Abseits der Bestseller: Französische Literatur, die fasziniert
Von Gesellschaftskritik über Frauenschicksale, andere mentale Welt und Räume bis zum urbanen Roman – diese französischen Bücher sind echte Entdeckungen.
Französische Literatur hat mehr zu bieten als die Klassiker in den Buchhandlungen. Diese einzigartigen Bücher – von vergessenen Schicksalen über Paar-Problemen bis zu preisgekrönten Romanen – sind echte Geheimtipps abseits der Bestsellerlisten. Entdeckt hier all jene Werke, die in Frankreich Kultstatus genießen, hierzulande aber noch kaum bekannt sind.
Julia Deck: Nationaldenkmal* ( Monument national * )
Julia Deck hat 2012 ihren ersten Roman veröffentlicht – und gilt seitdem als eine der besten Analytikerinnen der urbanen Gesellschaft von heute. In ihrem fünften Roman verwebt sie meisterhaft Yellow-Press-„Wahrheiten“ mit Verschwörungstheorien, lässt sich von Klatsch, High Society und Star-Ruhm inspirieren und verbindet alles in einem satirischen Krimi, der messerscharf und voller esprit eine Nationalikone demaskiert.
Auf 168 Seiten seziert sie den Niedergang des Hauses Langlois. Serge Langlois, französischer Kino-Star und Nationalheld, plant seinen 70. Geburtstag. Obwohl er seit einiger Zeit keine Filme mehr gedreht hat, steht er noch immer im Blickpunkt der Öffentlichkeit und fehlt bei keinem Society-Event.
Sein Anwesen am Stadtrand von Paris ist prachtvoll. Die Hecken sind in Herz, Karo, Pik, Kreuz geschnitten, die Garagen mit Oldtimern gefüllt. Doch der Anblick täuscht: Die Familie Langlois hat Geldsorgen. Und anspruchsvolle Mitglieder: Ambre, die 30 Jahre jüngere Ehefrau von Serge, die Adoptivtochter Josephine und zahlreiche Hausangestellte.
Als Julia Decks Erzählung in Frankreich erschien, war den Franzosen klar: Der Roman Nationaldenkmal* ist ein freier wie fantasievoller Rückblick auf die letzten Jahre des im September 2021 verstorbenen französischen Filmstars Jean-Paul Belmondo.
Jean-Paul Belmondo besaß einst mehrere Ferraris und ein Panther Lima. In Langlois‘ Garage stehen ein Lamborghini und ein Jaguar. Belmondo verbrachte seine letzten Jahre mit Barbara Gandolfi, einem 42 Jahre jüngeren Ex-Playboy-Model. Langlois hatte eine frühere Miss Provence als Gattin. UndProminente wie der 2024 verstorbene Schauspieler Alain Delon, Belmondos Rivale und Freund, tauchen beim Lesen vor dem geistigen Auge auf.
Schließlich führt Julia Deck, die tief in der Tradition des Nouveau Roman verwurzelt ist, noch das Präsidentenpaar ein. Première Dame Brigitte Macron organisiert höchstpersönlich Langlois‘ staatlich gesponserte Geburtstagsparty. Nationaldenkmal: eine Gesellschaftssatire, bitterböse und unglaublich unterhaltsam zugleich. Wer mag, kann den schrecklich-schönen Gesellschaftskrimi hier* online bestellen.
Urbane Comédie Humaine
Chloé Delaume, Das synthetische Herz*
Mit Le Cœur synthétique* eroberte Chloé Delaume 2020 die Herzen der Leser in Frankreich. Zwei Jahre später ist im Verlag Liebeskind die deutsche Übersetzung ihres Romans erschienen, der im Erscheinungsjahr mit dem Prix Medicis ausgezeichnet wurde. Die Heldin der modernen Großstadtgeschichte ist Adélaïde, schön, selbstbewusst und äußerst erfolgreich als Vermarkterin der Autoren ihres Verlags.
Doch privat läuft es nicht rund für die Frau, die seit Jahrzehnten versucht, eine Liebe zu finden, beim Mann ihr Glück zu finden. Jetzt, Ende 40, hat sie ihren Mann Erik verlassen und tauscht das geräumige Heim der Zweierbeziehung gegen eine winzige Wohnung. Noch ahnt sie nicht, was ihr bevorsteht:
Dies ist die Geschichte einer Rose, die noch nicht weiß, dass sie zum Mauerblümchen wird. Adélaïde Berthel ist eine Frau wie viele andere. Für die mit sechsundvierzig Jahren das Ende der Mädchenträume eingeläutet wird.
Trotz der Erkenntnis, dass ihr Alter ein starker Abschlagfaktor an der Börse der Gefühle ist, ist Adélaïde geradezu besessen von der Idee, so schnell wie möglich einen Mann zu treffen und wieder zu heiraten. Sie fühlt sich schuldig, weil sie mit ihrer Einsamkeit nicht so umgeht, wie es eine echte Feministin tun sollte.
Umgeben von ihren Freundinnen, die selbst in existenziellen Krisen stecken, versucht sie, ihr Single-Dasein zu zähmen. Mit nüchterner Distanz, kurzen Sätzen und schneller moderner Sprache erzählt Chloé Delaume die Geschichte und lotet seelische Abgründe aus. Als Überschriften für ihre Kapitel fungieren Titel berühmter Romane oder Chansons. Ihr Resümee:
Liebe ist, wenn sich zwei Einsamkeiten ergänzen, ohne sich zu verschlingen.
Ich habe das 160 Seiten dicke Werk verschlungen. Und trotz des auf den ersten Blick traurigen Themas oftmals schallend gelacht. Denn das beherrscht Chloé Delaume meisterhaft: mit sachlichen Worten Situationen so absurd wirken zu lassen, Selbstbetrug und menschliche Interaktionen so charmant zu demaskieren, dass Wiedererkennen, Entsetzen, Erstaunen und Mitfühlen für ein Feuerwerk an Emotionen und höchsten Lesegenuss sorgen. Wer mag, kann die urbane comédie humaine hier* auf Deutsch und hier* auf Französisch bestellen.
Roman Noir aus den Cevennen
Franck Bouysse, Rauer Himmel*
Franck Bouysse ist ein Kind der Corrèze. Am 5. September 1965 in Brive-la-Gaillarde geboren, zog er nach dem Biologiestudium nach Limoges, um dort zu unterrichten. Als Lehrer an einem technischen Gymnasium veröffentlichte er seinen ersten Roman: La paix du désespoir*, in dem er sich bereits auf die Psychologie seiner Figuren konzentrierte.
Einige Jahre später, 2007, veröffentlichte er seinen ersten Kriminalroman. L’entomologiste* erschien bei Lucien Souny, einem Verlag aus Limoges. Mit Le Mystère H.* begann Bouysse eine Trilogie. Sie bildet eine Art Abenteuerroman und spielt nicht nur in Limoges, sondern auch in London, der zweiten Band Londres ou les ruelles sans étoiles* angesiedelt ist.
2013 kaufte er in einem verlassenen Weiler der Corrèze ein Haus, nur wenige Kilometer von den Orten seiner Kindheit entfernt. Während der gut einjährigen Restaurierung nahm ein großes Romanprojekt in seinem Kopf Gestalt an.
Vielfach ausgezeichnet und doch ungekannt
2014 veröffentlichte Bouysse seinen Roman Grossir le ciel*– und wurde mit Preisen überschüttet: Prix Polar Michel-Lebrun 2015, Prix Polars Pourpres 2015 und Prix SNCF du polar 2017. Im Folgejahr heimste Plateau (2015) den Prix Chapel 2016 und den Prix des lecteurs de la ville de Brive 2016 ein. Auch nach Glaise (2017) rissen die Auszeichnungen nicht ab: Prix Babelio de Littérature française 2019, Grand Prix des lectrices Elle – Policiers – 2019, Prix des libraires 2019 Prix Audiolib 2020 für Né d’aucune femme* und Prix Giono 2020 für Buveurs de vent*.
Trotz dieser vielen Preise ist Bouysse im deutschsprachigen Raum nahezu unbekannt. Doch seit Herbst 2021 liegt Grossir le ciel in der Übersetzung von Christiane Kayser nun auch auf Deutsch vor. Erschienen ist der Krimi im Stuttgarter Polar Verlag, der mit seinem kleinen, feinen Krimiprogramm immer mehr Leser begeistert.
Zeitloses Dorf in den Cevennen
Die Handlung spielt in Doges, einem kleinen Ort in den Cevennen, im Jahr 2006 – doch das Leben verläuft dort wie einst, zeitlos, verwurzelt im Rhythmus der Jahreszeiten, geprägt von Jahrhunderte alten Verbindungen unter den Menschen. Dort daheim sind Gus, sein Hund Mars und sein Nachbar Abel. Jeder für sich, doch bei Bedarf hilft jeder dem anderen. Mit Technik, Gespräch oder einem Glas Wein. Eines Morgens jedoch hört Gus einen Schuss und entdeckt Spuren im Schnee…
„Rauer Himmel“ ist ein gelungener Noir, ein harter Georges Simenon, bei dem das Leben von Bauern am Rande des Existenzminimums das eigentliche Thema ist. Dies macht sein Buch auch zur spannenden Lektüre für alle, die keine Krimis lieben, aber sich für die Lage der Bauern in den Cevennen interessieren. Wer mag, kann den Krimi hier* online bestellen.
Pariser Verleger-Krimi
Antoine Laurain, Eine verdächtig wahre Geschichte*
Der französische Schriftsteller Antoine Laurain hat zwei große Leidenschaften: die Kunstgeschichte und den Film. So studierte er beides, drehte Kurzfilme, arbeite bei einem Pariser Antiquitätenhändler, durchstreifte Auktionshäuser und Antiquitätenmessen – und ließ sich von der Welt der Sammler zu seinem ersten Roman Ailleurs si j’y suis* (Prix Drouot 2007) inspirieren. 2009 folgte Carrefour des nostalgies*, 2020 auf Deutsch als Glücklicher als gedacht* erschienen.
Le chapeau de Mitterrand* war die literarische Überraschung zum Jahresauftakt 2012. Der Roman wurde mit dem Prix Landerneau découverte und dem Prix Relay des voyageurs ausgezeichnet, in elf Sprachen übersetzt und unter dem The President’s Hat in England zum Kassenknüller
2015 verfilmte France 2 den Roman mit Frédéric Diefenthal und Michel Leeb. Unter dem Titel Der Hut des Präsidenten* erschien der Roman m 2016 im Atlantik Verlag.
Für La femme au carnet rouge* (2014) verkaufte Laurain die Rechte für die Verfilmung die UGC, für seine Rhapsodie française (2016) an die BBC. Als Die Melodie meines Lebens* brachte ihn 2017 der Atlantik Verlag heraus. 2018 folgte Millésime 54, zu deutsch Ein Tropfen vom Glück*. Noch nicht übersetzt ist das jüngste Werk, das 2022 bei Flammarion herauskam: Les Caprices d’un astre*.
Spannender Roman aus der Literaturszene
Zuvor erschien 2020 in Frankreich Le Service des Manuscrits*. Seit Februar 2022 ist der Krimi in der Übersetzung von Claudia Kalschauer als Eine verdächtig wahre Geschichte beim Atlantik-Verlag im Programm. Die Hauptfigur Violaine Lepage ist mit ihren 44 Jahren eine der bekanntesten Verlegerinnen in Paris. Ihre Manuskriptabteilung hatte den richtigen Riecher gehabt – denn der jüngst vom Verlag veröffentlichte Roman Les Fleurs de sucre ist ein echter Publikums- und Kritikererfolg, der für den Prix Goncourt infrage kommt.
Doch sein Autor ist unauffindbar. Nach zwei oder drei E-Mails ist das Phantom-Wunderkind verschwunden! Doch ein Unglück kommt nie allein. Violaine Lepage erleidet bei einem Flugzeugabsturz eine partielle Amnesie, während ein Mordfall in der Normandie ihren ohnehin schon komplizierten Alltag weiter erschwert, da die Polizei eine Verbindung zwischen den Verbrechen und Les Fleurs de sucre herstellt. Wer hat den Roman geschrieben und warum?
Geschickt jongliert Antoine Laurain mit den literarischen Genres und Sprachstilen und treibt den Lesefluss mit großem Tempo voran. Auch wenn man schließlich das Ende schon ahnt, so beschert er doch Lese-Genuss von der ersten bis zur 208. Seite. Wer mag, kann die raffinierte wie lustige Geschichte hier* bestellen.
Dokumentarische Wucht
Joseph Andras, Kanaky*
Dreimal hat bereits die südpazifische Inselgruppe Neukaledonien über ihre Unabhängigkeit von Frankreich abgestimmt. Bei jeder Abstimmung überwog knapp die Zustimmung zum Verbleib beim fernen Mutterland. Einer der führenden Figuren der kanakischen Unabhängigkeitsbewegung war Alphonse Kahnyapa Dianou.
Er war einer der Anführer, die den Angriff militanter Kanak-Nationalisten auf die Gendarmerie von Fayaoué auf der Insel Ouvéa am Freitag, dem 22. April 1988, geplant hatten. Die Aktion misslang. Sie führte zum Tod von vier Gendarmen, gefolgt von der Geiselnahme der anderen Gendarmen.
Alphonse Dianou und sein Bruder Hilaire flohen in den Norden und fanden schließlich Zuflucht in der „heiligen“ Höhle von Wateö, nicht weit vom Stamm der Gossanah entfernt. Dreizehn Tage später, am 4. Mai 1988 um 21.15 Uhr Pariser Uhrzei – vor Ort auf der Insel Ouvéa war es zu diesem Zeitpunkt bereits der 5. Mai um 06.15 Uhr morgens – startete die Elite der Streitkräfte ihren Angriff, bei dem Dianou ums Leben kam. Seitdem ranken sich die widersprüchlichsten Legenden um dessen Tod.
Recherche vor Ort
Joseph Andras beginnt nachzuforschen, er reist an den Ort des Geschehens, trifft Dianous Witwe, Vertraute und Zeitzeugen. Die Erzählung beruht auf Aussagen der Kanak und stellt ihr Wort in den Mittelpunkt des Buches. Es besteht aus einem doppelten Erzählrahmen: 45 Kapitel berichten die Suche anhand von Zeugenaussagen und werden von 14 chronologischen Sequenzen unterbrochen, die den Ablauf des Angriffs und der Geiselnahme vom 22. April bis zur Erstürmung der Höhle am 5. Mai 1988 rekonstruieren.
Die Sequenz der 13 Tage der Ereignisse (22. April bis 5. Mai) verwebt die Wiedergabe der Zeugenaussagen aus den 45 Kapiteln. Die Wahl der Komposition verleiht der Erzählung Intensität und Dichte. Der Schreibstil ist eng an die Realität angelehnt.
Seine Notizen, Gespräche und Begegnungen verbindet Andras zu einem fesselnden Text, der in den Kern eines hier nur wenig bekannten Konflikts dringt. Andras erzählt vom Widerstand gegen die Kolonialmacht, von einer verdrängten Kultur und von einem Land, zerrissen im Kampf für einen unabhängigen Staat: Kanaky. Wer mag, kann den Doku-Roman hier* bestellen.
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