Griechischer Wein: Im Königspalast von Perpignan hörte ich zum ersten Mal die französische Fassung. Foto: Hilke Maunder

Griechischer Wein

Was verbindet den Kult-Schlager „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens mit Frankreich? Viel mehr, als ich zunächst dachte…

Im Château des Rois de Majorque hörte ich sie zum ersten Mal. Alljährlich im Herbst laden dort Stadt und Département die Nouveaux Catalans ein und begrüßen alle Neubürger, die im Laufe des Jahres in das Département Pyrénées-Orientales gezogen waren, mit einem feierlichen Empfang. Zwischen den gewaltigen Mauern des Burgschlosses von Perpignan, diesem steinernen Monument der Macht der mallorquinischen Könige, mischen sich an diesem Tag Stimmengewirr, Gläserklirren und das Summen neugieriger Gespräche. Man blickt von hier oben weit über die Stadt, die Pyrenäen im Rücken, das Mittelmeer vor Augen. Ein Ort, der von Geschichte durchdrungen ist – und an diesem Tag doch ganz Gegenwart atmet.

Nach Reden und Begrüßungsworten, nach Händeschütteln und Häppchen, erfüllt plötzlich Musik den Innenhof. Eine banda tritt auf, eine jener mobilen Blasmusikformationen, die in Südfrankreich zu keinem Fest fehlen dürfen. Trompeten blitzen in der Abendsonne, Posaunen schmettern, Saxophone setzen weiche Akzente, dazu das Rhythmusgewitter von kleiner und großer Trommel. Und dazwischen erklingen die warmen, leicht nasalen Töne der katalanischen tenora und tarota, Instrumente, die seit Jahrhunderten das Klangbild der Region prägen.

Und was höre ich? Eine Melodie, die ich sofort erkenne, die mich mitten ins Herz trifft: Udo Jürgens’ Evergreen „Griechischer Wein“. Ich lehne mich an die sonnenwarme Backsteinmauer, feuerrot vom letzten Licht des Tages, und muss lächeln. Plötzlich fühlt sich alles ein kleines bisschen wie Heimat an – zwischen all den Fremden, mitten im Süden Frankreichs.

Doch je mehr Feste ich besuche, desto größer wird meine Verwunderung. Beim Printemps des Échoppes, einem riesigen Gourmetmarkt in meinem Dorf Saint-Paul-de-Fenouillet, wiederholt sich das Szenario: Erst die offizielle Begrüßung durch den Bürgermeister im Beisein der Stadtverordneten, dann ein paar okzitanische Volkslieder – und zum Abschluss wieder diese Melodie. Ein Geburtstag, ein Jubiläum, eine Rugby-Feria: immer wieder „Griechischer Wein“. Aber stets nur instrumental, niemals gesungen.

Eines Tages hielte ich es nicht mehr aus und wagte den Vorstoß. Lächelnd sagte ich, wie nett ich es fände, dass mir zuliebe immer dieses Lied aufgespielt werden würde – als kleines Zeichen deutsch-französischer Freundschaft. Das Erstaunen der Angesprochenen hätte nicht größer sein können. „Welches Lied meinst du?“ Als ich die Melodie anstimmte, folgte ein lautes Lachen. „Ach so, die Peña Baiona !“

Peña … was?

Griechischer Wein und die Peña Baiona

Langsam löst sich das Rätsel. Peña Baiona ist die Hymne des baskischen Rugbyvereins Aviron Bayonnais. Ein Kultsong, den fast jeder im Südwesten Frankreichs mitsingen kann, von Bayonne bis Perpignan, von Dorfplätzen bis zu den großen Stadien. Und tatsächlich: Die Melodie ist eins zu eins identisch mit Udo Jürgens’ Hit „Griechischer Wein“.

Ein Stück Musik mit abenteuerlicher Biografie: Udo Jürgens komponierte es 1974 nach einem Griechenlandurlaub, Michael Kunze schrieb den deutschen Text, der von der Sehnsucht griechischer Gastarbeiter erzählt. In Spanien wurde daraus Vino Griego, gesungen von José Vélez – ein Sommerhit, der sich über Radiowellen und Schallplatten bis nach Südfrankreich verbreitete. Dort nahm ihn das Rugbyvolk begeistert auf, dichtete eigene baskische Texte, und so wurde aus der melancholischen Ballade ein feucht-fröhlicher Fangesang.

Selbst eine französische Version von Udo Jürgens existiert: À mes amours. Doch wer hierzulande „seine“ Melodie hört, denkt nicht an den Schlagerstar, sondern an Rugby, an Bayonne, an feiernde Menschen in Blau und Weiß. Peña Baiona – das ist Lebensgefühl, Gemeinschaft, Gesang bis spät in die Nacht.

Und als Saint-Paul neulich einmal sein Rugby-Turnier feierte, der Bürgermeister die Sieger geehrt hatte und die banda den Platz betreten hatte, rief mich das Stadtoberhaupt aus den Reihen der Stadtverordneten hervor, holte mich zu sich, drückte mir das Mikro in die Hand – und sagte: „Hilke wird uns nun vorsingen, wie das Lied im Original klingt.“

Ehe ich mich versehe, stehe ich mitten auf dem Rugbyfeld meines Dorfes, mit klopfendem Herzen und rotem Kopf.

Griechischer Wein ist so wie das Blut der Erde …

Ein Raunen, dann ein Mitwippen, schließlich eine Welle an Stimmen, die mich trägt. Plötzlich ist es ganz egal, ob Peña Baiona oder Udo Jürgens. Die Melodie verbindet uns alle. Der Text mag neu sein, doch das Gefühl ist das gleiche: dieses Schwingen zwischen Melancholie und Freude, zwischen Fremdsein und Daheimsein. Griechischer Wein ist Musik, die Brücken baut – und Grenzen vergessen lässt.

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