Französische Literatur auf Deutsch entdecken
Frankreich und seine Literatur – das ist eine Liebesbeziehung, die ein festes, alljährliches Ritual kennt: Wenn nach der Sommerpause der Alltag wieder einkehrt, erleben die Buchhandlungen des Landes einen traditionellen Ansturm. Hunderte Romane drängen dann bei der sogenannten rentrée littéraire auf den Markt. Es ist ein lebendiges Phänomen, bei dem die Bücher zwar zunehmend online entdeckt, aber weiterhin mit Vorliebe im stationären Handel gekauft werden. Erst einmal probelesen, das Buch in der Hand halten und darin blättern – dieses haptische Erlebnis ist ein fester Bestandteil der französischen Kultur.
Gleichzeitig zeigt sich auf dem Buchmarkt ein nachhaltiger Trend: Angesichts steigender Preise erlebt das Taschenbuch (Livre de poche) einen dauerhaften Aufschwung und läuft den großformatigen Originalausgaben im Gesamtvolumen regelmäßig den Rang ab. Aus dieser enormen literarischen Vielfalt kristallisieren sich immer wieder Werke heraus, die weit über den Tag hinausstrahlen. Hier sind einige der packendsten Titel und Entdeckungen der jüngeren französischen Literaturgeschichte, die das Zeug zum zeitlosen Klassiker haben.
Französische Literatur auf Deutsch: Entdeckt diese Titel!
Diese Titel haben nach ihrem Erscheinen für großes Aufsehen in Frankreich gesorgt und bieten tiefgründigen Lesestoff, der dauerhaft begeistert. Sehr bunt gewürfelt sind die Neuerscheinungen französischsprachiger Autoren. die zur Rentrée littéraire in deutscher Übersetzung in den Handel kamen.
Laurent Gaudé, Hund 51*
Laurent Gaudé gehört für mich zu den vielseitigsten Gegenwartsautoren Frankreichs. Entdeckt hatte ich ihn 2004 mit seiner italienischen Familiensaga Le Soleil des Scorta*, die die ich vor lauter Begeisterung gleich mehrmals hintereinander verschlungen habe. Während Die Sonne der Scorta* fünf Generationen einer Familie im Mezzogiorno porträtiert, die Hitze Süditaliens und den Duft des Olivenöls ins Haus holt und das Herz wärmt, ist sein Roman Hund 51 das genaue Gegenstück: ein sehr düsterer Thriller aus der Zukunft.
Zem Sparak, ein Mann in den Fünfzigern, ist Polizist in Zone 3, dem elendsten Viertel von Magnapole, einer weitläufigen Stadt. Sie wird von einem großen internationalen Konzern namens GoldTex regiert, der das Land nach dem Bankrott Griechenlands als Meistbietender gekauft hat.
Zem Sparak war nicht immer ein „Hund“, wie die Polizisten der Zone 3 genannt werden. Es gab eine Zeit, in der die Welt anders war und Zem für seine Überzeugungen kämpfte. Aber diese Welt ist untergegangen. Heute lebt Zem im Exil, ohne Hoffnung auf Rückkehr. Sein Land wurde gezielt unbewohnbar gemacht und entvölkert. Sein einziger Trost heißt Okios. Diese technische Droge ermöglicht es ihm, virtuell in die Vergangenheit zu reisen und nach Athen, seinem verlorenen Paradies, zurückzukehren.
Doch dann wird auf einer stillgelegten Autobahn eine ausgeweidete Leiche gefunden – und die Vergangenheit wieder lebendig. Und bringt Salia in Zems Leben.
Von der ersten Seite an hat mich das Buch gefesselt – vom Aufbau, der Thriller, Scie-Fi und Romanze vermischt, von den Figuren und von der Sprache. Hund 51* ist keine leichte Lektüre, aber eines der wichtigsten und lesenswertesten Bücher unserer jetzigen Zeit. Wer mag, kann den Triller, der die Zukunft in die Gegenwart holt, hier* online bestellen.
Joël Dicker,
Im April 1999 wurde die Leiche der 22-jährigen Schönheitskönigin von Alaska Sanders, die an einer Tankstelle arbeitete, am Rande eines Sees in einer amerikanischen Stadt gefunden – ermordet von ihrem Liebhaber, der anschließend Selbstmord beging. Sein Komplize kam hinter Gitter.
Elf Jahre später jedoch kocht der Fall wieder auf, als der Polizeisergeant, der das Verbrechen aufgeklärt hatte, einen anonymen Brief erhält. Der Täter und sein Komplize seien unschuldig, behauptet der Schreiber. Unterstützt von seinem Freund, dem Schriftsteller Marcus Goldman, Autor von „Die Wahrheit über die Harry-Quebert-Affäre“, rollt der Sergeant, den Fall erneut auf: 600 Seiten dick ist der Anschlussband der Trilogie.
Doch während die französische Literaturkritik bei der Harry-Quebert-Affäre noch voll des Lobes war, hagelt es nun Kritik: Ein konventionelles Buch voller Klischees, bemängelt Nelly Kapriélan in ihrer Inrocks-Rezension und fragt sich, wie es Dicker immer wieder gelingt, seine Bücher zu Bestsellern zu machen, die einfach, gleichförmig und klischeebeladen sind.
Andere bekannte französische Literaturkritiker beklagten, dass Sprache, Stil, Dialoge und Situationen unglaubwürdig und dürftig seien. Und auch ich muss gestehen, dass ich, nachdem ich das Buch mit Begeisterung in die Hand genommen hatte, zunehmend enttäuscht war. Und vor allem: gelangweilt. Schließlich las ich nur noch quer, blieb hier und da gefesselt hängen – und legte die Originalausgabe enttäuscht zur Seite.
In der deutschen Übersetzung haben Andrea Alvermann und Brigitte Große sprachliche Schnitzer wie falsche Zeitformen souverän ausgemerzt und auch an der Sprache gefeilt. Der Krimi hat dadurch viel gewonnen. Und wer die früheren Werke Dickers nicht kennt, wird durchaus ein spannendes Lesevergnügen erleben, über Längen hinwegsehen und auf leichte Weise gut unterhalten werden. Die Fortsetzung des B
Christine Erkens, Isabelle und Madeleine. Das Haus mit dem Maronenbaum*
Christine Erkens wurde 1962 in Düsseldorf geboren, wuchs in der Südeifel auf und studierte in Bonn Landwirtschaft mit dem Schwerpunkt Tierproduktion. Ihr Fachwissen verarbeitete sie in Büchern, in denen sie unter anderem das breite Spektrum der Naturheilverfahren für Tiere vorstellt.
Mit Isabelle und Madeleine. Das Haus mit dem Maronenbaum* hat sie ihr erstes belletristisches Werk geschrieben. Für mich war das 368 Seiten starke Buch, das bereits 2021 im Prinzengarten Verlag erschienen ist, weit mehr als ein Roman über einen Lebenstraum, der mit einem Haus in der Provence wahr geworden ist. Er war vor allem eines: eine Fundgrube botanischen Wissens.
Denn in Isabelles Umzugsgepäck befinden sich ein Kräuterbuch und das Tagebuch von Madeleine, einer sehr kräuterkundigen Frau, die früher dort gelebt hat. Auch Isabelles Hund ist mit in den Süden gereist. Er zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte, verknüpft und verbindet, leitet ab und kehrt zurück zum Thema. Und sorgt so immer wieder für Überraschungen.
Ein gelungenes Erstlingswerk hat Christine Erkens vorgelegt. Einzig die sehr kleine, enge Schrift und der Einband, der die Seiten leicht aus der Klebebindung springen lässt, trüben das Lesevergnügen. Ihr Debütroman ist ein Buch zum Wegträumen, wenn die Wintertage mal wieder zu grau und trüb sind.Wer mag, kann den Roman hier* online bestellen.
Alexandre Labruffe, Erkenntnisse eines Tankwarts*
L’essence est née de l’érosion des mots – Die Essenz entsteht aus der Erosion von Worten, schrieb der französische Philosoph und Guru der Postmoderne, Jean Baudrillard, in seinem 1988 erschienenen Taschenbuch Amérique*.
Labruffe zitiert diesen Satz in in seinem Debütroman Chroniques d’une station-service*. L’essence heißt im Französischen auch Kraftstoff, und dort ist das schmale Bändchen angesiedelt, das Alexandre Labruffe einen Roman nennt.
Alexandre Labruffe wurde 1974 in Bordeaux geboren. Nach seinem Chinesischstudium arbeitete er für die Sprach- und Kulturinstitute der Alliance Française in China und später in Südkorea. Im Jahr 2008 veröffentlichte er zusammen mit Benjamin Limonet die experimentelle Erzählung Battre Roger* (éditions D’ores et déjà).
Danach arbeitete er an verschiedenen künstlerischen Projekten mit und unterrichtete an der Universität Cergy (Kunst und Film), bevor er im Oktober 2009 zum Kulturattaché in Wuhan ernannt wurde. Im selben Jahr veröffentlichte der französische Verlag Éditions Verticales sein vielbeachtetes Erstlingswerk Chroniques d’une station-service*, das 2019 den Prix Maison Rouge erhielt. Im August 2023 erschien sein Werk bei Wagenbach in der Übersetzung von Cornelius Wüllenkemper.
Mit 144 Seiten ist es schmal und eher eine Sammlung von Momentaufnahmen, Beobachtungen, Gesprächsfetzen und Gedanken als ein Roman. Die Fragmente sind durchnummeriert, die Handlungsstränge minimale Geschichten zwischen Banalität und Fiktion, notiert von Beauvoire, der auf seiner Tankstelle am Rande von Paris Menschen aller Schichten, Geschlechter und Rassen kommen und gehen sieht, Dame spielt im Niemandsland, die Leere mit Lesen und B-Movies totschlägt und den Verkaufsraum mit grellen Postern schmückt. Die Erkenntnisse eines Tankwarts*: eine überraschend andere Lektüre. Wer sich auf sie einlässt, erlebt für die Zeit eines Spielfilms Kopfkino vom Feinsten. Wer mag, kann die Chronik hier* online bestellen.
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