Die Faïencerie de Charolles: bei Glouglou!
Im Süden von Burgund verbindet eine Manufaktur seit 1844 Handwerk, Formgefühl und Designgeschichte: Die Faïencerie de Charolles formt seit mehr als 180 Jahren aus Ton, Feuer und Fantasie Design-Ikonen wie die Karaffe Glougou.
Ein Gewerbegebiet am Stadtrand von Charolles ist nicht unbedingt etwas, wohin man in diesem charmanten Städtchen im Süden Burgunds seine Schritte lenken würde, und auch die betagten Nutzbauten der Faïencerie de Charolles lassen zweifeln, ob man hier richtig ist.
Doch hinter der Tür zum Showroom beginnt das große Staunen. Und noch größer werden die Augen bei der vente d’usine und den portes ouvertes, dem Fabrikverkauf und den Tagen der offenen Tür, wie sie zweimal pro Jahr stattfinden. Dann führen Mitarbeitende durch den 1844 gegründeten Traditionsbetrieb und locken wahre Schnäppchen bei all jenen Designerstücken, die sonst teuer bei Ligne Roset oder Roche Bobois zu finden sind.

Die Geschichte der Faïencerie de Charolles beginnt mit Hippolyte Prost, einem Sohn der Region, der das Fayence-Handwerk in den renommierten Manufakturen von Digoin und Premières erlernte. 1844 wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit und gründete in seiner Heimatstadt Charolles eine eigene Werkstatt. Doch das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm: Eine Überschwemmung zerstörte 1855 sein erstes Atelier. Prost ließ sich nicht entmutigen und erwarb den Domaine de La Madeleine – genau dort, wo die Manufaktur bis heute ansässig ist.
Doch warum ausgerechnet Charolles? Die Antwort liegt buchstäblich unter den Füßen: Das Charolais verfügt über erstklassige Tonvorkommen und eine lange Tradition der Keramikherstellung. Zudem liegt die Stadt strategisch günstig zwischen den großen Fayence-Zentren Burgunds. Was im 19. Jahrhundert als Manufaktur für Alltagskeramik begann, entwickelte sich über die Jahrzehnte zu einem Zentrum für künstlerische und designorientierte Fayencen.

Trendy als Charolles 1844
2019 kaufte Cyril Frappé das Unternehmen und änderte das Programm radikal. Frappé erkannte das Potenzial der traditionellen Handwerkskunst für den modernen Designmarkt und positionierte die Marke neu. Seit 2023 führt Romain Piraux das Unternehmen. Als Charolles 1844 hat er den Betrieb als lifestylige High-Ende-Marke neu definiert, die Innovation und Tradition gleichermaßen verbindet. Seitdem fertigt die Faïencerie de Charolles nur noch Designer-Keramiken in XXL. Ihre futuristische Leuchte musste sogar in mehreren Teilen gegossen werden, so groß ist sie mit ihren 1,53 Metern!
Der Tisch Garouste von Elizabeth Garouste und Mattia Bonetti aus dem Jahr 2001 ist ein perfektes Beispiel dafür, wie das französische Design-Duo die Manufaktur prägte. Garouste, ausgebildet an der renommierten École Camondo, und Bonetti, ein Schweizer Fotograf, wurden für ihre avantgardistischen, surrealen Möbel bekannt. Ihr Garouste-Tisch, der an den legendären Tabouret Tam Tam erinnert, verbindet Retro-Charme der 60er-Jahre mit moderner Eleganz. Mit seinem organischen Design und der typischen Charolles-Öse setzt er ein Statement – und ist bis heute ein Bestseller.


Handwerk und Design
Seit 2019 leitet Aurélie Richard als künstlerische Direktorin die Geschicke der Faïencerie. Ihre Aufgabe: das traditionelle Handwerk mit modernem Design zu verbinden. Richard, die an der École Nationale Supérieure des Arts Appliqués studierte, schuf mehrere prägende Kollektionen.
Boréale spielt mit sanften Rundungen und natürlichen Farbverläufen, inspiriert von nordischen Landschaften. Tandem kombiniert matte und glänzende Oberflächen zu einem faszinierenden Spiel von Kontrasten. Alba zelebriert schlichte Eleganz und zeitlose Formen, oft mit transparenten Glasuren, die das Handwerk sichtbar machen. Richard setzt auf Nachhaltigkeit und experimentiert mit neuen Materialien und Techniken, um die Faïencerie ins 21. Jahrhundert zu führen.

Der belgische Designer Alain Gilles brachte seit 2021 seine klare Formensprache ein. Seine Fat & Slim-Tische verbinden Fayence mit Metall von Fermob – eine Hommage an die Zusammenarbeit von Handwerk und Industrie. Sein modulares Tischsystem Stacked ermöglicht durch Stapeln verschiedene Höhen und Kombinationen. Klare Linien, Funktionalität und eine „neue Einfachheit“, die Tradition und Innovation verschmelzen lässt, prägen alle Designs von Alain Gilles.

Glouglou: die Königin der Karaffen
Doch kein Produkt ist so beliebt und so berühmt wie die Karaffe Glouglou, die die Keramikerin Thérèse Larché im Jahr 1952 entwarf. Inspiriert von englischen guggle jugs des 19. Jahrhunderts, schuf sie eine Karaffe, deren bauchige Form und langer Hals an einen Fisch erinnern. Seitdem sorgt sie für gute Laune – und hat als Sammlerstück Kultstatus. Die fröhliche Karaffe ist nicht nur ein praktisches Utensil, sondern ein echter Freudenspender. Ihre bauchige Form, der lange Hals und der Kopf mit neugierigen Augen und kleinem Ausguss erinnern an einen Fisch.
Von der Queen geliebt, von Sammlern gesucht

Der internationale Durchbruch kam 1958, als Königin Elizabeth II. eine Glouglou erwarb. Plötzlich war die burgundische Karaffe in aller Munde – oder besser gesagt: auf allen feinen Tafeln. In den 1960er-Jahren wurde sie zum Kultobjekt, das bis heute nichts von seiner Anziehungskraft verloren hat.
Heute gibt es die Glouglou in zahlreichen Editionen: von klassischem Weiß über bunte Muster bis zu limitierten Kooperationen wie der Glouglou Chocolat mit dem Schokoladenhersteller Dufoux. Die Herstellung der Glouglou ist bis heute reine Handarbeit. In der Faïencerie de Charolles wird jede Karaffe aus lokalem Ton gegossen, glasiert und bemalt – ein Prozess, der bis zu drei Tage dauert.

Die Farben und Muster sind vielfältig, von klassischem Weiß bis hin zu bunten Motiven, die die Landschaft Burgunds widerspiegeln. Auch wechselnde saisonale Kollektionen gibt es, beispielsweise Frühling/Sommer, die den Aufbruch, das Licht und die Farben der schönen Jahreszeit frisch auf den Tisch bringen.
Den Clou der Wasser-Karaffe verrät ihr Name. Glouglou heißt umgangssprachlich auf Französisch „trinken“, und genau dieses Geräusch entsteht durch die besondere Form beim Eingießen: ein fröhliches Gluckern, das an das Plätschern eines Baches erinnert. Mit ihrem fröhlichen Gluckern verbreitet die Glouglou sofort gute Laune!

Acht Hände, drei Tage, ein Meisterwerk
Die Faïencerie de Charolles ist ein kleines, aber feines Unternehmen: Acht Mitarbeitende fertigen jedes Stück in Handarbeit. Christophe Busti, der die Produktion leitet, sorgt mit traditionellen Techniken und innovativen Materialien für die einzigartige Qualität der Stücke. Seit 2015 trägt das Unternehmen das Siegel Entreprise du Patrimoine Vivant (EPV ), das herausragendes französisches Handwerk auszeichnet. Diese Auszeichnung ist mehr als nur ein Label – sie ist eine Verpflichtung zur Qualität und zur Weitergabe traditioneller Fertigungstechniken. Heute genießt die Faïencerie de Charolles international ein hohes Ansehen – besonders in den Bereichen Luxus, Design und nachhaltige Produktion.

Die Stücke der Faïencerie de Charolles sind in renommierten Designhotels und Museen weltweit zu finden und werden von Sammlern geschätzt.Das Musée du Prieuré-Jean Laronze in Charolles ist der beste Ort, um die Entwicklung der Faïencerie von den Anfängen bis heute nachzuvollziehen. Dieses Museum in der Heimatstadt der Manufaktur zeigt eine umfangreiche Sammlung historischer Fayencen aus Charolles, darunter auch frühe Entwürfe und klassische Stücke wie die Glouglou-Karaffe. Es dokumentiert die Geschichte und Technik der Fayence-Herstellung in der Region und macht deutlich, warum Charolles zum Zentrum dieses Handwerks aufstieg.

La Faïencerie de Charolles / Charolles 1844 : meine Tipps
Hinkommen
ÖPNV
Der nächste Bahnhof befindet sich in Paray-le-Monial, von dort fährt der Bahnbus 31788 bis Charolles-Maire. Vom Rathaus in Charolles sind es rund 850 Meter Fußweg bis zur Manufaktur.
• 5, chemin d’Ouze, 71120 Charolles, Tel. 03 85 24 13 46, https://charolles.com; Fabrikverkauf, von 12 bis 14 Uhr Mittagspause
Nicht verpassen
Musée du Prieuré-Jean Laronze
In einem ehemaligen Priorat des Ordens von Cluny aus dem 12. Jahrhundert, das im 15. Jahrhundert umgestaltet wurde, präsentiert das Museum die Kunst und Heimatgeschichte des Charolais. Neben regionalen Fayencen aus Charolles (seit 1844) sowie Skulpturen von René Davoine würdigt die Ausstellung besonders den Landschaftsmaler Jean Laronze (1852–1937), dessen Werke gemeinsam mit Gemälden von Paul-Louis Nigaud ausgestellt werden. Sehenswert sind die Glasfenster von Lucien Bégule und die kunstvollen Fliesenarbeiten von Paul Charnoz.
• 4, rue du Prieuré, 71120 Charolles, Tel. 07 87 70 51 81, www.ville-charolles.fr/musee-du-prieure-jean-laronze
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