Domaine de Charance: der Aussichtsbalkon von Gap
Der Domaine de Charance ist der schönste Aussichtsbalkon von Gap: ein herrschaftliches Anwesen mit terrassierten Gärten, Wanderwegen im Wald, Aufstiegen zu Alpengipfeln und herrlichen Weitblicken über das Tal der Durance, den Bergspitzen der Écrins und dem Becken von Gap.
Gap. Das war für mich nach Grenoble stets nur der bekannteste Verkehrsknoten der Alpen. Auf der Route Napoléon gen Süden oder auf der Route Nationale 94 nach Briançon und via Montgenèvre nach Italien: Stets kam ich durch Gap. Und immer ohne anzuhalten. Und auch mit der Bahn ist Gap Umsteigebahnhof. Etappenort. Kreuzung.
Funktionelle Drehscheibe
Das Stadtbild passt zur Rolle. Breite Achsen, Logistikzentren, Gewerbegebiete, Verwaltungsbauten in Beton, Stahl und Glas spiegeln die Funktion als logistische Drehscheibe. Als größte Stadt des Départements Hautes-Alpes und Sitz der Präfektur spiegelt Gap Effizienz und Modernität in seinen staatlichen Bauten. Nüchtern und funktionell. Kriege, Brände und Wiederaufbau taten ihr Übriges – ähnlich wie in vielen anderen französischen Alpenstädten.
Doch hier waren es nicht die Bomben des Zweiten Weltkrieges, sondern die Zerstörung der Stadtmauern während der Religionskriege (1577) und vor allem der große Brand von 1692, den die Truppen des Herzogs von Savoyen gelegt hatten, um Gap einzunehmen. Daraus resultiert bis heute das „junge“ Stadtbild, in dem Spuren von Mittelalter und Renaissance fehlen.
Die versteckte Altstadt
Und doch habe ich bei all den Aufenthalten etwas verpasst: die kleine kompakte Altstadt rund um die Place Jean Marcellin und Place aux Herbes, die Rue Colonel Roux und Rue Carnot. Dort hat Gap ein geradezu pittoreskes Alpenstadt-Flair bewahrt. Aus dem Gewirr der Gassen mit pastellfarbenen Fassaden ragt die neogotische Kathedrale Notre-Dame-et-Saint-Arnoux heraus. Von 1866 bis 1905 wurde sie aus 41 verschiedenen Gesteinsarten erbaut! Ihr Glockenturm ist mit 69 Metern das Höchste, was Gap im Tal zu bieten hat.

Der Aussichtsbalkon
Doch da tauchte er plötzlich auf dem Weg in Richtung Veynes und Valence: ein Wegweiser mit der Aufschrift Domaine de Charance auf. Dahinter: Apfelbäume und Bergspitzen zum Träumen. Meine Neugier war geweckt. Ein kurzer Schwenk von der Hauptstraße, einige Kilometer voller Kurven bergauf.
Und dann lag Gap plötzlich zu meinen Füßen. Und vor mir ein Parkplatz, garniert mit Info und Hinweisschildern. Hinter dem Blätterdach der hohen Bäume blitzte ein Herrenhaus hervor: der manoir des Domaine de Charance.
Der Domaine de Charance

220 Hektar groß breitet sich das Anwesen vier Kilometer nördlich des Zentrums am Hang der Montagne de Charance aus. Vom Herrenhaus auf 1.000 Metern über dem Meer erstreckt sich das Land des Domaine de Charance bis zum Pic de Charance auf 1.825 Metern.
Die strategische Lage des Anwesens erkannten bereits die Vizegrafen von Gap, die hier im 10. Jahrhundert eine Burg errichteten. Die Familie von Saint-Marcel besaß das Lehen im Auftrag der Grafen der Provence. Am 12. Mai 1307 kaufte der Bischof von Gap das Gelände.
Vom Wehrbau zur Residenz
Vier Jahrhunderte lang diente es als Bischofssitz. Im 16. Jahrhundert ließ Bischof Gabriel de Sclaffanatis die alte Burg zu einem großen Wohnsitz mit mehreren Wirtschaftsgebäuden – Stallungen, Scheunen, Gesindebauten – umbauen. Das Anwesen war damals ein sehr großes landwirtschaftliches Gut. 1569 plündern während der Religionskriege die Reformierten das Gut.
Erst 1644 wurde es unter Bischof Arthur de Lionne wieder aufgebaut. Doch 1692 wurde es erneut zerstört – beim großen Brand von Gap, als sich der Herzog von Savoyen dem französischen König Ludwig XIV. entgegenstellte, die Stadt in Brand setzte und für Aufruhr sorgte. Unermüdlich bauten die Bischöfe ihr Gut wieder auf. Diesmal war es Charles Benigne Hervé. Er legte 1694 den Grund für die heutige Anlage und entwarf vermutlich auch das Herrenhaus mit seinen Terrassen.

Vom bischöflichen Gut zur Sommerresidenz der Geistlichen
Das bischöfliche Gut war nicht nur ein Verwaltungssitz des Bistums, sondern sicherte auch sein Auskommen. Die Äcker und Weiden lieferten Feldfrüchte, Getreide und Fleisch. Auf den Terrassen der Hausgärten wuchsen Gemüse, Kräuter und Obstbäume, später auch Rosen und andere Zierblumen. Die Wälder lieferten das Holz zum Bauen und Brennen, trieb Wasser drei Mahlmühlen an.
Jahrhundertelang konnte das Gut sich selbst versorgen – und aus den Verkäufen seiner Erzeugnisse Einkommen erzielen. Im 18. Jahrhundert ließ Bischof Jacques Marie Caritat de Condorcet den Domaine de Charance zur Sommerresidenz umbauen.

Während die Wirtschaftsgebäude ihre Funktionen behiellten, wurde nun das Schloss repräsentativ verschönert – und besonders der terrassierte Garten. Auch Bischof Jean Baptiste Marie de Maillé de la Tour Landry, folgte Condorcets Beispiel. Er machte das Château de Charance bis 1784 zu seiner Hauptresidenz – und zum château le plus riant que l’on put trouver vingt lieux à la ronde – dem fröhlichsten Schloss im Umkreis von zwanzig Meilen.
Nationalparkzentrum der Stadt Gap
Die jahrhundertelange Herrschaft der Bischöfe über den Domaine de Charance endete mit der Französischen Revolution. Ihr Anwesen wurde als Nationalgut beschlagnahmt und am 26. Februar 1791 versteigert. Mehrere reiche Besitzer folgten. Ganz im Trend ihre Zeit ließen sie im 19. Jahrhundert Park und Gärten im englischen Stil mit Kaskaden, Teich und Wegen anlegen.

Seit 1973 gehört der Landsitz der Stadt Gap. Im Herrenhaus hat die Verwaltung des Parc national des Écrins ihren Sitz. In den ehemaligen Stallungen bündelt das Conservatoire botanique national alpin Forschung, Schutz und Umweltbildung zur alpinen Flora. Seit 2003 ist das Areal des Domaine de Charance als Natura-2000-Gebiet geschützt. Im Frühjahr 2014 folgte die Ausweisung als Zone Spéciale de Conservation (ZSC).

Gärten mit Gütesiegel
Wer keine Zeit für ausgedehnte Wanderungen über die Almen und Wiesen oder in den Wäldern der Domaine de Charance hat, sollte auf keinen Fall die beiden Gärten des Gutes verpassen.
Der terrassierte Nutz- und Ziergarten

Direkt am Schloss erstreckt sich der Nutz- und Ziergarten des Domaine de Charance. Schmale Steintreppen verbinden seine vier Terrassen. Auf jeder Terrasse wachsen Rosen im Roseraie. 600 alte Sorten blühen hier im Hochsommer!

Auf der obersten Terrasse tanzen Gräser zwischen Kugeldisteln. Ysop, Seidelbast und Lavendel. Ganz unten wachsen Äpfel, Birnen sowie Quitten auf einer Streuobstwiese, und Liegestühle laden zur Rast. Weit schweift der Blick über das Becken von Gap, das Tal der Durance und das Panorama der Südalpen. Seit 2005 ist dieser Garten als jardin remarquable ausgezeichnet.

Der englische Landschaftsgarten
Um den Lac de Charance erstreckt sich ein englischer Landschaftsgärten mit Wäldern und Wiesen. Infotafeln stellen die 15 Baumarten des Aboretums vor.

Der Alpengarten
Auf Höhe des Informationszentrum neben dem Parkplatz am unteren Zugang des Domaine de Charance beginnt der Lehrgarten des Conservatoire botanique national alpin (CBNA). Auf rund 2.500 Quadratmetern stellt er 20 typische Lebensräume der Alpen in mehreren Themenbereichen vor.
Vorgestellt werden Uferbereiche und Nasswiesen mit Rohrkolben, Binsen, Schwertlilien und Sumpfstorchschnabel, Kalkmagerrasen, Felsfluren und trockenwarme Hänge mit Enzian, Edelweiß, Alpenaster, Polster-Steinbrech, Thymian und weiteren xerophilen Stauden sowie Felsspalten-und Karren mit stark spezialisierten Arten wie Mannsschild (Androsace), Hornkraut, Fels-Steinbrech, Alpen-Lein und weiteren Polsterpflanzen.

Im Almen-Biotop wachsen Krummseggen, Alpenlattich, Küchenschelle, Alpenveilchen und weitere Weidearten, in den Laub- und Nadelwäldern Lärchen, Föhren, Bergahorn und typische Bodenpflanzen wie Waldmeister, Buschwindröschen, Farne und Moose. Ebenfalls dort zu sehen sind traditionelle Bergwiesen und alte Ackerkulturen mit Klee, Wiesen-Fuchsschwanz, Wiesen-Salbei, Kornblume und weiteren Begleitern extensiver Bewirtschaftung.
Kurzum: Die gesamte Flora der Alpen im Kleinformat. Nicht so groß wie im berühmten Alpengarten Jardin du Lautaret am Col du Lautaret, aber dennoch äußerst eindrucksvoll!
Die Samenbank der Alpen
Die Samenbank des Conservatoire botanique national alpin umfasst 1.151 botanische Taxa in 3.502 Samenproben, die bis ins Jahr 1979 zurückreichen und das genetische Erbe der Wildpflanzen in den Alpen bewahren. Die Samen werden gereinigt, bestimmt, nummeriert, getrocknet und anschließend unter kontrollierten Bedingungen eingelagert. Technisch besteht die Bank aus zwei Bereichen: einer 4 °C kalten Kühlkammer mit 40 Prozent relativer Luftfeuchtigkeit für die aktiv genutzte Sammlung sowie −18 °C kalten Gefrierschränken für die langfristige Konservierung. Genutzt wird das genetische Material der Sammlung nicht nur für die Forschung oder Keimtests, sondern auch für die Wiederansiedlung von bedrohten oder ausgestorbenen Arten und die Stärkung gefährdeter Populationen.

Domaine de Charance: meine Reise-Tipps
Hin & weg
Eine kostenlose Buslinie verbindet im Juli und August das Zentrum von Gap direkt mit dem Domaine de Charance.
Quartier de Charance, 05000 Gap, Tel. 04 92 53 26 79, www.terresdegap.fr/fr/decouvrir/nature/charance
Öffnungszeiten
Der Zugang zum Domaine de Charance ist ganzjährig frei; die Terrassengärten sind von April bis Ende Oktober geöffnet.
Aktiv erleben

Eine Vielzahl von Wanderwegen erschließt das Gelände, darunter die Piste de l’écureuil. An sie schließt sich der Aufstieg zum Pic de Charance mit 360°-Panoramablick. Die Wanderung dauert rund 1,5 bis 2 Stunden. Unterwegs begleiten versteckte Holztiere den Weg.
Schlemmen und genießen
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