Saint-Clar ist auf den ersten Blick eine charmant beschauliche Bastide im Département Gers – und doch etwas Besonderes. Foto: Hilke Maunder

Saint-Clar im Gers: die Knoblauch-Bastide

Saint-Clar rühmt sich als cité de l’ail et du soleil, die Stadt des Knoblauchs und der Sonne im Herzen der Lomagne im Département Gers.

Der Geruch kommt zuerst. Noch bevor man die Place de la mairie betritt, noch bevor die Holzpfeiler der mittelalterlichen Halle ins Blickfeld geraten, noch bevor die goldenen Steinfassaden der cornières – der Arkadenbögen – im Sonnenlicht aufleuchten, erobert er die Nase: der Duft von Ail blanc, weißem Knoblauch, fein, würzig und unverwechselbar liegt er über Saint-Clar. Es ist donnerstags und Markttag in der Bastide auf dem Plateau über dem Tal des Arrats in der Lomagne, der selbst ernannten Toskana des Gers.

Etwas mehr als tausend Einwohner zählt Saint-Clar heute, und immer mehr digitale Nomaden, Kreative und andere Zugezogene mischen sich unter die Alteingesessenen und diskutieren, wie sich Saint-Clar, inzwischen mehr als 750 Jahre alt, entwickeln soll.

Gründungsväter: ein englischer König und ein Bischof

1274 gehörte der Gers zu Aquitanien und war damit der englischen Krone als Lehen unterstellt – aber die französische Krone beanspruchte zunehmend die Oberhoheit. Beide Parteien versuchten, mit der Gründung von Bastiden ihren Einfluss- und Machtbereich zu sichern und auszuweiten. Eduard I. von England und Géraud de Monlezun, Bischof von Lectoure, unterzeichnen daher im Jahr 1274 einen Paréage – einen feudalen Teilungsvertrag, wie er im Südwesten Frankreichs damals üblich war.

Dieser Vertrag markiert die Gründungsurkunde von Saint-Clar de Lomagne. Ihren Namen verdankt Saint-Clar dem heiligen Clair, dem ersten Bischof von Albi, einem wandernden Apostel, der in Lectoure das Martyrium erlitten hatte. Der englische König – zugleich Herzog von Aquitanien – und der kirchliche Würdenträger einigen sich, den neu zu gründenden Ort gemeinsam zu kontrollieren. Macht teilen, um Macht zu sichern: eine mittelalterliche Logik, die in Stein gemeißelt bis heute sichtbar ist.

Die Bastiden, die vom 13. bis ins 14. Jahrhundert im gesamten Südwesten wie Pilze aus dem Boden schossen, folgten als mittelalterliche Planstädte einem klaren Prinzip: Innerhalb der Mauern bestehen sie aus einem strengen orthogonalen Stadtplan mit parallelen Straßen, die sich im rechten Winkel kreuzen und ein Schachbrettmuster bilden. So weit, so üblich. Doch Saint-Clar hat etwas, das die meisten der anderen Bastiden nicht haben: zwei Hauptplätze.

Denn Saint-Clar ist nicht nur eine Bastide, sondern birgt zwei Orte in einem: das winzige Castetbieilh im Westen und die größere Bastide im Nordwesten. Im Mittelpunkt der Bastide steht die Place de la mairie mit ihren schönen Steinhäusern, ihren cornières genannten Arkaden und ihrer Markthalle, deren Dach auf 20 wuchtigen Holzpfeilern aus dem 13. Jahrhundert ruht.

Aus dem Muster der roten Tondächer erhebt sich seit dem 11. Jahrhundert der Glockenturm der Église Sainte-Catherine erhebt. Das Innere der romanischen Kirche dient heute als Ausstellungsraum. Gebetet wird seit 1862 in der „neuen“ Kirche, die zwischen 1857 und 1862 an der Stelle des alten Friedhofs im neugotischen Stil errichtet wurde. Zwei Zentren, zwei Plätze, zwei Gotteshäuser – für ein Dorf von gut tausend Seelen schon einmalig.

Östlich der Bastide verläuft der Chemin de ronde, der Wehrgang. Sein Verlauf folgt der alten Befestigungslinie des 14. Jahrhunderts, deren Reste noch in den Hausmauern zu erkennen sind. Er führt westwärts um die alte Bastide herum und eröffnet weite Blicke auf das Tal des Arrats im Osten und auf die Hügel von Gramont im Nordosten. Hier, auf diesem schmalen Pfad, verstehe ich, warum die Lomagne als die „Toskana Frankreichs“ gilt: Sanft wellen sich die Hügelkuppen, grün und ocker leuchten die Felder, der Himmel himmlisch blau: eine Idylle.

Älter als die Bastide ist das Castetbieilh – alter Burgbezirk bedeutet der Name in der Sprache der Gascogne. Er erstreckt sich dort, wo sich einst zwei Burgen erhoben: die eine von Géraud de Monlezun, Bischof und lokaler seigneur zugleich, die zweite des König als Herzog von Aquitanien.

Eng sind hier die Gassen – und erstaunlich so manch ein Name: Was ist wohl in der Rue des Ânes Brûlés passiert, der Straße der verbrannten Esel? Der Jardin des 4 Saisons, entstand als stiller Garten auf einst eingestürzten Häusern.

Eine Bronzebüste erinnert hier an Jean-Géraud d’Astros, der im Jahr 1594 im Jandourdis, einem Weiler in der Nähe von Saint-Clar, geboren wurde und als Priester und Dichter in der Sprache der Gascogne bis heute unvergessen ist. Sein Hauptwerk heißt Lou Trimfe de la lenguo gascouo – der Triumph der gaskognischen Sprache – und erschien 1642 sechs Jahre vor seinem Tod. Darin enthalten sind die berühmten Las sasons. In diesem Streitgedicht zwischen den vier Jahreszeiten verteidigt jede ihre Vorzüge, bevor ein kluges Urteil sie zu versöhnen versteht.

Trotz seines Erfolges zu Lebzeiten blieb der dichtende Vikar d’Astros bescheiden – und arm. Er lehnte sogar die Einladungen des Herzogs von Épernon ab, weil er sich in seinen Holzschuhen und seiner abgewetzten Soutane fehl am Platz fühlte. Doch er teilte mit der Bevölkerung die Nöte der Kriege und erwirkte beim Herzog, dass Saint-Clar vom Durchmarsch der Truppen, von Requisitionen und Frondiensten verschont blieb. Ein Dichter als Diplomat: So erinnert und ehrt Saint-Clar bis heute seinen berühmtesten Bürger, Jean-Géraud d’Astros. Auch an seinem Haus erinnert eine Gedenktafel an sein Wirken.

Der weiße Knoblauch der Lomagne

Zwei Kilometer von Saint-Clar entfernt verwandelte Familie Garnot ihren alten Weinkeller in die Maison de l’Ail. Ihr privates Knoblauch-Museum präsentiert euch alle Stationen des Knoblauchzyklus, von der Aussaat bis zur Vermarktung. Eine Videopräsentation zeigt den Anbau im Detail; eine Ausstellung präsentiert Modelle aus Knoblauchschalen und lässt schmunzeln.

Die Tradition des Knoblauchanbaus in der Lomagne reicht bis ins Jahr 1265 zurück – und damit vor die Gründung der Bastide. Das liegt am terroir. Der Knoblauch findet in den lehmig-kalkigen Böden des Beckens des Arrats beste Wachstumsbedingungen. Der Vent d’Autan, der heiße Ostwind aus Richtung Mittelmeer, hat hier eine jahrtausendealte Technik des Trocknens hervorgebracht: den séchage à la barre. Dazu wird der Knoblauch nach der Ernte in Bündeln von rund 30 Zwiebeln an Stangen in einem überdachten, aber luftigen Raum aufgehängt.

Seit 2009 schützt eine Indication Géographique Protégée ( IGP ) den Ail blanc de Lomagne. Rund 200 Gemeinden in den Départements Gers und Tarn-et-Garonne dürfen ihn anbauen. Saint-Clar stellt als Capitale de l’Ail blanc de Lomagne 20 Prozent der Gesamtproduktion.

Perlweiß, manchmal mit einem Hauch Violett, wird er frisch, halbgetrocknet oder getrocknet verkauft – in Säcken, Körben, und in den geflochtenen Zöpfen, die auf dem Donnerstagmarkt an den Ständen baumeln. Pflicht bei dem IGP-Knoblauch ist das manuelle Schälen der äußeren Schale. Penibel wird dabei darauf geachtet, die letzte schützende Haut zu erhalten.

Tourin lomagnol, die lokale Knoblauchsuppe, hat hier den Status einer Nationalspeise, und sobald es etwas zu feiern gibt, steht auch der Knoblauch-Likör von Madame Lavigne auf dem Tisch. Wen wundert’s da, dass der Spitzname der Einheimischen les ailés lautet, die Geflügelten oder, je nach Lesart, die Knoblauchigen.

Das Knoblauchfest von Saint-Clar

Im August verwandelt sich Saint-Clar für eine Woche in eine einzige große Bühne für die Zwiebel Allium sativum : das Estiv’ail. Das Office de Tourisme organisiert einen bunten Reigen an Animationen rund um die Knolle, abends wird bei den soirées gourmandes unter freiem Himmel gemeinsam getafelt. Jedes Jahr mit dabei ist auch ein Wettbewerb, wie es sich für kulinarische Feste in Frankreich gehört. Und auch hier präsentieren die Produzenten ihre Zöpfe und künstlerischen Kreationen aus Knoblauch und küren ihren Meister.

Eine Fachjury bewertet dazu Aussehen, Festigkeit, Duft und Farbe – alle Sinne kommen zum Einsatz. An diesen Tagen herrscht geradezu Rummel in der Bastide, Fremde flanieren in den sonst so beschaulichen Gassen, und manchem Einheimischen wird es dann etwas zu viel. Weniger inszenierte Folklore wünschen sie sich, mehr Geld für die Bauern stattdessen.

Denn der Knoblauchanbau selbst steht unter Druck: Monokulturen, Pestizide und hoher Wasserverbrauch – die Debatten über nachhaltige Landwirtschaft machen auch vor der Capitale de l’Ail nicht halt. Pläne für Ferienresorts und Wochenendsiedlungen wurden in der Vergangenheit abgelehnt, um die traditionelle Struktur des Dorfes zu wahren.

Diese Spannung zwischen Bewahrung und Wandel ist keine Ausnahme im Gers, sondern die Regel. Seit Jahrzehnten zieht das Département Aussteiger an, Künstler, digitale Nomaden und andere Menschen, die der urbanen Hektik entkommen und nachhaltiger leben wollen. Sie mischen sich unter die alteingesessene Landbevölkerung, bringen ihre Ideen mit und neue Konflikte. Zwischen den Generationen reibt es sich, manchmal produktiv, manchmal zermürbend. Saint-Clar ist auch darin ein Spiegel seiner Zeit.

Saint-Clar: meine Reise-Tipps

Hinkommen

ÖPNV

Der nächste Bahnhof befindet sich in Lectoure, etwa 15 Kilometer von Saint-Clar entfernt. Von dort aus gibt es Busverbindungen oder Taxis nach Saint-Clar.

Ungewöhnlich

Parc Animalier de Saint-Clar

2013 erfüllte sich Luc de Noue seinen Kindheitswunsch und eröffnete Le Vallon des Kangourous. In seinem vier Hektar großen Tiergehege in nächster Nähe zum Freizeitgelände am See leben Wallabys, eine kleine australische Känguru-Art, in Halbfreiheit zwischen 250 damals neu gepflanzten Bäumen und Felsblöcken, die aus den Steinbrüchen des Tarn hierher gebracht wurden. Sämtliche Tiere wurden nicht wild eingefangen, sondern stammen aus französischen Zoos.
• Es-Calaves, 32380 Saint-Clar, Tel. mobil 06 62 50 86 85, www.levallondeskangourous

Schlemmen und genießen

Bar-Brasserie La Bascule

Am Rand des historischen Zentrums serviert diese beliebte Terrasse draußen oder im Speisesaal mit freigelegten Wänden klassische Bistrogerichte des Südens wie magret de canard, confit de canard oder Entrecôte.
• 5, place de Lomagne, 32380 Saint-Clar, Tel. 05 62 06 02 08

Hier könnt ihr schlafen

La Demeure de Saint-Clar*

Nachdem La Garlande, 1983 eröffnet, zum Ende 2025 seinen Betrieb eingestellt hat, ist dieses charmante, nostalgisch eingerichtete chambres d’hôtes die einzige Unterkunft direkt im Herzen der Bastide. Hier* könnt ihr sie buchen!
• 6, rue Gambetta, 32380 Saint-Clar, Tel. mobil 06 67 24 69 80

Noch mehr Betten*

 

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Im Buch

Hilke Maunder, Le Midi*

Hilke Maunder_Le Midi

Knoblauch, ob weiß, rosa, lila oder schwarz, gehört in viele der 80 echten, authentischen Speisen, die ich bei meiner kulinarischen Landpartie durch den Süden von Frankreich entdeckt habe. Zwischen Arcachon, Hendaye und Menton schaute ich den Köchen dort in die Töpfe, besuchte Bauern, kleine Manufakturen, Winzer und andere lokale Erzeuger.

Gemeinsam mit dem Fotografen Thomas Müller reiste ich wochenlang durch meine Wahlheimat und machte mich auf die Suche nach den besten Rezepten und typischsten Spezialitäten der südfranzösischen Küche. Vereint sind sie auf den 224 Seiten meines Reise-Kochbuchs Le Midi.

Ihr findet darin 80 Rezepte von der Vorspeise bis zum Dessert, Produzentenportraits, Hintergrund zu Wein und Craftbeer, Themenspecials zu Transhumanz und Meer – und viele Tipps, Genuss à la Midi vor Ort zu erleben. Wer mag, kann meine 80 Sehnsuchtsrezepte aus Südfrankreich hier* online bestellen.

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