Grüner Stadtumbau iin Paris – auch bei der Place de la République. Foto: Hilke Maunder
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Grüner Stadtumbau in Paris

Paris erstickte im Verkehr. Heute plätschern Kinder in Nebelfontänen, Radler gleiten über die Seine-Ufer und Schwimmer springen in den Fluss. Der grüne Stadtumbau in Paris: ein Megaprojekt seit zwei Jahrzehnten, das Nerven kostete, Wähler gewann – und die Lebensqualität enorm hob.

Eine Stadt im Smog

Es ist der 1. Oktober 1997. Paris erstickt. Die Luft ist so dick mit Feinstaub und Stickoxiden beladen, dass die Notaufnahmen überfüllt sind. Die Regierung verhängt Fahrverbote, aber die Smogglocke hängt wie ein grauer Vorhang über der Stadt. Die Seine? Ein bleierner Fluss, gesäumt von brummenden Autoschlangen. Die Pariser husten, fluchen – und ahnen nicht, dass dieser Herbst der Beginn einer Revolution sein wird.

Am 1. Oktober 1997 reagieren die damalige Umweltministerin Dominique Voynet und Präfekt Bertrand Dufourcq und entscheiden: Nur jedes zweite Auto darf fahren. Die erste circulation alternée nach geraden und ungeraden Kennzeichen: eine Premiere, die bis 2016 Standard werden sollte. Dann löste sie die circulation différenciée nach der Einstufung bei der Umweltplakette Crit’Air ab.

Die verkehrte Welt

Paris hatte seine Prioritäten falsch gesetzt. Die Stadt gehörte nicht den elf Millionen Menschen in der Metropolregion, sondern den Blechkisten, die durch sie hindurchdonnerten. Das rechte Seine-Ufer säumte ab t 1967 die 13 Kilometer lange Voie Georges-Pompidou : eine kreuzungsfreie Schnellstraße von der Porte de Saint‑Cloud im Westen bis zum Pont National im Osten von Paris.

Große Plätze wie die Place de la République waren bleigeschwängerte Kreisel mit einem Denkmal in der Mitte, die etwa zwei Drittel der Fläche dem Verkehr schenkten. Der Boulevard Périphérique, der große Ring um die Kapitale, war eine Grenze, die Paris von seinen Vororten abschnitt wie ein Burggraben aus Asphalt und Abgas.

1970er bis 1990er-Jahre: Als Paris zu ersticken begann

Bis in die 1990er-Jahre war Paris das, was Stadtplaner einen automobilen Alptraum nennen würden. In den 1960er- bis 1980er-Jahren prägte massiver Durchgangsverkehr das Stadtbild. Ab 1983 wurden täglich etwa 2,5 Millionen ein- und ausfahrende Fahrzeuge zwischen 6 und 21 Uhr gezählt. Heute haben sich die Zahlen mehr als halbiert.

Atemnot im Winter

Die Luftbelastung lag dramatisch über heutigen Werten. Stickstoff  und Feinstaub verpesteten die engen Straßenschluchten. Smogalarme waren keine Seltenheit, sondern bittere Normalität. Die Stadt erstickte – buchstäblich. Die extrem belasteten Winter 1996 und 2007 wirkte als politischer Katalysator.

 Und während die Luft immer schlechter wurde, fehlte das Grün. Bis 1919 war Paris durch die Thierssche Stadtmauer umzingelt, der Befestigungsanlage entlang des heutigen Boulevard Périphérique. Die großen Stadtwälder Bois de Boulogne und Bois de Vincennes lagen jedoch außerhalb der Mauer.

Zu wenig Grün

Intra-muros gab es damals nur 564 Hektar Parks und Gärten innerhalb der Stadtmauern – gerade einmal fünf Prozent der Stadtfläche. Bis 1975 war diese Fläche zwar auf 1.072 Hektar gewachsen, doch für eine der dichtesten Städte der Welt blieb das ein Tropfen auf den heißen Asphalt.

Mit rund 21.000 Einwohnern pro Quadratkilometer, blieb der Pro-Kopf-Anteil an Grünflächen trotz der Verdoppelung extrem gering – er liegt bis heute im inneren Stadtgebiet bei nur wenigen Quadratmetern pro Einwohner.

Delanoë: die Rückeroberung beginnt

Als Bertrand Delanoë 2001 Bürgermeister wurde, versprach er etwas, das vielen Parisern wie ein Märchen vorkam: la reconquête de l’espace public – die Rückeroberung des öffentlichen Raums. Nicht die Autos sollten die Stadt regieren, sondern die Menschen.

Was folgte, war ein systematischer Feldzug gegen die automobile Vorherrschaft. Ab 2001 begann Paris, seine Hauptachsen umzubauen. Busspuren entstanden, wo zuvor drei oder vier Autospuren nebeneinander verliefen. Fahrstreifen wurden zurückgebaut. Mehr Platz für Fußgänger. Mehr Platz für Radfahrer.

Die Sperrung des rechten Seine-Ufers

2002 sperrte die Stadt erstmals Teile der Seine-Uferstraßen, schüttete Sand auf den Asphalt und stellte Liegestühle auf. Wo sonst Autos rasten, sonnten sich plötzlich Pariser und Touristen. Paris Plages war ein Experiment – und es funktionierte. Die Menschen liebten es. Die Autofahrer hassten es. Aber die Mehrheit war auf Delanoës Seite.

Von 2012 bis 2013 bereitete die Stadtverwaltung die nächste große Maßnahme vor: Teile der Seine-Ufer sollten dauerhaft vom Autoverkehr befreit werden. Nicht mehr nur im Sommer, sondern das ganze Jahr über. Es war eine Ankündigung, die Wellen schlug – bis weit über Paris hinaus. Heute ist Paris Plages nicht mehr fortzudenken und gehört zu jedem Sommer in Paris.

2007, startete Vélib‘, damals das größte städtische Fahrradleihsystem weltweit. Plötzlich standen in ganz Paris graue Leihräder bereit. Das Signal war klar: Paris sollte eine Fahrradstadt werden. Im selben Jahr legte Paris seinen ersten Plan Climat vor – einen städtischen Klimaplan, der Verkehr, Energie und Gebäude als zentrale Hebel benannte.

Delanoës Bilanz nach 13 Jahren

Als Delanoë 2014 aus gesundheitlichen Gründen abtrat, hatte er Paris grundlegend verändert. Die Vélib‘-Räder prägten das Stadtbild. Busspuren durchzogen die Stadt. Die temporäre Sperrung der Seine-Ufer war zur beliebten Tradition geworden. Doch es war erst der Anfang. Die eigentliche Revolution sollte seine Nachfolgerin bringen. Anne Hidalgo machte ab 2014 aus der Reform eine Revolution.

Anne Hidalgo: keine Kompromisse

Von 2014 bis 2026 war die Sozialistin Anne Hidalgo die Bürgermeisterin von Paris. Und sie macht da weiter, wo Delanoë aufgehörte – nur radikaler, schneller, kompromissloser. Ihr Ziel: die post-auto-Stadt. Eine Stadt, in der das Auto nicht mehr die erste Wahl ist, sondern die letzte Option.

Hidalgo verschärfte den Kurs dramatisch. Zwischen 2014 und 2016 flossen über 150 Millionen Euro in den Ausbau von Radwegen. Große Plätze wurden umgebaut: Die Place de la République verlor Fahrspuren und gewann Raum zum Verweilen.

1. September 2016: Der Tag, der alles veränderte

Am 1. September 2016 geschah etwas, das viele für unmöglich gehalten hatten: Zur Rentrée, der landesweiten Rückkehr in den Alltag, sperrte Paris 3,3 Kilometer der Voie Georges Pompidou, am rechten Seine-Ufer dauerhaft für den motorisierten Individualverkehr. Aus einer Stadtautobahn mitten durch Paris wurde über Nacht eine Fußgänger- und Radpromenade.

Heute flanieren dort, wo einst täglich Zehntausende Autos donnerten, Familien mit Kindern. Jogger drehen ihre Runden. Radfahrer gleiten vorbei. Die Seine ist wieder das, was sie immer hätte sein sollen: ein Ort zum Verweilen, nicht zum Durchrasen. Und gibt es mal wieder Smog, ist man mit dem Einheitsticket für die Zonen eins bis für fünf im gesamten ÖPNV-Netz von Paris für weniger Geld unterwegs als in Hamburg als mit einem Einzelticket im HVV.

Corona-Pandemie: Der Fahrrad-Katalysator

Die Corona-Pandemie beschleunigte diesen Wandel. 2020 baute Paris über Nacht provisorische Radstreifen – die coronapistes. Was aus der Not entstand, wurde zur Dauerlösung. Die Menschen nutzten die neuen Wege, sie liebten sie. Und so blieben die coronapistes und wurden zu permanenten Achsen ausgebaut.

Der Aufschrei war gewaltig. Pendler wüteten. Vorstadtbewohner fühlten sich ausgeschlossen. Aber Hidalgo blieb standhaft. Am 26. September erklärte der Pariser Rat die Sperrung als gemeinnützig. Politisch war die Schließung als dauerhaft angelegt. Rechtlich wurde die ursprüngliche Grundlage aber 2018 annulliert. Die Stadt erließ unmittelbar eine neue Regelung. Rechtssicher bestätigt wurde sie erst im Oktober 2018. Die Rives de Seine zwischen dem 1. und 4. Arrondissement waren dem motorisierten Verkehr für immer entzogen.

Rue de Rivoli: Vom Auto-Boulevard zur Rad-Autobahn

Die Rue de Rivoli, eine der wichtigsten Ost-West-Achsen von Paris, war jahrzehntelang eine Autostrecke. Heute ist sie eine Fahrradautobahn. Breite, physisch getrennte Radwege ziehen sich über Kilometer durch die Stadt. Der motorisierte Individualverkehr ist stark eingeschränkt – nur Busse, Taxis und Anlieger dürfen noch fahren.

Seit dem 30. August 2021 gilt in fast der gesamten Stadt Tempo 30, nur wenige Hauptverkehrsstraßen sind ausgenommen. Das Tempolimit auf dem Périphérique, der Ringautobahn, sank von 80 km/h auf 70 km/h, und beträgt seit den Olympischen Sommerspielen 2024 nur noch 50 km/h.

Wie Paris das Auto verdrängt

Gärten statt Parkplätze

Auch optisch verdrängt Paris den motorisierte Verkehr. Immer mehr Stellplätze wandeln sich zu pocket gardens, kleinen urbanen Gärten, oder Blühstreifen in der Mitte der Boulevards.

50 Prozent der oberirdischen Parkplätze sind bereits verschwunden. 70.000 Stellplätze insgesamt sind das Ziel – und damit der Verlust von 72 Prozent aller Straßenparkplätze. Immer mehr Straßen werden für den Autoverkehr gesperrt und in grüne Fußgängerzonen umgewandelt.

Teure Parkplätze

Paris macht das Parken immer komplizierter – und auch deutlich teurer. 2024 führte Paris eine drastische Parkgebührenerhöhung für schwere Fahrzeuge ab 1,6 Tonnen ein. Im Zentrum kostet eine Stunde Parken für SUVs und andere schwere Karossen nun 18 Euro – statt sechs Euro. Für sechs Stunden werden 225 Euro fällig – eine Verdreifachung des Preises.

Der Tarif gilt für Verbrenner und Hybride über 1,6 Tonnen sowie für Elektroautos über zwei Tonnen. Ausgenommen sind Anwohner, Handwerker und Menschen mit Behinderung. Das Signal ist eindeutig: Wer viel Raum beansprucht, viel wiegt und viel verschmutzt, zahlt mehr. Der Erfolg: Der Autobesitz der Pariser sank von 66 auf 35 Prozent. Im Februar 2024 hatte die Pariser darüber abgestimmt. Die Wahlbeteiligung war niedrig – aber knapp 55 Prozent stimmten zu. Im Oktober 2024 trat die Verordnung in Kraft.

Umweltzonen

2015 führt Paris seine Umweltzone ein. Ob jemand in die Stadt hinein darf, entscheidet seitdem die Einstufung des Fahrzeugs. Die Plakette Crit’Air bewertet Fahrzeuge nach Schadstoffen ein, von 0 (emissionsfrei) bis 5 (alte Diesel). In Frankreich sollten die Umweltzonen 2025 fallen. Das Verfassungsgericht kippte diese Abschaffung. Die Stadt will Benziner und Diesel bis 2030 loswerden – ohne sie zu verbieten.

Die Luft wird besser

Das Messnetz Airparif stellt fest: Die Luftbelastung in Paris sank zwischen 2012 und 2022 im Schnitt um 40 Prozent. Auf den Karten der Stickstoffdioxid-Belastung schrumpfen die roten Flächen von 2007 über 2016 bis 2024. Auf Achsen wie der Avenue de l’Opéra und dem Boulevard Henri-IV sanken die NO₂-Belastungen um rund 15 Prozent, auf dem Boulevard de Sébastopol um etwa 10 Prozent. Heute liegen nur noch der Boulevard Périphérique und die Autobahnen im kritischen Bereich.

Der Rückbau der Ringautobahn

Die Ringautobahn ist die letzte große Wunde – auch sie soll geheilt werden. 35 Kilometer lang, umarmt der Boulevard périphérique mit zwei getrennten Betreichen die Kernstadt – dem Périphérique intérieur (im Uhrzeigersinn) und extérieur (gegen den Uhrzeigersinn) mit jeweils bis zu vier Spuren und einer Gesamtbreite von rund 35 Metern die Kernstadt. Dabei berührt sie alle wichtigen Radialstraßen nach Paris. Bis zu 1,5 Millionen Fahrzeugen nutzen sie täglich.

Bis 2030 soll sie sich zu einem grünen Gürtel wandeln. 21 Kommunen und mehrere Départements planen mit. Ihre Visualisierungen zeigen, wie es künftig bei Gentilly im Süden oder Saint-Denis im Norden aussehen soll. Ein Vorhaben: die Begrünung der 21 Portes, die nach Paris führen – beispielsweise mit einem grünen Deckel wie in Hamburg auf der A7.

Schwammstadt Paris

Paris ist dicht gebaut. Neue Parks lassen sich kaum anlegen. Die Stadt öffnet daher ihre versiegelten Flächen. Paris Éponge, Schwammstadt Paris, heißt die Vision, Paris Pluie eines ihrer Konzepte: Regenwasser soll dort versickern, wo es fällt. Das entlastet die Kanäle und mildert die Hitze. Auch Bodennebel wie an der Place de la Bastille und Springbrunnen sollten Kühlung bringen. Und der Schatten der Bäume. Um zwei Prozent soll die Zahl der Baumkronen bis 2030 wachsen.

Vorzeigeviertel: Paris-Batignolles

Ein Vorzeigeviertel liegt im dicht besiedelten Norden, wo sich in Montmartre, La Goutte d’Or und La Chapelle mehr pro Quadratkilometer als in Manhattan drängen: 30.000! Hier entstand in Clichy-Batignolles auf dem Gelände eines Güterbahnhofs ein 54 Hektar großes Ökoquartier, das Regenwasser filtert und speichert. 100.000 Kubikmeter Regenwasser pro Jahr werden hier nicht mehr in die Kanalisation geleitet. Zehn Hektar davon nimmt allein der Parc Martin Luther King ein, der zu den größten Parks von Paris gehört. Ihn überragt, 160 Meter hoch, das Tribunal de Paris von Renzo Piano.

Der grüne Rathausplatz

Auch der Vorplatz des Rathauses wandelte sich. In den 1950er-Jahren war die Place de l‘Hôtel de Ville verkehrsumtost mit drei Spuren. Bis in die 1970er-Jahre diente der längliche Platz als Kreisverkehr. Staus und Abgase färbten die Rathausfassade schwarz. Heute erstreckt sich hier auf 2.500 Quadratmetern la petite forêt, ein kleiner Stadtwald mit 50 hohen und 100 niedrigen Bäumen, Farnen und Sträuchern: 20.000 Pflanzen, die Hitzeinseln vorzubeugen.

Gegen die Hitze hat Paris noch mehr im Repertoire. Hitzekarten zeigen, welche Arrondissements sich besonders aufheizen. Jeder darf sich kostenlos an Brunnen und Wassersäulen Trinkwasser zapfen. Nebelfontänen kühlen Plätze und Parks. Freistehende Rankgerüste, die canopées urbaines, spenden Schatten auf Plätzen.

Sogar die Schulhöfe werden grün. Weil Kinder am stärksten unter Hitze leiden, startete Paris 2018 mit EU-Förderung die Begrünung von Schulhöfen. Statt Asphalt gibt es Bäume, Wiesen und Hochbeete. Die Höfe öffnen sich nach dem Unterricht dem Viertel. Bis 2030 sollen, so die Stadt, 170.000 Bäume dazukommen.

Immer mehr grün Wände erobern die Fassden: am Musée du Quai Branly – und im Sentier. 250 Quadratmeter große ziert im 2. Arrondissement die Oasis d’Aboukir eine Hauswand – der erste vertikale Garten von Patrick Blanc, der so grün ist, dass er es selbst bei der Haarfarbe zeigt.

Baden in der Seine

1923 wurde das Schwimmen in der Seine verboten. Der Fluss war zur Kloake geworden. Das größte Problem war das Abwasser. Schmutz- und Regenwasser fließen durch dieselben Kanäle. Bei starkem Regen öffnen sich die Überläufe, und ungeklärtes Abwasser gelangt in den Fluss.

Für die Olympischen Spiele 2024 investierte die Region Île de France im Zuge der Programme Réinventer Paris und Réinventer la Seine rund 1,4 Milliarden Euro in die Abwassertechnik. Herzstück ist das Bassin d’Austerlitz. 50.000 Kubikmeter fasst das unterirdisches Speicherbecken – und damit genauso so viel wie 20 olympische Schwimmbecken. Bei Starkregen fängt es die Fluten auf und behandelt sie, ehe das Wasser in die Seine fließt.

Im Juli 2024 sprang Anne Hidalgo demonstrativ in den Fluss., 2025 durften alle Pariser wieder in der Seine baden. 102 Jahre seit ihrer Schließung eröffneten wieder Badestellen in der Seine, im Osten bei Bercy, Bras Marie im Marais und Grenelle nahe dem Eiffelturm. Und auch im Bassin de la Villette im Norden der Stadt ist der Sprung ins kühle Nass des Canal de l’Ourcq wieder möglich.

Der Preis des Wandels

Natürlich gibt es Widerstand. Der Abbau von Parkplätzen sorgt für Proteste. Pendler klagen über längere Fahrzeiten. Händler fürchten um Kunden. Bei Großprojekten gibt es öffentliche Auslegungen, digitale Plattformen, Workshops. Konflikte werden über Kompromisse und Monitoring adressiert.

Doch die Akzeptanz wächst. Die meisten Pariser haben kein eigenes Auto. Zwei Drittel sind autofrei. Sie profitieren vom Umbau – und von einer höheren Lebensqualität. Seit 2014 können die Pariser den Wandel mitgestalten – dank des Budget participatif. Bürger schlagen Projekte vor, stimmen ab, und die Stadt setzt sie um – Bänke, Schulhöfe, Gründächer, Spielplätze.

Die Schattenseite heißt Gentrifizierung. Wenn die Attraktivität wächst, steigen die Mieten. Wer sich die grüne Stadt nicht mehr leisten kann, wird verdrängt. Zum Beispiel in den einstigen Arbeitervierteln des Pariser Ostens. Nach der Aufwertung des Canal Saint-Martin explodierten die Mieten.

Ärmere Arrondissements, beispielsweise im Nordosten, sind enger bebaut, extrem hoch verdichtet,  haben weniger Grün, mehr Hitze, mehr Lärm. Paris bemüht sich um soziale Ausgleichsmaßnahmen. Blühende Street-Art ersetzt dort das Grün – wie in der Rue de Retrait von Ménilmontant im 20. Arrondissement.

Die 15-Minuten-Stadt

Zu den Zielen von Paris gehört auch die ville du quart d’heure – die 15-Minuten-Stadt. Alles Lebensnotwendige soll innerhalb von 15 Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar sein: Arbeit, Schule, Einkauf, Arzt, Park.
Es ist eine Vision der Nähe, der kurzen Wege, der Entschleunigung. Aber sie funktioniert nur, wenn Wohnen, Arbeiten und Leben für alle möglich sind – nicht nur für Gutverdiener.

Paris im Vergleich

Andere Städte gehen eigene Wege. Barcelona bündelt bis zu neun Häuserblöcke zu Superilles. Autos werden aus dem Innern verbannt, Kinder spielen auf der Straße. Eine Studie des Instituts ISGlobal rechnete aus, dass ein flächendeckendes Netz fast 700 vorzeitige Todesfälle pro Jahr verhindern könnte.

London setzt auf die ULEZ – eine Niedrigemissionszone, die seit 2019 sukzessive erweitert und seit 2023 für Groß-London 24/7 gilt (außer Weihnachten). Sie zielt auf Reduktion von Feinstaub und Stickoxiden ab. Automatische Kameras prüfen alle einfahrenden Fahrzeuge.

Paris kombiniert beides. Die Stadt wandelt Hauptachsen radikal um, macht Druck über Parkgebühren, Stellplatzrückbau und Crit’Air und bündelt sein Engagement in großflächigen Governance-Initiativen wie Plan Climat, ParisPluie und Biodiversitätsplan). Dieses Gesamtpaket ist in seiner Konsequenz europaweit einmallig.

Futuristische Visionen

Vincent Callebaut denkt noch weiter – und hat seinen Visionen für Paris Smart City 2050 vorgestellt. Der Belgier will Paris in einen grünen Garten Eden verwandeln. Callebaut hat sich mit seinen futuristischen, auf Nachhaltigkeit, Menschen- und Umweltfreundlichkeit fokussierten Projekten weltweit längst einen Namen als führender Archibiotect gemacht – eine (ursprünglich von ihm selbst geprägte) Bezeichnung, der er immer wieder mit preisgekrönten Bauwerken in aller Welt gerecht wird. Sein Credo:

Ich will Hoffnung für ein besseres Morgen schaffen.“

Vincent Callebaut