen Wohnort. Ein Korse in Paris kann also seine Insel auf dem Blech tragen. Eine Deutsche in den Pyrenäen auch.
Meine Fantasie beginnt zu arbeiten.
Welche Nummer soll es sein?
01 für Ain – ein stiller Wink, die Nummer eins zu sein? Zu großspurig. Oder gleich 2A beziehungsweise 2B für Korsika, damit man bei Besuchen auf der Île de Beauté nicht sofort als Fremde gilt? Verlockend. Oder 13 – für Marseille, diese unbändige Mittelmeermetropole, die kein Klischee je ganz erfasst. Seit 1958 verbinden Marseille und Hamburg eine Städtepartnerschaft, eine der lebendigsten zwischen Frankreich und Deutschland. Wer aus Hamburg kommt und in Frankreich lebt, trägt diese Geschichte mit sich. Auf dem Blech wäre das ein kleines Bekenntnis.
Oder 31. Toulouse. Ein ganz persönliches Datum klebt an dieser Zahl: jener 26. Januar 2001, ein wunderschöner Abend zu zweit im Père Louis, dem legendären Weinbistro der Altstadt – und der Ursprung meiner Tochter.
Oder 66 – als Hommage an den Canigou, der wie ein stiller Wächter über den Pyrénées-Orientales thront. 2.784 Meter hoch, der heiliger Berg der Katalanen und von mir bestiegen.
Oder sollte ich das Hexagon verlassen und zumindest auf dem Kennzeichen mein Fernweh ausleben? 971 für Guadeloupe, 972 für Martinique, 973 für Französisch-Guyana, 974 für Réunion, 976 für Mayotte. Ein Schild mit dem Herzschlag der outre-mer – warum nicht?
Dann fiel mir ein: Département 99 – und damit jenes, das das staatliche Statistikamt INSEE administrativ allen zuordnet, die nicht in Frankreich geboren wurden. So wie ich, die Hamburgerin in Okzitanien – die 99 hätte etwas Ehrliches. Der Händler schüttelt den Kopf. Leider kein Kennzeichen.
Kein Rütteln am Buchstaben
Die ersten beiden Buchstaben übrigens stehen fest. Sie ist durch das Zulassungsjahr vorgegeben. 2009 startete das SIV-System bei AA-001-AA. Anfang 2024 war es bereits bei G, Anfang 2025 nun bei H, 2026 bei HK – zu spät für ein HH. Hamburg bleibt Hamburg, bleibt Heimat, aber für HH hätte ich schon im vergangenen Jahr tschüs sagen müssen zu meinem treuen rollenden Gefährten in Rot.
Da sagt der Händler, fast beiläufig: „Nehmen Sie bloß nicht die 75. Die Pariser mag hier draußen niemand.“
Der alte Gegensatz zwischen Paris und der Provinz lebt bis heute fort. Der Zentralstaat mag vieles vereinheitlicht haben. Die regionalen Empfindlichkeiten hat er nicht beseitigt.
Der Stift setzt an. Ich schreibe eine Zahl, die zu diesem Leben passt – zum Savoir-vivre des Midi zwischen Mittelmeer und Massif Central, Pyrenäen und Picpoul. Der Händler liest die Wahl, hebt den Blick, schmunzelt.
„Eine gute Wahl. Das passt zu Ihnen.“
Vier Buchstaben, drei Ziffern, ein ganzes Land.
Das Blech der Identität: eine kleine Chronik des französischen Kennzeichens

Frankreich und seine Autos – das ist eine Liebesgeschichte, die schon immer von einem Hauch Anarchie und tiefem Regionalstolz begleitet wurde. Es waren ausgerechnet die Franzosen, die das Nummernschild erfunden haben. Am 14. August 1893 erließ die Pariser Polizeipräfektur die weltweit erste Verordnung zur Kennzeichnung von Fahrzeugen. Damals reichte noch ein einfaches Schild mit dem Namen und der Adresse des Besitzers.
Doch das Land wuchs schnell über die Pariser Pflastersteine hinaus. 1901 wurde das System national: Ein einziger Buchstabe verriet fortan die Herkunft – das M stand für Marseille, das B für Bordeaux. Als die Buchstaben in den wilden Zwanzigerjahren knapp wurden, erfand man die Zahlenkombinationen.
Der eigentliche Geniestreich, der bis heute die französische Autobahn-Psychologie prägt, folgte im Jahr 1950: das legendäre FNI-System ( Fichier National des Immatriculations ). Von nun an klebte die Identität ganz unmissverständlich am Heck. Die letzten beiden Ziffern gehörten dem Département. Das Nummernschild wurde zum soziologischen Code. Man erkannte sofort, wer die Serpentinen der Pyrenäen im Blut hatte – und wer als Urlauber aus dem Norden vermutlich vor der nächsten Haarnadelkurve in Panik geraten würde.

Heimatliebe am Heck
Als dieses System im April 2009 vom heutigen SIV (Système d’Immatriculation des Véhicules) abgelöst wurde, ging ein Aufschrei durch das Hexagon. Ein Kennzeichen auf Lebenszeit? Eine fortlaufende, unpersönliche Buchstaben-Zahlen-Kombination wie AA-123-AA, die beim Autoverkauf einfach mitwandert? Die Franzosen witterten den ultimativen Entzug ihrer regionalen Seele durch den bürokratischen Zentralstaat.
Um eine Palastrevolte auf den Straßen zu verhindern, rettete die Regierung das System mit einem typisch französischen Kompromiss: Das Département durfte als visuelles Anhängsel auf der rechten Seite bleiben – inklusive des offiziellen Logos der jeweiligen Region. Zudem wurde es völlig von der Steueradresse entkoppelt. Damit schlug die Geburtsstunde der automobilen Wahlheimat. Seitdem ist das französische Kennzeichen kein bürokratischer Stempel mehr, sondern ein mobiles Bekenntnis zur Herzensheimat.

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