Wahrzeichen des Wiederaufbaus: Église Saint-Joseph

Wie ein Leuchtturm, ein Signal der Hoffnung, thront die Église Saint-Joseph du Havre über der Hafenstadt Le Havre am rechten Ufer der Seine. Erbaut wurde sie von einem Belgier, der in Frankreich als Wegbereiter der modernen Architektur und Meister des Eisenbetonbaus gilt: Auguste Perret (1874 – 1954).

Mit einem Team aus 60 Architekten baute er die nach Kriegsende auf 133 Hektar das fast völlig zerstörte Stadtzentrum wieder auf, entwarf breite Boulevards und lange Straßenachsen, die Bauten in Beton säumten, getönt mit Sand und Ziegelschutt. Vorbild für die ab 1951 erbaute Église Saint-Joseph war ein nicht verwirklichtes Basilika-Projekt Perrets für Paris.

Farbig verzauberter Beton

Ihr 110 m hoher Turm wurde nach Perrets Tod 1957 von Georges Brochard und Raymond Audigier vollendet. Ebenfalls am Kirchenbau beteiligt war Jacques Poirrier mit einem achteckigen Turmhelm. Durch Glasfenster in sieben Farben gelb, orange, rot, lila, blau, grün, weiß – und 50 Schattierungen fällt das Sonnenlicht und lässt farbige Quadrate über die puristische Fassade gleiten – unten in satten, dunklen Tönen, zur Spitze immer heller werdend bis zum Weiß des Himmels.

Erschaffen wurde der leuchtende Gegenpart zum unverkleideten Beton von Marguerite Huré, die Perret über den Nabis-Maler Maurice Denis kennengelernt hatte und mit der er bereits 1922 bei der Église Notre Dame de la Consolation von Le Raincy zusammengearbeitet hatte.

Weite Blicke über die weiße Stadt

An der Südwestseite windet sich eine Wendeltreppe in vielen Windungen hinauf zur Spitze – schwindelfrei sollte man schon sein, wenn man wie ich dem Pressechef des Tourismusamtes folgt, der mit flottem Schritt hinaufeilt. Von flachen Kirchdach ist der Blick bereits eindrucksvoll, von der Turmspitze das Panorama indes grandios: Über das helle Häusermeer reicht der Blick bis zu den Stränden von Deauville und weit das Seine-Tal hinauf.

Im Juli 2005 nahm die UNESCO das von Auguste Perret wiederaufgebaute Stadtzentrum von Le Havre in die Liste des Weltkulturerbes auf.  Die Église Saint-Joseph ist für mich das schönste Beispiel seiner Poesie in Beton. 2015 feiert Le Havre 10 Jahre Welterbe. Und rückt die Kirche in den Fokus.

Église Saint-Joseph in Zahlen

700 Tonnen Stahl
50.000 Tonnen Beton
12.786  Glasfenster für eine Gesamtfläche von 378 qm
Gesamthöhe: 107 m
Kirchturmhöhe: 84 m

• 21. 10. 1961: Grundsteinlegung in Gegenwart des damaligen Rouener Erzbischhofs Joseph-Marie Martin
• Oktober 1957: Rohbau fertiggestellt
• 23. März 1959: Einweihung der Kirche
• 1959 – 1961: Inneneinrichtung
• 1964: Einrichtung und Weihe des Hochaltars von Guy Verdoia
• seit 1997: nächtliche Illumination
• 2003 – 2005: Restaurierung

Tipp: Beim Office de Tourisme gibt es einen deutschsprachigen Rundgangsführer auf den Spuren von Perret.

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