Inseln der Liebe und Leidenschaft 2


Für großes Gefühlskino stehen die Inseln der Bretagne. Serge Gainsboroughs Chansons „Elisa“ inspirierte Jean Becker 1994 zu seinem gleichnamigen Spielfilm über das Waisenkind Marie (Vanessa Paradis), das sich mit Kleinkriminalität über Wasser hält. Im Alter von 17 Jahren beschließt es, seinen Vater Lébovitch (Gérard Depardieu) zu finden und sich an dem Komponisten für den Selbstmord ihrer Mutter Elisa (Florence Thomassin) zu rächen. Doch als sie dem ausbrannten Trinker auf der Île de Sein gegenübersteht, erkennt sie ihr Spiegelbild: einen Menschen, verletzt, aber nicht zerstört.

Dreiecksdrama am Ende der Welt

Eine Stunde dauert die Schifffahrt hinüber zur Granitinsel Île d’Ouessant, auf der Philippe Lioret 2004 seine dramatische Liebesgeschichte L’Équipier“ (Die Frau des Leuchtturmwärters) drehte. Eingebettet in die Rahmenhandlung – Camille (Anne Consigny) kommt nach Jahren an ihren Geburtsort zurück und will nach dem Tod der Mutter das Haus verkaufen – ist eine Retrospektive: Im Haus entdeckt Camille das Tagebuch der Mutter, das die Ereignisse des Jahres 1963 wieder aufleben lässt. Damals war Antoine (Grégori Derangère) aus dem Algerienkrieg auf die Insel gekommen, um das Team der Leuchtturmwärter zu verstärken.

Ihr Arbeitsplatz ist La Jument (Ar Gazek-Koz), die „alte Stute“, die sich westlich der Insel auf einer Felsklippe im Atlantik erhebt. Mit einem offenen Korb am Drahtseil werden die Wärter vom Schiff aus zum 47,5 m hohen Turm gezogen. 20 Tage und 20 Nächte lang dauert ihr Einsatz, den nur eines prägt: Einsamkeit – arbeitet der eine, schläft der andere. Von Sonnenuntergang bis nachts um zwei dauert die erste Schicht, bis zu frühen Morgen die zweite – ein Leben im Sechs-Stunden-Rhythmus, eingeengt auf wenigen Quadratmetern.

Tagsüber müssen die Spiegel der Laterne geputzt, verstopfte Leitungen repariert und die Petroleumfässer gewartet werden. Ist das Meer ruhig, wird aus dem geöffneten Fenster geangelt, um die knappen Lebensmittelrationen aufzustocken. Zurück auf der Insel, warten die Männer auf den nächsten Einsatz, spielen Karten, und trinken, während die Frauen Haus und Hof bestellen.

Bei einem der Landgänge macht Brigitte (Émilie Dequenne) Antoine den Hof, doch er lässt sie abblitzen. Stattdessen beginnt er mit Mabé Le Guen (Sandrine Bonnaire), die mit dem Vorarbeiter der Leuchtturmwärter, Yvon (Philippe Torreton), verheiratet ist, am französischen Nationalfeiertag eine leidenschaftliche Affäre. Danach verlässt er die Insel. Und Camille erkennt, dass sie Antoines Tochter ist….

Doch die Klippe, aus dem Stoff ein kitschiges Melodrama zu inszenieren, hat Lioret geschickt umschifft: Mit seiner Mischung aus Empathie und Zurückhaltung, Dokumentation und Nostalgie, innerer Spannung und dramatischer Momente ist „Die Frau des Leuchtturmwärters“ ein Film der Zwischentöne, herb, rau und doch voller Herz – wie die Insel, die nicht nur Meer umtoste Felsklippen kennt, sondern auch stille Buchten, Blumenwiesen und weiße Häuser mit farbigen Fensterläden.

Einwohner als Schauspieler

Ein gefährlicher Gezeitenstrom – die Passage du Fromeur – trennt Ouessant von der kleinen Insel Bannec, auf der bereits 1929 Jean Epstein das Stummfilmdrama Finis Terræ gedreht hat. Engagiert wurden damals ausschließlich Einwohner von Ouessant. Auf professionelle Schauspieler hatte der große polnisch-französische Regisseur und Filmtheoretiker bewusst verzichtet, da sie, so Epstein, „nicht Seite an Seite mit dem brutal-authentischen Ozean spielen könnten“.

Und so sind windgepeitschte Landstriche, atemberaubende Lichtspiele, Wellen und Wasser die eigentlichen Stars des Stummfilms, der von vier Männern berichtet, die auf der Insel Algen sammeln wollten, in Streit geraten und dramatisch gerettet werden. Finis Terræ bildet den Auftakt einer Trilogie, die Epstein mit „Mor Vran“ (1931) und „L’Or Der Mers“ (1932) komplettiert und seinen geliebten bretonischen Inseln so ein beeindruckendes cineastisches Denkmal gesetzt hat.

Fantasy, Msystern & Familiensaga

Mysteriöse Todesfälle erschütterten 2005 die Belle-Île-en-Mer, die im französischen TV-Thriller Dolmen (Dolmen – Das Sakrileg der Steine) von Didier Albert und Eric Summer den Namen Ty Kern erhielt. Keltische Legenden, düstere Familiengeheimnisse, Verschwörungstheorien und mythische Ereignisse wie blutenden Menhire sind die Vehikel, mit denen der Dreiteiler 600 Minuten lang die Spannung hält.

Anlässlich ihrer Hochzeit mit ihrer Jugendliebe Christian Bréhat (Xavier Deluc) kehrt die junge Polizistin Marie Kermeur (Ingrid Chauvin) auf ihre Heimatinsel zurück, auf der vier Familie durch ein Geheimnis vergangener Zeiten miteinander verstrickt sind: die Kersaints, die Le Bihans, die Perecs und die Kermeurs.

Am Tage vor der Hochzeit häufen sich mysteriöse Vorfälle. Um sie aufzuklären, reist Inspektor Lucas Fersen (Bruno Madinier) nach Belle-Île – und trifft bei seinen Ermittlungen auf erbitterten Widerstand. Der Mix aus Mystery, Fantasy und Familiensaga traf den Geschmack der Massen: Mit zwölf Millionen Zuschauern war Dolmen in Frankreich das TV-Event 2005.

Subtiles Spiel

Mit sechs Césars, dem französischen Oskar, und dem Spezialpreis der Jury wurde 1980 bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes Mon oncle d’Amérique (Mein Onkel aus Amerika) ausgezeichnet. Als Schauplatz für sein Film-Puzzle, das kritisch die Verhaltenspsychologie hinterfragt, wählte der 1922 in Vannes geborene Alain Resnais eine Archipel seiner Kindheit: die Îles Logoden im Golfe du Morbihan.

Jean (Roger Pierre), der in Paris auf eine Karriere als Politiker hofft, René (Gérard Depardieu), ein Fabrikdirektor vor dem beruflichen Aus, und das Arbeitermädchen Janine (Nicole Garcia), das gegen den Willen ihrer Eltern Schauspielerin werden will, treffen dort per Zufall aufeinander – in der Auseinandersetzung ihrer Lebensentwürfe verändert sich das Schicksal jedes Einzelnen.

Auf den Spuren der Inselfilme

Île de Sein

„Enez-Sun“ heißt das Mini-Eiland sechs Kilometer westlich der Pointe du Raz auf Bretonisch. Den Rhythmus auf der Insel bestimmt die Ankunft der Fähre – sie bringt ganzjährig nicht nur Besucher, sondern selbst das Brot. Auf der Île de Sein gibt es weder Boulangerie noch Gendamerie, aber unendlich viel Ruhe, frischen Wind und Freiraum (Compagnie Maritime Penn ar Bed, ab Brest, Camaret und Audierne, www.pennarbed.fr).

Île d’Ouessant

Die Insel am Eingang des Ärmelkanals wird täglich von Brest angefahren, in der Saison auf von Camaret und Molène (Compagnie Maritime Penn ar Bed, www.pennarbed.fr). Wer sie entdecken will, sollte es der Filmheldin Sandrine Bonnaire gleichtun und ein Fahrrad mieten. Leihräder gibt es am Fähranleger Port du Stiff oder in der Inselhauptstadt Lampaul bei Cycle Evasion, Tel. 02 98 48 85 15, http://cyclevasion-ouessant.com und La Bicyclette, Tel. 02 98 48 81 34, http://labicyclette.net.

Belle-Île-en-Mer

Von Quiberon schippert die Compagnie Océane in 45 Minuten zur Inselhauptstadt Le Palais und zum kleinen Hafen Sauzon (www.compagnie-oceane.fr). Auf der größten bretonischen Insel empfiehlt sich ein Leihwagen.

Îles Logoden

Das 18 qkm große Insel-Duo in Sichtweite von Arradon lässt sich nur mit einem Leihboot erreichen. Segeljachten im Stil von 1900 gibt es bei Belle Plaisance, Tel. 02 97 44 80 91, www.belleplaisance.com, Motorboote, Kanus und Kajaks bei Le Blan Marine, Tel. 02 97 44 06 90, www.leblanmarine.com.


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2 Gedanken zu “Inseln der Liebe und Leidenschaft

  • Inge

    Bonjour! Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet
    m E. ein lesenswerter Roman, eine Geschichte, die die Liebe zur Île de Groix und den Nachlass einer ungewöhnlichen Frau
    erzählt. Erst am 17. März 2017 in deutscher Sprache erschienen. Verlag Hoffmann und Campe.
    Kein Krimi aber trotzdem spannend…… viel Vergnügen allen Leseratten wünscht Inge