Der Blick auf das Hochtal der Vallée d'Aspe gen Norden - deutlich ist der Einschnitt der Gletscher zu sehen. Im Talboden fließt der Gave d'Aspe. Foto: Hilke Maunder

Hochtal der Vallée d’Aspe: Herz der Pyrenäen

Im Hochtal der Vallée d’Aspe, zwischen Fort und Pass, schichten sich 400 Millionen Jahre Erdgeschichte, Schmugglersagen und unberührte Wildnis zu einer Landschaft, über die Kurt Tucholsky geschrieben hat: „Die Pyrenäen sind nicht nur Berge. Sie sind eine Welt für sich, eine Welt, die man nicht sieht, sondern die man fühlt“.

Der deutsche Dichter, der die Grenzberge zu Spanien ausgiebig bereist hat, summierte im Jahr 1927 mit diesen Worten in seinem Pyrenäenbuch präzise die Essenz des Hochtals der Vallée d’Aspe. Hier, zwischen dem Fort du Portalet auf 765 Metern und dem Col du Somport auf 1.632 Metern, verdichtet sich die Identität der Pyrenäen auf engstem Raum. Die Orogenese der Grenzberge zu Spanien, die Versuche der Macht, dem Kalk den Willen aufzuzwingen, Schmuggel und Schmieden, Grenz- und Fluchtgeschichten – und die stille Gegenwart einer Natur, die sich im Hochtal der Vallée d’Aspeder Zeit entzieht.

Der Gave d’Aspe, der Fluss, der sich durch das Tal frisst, tut es mit der Gleichgültigkeit des Wassers gegenüber allem Menschlichen. Er schäumt über Granitblöcke, die älter sind als die Menschheit. Er umspült die Fundamente von Festungen und Schmiedewerkstätten. Er treibt seit Jahrzehnten Turbinen an, wo einst Blasebälge den Stahl härteten. Das Tal folgt ihm hinauf in die Stille – vorbei an Ruinen, Wasserfällen, Felsen voller Gämse und einem Pass, der schon Kelten, Römer und Jakobspilger kannte.

Fort du Portalet: die Festung an der Klippe

Man sieht es, bevor man versteht, was man sieht. Auf halber Höhe der schroffen Felswand über dem Gave d’Aspe wächst das Fort du Portalet aus dem Kalkstein heraus. Es wirkt, als sei es nie wirklich von ihm getrennt worden. Der Bau und der Berg sind ineinander verschmolzen wie ein einziger Fels, dunkel und massiv.

Auf 765 Metern Höhe ließ Louis-Philippe I. zwischen Etsaut und Urdos im Hochtal der Vallée d’Aspe in den Jahren 1842 bis 1870 dieses Bollwerk erbauen, das kein Feind jemals stürmen sollte. Das Fort du Portalet ersetzte eine mittelalterliche Mautstation, die hundert Meter nördlich gelegen hatte, und hatte von Anfang an eine Mission, die größer war als der Einsatz im Krieg. Kontrolle. Absolute Kontrolle über den einzigen Weg nach Spanien, denCol du Somport, 1.632 Meter über dem Meeresspiegel.

Wer die 258 Stufen zu den drei Hauptgalerien erklimmt, erkennt das Ausmaß dieser Kontrolle körperlich. 700 Meter tief dringen die Galerien in den Fels. Die Schießscharten sind so eng, dass das einfallende Licht wie Messerklingen wirkt. 100 Meter hoch erstreckt sich die Anlage im Hochtal der Vallée d’Aspe – oben liegen die Mannschaftskasernen und Offizierspavillons, unten zehn Kanonenbatterien auf drei Hauptbastionen, verbunden mit einem System aus Brücken, Treppen und versteckten Positionen, das so verwirrend ist, dass sich jeder Eindringling erst einmal verlaufen hätte.

Konzipiert war das Fort du Portalet für 400 Mann. Stationiert waren jedoch meist nur rund 100 Soldaten des 18. Infanterieregiments aus Pau – genug für Wachdienst, Kanonenübungen und Gespräche gegen die Einsamkeit. Fertiggestellt wurde es in einer Zeit, als die Artillerie es bereits überholt hatte. So war das Fort du Portalet weniger Verteidigungsanlage als Prestigeobjekt und Abschreckung, ein Stein gewordenes Signal staatlicher Entschlossenheit. 1925 zog das Militär ab.

Vom Gefängnis zur Birding-Terrasse

Nach dem Abzug der Soldaten vermietete der Staat das Fort du Portalet an eine religiöse Kongregation aus Bordeaux. Wo das 18. Infanterieregiment exerziert hatte, verbrachten Kinder ihre Sommerferien in einer colonie de vacances – Bergferien zwischen Schießscharten und Kanonensockeln.

1941 entdeckte das Vichy-Regime im Fort du Portalet als ideale enceinte fortifiée für prominente politische Häftlinge: Léon Blum, der frühere Sozialistenchef und Ministerpräsident des Front Populaire, Édouard Daladier, der Mann, der in München unterschrieben hatte, Paul Reynaud, der letzte Ministerpräsident der Dritten Republik, und Georges Mandel, der entschiedenste Gegner der Kapitulation: Sie alle blickten durch die Schießscharten auf ein Tal, das für sie unerreichbar war.

Der Aufenthalt war, dank ihrer sozialen Stellung und entsprechender Gelder, liberaler als in normalen Zuchthäusern. Ein Radio und tägliche Spaziergänge machten den Aufenthalt erträglich, drei Heizstrahler und ein Ofen sorgten für „saharische Wärme“, und statt der Knastkantine versorgte das Hôtel des Voyageurs aus Urdos die hochgestellten Häftinge mit bester Küche.

1944 befreiten Maquisards das Fort. Das Schicksal drehte sich um. Im August 1945 kam Marschall Philippe Pétain in eben jene Zelle Nummer 5, in der zuvor Georges Mandel gesessen hatte. 93 Tage verbrachte er dort – vom 15. August bis zum 17. November 1945 –, bevor er aus gesundheitlichen Gründen auf die Île d’Yeu verlegt wurde. Auch er genoss Privilegien: Besuche seiner Frau, die sich im Hôtel des Voyageurs einquartiert hatte, eine Heizung gegen die klamme Bergkälte und ein Regime weit jenseits des Gefängnisalltags.

Seit 2023 ist das Fort du Portalet für Besucher geöffnet – und längst die bekannteste Attraktion im Hochtal der Vallée d’Aspe. Zwei Stunden lang könnt ihr auf geführten Touren den Stufen in die Galerien folgen und tief eintauchen in die militärische und politische Geschichte des Fort du Portalet. Und dann auf die Terrasse treten, das Fernglas zücken und staunend die Gänsegeier und Schmutzgeier beobachten, die hier die Thermik des Aspetals nutzen. Mitunter faltet sogar der seltene Bartgeier seine drei Meter Spannweite auf und kreist lautlos über den Bastionen!

Urdos: letztes Dorf vor der Grenze

Vier Kilometer südlich, weiter bergauf, wo das Tal enger wird und die Felswände näher rücken, liegt Urdos, das letzte Dorf vor der Grenze auf der Passhöhe – und als einziges Dorf des Tales ohne Ortsumgehung. Von früh bis spät donnern Kühllaster und Sattelschlepper mitten durchs Dorf, ignorieren Tempo-30-Schilder und kommen mit ihren Spiegeln den Fenstern zum Greifen nah.

Doch Urdos stört dies nicht. Die Straße ist die Lebensader. Das weiß und schätzt die Familie Lallanes, die seit 1860 hier das Hôtel des Voyageurs und das weniger bekannte, gegenüberliegende Hôtel du Somport betreibt. Die Ursprünge des Hôtel des Voyageurs liegen in einer Poststation für Reisende, die den Pass überqueren wollten – oder mussten. Unter den Holzbalken des Speisesaals samt Bar erzählen Schwarzweißfotos eine Geschichte, die offiziell nie ganz aufgearbeitet wurde: die Zeiten des Schmuggels.

Urdos war im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein Epizentrum des Grenzschmuggels. Tabak, Wolle, Kaffee, Waffen – alles, was auf einer Seite des Passes billiger war als auf der anderen, wechselte hier die Nationalität. Die passeurs waren Hirten und Bauern, die ihr karges Einkommen aufbesserten. Und Frauen. Sie versteckten die begehrten Waren unter weiten Röcken oder in Körben, wurden sie doch aufgrund ihres Geschlechts seltener kontrolliert.

Besonders in den 1950er- bis 1970er-Jahren blühte das Geschäft. Der stabile Franc traf auf die abgewertete Peseta, und die Preisdifferenzen bei Tabak, Kaffee, Textilien und sogar Spirituosen waren so groß, dass aus dem Schmuggel eine Volkskunst wurde. Professionelle Banden organisierten Nachtmärsche mit Feuerzeichen. Zöllner wurden bestochen, Waren in Höhlen und hohlen Baumstämmen deponiert. Manch einer tarnte sich auch als Pilger auf dem Jakobsweg – die Via Tolosana führt heute als Grande Randonnée GR 65 direkt über den Pass.

Aus dem wirtschaftlichen Schmuggel wurde während des Zweiten Weltkriegs tödlicher Ernst. Urdos lag am chemin de la liberté, der Fluchtroute für alliierte Soldaten und jüdische Flüchtlinge. Jetzt riskierten hier im Hochtal der Vallée d’Aspe ganze Familien ihr Leben, um Verfolgte über den Col du Somport nach Spanien zu führen – hinein in ein Land, das zwar neutral war, aber unter Francos Regime keineswegs sicher. Die Überquerung war doppelt gefährlich: auf der französischen Seite die deutschen und Vichy-Behörden, auf der spanischen die Guardia Civil.

Alljährlich im August feiert Urdos seine passeurs mit einem Fest – als Erinnerungskultur, Touristenmagnet – und doch spürbar mehr als das: als kollektiver Mythos.

Die Forges d’Abel: Feuer und Eisen

Sieben Kilometer talaufwärts zweigt eine kurze Stichstraße Richtung Fluss ab. Wer der Forststraße nach Westen folgt, stößt auf massive Grundmauern, die langsam Moose, Farbe und Sträucher erobern. Es sind die Ruinen der Forges d’Abel. Sie erzählen von großen Träumen, die an den Zeitläuften – und der Geographie – scheiterten.

Frédéric d’Abel, als Friedrich von Abel 1780 in Stuttgart geboren, kam 1826 ins Aspe-Tal – nicht als Entdecker, sondern als industrieller Investor. Der Schwabe übernahm hier eine stillgelegte Schmiede, sanierte sie und verwandelte sie in eine damals hochmoderne sidérurgie.

In ihren Brennöfen verfeinerte er nach der méthode comtoise mit Luft aus Blasebälgen das Roheisen bei Temperaturen zwischen 1.200 und 1.300 Grad so sehr, dass der Kohlenstoffgehalt von vier Prozent auf unter ein halbes Prozent sank. So erhielt er schmiedbares Eisen, zäh genug für Artilleriegeschosse und Marinebauteile.

Abel hatte einen Abnehmer, der besser nicht sein konnte: die französische Armee. Im Jahr 1830 beschäftigte er mehr als 160 Arbeiter und war damit der größte Arbeitgeber im gesamten Aspe-Tal. Doch bereits kurz danach entzog das Kriegsministerium die Aufträge, und die Forstverwaltung untersagte die Holzkohleproduktion, um die Wälder zu schonen. Schließlich machte auch die schiere Logistik das Geschäft kaputt: Schweres Eisen aus dem engen Tal heraus zu transportieren, ohne Eisenbahnanschluss (der erst 1928 kam), fraß jeden Gewinn. Abel starb 1855. Seine Schmiede erlosch.

Heute drehen sich dort, wo einst Eisen geschmiedet wurde, die Turbinen, und die EDF Électricité de France erzeugt im Hochtal der Vallée d’Aspe mit der Kraft des Wassers nachhaltig Strom.

Nur wenige hundert Meter von der einstigen Schmiede entfernt hat die Natur einen lost place erobert. Verblichene Fassaden, Fensterläden, deren Farbe sich in langen Streifen von der Wand löst, Betontreppenstufen, durch die der Farn drückt: Das ehemalige Ferienlager der französischen Staatsbahn SNCF ist eine architektonische Zeitkapsel aus der Ära der großen sozialen Wohlfahrtsprogramme des 20. Jahrhunderts.

In den 1950er- und 1960er-Jahren hallte hier das Lachen Hunderter Eisenbahnerkindern durch die Pyrenäen. Sie kamen aus Paris und Bordeaux, aus rußigen Bahnhofsvierteln, und sahen zum ersten Mal die Berge.

Die Gebäude, funktional im Charme der Nachkriegsmoderne, boten Stufenbetten, Kantinen und Gemeinschaftsräume. Generationen von Arbeiterkindern erholten sich hier in der Natur. Irgendwann änderte sich das Freizeitverhalten. Die Instandhaltung der abgelegenen Gebäude wurde zu teuer. Die SNCF gab das Lager auf. Sprayer und Squatter zogen ein.

Die Bahn durch die Berge

1908 kamen Tausende Arbeiter, viele aus dem nahen Aragón in Spanien, ins Hochtal der Vallée d’Aspe, sprengten Stein und trieben mit Pneumatikhammern für die Bahnlinie von Pau nach Canfranc den Tunnel d’Arnouse einmal quer durch den Pyrenäen-Hauptkamm. Wasseradern im Fels, Lawinen und nicht zuletzt der Erste Weltkrieg unterbrachen immer wieder die Bauarbeiten an dem 7.875 Meter langen Megaprojekt im Hochtal der Vallée d’Aspe.

3.160 Meter verliefen auf französischem, 4.714 Meter auf spanischem Boden. Als der Tunnel 1928 endlich eingeweiht war und die Züge von Pau vor die prachtvolle Belle-Époque-Fassade des Hotel Canfranc Estación auf der spanischen Seite sollte, war ein lang gehegter Traum vollendet und die Verbindung im Herzen der Pyrenäen zwischen den beiden Ländern gesichert.

1970 wurde die Strecke eingestellt. Auf der französischen Seite zunächst offiziell, auf der spanischen de facto nach einem Brückenunfall 1970. Die Gleise rosten, die Schwellen faulen, und das Wasser tropft von den Wölbungen, wie es immer getropft hat.

Jetzt wollen die Region Nouvelle-Aquitaine und Aragón den Somport-Tunnel bis 2032 für den Güterverkehr reaktivieren. 93 Millionen Euro soll das Vorhaben kosten, finanziert zu 60 Prozent von Spanien, 40 Prozent von Frankreich sowie mit EU-Fördermitteln aus dem Connecting Europe Facility (CEF)-Programm.

Derzeit passieren täglich bis zu 500 Laster das Aspe-Tal. Besonders unfallträchtig sind zwei enge, kurvige und steile Passagen im Hochtal der Vallée d’Aspe zwischen dem Fort du Portalet und dem Pass. Ein besonders gravierender Unfall ereignete sich 2018 am Fort du Portalet, als ein spanischer LKW mit 24.000 Litern Natriumchlorit in den Abgrund stürzte. Der Fahrer kam dabei ums Leben. 12.000 Liter der gefährlichen Chemikalie gelangten in den Gave d’Aspe, nur wenige Kilometer entfernt vom Pyrenäen-Nationalpark.

Gämsen & Geier

Von den Forges d’Abel führt die Forststraße hinauf zu einem Plateau mit einem zweiten Wasserwerk der EDF und einer markanten Felswand. Sie gehört zu den beliebtesten Plätzen im Hochtal der Vallée d’Aspe, um mit einem Feldstecher oder Fernglas die Symboltiere des Pyrenäen-Nationalparks zu beobachten: die isards. Mit bloßem Auge sind die Pyrenäen-Gämse ( Rupicapra pyrenaica ), die hier in Herden von zehn, fünfzehn, manchmal zwanzig Tieren weiden, nur helle Punkte im Grün, Braun und Grau der Felswand. Mütter mit Kitzen grasen auf den Simsen, Böcke stehen auf Vorsprüngen, die kein Mensch erklimmen würde.

Versteckte Kaskaden

Weiter die Forststraße hinauf – im Sommer zu Fuß, im Winter mit Schneeschuhen – wird nach rund einer Stunde durch alte Buchenwälder die Cascade de l’Espélunguère erreicht. In mehreren Stufen, zwanzig bis fünfzig Meter tief, stürzt hier ein Nebenfluss des Gave d’Aspe über gestapelte, glattpolierte Felsen, die auch im Wald überall verstreut umherliegen.

Das feuchte Mikroklima – über 1.500 Millimeter Niederschlag pro Jahr, der ständige Nebel der Kaskade, die Nordhanglage – hat hier im Hochtal der Vallée d’Aspe Moosteppiche von außerirdischer Dichte gezeugt: Sphagnum, Hylocomium, Farne und Flechten überziehen die Kalk- und Schieferfelsen so dicht und leuchtend, dass das Grün wie eine Farbe aus einer anderen Welt wirkt.

Vom Wasserfall könntet ihr weiter aufsteigen. 930 Höhenmeter liegen bis zum Signal d’Espelunguère vor euch. Und das volle Panorama: das obere Aspe-Tal, die Silhouette des Pic du Midi d’Ossau … und in der Ferne Spanien.

400 Millionen Jahre in Stein

Bereits in Bedous – und damit genau dort, wo heute noch die Bahn durchs Aspe-Tal endet, beginnt die Route Géologique Transpyrénéenne. 200 Kilometer lang führt die geologische Themenstrecke, die der Verein Géoval gemeinsam mit spanischen Partnern entwickelt hat, durch 400 Millionen Jahre Erdgeschichte. 25 zweisprachige Infotafeln am Straßenrand stellen die schönsten Stätten und wichtigsten Etappen der Erdgeschichte vor – bis nach Jaca in Aragón.

Was man liest, ist atemberaubend: Im Perm, vor rund 280 Millionen Jahren, lag das Hochtal der Vallée d’Aspe nahe dem Äquator in einer Wüste ähnlich der Sahara. Die rötlichen Sandstein-Schichten am Col du Somport sind die Relikte dieser Wüste – ein grès rouge mit sichtbaren Dünenstrukturen in den Schichtungen. Dann überflutete ein Meer die Wüste und lagerte Kalkstein und Dolomit ab. Die Trias hinterließ helle Schichten, der Jura dunkle Tone und Mergel.

In der Kreidezeit begann die Katastrophe – in Zeitlupe, aber unaufhaltsam. Vor rund 100 Millionen Jahren, zu Beginn der Oberkreide, schob sich die Iberische Mikroplatte gegen die Eurasische Platte.

Der Tethys-Ozean, der einst zwischen Gondwana und Europa gelegen hatte, wurde vom Erdmantel verschluckt. Die Schelfsedimente, Millionen von Jahren Meeresablagerungen, falteten sich auf wie ein Tuch, das beim Zusammenschieben falten bildet. Die Pyrenäen begannen sich zu heben. Vom frühen Eozän vor 56 Millionen Jahren bis ins Oligozän vor 34 Millionen Jahren dauerte der Prozess.

Unter dem gewaltigen Druck und der Hitze der Gebirgsbildung schmolz Gestein in der Tiefe. Es drang als glühende Masse in Risse und Spalten, erstarrte langsam zu Granit – den sogenannten Plutonen. Einer dieser Magma-Körper, ein Laccolith, drang in paläozoische Schiefer hinein und wurde in den folgenden Jahrmillionen durch Erosion freigelegt: der Pic du Midi d’Ossau (2.884 Meter). Seine markante, fast sechseckige Kuppe mit den glazialen Kesseln an den Flanken ist kein Zufall, sondern das direkte Ergebnis dieser Orogenese.

Das Quartär schließlich schickte Gletscher. Noch bis vor 15.000 Jahren bedeckten Eismassen weite Teile der Pyrenäen, und ihre Zungen reichten bis nach Lourdes hinunter. Sie schliffen die Täler rund, hinterließen Moränen und Karstseen und formten Talkessel wie den Cirque de Lescun.

Im Hochtal der Vallée d’Aspe hat die Erdgeschichte einen Korridor durch die Zeit geschaffen, den heute Infotafeln auf Französisch und Spanisch erläutern – und in einer Broschüre, erhältlich bei den Offices de Tourisme im Tal, in einem unterhaltsamen Quiz vorstellen.

Col de Somport: Gleiten auf der Spitze

Auf 1.632 Metern endet Frankreich und beginnt Spanien – oder umgekehrt, je nach Richtung. Der Col du Somport, im Lateinischen Summus Portus, der höchste Übergang, ist einer der ältesten Pässe der Pyrenäen. Kelten zogen hier durch, angeblich auch Karthager. Die Via Tolosana, von den Römern über den Pass gelegt, wurde eine Verkehrsachse, die seit der Antike überdauert. Maurische Truppen benutzten sie – und seit dem Mittelalter Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela.

Im Zeichen der Jakobsmuschel folgen sie heute derGrande Randonnée GR 65, durch das Hochtal der Vallée d’Aspe hinüber nach Canfranc, mit den Ruinen des Hospiz Santa Cristina aus dem 11. Jahrhundert. Auf der Passhöhe treffen sie auf unzählige Spanier, die hier ihre Spuren durch den Schnee ziehen.

Bereits in den 1970er-Jahren war der Domaine de Peyrenère auf einer Passhöhe ein beliebtes Gebiet für Langlauf und Schneeschuhwandern. 2023 wurde er als Espace Nordique Somport neu eröffnet – mit 25 Kilometer Langlaufloipen auf sieben Strecken von Grün bis Schwarz, markierten Schneeschuhwegen und Biathlon-Animation für den Nachwuchs im Besucherzentrum.

Drinnen birgt der holzverkleidete Neubau im Erdgeschoss einen Skiverleih, Schließfächer und Sanitärriegel. Im ersten Stock öffnet sich die Caféteria mit großen Fenstern hin zur Natur, im zweiten Stock lockt ein Spa.

Hinein geht es noch nach Reservierung, und im gebuchten Zeitfenster gehört euch der geräumige Wellnessbereich mit großer finnischer Sauna und Blubberbad auf der Terrasse ganz allein. 36 Grad warm, und auf Wunsch bis 38 Grad warm, massieren die Jets jeden ersten Anflug von Muskelkater fort, und wer mag, dann beim Plantschen noch die farbigen Lichter des Jacuzzis betrachten.

Oder die Augen wandern lassen über die schneebedeckten Gipfel der Pyrenäen hinab zu Arnaud, der nach der Mittagspause nun seine dameuse besteigt und mit dem Pistenbully 400 die Loipen präpariert.

Sein Arbeitsplatz ist ein PS-starker Bolide auf Ketten. 320 Kilowatt treiben seine vier Hydrostatpumpen an, 20 hydraulische Regler steuern Räumschild und Fräse, die mit 500 Umdrehungen pro Minute den gefrorenen Schnee lockert. Danach formt ein finisher die Loipe, die wie polierter Marmor glänzt. Dann beginnen wieder weiße Flocken zu tanzen, und die Stille kehrt zurück. Langlauf am Col du Somport ist Zen auf der Spitze.

Am Ende der Kehren

Das Hochtal des Aspe lässt einen nicht einfach gehen. Wer die Serpentinen hinaufgefahren ist, wer die Kälte und Feuchte des Fort du Portalet gespürt hat, wer an den Ruinen der Forges d’Abel gestanden und die Pyrenäen-Gämse an der Felswand beobachtet hat, wer am Wasserfall in das Felschaos geblickt und am Somportpass den Schnee und den Wind gespürt hat – der versteht Kurt Tucholsky. Es gibt Täler, die man spürt.

Hochtal der Vallée d’Aspe: meine Reisetipps

Hinkommen

Im eigenen Gefährt

Auf der mautpflichtigen Autobahn A64 bis Pau, dann über die N134 in das Hochtal der Vallée d’Aspe. Von Pau bis Urdos beträgt die Entfernung rund 60 Kilometer. Der Col du Somport ist über die N134 erreichbar; der Tunnel du Somport bietet bei Schnee eine Alternative.

ÖPNV

Bahnanschluss ab Pau / Oloron Sainte-Marie bis Bedous, von dort aus kommt ihr mit Regionalbussen tiefer hinein ins Hochtal der Vallée d’Aspe.

Beste Reisezeit

Das ganze Jahr hindurch ist das Hochtal der Vallée d’Aspe ein attraktives Reiseziel, auch, wenn das Wetter hier sehr schnell umschlagen kann. Die Sommermonate (Juni–September) sind idela für Wanderungen und Wildbeobachtungen, der Winter (Dezember–März) lockt mit Langlauf und Schneeschuhwanderungen am Col du Somport. Nach der Schneeschmelze zeigt sich die Cascade de l’Espélunguère im Frühjahr (Mai–Juni) besonders eindrucksvoll.

Hier könnt ihr schlemmen und schlafen

Hôtel des Voyageurs

Seit 1850 lädt dieser Gasthof im Hochtal der Vallée d’Aspe zur Rast –  straßenseitig preiswert und schlicht, nach hinten zum Garten hin teurer und ruhiger – und stillt den Hunger mit lokaler Küche im hauseigenen Restaurant.
• 27, route nationale, 64490 Urdos, Tel. 05 59 34 88 05, https://hotel-voyageurs-valleeaspe.com

Noch mehr Betten

 

Weiterlesen

Im Blog

Alle Beiträge aus dem Béarn vereint diese Kategorie. Alle Beiträge aus den Pyrénées-Atlantiques fndet ihr in dieser Rubrik. Sämtliche Ziele und Themen, die ich in meinem Online-Magazin nach Départements und Regionen vorstelle, findet ihr zentral vereint auf dieser zoombaren Karte.

Im Buch

Klaus Simon, Hilke Maunder, Roadtrips Frankreich*

Roadtrips Frankreich

In meinem gemeinsamen Werk mit Klaus Simon stelle ich euch die schönsten Traumstraßen zwischen Normandie und Côte d’Azur vor. 14 Strecken sind es – berühmte wie die Route Napoléon durch die Alpen oder die Route des Cols durch die Pyrenäen, die auch das Hochtal der Vallée d’Aspe berührt. Im Band findet ihr zudem auch echte Entdeckerreisen wie die Rundtour durch meine Wahlheimat, dem Fenouillèdes. 

Von der Normandie zur Auvergne, vom Baskenland hin zu den Stränden der Bretagne und dem wunderschönen Loiretal laden unsere Tourenpläne ein, Frankreich mobil zu entdecken – per  Motorrad, im Auto, Caravan oder Wohnmobil. Hier* gibt es das Fahrtenbuch für Frankreich!

 * Mit dem Kauf über den Partner-Link, den ein Sternchen markiert, kannst Du diesen Blog unterstützen und werbefrei halten. Für Dich entstehen keine Mehrkosten. Ganz herzlichen Dank – merci !