Die Gabel nach unten: perfekte französische Tischkultur bei George Sand in Nohant-le-Vic. Foto: Hilke Maunder
| |

Französische Tischkultur enträtselt

Die französische Tischkultur ist ein feines Geflecht aus Gesten, Blicken und stillen Übereinkünften. Wer sie versteht, liest Frankreich zwischen Tellern, Gläsern und Besteck – und entdeckt, warum ein falsch gedeckter Tisch mehr verrät als tausend Worte.

Vor einigen Tagen hatten mich meine Freunde zum Essen eingeladen. Während sie in der Küche werkelten und ein betörender Duft von langsam Geschmortem durch das Haus zog, bekam ich eine ehrenvolle Aufgabe: den Tisch decken. Kein Problem, dachte ich. Serviette einmal gefaltet, rechts neben den Teller gelegt, darauf Messer und Gabel, oben rechts das Glas.

„Fertig!“, rief ich fröhlich. „Wir können essen!“

Isabelle erstarrte. Ihr Blick glitt vom Tisch zu mir, als hätte ich gerade ein Kapitalverbrechen begangen. „Mon Dieu…“, hauchte sie. „Was hast du denn da gemacht?“, fragte sie mit einer Mischung aus Entsetzen und echtem Mitleid. „Die Gabel gehört links. Mit den Zacken nach unten. Willst du uns etwa ermorden?“

Betroffen blickte ich auf das Besteck und spürte, wie mir Scham ins Gesicht schoss. Nach all den Jahren in Frankreich – und dann so ein Fauxpas. Peinlich. Als Isabelle mich sah, lachte sie schließlich: Die französische Tischkultur hat ganz eigene Regeln. Die Gabel links, die Zinken nach unten – sonst droht Unglück. Das Messer rechts, die Klinge zum Teller. Der Löffel liegt oben. Die Gläser folgen einer strengen Hierarchie: Wasser links, Rotwein rechts, Weißwein daneben. Gibt es nur ein Glas, steht es exakt über dem Löffel, in der Mitte des Tellers.

Der erste Gang war fast beendet. Doch nun erstarrte ich. Isabelle griff zur Rotweinflasche, goss einen kräftigen Schluck in den letzten Rest Suppe, führte den Teller zum Mund, schloss genießerisch die Augen – und schlürfte. Philippe sah meinen Blick und lachte schallend. „Faire chabrot„, erklärte er. „Faire chabrot darfst du nur im Süden machen – nur da ist es Kult. In Paris wirst du dafür gelyncht, in der Provence und in Okzitanien  bekommst Du einen Orden, wenn du die Suppe so austrinkst. Dann gehörst du dazu!“

Für Franzosen ist Essen ein rituel social, eine soziale Zeremonie. Tischdecke und Benehmen zeigen Respekt für die Gäste und Wertschätzung für das Essen. Ein falsch gedeckter Tisch gilt schnell als Zeichen von Nachlässigkeit – oder schlimmer noch: mangelnder Bildung.

Das gilt auch für die Servietten-Zeremonie. Sobald man sitzt, gehört sie auf den Schoß. Und bleibt dort auch während der gesamten Mahlzeit – es sei denn, mann möchte sich den Mund abtupfen. Auf den Tisch gelegt wird sie nur am Anfang (beim Eindecken) und am Ende, um zu zeigen, dass man fertig ist.

Selbst Franzosen fordert die französische Tischkultur mit ihren feinen Nuancen. Nicht ohne Grund boomen landesweit die cours de savoir-vivre. Bücher wie Le Savoir-Vivre pour les Nuls* oder Dresser la table – Tout un art* erklären, wie die französische Tischkultur formvollendet inszeniert wird.

Heute ist vieles lockerer geworden, besonders bei der jungen Generation, und auch die Gabel zeigen immer öfter nach oben. Doch bei offiziellen Anlässen oder in Restaurants gelten die alten Gesetze noch immer. Die Gabel links. Die Zacken nach unten. Und wer sie richtig platziert, hat in Frankreich schon halb gewonnen.

Der Teller: ein Brot

Frankreichs Tischkultur begann mit Messern und Fingern. Im Mittelalter brachte jeder Gast sein eigenes Messer mit – oft einen Dolch, den er auch beim Reiten trug. Gabeln kannte man kaum, gebräuchlicher waren Löffel. Als Teller diente der trencher – eine dicke Brotscheibe, auf die Fleisch, Soßen und andere Speisen gelegt wurden.

Diese Brotscheibe, zirka 15–20 cm Durchmesser und meist aus älterem Brot, saugte den Bratensaft und alle Aromen auf. Nach der Mahlzeit wurde sie entweder selbst gegessen oder an Bedienstete oder Arme verteilt. Besonders bei höfischen Festen war dies in Frankreich ab dem 12. Jahrhundert üblich, da Keramik- oder Metallteller teuer und selten waren. Einzig für Suppen gab es Holzschalen. Adelige nutzten feineres Weißbrot als trencher, das einfache Volk dunklere Varianten.

Fürs Trinken brachte jede seinen persönlichen Becher aus Zinn, Silber (bei Adligen), Horn oder Holz mit an den Tisch. Üblich war damals Wein, ein bis zwei Liter pro Tag, denn das Wasser war damals meist zu verschmutzt.

Die Tischsitten des Sonnenkönigs

Der Wandel begann am Hof. Ludwig XIV., der Sonnenkönig, regierte Frankreich von 1643 bis 1715 – und damit auch die Tischsitten. In Versailles avancierte das Essen zur politischen Inszenierung. Wer beim grand couvert, dem öffentlichen Mahl des Königs, dabei sein durfte, gehörte zur Elite. Wer den falschen Löffel griff, flog aus dem inneren Kreis. Die Etikette war kein höflicher Zusatz – sie war ein Machtinstrument, scharf wie das Tafelmesser des Königs.

Aus diesem Geist heraus entstand der art de la table – die Kunst des gedeckten Tisches. Besteck, Porzellan, Kristallglas, Leinenserviette, Tafelaufsatz: Jedes Element gehorchte eigenen Regeln. Das Arrangement auf dem Tisch war so bedeutsam wie die Speisen selbst. Frankreichs Küche wurde zur Weltsprache. Die art de la table war die dazugehörige Grammatik.

Das große Service-Duell

Wer in einem französischen Restaurant der Gegenwart isst, erlebt den service à la russe – auch wenn er diesen Begriff nie gehört hat. Gang für Gang kommt einzeln, heiß aus der Küche, portioniert und präsentiert. So selbstverständlich dieses Prinzip heute erscheint, so revolutionär war es einst.

Jahrhundertelang herrschte in Frankreich der service à la française. Dabei wurden alle Gerichte eines Ganges gleichzeitig auf den Tisch gestellt – ein symmetrisch arrangiertes Schauspiel aus Terrinen, Platten, Soßen und Beilagen. Die Tafel war selbst die Bühne. Wer saß, sah: Fülle, Rang, Reichtum. Was fehlte, war eine heiße Mahlzeit. Denn bis ein Gast die weiter entfernte Schüssel erreichte, war ihr Inhalt längst lauwarm. Das Auge aß mit – der Gaumen musste warten.

Die Lösung kam aus dem Osten. Im Sommer 1810 führte der russische Botschafter in Paris, Fürst Alexander Kurakin, eine neue Serviertechnik ein. Die Legende erzählt, er sei bei einem Feuer verletzt worden und konnte seine Arme nicht mehr ausstrecken, um sich selbst zu bedienen – weshalb er ein System einführte, bei dem Kellner jeden Gast einzeln am Tisch bedienten. Ob Geschichte oder Anekdote: Der service à la russe war geboren.

Frankreichs großer Koch Antonin Carême hatte diesen Stil bereits 1818 am Zarenhof in St. Petersburg beobachtet – und ihn für seine Landsleute für ungeeignet befunden. Carême blieb dem Spektakel treu. Doch die Welt aß sich weiter. 1864 erschien La Cuisine Classique von Urbain Dubois und Émile Bernard – ein Grundlagenwerk, das den service à la russe wissenschaftlich begründete. Das Argument war bestechend: Die Speisen kamen heiß an. Die Portionen waren gleichmäßig. Die Gäste bekamen alle dasselbe – kein Bestes mehr nur für den Ranghöchsten.

Es dauerte Jahrzehnte, bis die französische Tischkultur sich demokratisch zeigte. Talleyrand, Louis XVIII. und Napoleon III. blieben dem alten service à la française treu. Erst in den 1890er-Jahren, als das Großbürgerturm zur Belle Époque erstarkte, war der Wandel in Frankreich vollzogen. Der service à la russe – mit kleinen Variationen – ist seither die Norm in westlichen Restaurants und Privathaushalten. Jeder Koch kennt ihn. Jeder Gast erlebt ihn, ohne seinen Namen zu kennen.

Die französische Tischkultur im Museum

Die französische Tischkultur ist auch Thema eines ganz bezaubernden Museums. Die landesweit älteste Sammlung zum art de la table eröffnete 1981 im einstigen Hospiz Saint-Pierre in Arnay-le-Duc im burgundischen Département Côte-d’Or. Wer durch die Räume aus dem 17. Jahrhundert schlendert, begibt sich auf eine Reise durch Jahrhunderte des Essens, Servierens und Tischdeckens. Die Sammlung ist kein staubiges Archiv. Sie lebt.

Bei meinem ersten Besuch grüßten Bohnen – von groß bis klein, von weiß bis rot, aus Frankreich und Übersee. Beim zweiten Mal hatte eine bayrische Maid, umgeben von Oktoberfest-Deko, die Ausstellungsfläche im Erdgeschoss erobert: Pokal, Kelch, Maßkrug, Humpen, Stange, Becher, Stiefel und Co. zeigten, welche Vielfalt es allein bei Biergläsern gibt. Es ist jedes Mal ein visuelles Abenteuer, weil sich das Museum immer wieder neu erfindet und aus dem riesigen Fundus und Leihgaben Ausstellungen komponiert, die immer wieder staunen lassen.

Die Ursprünge dieser Sammlung reichen tief in die Geschichte Burgunds zurück. Besonders unter den Herzögen der Bourgogne, die die damalige Welt empfingen, erlebte die französische Tischkultur einen prunkvollen Höhepunkt. Im Laufe der Jahrhunderte entstand so eine beeindruckende Vielfalt an Geschirr, Besteck und Tischdekorationen.

Die Maison Régionale des Arts de la Table hat es sich zur Aufgabe gemacht, dieses Erbe zu bewahren und zugänglich zu machen. Ausgestellt werden nicht nur historische Services und andere nostalgische Stücke, sondern auch Trends und Talente von heute, die die kreative Entwicklung in der Welt der Tischkunst widerspiegeln.

Ein echter Schatz ist die Sammlung historischer Küchenutensilien aus Kupfer in der alten Hospizküche. Sie wurde liebevoll restauriert und zeigt eine erstaunliche Vielfalt an Kochgeschirr aus vergangenen Zeiten – von glänzenden Kupferpfannen bis hin zu kunstvoll gearbeiteten Kochlöffeln. Spätestens hier meldet sich der Appetit.

Wie gut, dass es die Straße hinauf im Herzen von Arnay-le-Duc seit 275 Jahren das Café du Nord gibt. In seinem alten Speisesaal mit viel Holz, Spiegeln und hoher Decke werden zur bodenständigen Küche auch immer wieder Konzerte und andere gesellige Veranstaltungen dargeboten. In Arnay-le-Duc sind auch die knusprigen (und sehr bröseligen) Allumettes zu Hause. Ihren Namen „Streichhölzer“ erhielten die trockenen Kekse aus rohen Mandeln und Haselnüssen von ihrem „Kopf“ aus rotem Zuckerguß. In der nahen Pâtisserie Alexandre werden sie wie einst handgefertigt.

Weiterlesen

Im Blog

Alle Beiträge zu Land und Leuten vereint diese Rubrik. Sämtliche Ziele und Themen, die ich in meinem Online-Magazin nach Départements und Regionen vorstelle, findet ihr zentral vereint auf dieser zoombaren Karte.