Schonend: An den Hautes Côtes de Beaune pressen Winzerinnen wie Agnès Paquet die Trauben wie einst vorsichtig mit den Füßen. Foto: Hilke Maunder

Hautes Côtes de Beaune: das andere Burgund

In den Hautes Côtes de Beaune wächst Burgund nach oben. Und präsentiert sich aufregend anders.

Unten. Da beginnen die meisten ihre Weinreise durch Burgund. Wer Beaune gen Süden verlässt, erreicht an der Route des Grands Crus berühmte Namen, die dicht beieinander liegen: Meursault, Pommard, Volnay, Montrachet. Die Reben ziehen sich über die Hänge. Dahinter beginnt der Horizont. Auch gen Norden zeigt die Côte d’Or ihr vertrautes Gesicht und berühmte Namen: Nuits-Saint-Georges, Vosne-Romanée, Vougeot.

Doch wer Beaune nach Westen verlässt, erlebt ein anderes Burgund. Die Landschaft wird weiter. Die Dörfer werden kleiner. Zwischen Reben liegen Wiesen und Wälder. Kalkstein tritt aus den Hängen. Über den Tälern stehen Felsen. Die Hautes Côtes de Beaune machen ihrem Namen alle Ehre – und thront mit stilem Stolz oberhalb der berühmten Weinlagen der Côte de Beaune.

Rund zwanzig Dörfer haben ihre Weinberge an den günstigsten Hängen angelegt. Hier oben ist Burgund weniger geschniegelt. Und nicht nur die Landschaft ist hier deutlich offener. Sondern, so scheint es mir, sind es auch die Menschen. Und vielleicht gerade deshalb besonders interessant.

Nolay: pittoresk mit Patina

Nolay ist das versteckte Juwel der Hautes Côtes de Beaune und verzaubert mit seinem historischen Charme und seiner entspannten Atmosphäre. Es macht einfach Spaß, über das Kopfsteinpflaster zu schlendern und Gebäude, Boutiquen und beeindruckende Architektur zu entdecken.

Place Monge: die gute Stube von Nolay

Besonders pittoresk präsentiert sich die Place Monge mit Brasserie, Bar, Brunnen und der Werkstatt der Buntglasmalerin Izabela Ozieblowska. In ihrer Mitte erhebt sich die gotische Kirche Saint-Martin mit kunstvollen Schnitzereien und Buntglasfenstern.

Ein kurzer Fußweg führt zur Halle aux Grains, einer der wenigen erhaltenen mittelalterlichen Markthallen in Burgund. Ihre massive Konstruktion aus Kastanienholzbalken trägt ein imposantes Dach aus flach gehauenen Kalksteinen. „Burgund-Löwen“ (lions de Bourgogne) heißen sie. Rund 600 Kilogramm bringt jeder einzelne Quadratmeter des Daches auf die Waage!

Jeden Dienstag belebt ein bunter Wochenmarkt mit lokalen Erzeugern und Produzenten die wahrhaft filmreife Kulisse. Wer von dort weiter durch die verkehrsberuhigten Gassen bummelt, erblickt zwischen farbigem Fachwerk und weißem Putz immer wieder ganz besondere Stadthäuser wie die Maison à Bossages aus dem Jahr 1562, die Maison aux Multiples Lucarnes mit ihren vielen Fenstern oder die säulenreiche Maison à Colonnes.

Die Heimat von Lazare Carnot

Kurios ist auch die kleine Chapelle Saint-Pierre mit ihrem offenen Glockenturm am Rand der Altstadt. In der Rue Saint-Quentin erinnert ein Denkmal an den berühmten Sohn von Nolay: Lazare Carnot. Zuerst Kriegs-, dann Innenminister unter Napoleon I., floh er nach dem Sturz des Kaisers nach Preußen, wo er zunächst in Wernigerode lebte und 1823 in Magdeburg verstarb.

Jeder Stein erzählt solch spannende Geschichten in Nolay und ist Etappe auf einem markierten Rundweg, der zu den schönsten Stätten führt. Und so steht man dann auch im versteckten Innenhof der Maison des Tanneurs, der über die Galerie Espéranto zu erreichen ist, und staunt.

Sanft gewellt ist das Land rund um Nolay, übersät mit Weinbergen, die hier nicht ummauert sind wie im Tal, sondern offen. Und genauso zeigt sich auch Agnès Paquet.

Méloisey: mit beiden Füßen an die Spitze

Nach einem ungewöhnlich langen, warmen Sommer hat es im späten August einen Tag lang ergiebig geregnet, und die Trauben voller Süße sogen begierig jeden Tropfen auf. „Am nächsten Morgen haben wir in aller Frühe die Lese begonnen“, erzählt Agnès Paquet am Sortierband, das im Hof aufgestellt ist.

Sechs junge Frauen helfen ihr bei der Handauslese auf der Rüttelmaschine, die die Trauben zu einem Förderband transportiert und hinauf in einen Separierer, der die Beeren von den Stielen trennt. Frauen im Weinbau: Als Agnès im Jahr 2000 in Méloisey ihr Weingut eröffnete, war dies noch ungewöhnlich.

Frauen auf dem Vormarsch

„Damals war Wein eine Männerdomäne. Das beginnt sich heute langsam zu ändern. Früher war es nicht vorstellbar, dass eine Frau ein Weingut führt«“ erzählt die Winzerin, kostet eine Pinot-noir-Beere auf dem Rüttler und lächelt zufrieden, da rollt schon der nächste Laster an, randvoll beladen mit Kästen der Lese.

Agnès ist die erste vigneronne in ihrer Familie. Zwar besaßen die Großeltern eine fünf Hektar große Parzelle, die damals verpachtet war. Doch ihre Eltern hatten einen Malerbetrieb. Agnès arbeitete zunächst im Weinhandel, machte dann eine Grundausbildung als Winzerin und eignete sich das Handwerk durch learning by doing von der Pike auf an.

Traubenlese per Hand

Ihre insgesamt 13 Hektar Parzellen befinden sich in den Appellationen Bourgogne Aligoté, Hautes Côtes de Beaune, Pommard, Chassagne-Montrachet, Saint-Aubin Premier Cru Les Perrières sowie in Auxey-Duresses, das mit fünf Hektar fast 40 Prozent ihrer Weinbergfläche stellt.

Nach jahrelangem Herumprobieren im biologischen Anbau entschloss sich Agnès 2019 zur Écocert-Zertifizierung. 2021 war der erste Jahrgang, der als Biowein das Siegel AB erhielt. Während in den Dorflagen der Côte d’Or hochbeinige Erntemaschinen die Trauben abgreifen, erfolgt bei Agnès die Weinlese von Hand in kleinen Kisten von zwölf Kilogramm für die Rotweine.

Füße, marsch!

Nach dem Sortieren auf dem Rütteltisch beginnt die Arbeit der Hefen in den Tanks. Den Einsatz von Schwefeldioxid (SO₂) und Chaptalisation, die Erhöhung des Alkoholgehalts durch Zuckerzugabe, hat Agnès auf ein absolutes Minimum reduziert. Rund eine Woche nach der Ernte steigt Agnès mit ihrem Team in die Tanks und tritt im rhythmischen Auf und Ab die Trauben. „Das ist viel sanfter als das mechanische Pressen und verhindert, dass die Kerne aufbrechen und bittere Noten beifügen“, sagt sie.

Gärung in Stahl, Ausbau in Eiche

Die alkoholische und malolaktische Gärung der Weißweine erfolgt in Fässern während einer Reifezeit von elf bis 18 Monaten, je nach Jahrgang und Cuvée. Die Vinifizierung der Rotweine erfolgt in Betontanks und dauert 15 bis 20 Tage, wobei abhängig von der Cuvée ein Anteil der gesamten Weinlese verwendet wird. Danach erfolgt der Ausbau in Eichenfässern für zehn bis zwölf Monate, je nach Jahrgang und Cuvée. 15 bis 30 Prozent der Fässer sind dabei neu.

Ganz traditionell werden sie nicht nur mit Metallbändern zusammengehalten, sondern auch mit Holzreifen. »Das schont die Hände beim Rollen«, erzählt Agnès, „und ist typisch burgundisch.“

Dann greift sie zur Pipette und taucht sie in den Wein des Vorjahres. In hellem Gold leuchtet die Patience 14 im Glas. Agnès komponierte diese Cuvée aus der Rebsorte Chardonnay von 85 Jahre alten Weinstöcken. Zwölf Monate lang reift sie in 350-Liter-Fässern, dann weitere vier Monate in Tanks. Ich darf probieren: ein großartiger Weißwein aus Auxey-Duresses!

Mavilly-Mandelot: der Riesensprung Pas de Saint-Martin

Nur zwei Kilometer nördlich verstecken sich zwischen den Wiesen und Wäldern, Weinbergen und Weilern der Hautes Côtes de Beaune die beiden malerischen Dörfer Mavilly und Mandelot. Bereits 1929 wurden sie zum Doppelort vereint. Dennoch haben sie ihren Charakter bewahrt.

Beide sind uralte kleine Bauerndörfer, nicht aufgehübscht, aber äußerst malerisch, nicht touristisch entwickelt, sondern ursprünglich und authentisch, geprägt vom Weinbau, dem Wechsel der Jahreszeiten und dem Wetter. Hier ist Burgund noch ganz echt und unverfälscht. Und zugleich sehr typisch. Vom Schloss genannten feudalen Gutshaus in Mandelot bis zur Pfarrkirche Saint-Martin mit ihrem Glockenturm ohne Turmspitze, dem Kalvarienberg aus dem 16. Jahrhundert und dem Kriegerdenkmal mit den Insignien der Republik.

Domaine Dandelion: Bioweine mit Finesse

Wenige Schritte entfernt übernahm Morgane Seuillot im Jahr 2016 den Domaine Dandelion, pflanzte neue Reben und arbeitet seitdem mit ihrem Partner Christian Knott, ehemals Kellermeister bei Chandon de Briailles, im Weinberg wie im Keller so natürlich wie möglich. Ihr Lohn: ausgewogene Bioweine mit Finesse.

Immer öfter erzählen die alten Weindörfer in Burgund solche Geschichten von Aufbruch und nachhaltigem Wandel. Jeder Stein, jede Krume im ländlichen Burgund ist mit Geschichten getränkt, die Leben und Landschaft erklären. So wie der Pas de Saint-Martin.

Der heilige Martin

Der Legende nach predigte der heilige Martin im 4. und 5. Jahrhundert in der Region. In den Feldern von Mavilly soll sich ihm plötzlich der Teufel entgegenstellt haben. Auf einem Maultier floh der Heilige den Berg hinauf. Der Dämon trieb sie auf einer Klippe in die Enge – ganz in der Nähe des Einsturzes, der heute als Pas de Saint-Martin bekannt ist.

Von dort aus soll das Maultier das weite Tal des Ruisseau de la Combe in einem einzigen Satz überquert haben. Bis heute erinnert der Abdruck einer Hufe im Stein an diese rettende Heldentat. Der Pas de Saint-Martin versteckt sich zwischen Bouze-les-Beaune, Nantoux und Mavilly-Mandelot. Mehrere Wanderwege führen dorthin und eröffnen herrliche Ausblicke auf das sanft gewellte Weinland.

Orches: auf der Klippe

Bislang zeigten sich die Hautes Côtes de Beaune weit, offen und sanft. Doch jetzt wird sie schroff. Zwischen Baubigny, Orches und Saint-Romain ragt plötzlich eine Kalksteinklippe aus dem Grün und stellt sich dem Rebenmeer der Hautes Côtes de Beaune entgegen. Die 20 bis 40 Meter hohen Felsen geben der Landschaft eine Härte, die man zwischen den Weinbergen nicht erwartet.

Ihre Entstehung reicht weit zurück. Nach dem jeweiligen Ort Falaise de Baubigny. Falaise d’Orches oder Falaise de Saint-Romain genannt, entstanden diese Klippen vor etwa 170 Millionen Jahren, als das Gebiet von einem Meer bedeckt war. Im Laufe der Zeit verdunstete das Meer und hinterließ eine dicke Schicht Kalkstein. Wind und Wetter erodierten ihn und formten so die Steilstufe. Mehrere Wanderwege führen hinauf.

Wandern oder klettern?

Der einfachste Weg ist der Wanderweg vom Dorf Baubigny aus. Der Weg ist etwa zwei Kilometer lang und dauert rund eine Stunde. Kletterer finden Routen für alle Schwierigkeitsgrade. Sehr geliebt ist die Kalkklippe auch bei Paraglidern, und es ist einfach herrlich, ihnen beim Wandern oder Picknicken zuzuschauen, wie sie so durch die Lüfte schweben und Burgund von oben genießen.

Beste Aussichten gibt es auch für alle, die oben auf der Klippe angekommen sind. Am Orientierungstisch liegt einem das Land zu Füßen als Puzzle aus Weinbergen und Weizenfeldern, Klippen und kleinen Dörfern mit steilen Dächern und roten Dachziegeln. Bei gutem Wetter ist sogar der Mont Blanc zu sehen.

Der Felsen-Pfad

Hoch oben auf der Klippe verläuft der Felsenpfad. Exakt 14,16 Kilometer folgt er der Klippe, entlockt immer wieder ein Ah und Oh – und verläuft doch deutlich mehr auf und ab, als der Name zunächst vermuten lässt. 581 Höhenmeter überwindet die Route, die als mittelschwer eingestuft und gelb markiert ist. Fünf Stunden sollte man für diese Wanderung schon veranschlagen, zumal, wenn Pausen zum Picknicken oder Rasten eingeplant sind. Sehr familienfreundlich: Der 15 Kilometer lange Weg kann bei Wanderungen mit dem Nachwuchs auch um die Hälfte verkürzt werden!

Wer lieber digital als mit IGN-Kartenblatt in der Hand wandern, kann die App Balades en Bourgogne herunterladen und so noch viele weitere tolle Wanderungen im Département Côte-d‘Or finden – wie das mittelalterliche Dorf Dracy am Fuße der Klippe, das aufgegeben wurde und heute nur noch eine Ruine im Wald ist.

Oder La Rochepot, das Neuschwanstein Burgunds, das auf eine Festung aus dem 12. Jahrhundert zurückgeht. Im 15. Jahrhundert kam die Anlage an die einflussreiche Familie Pot, vor allem an Régnier Pot und seinen Enkel Philippe Pot. Nach ihnen ist der Ort benannt. Nach der Französischen Revolution verfallen, kaufte die Familie Carnot im späten 19. Jahrhundert die Ruine. Der Sohn des französischen Präsidenten, Sadi Carnot, ließ die Burg von Grund auf neugotisch wieder aufbauen und schuf einen Bau, der schon von weitem verzaubert.

Burgund über Burgund

Vielleicht liegt genau darin die besondere Qualität der Hautes Côtes de Beaune. Sie sind keine Kopie der Côte de Beaune. Sie sind ihre höhere, rauere und offenere Schwester. Unten liegen die großen Namen.

Oben beginnt eine Landschaft, die mehr Platz lässt. Für Wälder. Felder. Felsen. Für kleine Dörfer. Und für einen Weinbau, der sich neu erfindet – und gerade erst richtig sichtbar wird. Wie Agnès Paquet, die für ihre Weine immer neue und prestigeträchtigere Preise einheimst.

Les Hautes Côtes de Beaune: meine Reise-Tipps

Schlemmen und genießen

La Table de Pauline

Genussvoll speisen und trinken auf dem Weingut Domaine Charles Père & Fille.
• 9, rue du Pichot, 21190 Nantoux, Tel. mobil 06 72 82 38 72, www.domaine-charles.com

Bistro des Falaises

• Place de la Mairie, 21190 Saint-Romain, Tel.. mobil 06 72 67 99 11

Au tire-bouchon

Rot-weiß karierte Tischdecken, Holzstühle und Lederbänke, unverputzter Backstein im Gewölbe, : Hier kommen rustikale cuisine du terroir und französisce Klassiker wie steak-frites aus der Küche.
• 73, rue de la République, 21340 Nolay, Tel. 03 80 21 74 62

Brasserie des Halles

Hier könnt ihr auf der Terrasse gegenüber der imposanten Markthalle nicht nur ein frisch gezapftes Bier oder einen Burgunderwein genießen, sondern auch eine typisch burgundische Schneckenpfanne!
• 11, place Monge, 21340 Nolay, Tel. 03 80 20 64 40, https://labrasseriedeshalles.fr

Hier könnt ihr schlafen*

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