Messerschmied: Jean-Paul Tisseyre Foto: Hilke Maunder
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Jean-Paul Tisseyre: der Messer-Mann

Jean-Paul Tisseyre gehört zu den besten Messer-Machern Frankreichs. Im Département Ariège habe ich ihn in seiner Werkstatt besucht.

La Bastide-sur-l’Hers ist ein 700-Einwohner-Dörfchen im Département Ariège von Okzitanien. Platanen säumen die Ufer des Hers. Auf einer Place spielen ältere Männer Boule. Ein, zwei Seitenstraßen weiter liegt das Atelier Tisseyre. Dort fertigt Jean-Paul Tisseyre mit einer wahren Präzisionsbesessenheit in Handarbeit Gebrauchsmesser, Sammelmesser und Kunstmesser.

Dafür erhielt der untersetzte, kräftige Mann im Jahr 2007 die höchste handwerkliche Auszeichnung, die Frankreich zu vergeben hat. Er ist ein Meilleur Ouvrier de France, kurz MOF. Sein Unternehmen ist zudem als Entreprise du Patrimoine Vivant (EPV) anerkannt, als lebendiges Kulturerbe.

Jean-Paul Tisseyre: die Vita

Jean-Paul Tisseyre stammt aus bescheidenen Verhältnissen. Mit seinen beiden Geschwistern war er schon früh kreativ und baute sich aus Holz selbst das Spielzeug: Pfeile und Bögen, Schwerter und Messer. Jeden Donnerstag wurden sie von Großvater Georges angeheuert. Der papi schärfte dann im Dorf die Werkzeuge:  Messer, Äxte, pugnals und andere Holzmeißel.

Alain und Jean-Paul drehten abwechselnd die Kurbel des Schleifsteins.  Als Jean-Paul eines Tages seinem Großvater beim Schärfen zusah, sagte er ganz selbstverständlich: „So geht das nicht, ich werde es dir eines Tages zeigen, wenn ich groß bin.“ Fassungslos antwortet der Großvater: „Halt die Klappe und dreh an der Kurbel.“ Später sollte Jean-Paul Tisseyre auf den alten Mühlstein einen Elektromotor montieren. Großvater Georges erlebte dies nicht mehr. Doch die Liebe zu Messern hat er seinem Enkel in die Wiege gelegt.

Jean-Paul Tisseyre: das Interview

Monsieur Tisseyre, wie entstand Ihre Liebe zu Messern?

Als Kind waren Messer für mich absolut verboten. Umso stärker faszinierten sie mich. Ohne das Wissen meiner Eltern bastelte ich mir heimlich mein erstes eigenes Messer. Im Alter von zwölf Jahren jagte ich damit meine ersten Hasen und Wildschweine.

Ich komme aus einer Familie, bei der schon immer Messer, Sensen und andere Geräte zum Schneiden und Teilen geschmiedet wurden. Rund um La Bastide-sur-l’Hers ist Landwirtschaft noch der größte Wirtschaftszweig, da werden solche Gerätschaften benötigt.

Ich verließ die Schule sehr jung und machte eine Ausbildung als Dreher und Fräser. Doch dauerte es noch fast 20 Jahre, ehe ich mein Unternehmen gründen konnte und damit einen Weg fand, das zu machen, was ich am meisten liebe – Messer zu schmieden.

Kunsthandwerk bedeutet für Sie nicht nur handwerkliches Geschick …

Ich liebe die Präzision und versuche ständig, auch das noch so gelungene Messer weiter zu perfektionieren. Meine Messer sollen nicht nur schön sein, sondern auch technische Innovationen bieten.

Den Mécanisme Tisseyre beispielsweise, eine Sicherheitsverriegelung im Zapfen der Klinge – ein Fingerdruck genügt, um das Messer zu öffnen.

Als Schaufenster der Branche gilt Coutellia, das weltberühmte internationale Festival des Messerhandwerks in Thiers. Fühlen Sie sich da nicht ein wenig wie David gegen Goliath?

Ganz und gar nicht. Thiers ist zwar das historische Herz der französischen coutellerie und Laguiole weltberühmt. Aber auch wir in den Pyrenäen haben eine jahrhundertealte Messertradition – denken Sie nur an den alten Hirten-Capucin oder die Traditionsschmiede Savignac in Foix. Mein Ziel war es nie, Massenware wie in den großen Zentren herzustellen. Seitdem ich an der internationale Messe Coutellia – Salon de Thiers teilnehme, wird meine Arbeit und mein Streben nach Innovation anerkannt. 2003 schaffte ich es auf den zweiten Platz. 2004 wurde ich für mein Küchenmesser-Duo mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Dieser Erfolg machte mir Mut, mich am 23. Wettbewerb Un des Meilleurs Ouvriers de France zu beteiligen.

Seit 1935 müssen bei diesem Wettbewerb die besten Handwerker nach Vorgaben oder Themen ein Werkstück fertigen. Als Sie mitmachten, traten Sie gegen 2.664 Kollegen an. 220 wurden ausgezeichnet. Hatten Sie sich überhaupt Chancen ausgerechnet?

Ich hoffte natürlich. Aber während ich am Wettbewerbsmesser arbeitete, war für mich nur eines wichtig: Perfektion und Schönheit.

Dass ich dann zu den Auserwählten gehörte, die vom Präsidenten der Republik Anfang 2008 in der Sorbonne die Auszeichnung erhielten und zum Empfang in den Élysée-Palast eingeladen wurden, macht mich bis heute stolz und glücklich. Und ist zugleich eine Verpflichtung für meine weitere Arbeit.

Monsieur Tisseyre, Sie leben und arbeiten heute noch dort, wo Sie 1962 geboren wurden. Hat es Sie nie gereizt, in die Welt hinauszugehen?

Die Welt kommt zu mir (lacht). Doch, ganz im Ernst, meine Kunden aus Japan, Russland und anderen fernen Ländern schätzen es, dass ich in meiner Region verwurzelt bin. Und doch offen für ihre Ideen.

Selbst bei einem standardisierten Produkt wie dem Couteau Montségur?

Dieses traditionelle Messer der Pyrenäenschäfer wurde mein Markenzeichen, ein Messer der Region, praktisch, zuverlässig, für alle möglichen Arbeiten geeignet.

Früher gab es nur eine Ausfertigung – bei mir können Sie wählen: eine Klinge aus Carbon-, Damast- oder Edelstahl (Inox), ein Griff aus Holz oder edel geflammten Horn oder …

Sind Ihre Unikate nicht unbezahlbar?

Die Handarbeit hat natürlich ihren Preis. Aber bereits ab rund 50 Euro können Sie schon ein individuell gefertigtes Montségur-Messer erhalten.

Monsieur Tisseyre, welches Messer ist Ihr Lieblingsstück?

Immer dasjenige, das ich als nächstes entwerfen und erstellen werde. Die nächste Herausforderung …

Monsieur Tisseyre, merci für das Gespräch – und weiterhin viel Erfolg!

Die Werkstatt von Jean-Paul Tisseyre findet ihr hier:
• 1, Rue Jean Jacques Rousseau, 09600 La Bastide-sur-l’Hers, Tel. 05 61 03 05 22, www.couteaux-tisseyre.com

 Jean-Paul Tisseyre. Foto: Hilke Maunder
Jean-Paul Tisseyre mit einer Auswahl seiner Messer. Foto: Hilke Maunder

Die Hochburgen der Messerherstellung in Frankreich

In Frankreich gibt es historisch gesehendiese großen Messer-Zentren:

Thiers (Auvergne)

DieHauptstadt der französischen Messerschmiedekunst ist Thiers. Hier werden seit über 600 Jahren Messer gefertigt. Heute stammen rund 70–80 Prozent aller in Frankreich hergestellten Schneidwaren aus T hier und sienem Umland. Thiers ist das industrielle und handwerkliche Herz der Branche.

Laguiole (Aveyron / Aubrac)

Weltberühmt für das gleichnamige Messer mit der Biene auf der Feder. Ursprünglich ein traditionelles Hirtenmesser aus dem 19. Jahrhundert, ist Laguiole heute ein Mythos und Luxus-Symbol. Ein interessantes Detail: Viele echte Laguiole-Messer werden mangels geschützter Herkunftsbezeichnung historisch in Thiers geschmiedet!.

Nogent (Haute-Marne)

Nogent ist Frankreichs Hochburg für hochpräzise Küchenmesser, Haushaltsscheren und medizinische Instrumente, besonders für die Chirurgie.

Savoie (Alpen)

In den Savoyer Alpen liegt die Heimat des weltbekannten Taschenmessers Opinel, das seit 1890 in Saint-Jean-de-Maurienne gefertigt wird. Das Klappmesser ist eine Legende im Land. Joseph Opinel war erst 18 Jahre alt, als er es in der Schmiede seines Vaters erfand. 1897 entwickelte Opinel entwickelt die berühmten 12 Größen der Messer, durchnummeriert von N°01 bis N°12. Doch erst 1995 erhielten die Taschenmesser den Virobloc-Sicherheitsrings, der die Klinge im geöffneten und geschlossenen Zustand arretieren kann.