So viel Frankreich steckt in … Hamburg

Blick auf Hamburg mit den Landungsbrücken
Blick auf Hamburg mit den Landungsbrücken

Quelle merde! Auch dieser Versuch, das Croissant für die Soldaten der Truppen Napoléons nachzubacken, war gründlich daneben gegangen. Trotz des richtigen Rezeptes geriet der Plunderteig wieder einmal sehr nordisch. Nicht pludrig und luftig, sondern buttrig schwer.

Wütend schlug der Bäcker mit der Hand auf das missratene Backwerk. Um das Unglück zu kaschieren, bestreute er es mit einer Zucker-Zimt-Mischung: Voilà, das Franzbrötchen war geboren.

Ob’s stimmt? Eine schöne Legende ist es allemal, und äußerst lecker überdies. 1806 – 1814 gehörte Hamburg als „bonne ville de l’Empire français“ im Département des Bouches de l’Elbe zu Frankreich. Doch die Beziehungen reichen viel weiter zurück als die Hamburger „Franzosenzeit“.

Der süffige Hamburger Rotspon

Bereits 13. Jahrhundert brachten Hansekoggen junge Bordeauxweine von der Atlantikküste an die Elbe. Von der Seereise erholte sich der Wein im Oxen-Fass in Hamburgs Kellern. Dieser Rotspon mundete auch den napoleonischen Truppen im Norden viel besser als das Hamburger Bier.

Nachdem Ludwig XIV das Toleranzedikt von Nantes widerrufen hatte, waren ab 1685 viele Hugenotten nach Hamburg geflüchtet. Unter ihnen war 1737 auch Charles Sarry, der mit der Loge d’Hambourg die Freimauerei in Hamburg begründete.

Hugenotten haben Hamburg Jahrhunderte lang geprägt: Alexis de Chateauneuf gestaltete ab 1842 das Herz Hamburgs rund um die Kleine Alster. Chérie Maurice gründete 1843 das Thalia Theater.

Hamburger Rotspon. Foto: mit freundlicher Genehmigung von florian@librito.de

Französische Lebenslust an der Elbe

1799 brachte der emigrierte Adlige Augustin Lancelot de Quatre Barbes einen Hauch von Paris an die Alster und eröffnete den Alsterpavillon, bis heute eines der beliebtesten Lokale an der Binnenalster.

Der vor den Schergen der Französischen Revolution geflohene Oberst Rainville gründete an der Elbe die Rainville-Terrasse, wo tout Hambourg tanzte, ein anderer Emigrant das Hotel.

Am 30. Mai endete die Franzosenzeit in Hamburg, die viele Hamburger als Schreckenszeit erleben. Als Hammonia 1842 brannte, ein Drittel der Stadt Opfer der Flammen wurde, war es Frankreich, das half – vor allem Paris und Marseille.

60 Jahre Hamburg-Marseille

1958 schlossen die beiden Hafenstädte einen Partnerschaftsvertrag. 2018 feierten Marseille und Hamburg den 60. Geburtstag ihrer Freundschaft ein ganzes Jahr.

Den Auftakt machte das Festival arabesques, das für sein siebtes Jahr als Motto „Gegenwelten – repenser le monde“ gewählt hatte. Alljährlich am Tag der deutsch-französischen Freundschaft, dem 22. Januar wird seit 2011eröffnet – und feiert fünf Wochen lang die vielen Facetten der deutsch-französische Kultur in der Metropolregion Hamburg. Mit dabei ist stets das von Nicolas Thiébaud gegründete Ensemble arabesques.

arabesques – das deutsch-französische Kulturfestival. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Barbara Barberon-Zimmermann, Intendantin arabesques.

Der Hamburger Schnack

Das Französische hat in Hamburg bis heute viele Bereiche gedrungen. Die hanseatische Lebensart schätzt die Eleganz der Franzosen; in den besseren Kreisen spricht man Hausangestellte mit Vornamen und Sie an. Die berühmte Hamburger „Schnauze“ hat viele Redewendungen und Ausdrücke aus dem Französischen verballhornt und in ihr Missingsch integriert.

Auf dem „Auf dem Kiwiw sein“, der typisch Hamburger Ausdruck für „aufpassen“, geht zurück auf die Frage der Wachsoldaten: „Qui vive – wer da?“. Zur Franzosenzeit sollen die Soldaten die schönen Hamburgerinnen in ihr Zelt eingeladen haben: Voulez-vous visiter ma tente? Erschrocken hätten die Eltern ihre Mädchen ermahnt, keine „Fise ma tenten“, sprich, keinen Unsinn zu machen…

„Mit Zisslaweng“, mit viel Schwung, wie der Wind, entstand diese Redensart aus „Entre la zist et le vent“ .Doch ist der Kaffee eine „Plörre“, und damit so dünn wie in der Besatzungszeit, kann man nur „pleurer“, weinen.Und wer hätte geahnt, dass auch „Ätschibätsch“ aus dem „Vous êtes si bête“ entstanden ist?

Hamburg & Frankreich: das rockt!

Frankreich ist auch immer wieder Partnerland des Reeperbahn Festivals. Alljährlich im September präsentiert dann What the France auf Europas größtem Clubfestival Bands und Solokünstler aus Frankreich.

 

Hamburg & Frankreich: Was für Verbindungen!

Institut Français Hamburg

Seit 1951 fördert das Institut français de Hambourg die deutsch-französischen Beziehungen mit Sprachkursen und Sprachzertifikaten, Kulturveranstaltungen, Beratung und einer gut sortierten Mediathek.

1959/1960 war Michel Foucault Leiter des Instituts und schrieb dort nach dem Tagesgeschäft den Großteil seiner Dissertation, die 1961 unter dem Titel „Folie et déraison. Histoire de la folie à l’âge classique“ (dt. Wahnsinn und Gesellschaft) erschien.

Der Philosoph und Psychologe thematisierte darin die Geschichte des Wahnsinns und geist die sozialen Mechanismen bei der Abgrenzung von geistiger Gesundheit und Krankheit. Am 12. Juni 2019 enthüllte Generalkonsul Laurent Toulouse eine Gedenktafel für Foucault, die seitdem die Fassade des Generalkonsulats und Institut français an der Heimhuder Straße 55 ziert.
https://hamburg.institutfrancais.de

Bürgeraustausch

Nach 2013 und 2015 fand 2018 der mittlerweile dritten Bürgeraustausch statt – initiiert von der DFG Cluny e.V. und der Maison Allemande Marseille.

Schüleraustausch

Über das Brigitte-Sauzay-Programm des Deutsch-Französischen Jugendwerkes (DFJW) können Schülerinnen und Schüler Hamburger Stadtteilschulen und Gymnasien drei Monate lang rund um Toulouse und Marseille/Aix-en-Provence die Schule besuchen, mit dem Voltaire-Programm des DFJW sogar sechs Monate lang.

Abibac

An den drei bilingualen Gymnasien Osterbek, Othmarschen und Süderelbe sowie an der französischen Auslandsschule Lycée Français de Hambourg (LFH, ab 2020/2021 Deutsch-Französisches Gymnasium) kann mit dem Abibac gleichzeitig ein französisches und ein deutsches Abitur abgelegt werden.

Club d’Affaires Franco-Allemand (Amicale de Hambourg e.V.)

Wer aktiv im wirtschaftlichen Austausch mit Franzosen steht oder mit ihnen beruflich zu tun hat, findet hier ein Forum für Austausch. Geboten wird ein anspruchsvolles Programm mit Vorträgen zu aktuellen Themen aus Wirtschaft und Politik mit anschließendem gemütlichen Zusammensein oder Dîner. Amicale de Hambourg ist Mitglied des französischen Netzwerkes CAFA, das 20 Businessclubs in beiden Ländern umfasst.
www.cafa-hambourg.de

Cluny e.V (Hamburg)

Seit 1947 fördert die älteste deutsch-französische Gesellschaft von Hamburg aus die bilaterale Freundschaft im Rahmen einer gesamteuropäischen Entwicklung. Cluny veranstaltet Vorträge über Politik, Wirtschaft und Kultur, organisiert Studien- und Austauschfahrten nach Frankreich und die Städtepartnerschaft mit Marseille. Der jährlich vergebene Prix Cluny ehrt herausragende Leistungen Hamburger Schülerinnen und Schüler im Fach Französisch.
https://cluny.de

CoPeCo

Die Hamburger Hochschule für Musik und Theater  und das Conservatoire National Supérieur Musique et Danse de Lyon gründeten vor einigen Jahren einen europaweit einzigartigen Studiengang für zeitgenössische Musikaufführung und -komposition, der heute als Master-Studiengang https://cluny.de mittlerweile vier Hochschule umfasst. Auch die Eesti Muusika- ja Teatriakadeemia in Tallin und die Kungliga Musikhögskolan i Stockholm gehören inzwischen dem Pilotprojekt an.
http://copeco.net

Deutsch-Französisches Gymnasium

Das neue Deutsch-Französische Gymnasium nimmt zum Schuljahr 2020/21 erstmals Schülerinnen und Schüler für die fünfte Klasse auf. Die neue Schule folgt dem bilingualen pädagogischen Konzept der DFGs in Freiburg, Saarbrücken und Buc (Frankreich). Sie übernimmt damit den Sekundärbereich des Lycée Français de Hambourg Étienne Saint-Exupéry, das 1987 aus dem Zusammenschluss der „Französischen Schule“ und der „Deutsch-Französischen Schule e.V.“ hervorgegangen war.
https://dfg-lfa.hamburg.de

Français du Monde ADFE Hambourg

Seit 2011 gibt es auch in Hamburg eine Ortsgruppe des gemeinnützigen Vereins Français du Monde – AdFE für Franzosen, die in der Hansestadt leben und arbeiten. Ziel ist neben der Vernetzung und dem Austausch von Infos über Kultur, Politik, Wirtschaft und Soziales in Frankreich, auch eine vertiefte Bindung zum Gastland. Zum Angebot gehören neben der Arbeitsvermittlung auch gemeinsame Brunch-Treffen sowie Sprachkurse für Kinder.
https://francais-du-monde-hambourg.com

Hamburg – Bordeaux

Älter als der Elysée-Vertrag (1963) ist die Unipatenschaft von Hamburg mit Bordeaux, die bereits 1957 begründet wurde.

HamburgAmbassador

Angela Reverdin-Gabriel in Marseille, Katharina Scriba in Paris und Dieter Kästner in Toulouse: Als ehrenamtliche Repräsentanten der Hansestadt in Frankreich engagiert sich das Trio in ihrem jeweiligen persönlichen wie beruflichen Umfeld für den Ausbau der Beziehungen zwischen Frankreich und
https://marketing.hamburg.de/hamburgambassadors.html

Hambourg Accueil

Herzlich willkommen und bienvenue: So begrüßt 1989 der Verein Hambourg Accueil mit seinen Mitgliedern französische Neuankömmlinge in Hamburg  und hilft bei der Integration mit geselligen Treffen, Tanz und viel Kultur. Gesellschaftlicher Höhepunkt im Jahreslauf ist der Bal de l’Amitié Franco-Allemande/Ball der deutsch-französischen Freundschaft im April.
www.hhaccueil.com

 

Mon Hambourg

Florence Coantic ist Bretonin, stolz auf ihre doppelte Staatsbürgerschaft und ihre beiden Jungs – und Gründerin und Autorin von monhambourg.de. Dort bloggt die Hamburgerin mit französischen Wurzeln zweisprachig zu allen Themen, die ihre Wahlheimat und die deutsch-französische Lebensart der Hansestadt betreffen. Sehr lesenswert!
www.monhambourg.de

Perspectives Francophones

Der Blog der romanistischen Seminars der Universität Hamburg verbindet Unterhaltung und Information mit Sprachtraining und Frankreichwissen. Neben  Ankündigungen von Konzerten, Lesungen oder anderen Veranstaltungen auf Französisch in Hamburg sind auf der Seite auch Grammatikübungen und Artikel zu aktuellen Themen aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft zu finden.
https://perspectives-francophones.blogs.uni-hamburg.de

Hamburg – Frankreich: ein paar Fakten & Zahlen

• Frankreich ist vor China, den Niederlanden, Großbritannien und den USA Hamburgs wichtigster Handelspartner. Die Exporte aus Hamburg nach Frankreich erreichen jährlich rund 10,7 Mrd. Euro, die Importe 13,9 Mrd. Euro.

• Fast 1.500 Hamburger Unternehmen stehen in wirtschaftlichen Beziehungen zu Frankreich. 150 davon sind mit Niederlassungen oder Produktionsstätten in Frankreich vertreten oder beteiligen sich an deutsch-französischen Joint-Ventures.

• Zu den wichtigsten französische Firmen  in Hamburg gehört mit  der Compagnie Générale Maritime (CGM) die größte Reederei Frankreichs. Der Kreditversicherer Euler Hermes SA beschäftigt in seiner Hamburger Hauptverwaltung mehr als 1.000 Mitarbeiter.

Bereits seit Beginn der 1980er-Jahre ist JCDecaux, das weltweit größte Unternehmen für Außenwerbung, in Hamburg aktiv. Airbus machte mit drei Fertigungsstätten in der Metropolregion Hamburg zum drittgrößten Standort der Luftfahrt.

• Rund 4000 Franzosen leben in Hamburg

• 89 Erasmus-Programme bestehen zwischen Hamburger Hochschulen und französischen Universitäten.


Wie viel Frankreich steckt in Deutschland? Das verrät euch meine neue Blogparade, die in Kooperation mit der Vereinigung der Deutsch-Französischen Gesellschaften für Europa (VDFG) das Jahr der Frankophonie 2018 begleitet. Alle bisherigen Beiträge findet ihr hier.

Ihr wollt, dass ich auch eure Stadt und ihre Verbindungen mit Frankreich vorstelle? Dann schreibt mir eine Mail! Ich freue mich auf ganz viele Tipps und Infos. Und sage: MERCI!

20 Jahre Lycée Français de Hambourg. Foto: Hilke Maunder

 

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19 Kommentare

  1. Hallo Hilke, ich kann dir noch das Eclair auf Café empfehlen. Seine Inhaberin war 2008 in Paris, lernte dort richtig französisch zu backen und hat in Hamburg inzwischen mehrere französisch inspirierte Cafés und Boulangeries. Bises! Claire

  2. Liebe Hilke,
    vielen Dank für diesen schönen Überblick. Hier noch zwei Tipps für alle Hamburger, die französische Chansons lieben: „Les Cousins Germains“ (http://www.cousins-germains.de) und „Les Benoîts“ (https://de-de.facebook.com/Lesbenoits) – beides französisch-deutsche Ensembles, die in Hamburg leben und mit Swing und eigenwilligen Kompositionen dem klassischen Chanson einen frischen Anstrich verpassen. Unbedingt zu empfehlen!

    • Liebe Regine,
      ganz lieben Dank für diese beiden tollen Tipps! Les Benoits hatte ich beim Festival arabesques 2017 in Hamburg erlebt. Schön, dass sie immer noch musizieren und auftreten! Bises, Hilke

  3. Bonjour liebe Hilke,
    sehr schöner Artikel und wieder etwas dazugelernt!
    Einer meiner Lieblingsplätze in Hamburg, wenn ich Frankreich vermisse, ist die Brasserie la Provence. Sehr französisch und sehr gemütlich! Naja, deswegen bin ich wohl auch Genuss-Reiseveranstalter geworden …

    • Bonjour, liebe Antje, ganz lieben Dank für diesen Tipp – hab die Brasserie in der Eulenstraße gleich im Web mal angeschaut und auf meine „Das muss ich mal ausprobieren“-Liste gesetzt. Sieht ja richtig schön aus mit den tiefroten Wänden, den Kerzen und der Kunst! Merci für diesen Tipp!

  4. Hallo, wir gehen gerne ins Mirabelle an der Bundesstraße essen. Dort kocht Pierre, ein waschechter Franzose. Wir sind da seit Jahren Stammgäste, und sind jedes Mal begeistert. Und für ein paar Stunden bei jedem Happen im Süden.

  5. Bonjour, ich möchte Sie auf unser neues Hotel hinweisen, das Hort des Savoir-Vivre in Hamburg ist: La Tortue. Als Hamburg, olala, zwischen 1806 und 1814 ein Departement von Paris war, logierte in dem historischen Quartier kein geringerer als Napoleon. Er und die Seinen haben den Hamburgern nicht nur die Inspiration für das Franzbrötchen mitgebracht, nicht nur Chausseen, Bellevues und Palais, sondern auch eine Idee von jenem weltberühmten Savoir-vivre, das unser Haus heute kultiviert. Den Namen TORTUE HAMBURG (franz. „Schildkröte“) hat das Hotel gut gekleideten Dandys in Zeiten Napoleons zu verdanken. Damals flanierten diese Herren auf den Hamburger Prachtmeilen mit Schildkröten an der Leine als Zeichen für den puren Luxus: Zeit zu haben. Ein Tipp für Ihre Leser!

  6. Bonjour Hilke,
    vielen Dank für die vielfältigen und interessanten Tipps und Anregungen zu diesem Thema. Als Hamburgerin kenne ich bereits einige Institutionen, aber das soviel Frankreich in Hamburg steckt, das wusste ich nicht. Das ist klasse, denn wenn das Fernweh Richtung France aufkeimt und die bevorstehende Reise noch ein bisschen hin ist, werde ich die Zeit damit gut in Hamburg überbrücken können. Ich freue mich auf weitere Informationen zu diesem Thema auf deinem Blog. Claudine

  7. Hallo,
    unsere Stadt (Ansbach) hat mit Anglet seit 2018 eine 50 jährige Partnerschaft.
    Unser Verein Angletclub.de ist seit letzten Jahr 30 Jahre tätig, wir hatten 2017 den 22. Weihnachtsmarkt in Anglet.
    Für weitere Fragen einfach melden.
    Mit freundlichen Grüßen.
    Helmut Schmelzer

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