Mein Frankreich: Jonas Nürge
„Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch? Diesmal verrät es Jonas Nürge, der in Frankreich sein Masterstudium absolvierte.
In seiner Freizeit jongliert er leidenschaftlich gerne – eine Begeisterung, die ihn seit seinem achten Lebensjahr begleitet. „Es bereitet mir große Freude, meine technischen und kreativen Grenzen kontinuierlich zu erweitern“, sagt Jonas.

Mein komplettes Studium in Frankreich als Ausländer
Meinen ersten Kontakt mit der französischen Sprache hatte ich in der sechsten Klasse, als sie als zweite Fremdsprache eingeführt wurde. Damals machte ich mir noch keine Gedanken darüber, ob ich die Sprache später einmal praktisch anwenden würde. Obwohl ich mit meiner Familie oft in den Ferien nach Frankreich reiste, konnte ich mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht eigenständig auf Französisch verständigen.
Der Wendepunkt kam jedoch in der 10. Klasse, als ich für drei Monate an einem Sprachaustausch in der Schweiz teilnahm. Während dieser Zeit in der Schweiz öffnete sich mir die Welt der französischen Sprache auf eine ganz neue Weise. Ich erlebte, wie sie in ihrem natürlichen Umfeld verwendet wurde und entwickelte ein tieferes Verständnis und Interesse dafür.
Dieser Austausch gab mir den entscheidenden Impuls, Französisch als Leistungskurs zu wählen und mehr Zeit und Energie in meine Sprachkenntnisse zu investieren. Zu dieser Zeit war ich so motiviert, dass ich einen Großteil meiner Ferien in Frankreich verbrachte. Ich organisierte mir sogar während meiner deutschen Schulferien einen Aufenthalt in der Klasse einer französischen Schule, wo ich am Unterricht teilnehmen durfte.
Kurz vor meinem Abitur erreichte ich einen wichtigen Meilenstein: die erfolgreiche Absolvierung der anspruchsvollen C1-Sprachprüfung. Dieses Zeugnis meiner Motivation bekräftigte auch meinen Entschluss, mein Studium nicht in Deutschland, sondern in Frankreich zu beginnen.
Abenteuer Classe préparatoire
Über französische Freunde erfuhr ich von dem französischen Bildungssystem der classe préparatoire, von dem ich zuvor noch nicht gehört hatte. Die classe préparatoire, oder einfach prépa, ist eine Institution mit einer faszinierenden Geschichte und einem anspruchsvollen Bildungssystem, das in Frankreich eine lange Tradition hat.
Ursprünglich im 19. Jahrhundert gegründet, bereiten die prépas Schülerinnen und Schüler auf die Aufnahmeprüfungen für die renommierten Grandes Écoles vor. Diese haben das Ziel, Eliten auszubilden und gelten als Spitzenreiter im französischen Bildungssystem. Sie sind der Traum vieler französischer Studenten.
Die meisten französischen Studierenden gehen jedoch den Weg über eine übliche Universität und nicht über die Vorbereitungsklasse. Es gibt verschiedene Zweige der classe préparatoire, die auf unterschiedliche Studienschwerpunkte vorbereiten. Einer dieser Zweige ist die Mathématiques, Physique et Sciences de l’Ingénieur (MPSI), die sich auf Mathematik, Physik und Ingenieurswissenschaften konzentriert. Für diesen Zweig bewarb ich mich an verschiedenen Standorten in Frankreich.
Während der Bewerbung ist es üblich, eine Rangfolge nach verschiedenen Standorten aufzustellen. Damals konnte man bis zu 20 Standorte angeben. An oberster Stelle wählte ich eine der renommiertesten Vorbereitungsklassen Frankreichs, ohne zu wissen, ob ich eine Chance auf eine Zusage hätte. Ich war mit dem System zu diesem Zeitpunkt noch nicht vertraut. Freunde aus Frankreich erklärten mir, dass das Renommee einer Vorbereitungsklasse mit den Erfolgschancen für die anschließenden Aufnahmeprüfungen direkt verbunden ist.

Angenommen in Toulouse
Zudem kannte ich bis dahin und auch bis heute keinen deutschen Studenten, der als Nicht-Muttersprachler den Weg über eine französische Vorbereitungsklasse gegangen war. Im Sommer 2017 erhielt ich schließlich die Ergebnisse meiner Bewerbung und konnte kaum glauben, dass ich im Lycée Pierre de Fermat in Toulouse angenommen wurde, das ich sehr weit oben auf meiner Wunschliste platziert hatte.
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass hochrangige Vorbereitungsklassen deutlich anspruchsvoller sind, als jene im mittleren oder unteren Bereich. Dies spürte ich bald am eigenen Leib und erlebte, dass das Niveau in Mathe und Physik in Frankreich weit höher als in Deutschland ist. Für mich begann eine intensive und herausfordernde Zeit, in der ich auch manches Mal verzweifelte.
Fordernde Jahre
Die ersten beiden Jahre meiner Studienzeit waren zweifellos die herausforderndsten. Obwohl ich bereits ein sehr solides Niveau in Französisch hatte, brauchte ich einige Zeit, um mich an das Physik- und Mathevokabular anzupassen. Die Dozenten sprachen sehr schnell, und setzten voraus, dass man die Inhalte auf Anhieb verstand. Anders als an deutschen Universitäten fanden alle Vorlesungen und Übungen im Klassenverband statt.
Mit jedem Tag, den ich in Frankreich verbrachte, wurde ich sicherer im Umgang mit der Sprache und begann, mich in meinem französischen Umfeld wohler zu fühlen. Das Arbeitspensum war enorm hoch, da jede Woche in Mathematik und Physik ein neues Kapitel behandelt wurde, das in regelmäßigen mündlichen Prüfungen, den sogenannten colles, getestet wurde.
Jede Woche: mündliche und schriftliche Prüfungen
Die colles sind eine mündliche Abfrage, die wöchentlich in den Vorbereitungsklassen durchgeführt wird. Diese Prüfungen werden mit meist drei Personen vor einer Tafel abgehalten und dauern in der Regel eine Stunde. Jeder Student bekommt von einem Dozenten oder externen Prüfer einen Zettel mit Aufgaben und Problemen ausgehändigt, welche ohne Vorbereitungszeit vorgerechnet werden müssen.
Da die colles sehr intensiv sind und regelmäßig stattfinden, hat man ständig Druck und muss immer vorbereitet sein. Das Ziel der colles ist, die Studenten auf die Art von Fragen und die Prüfungsatmosphäre der mündlichen Aufnahmeprüfungen für die Grandes Écoles vorzubereiten. Die Studenten erhalten direktes Feedback zu ihren Leistungen und können so gezielt an ihren Schwächen arbeiten. Zusätzlich gab es fast jeden Samstag eine vierstündige schriftliche Prüfung.
Die Notenvergabe war hier nicht ausschlaggebend für die spätere Laufbahn, sondern diente nur zur Orientierung des aktuellen Leistungsstands. Außerdem wurden die Noten verwendet, um eine öffentliche Rangfolge unter den Studenten zu etablieren. Das einzige Ziel während dieser zwei Jahre des Vorbereitungsstudiums war, bestmöglich auf den landesweiten Wettbewerb vorbereitet zu sein.
Der Wettbewerb für die Grandes Écoles

Der Wettbewerb erfolgte im Jahr 2019, zwei Jahre nach meinem Beginn in der französischen Vorbereitungsklasse. Es gibt mehrere bedeutende Pools von Grandes Écoles, die ihre eigenen Aufnahmeprüfungen organisieren. Man kann selbst entscheiden, wo man sich anmeldet. Jeder Pool umfasst mehrere Grandes Écoles, für die man sich qualifizieren kann, indem man am Wettbewerb des jeweiligen Pools teilnimmt.
Wenn man sich beispielsweise für zwei Pools anmeldet, durchläuft man zwei voneinander unabhängige Prüfungsphasen, die jedes Jahr im Frühjahr mit den schriftlichen Prüfungen beginnen. Jede schriftliche Prüfungsphase eines Pools kann bis zu einer Woche dauern und umfasst mehrere Prüfungen pro Tag. Nach Abschluss der schriftlichen Prüfungsphase werden die Ergebnisse ausgewertet, und die Studenten erhalten für jeden Pool eine Liste der Grandes Écoles, für die sie zu den mündlichen Prüfungen zugelassen sind.
Diese Liste basiert auf einer Rangfolge der Kandidaten. Es geht also nicht darum, eine bestimmte Note zu erreichen, wie beispielsweise die 50-Prozent-Hürde an deutschen Universitäten, sondern besser abzuschneiden, als die anderen Teilnehmer des jeweiligen Wettbewerbs. Die mündlichen Prüfungen finden jedes Jahr im Sommer statt. Erst danach erhält man das endgültige Ergebnis und erfährt, an welcher Grande École man sein Studium fortsetzen kann.

Ein Platz bei der ENSEA !
Im September 2019 nach Durchlaufen aller schriftlichen und mündlichen Prüfungen qualifizierte ich mich für die Grande École ENSEA bei Paris in Cergy, die Studenten in Elektrotechnik ausbildet. Das Lernpensum dort war etwas geringer als während der ersten zwei Jahre des Vorbereitungsstudiums.
Nach drei weiteren Jahren des Studiums an meiner Grande École wurde mir im Jahr 2022 nach fünf Jahren Studium in Frankreich der Masterabschluss verliehen. Die classe préparatoire ist zweifellos eine herausfordernde Erfahrung, die viel Engagement, harte Arbeit und Entschlossenheit erfordert. Aber für viele ist es auch eine Zeit des persönlichen Wachstums, der intellektuellen Herausforderung und der Entdeckung neuer Leidenschaften und Interessen.
Das Ziel im Blick
Insgesamt war mein Studium in Frankreich ein großes Abenteuer, geprägt von intensiver Arbeit, aber auch von persönlichem Wachstum. Es war eine Reise, die mich gelehrt hat, dass Durchhaltevermögen und Entschlossenheit unerlässlich sind, um die Herausforderungen des akademischen Lebens zu meistern. Und obwohl es Momente gab, in denen ich Zweifel hatte, bin ich dankbar.
Nach meinem Studium in Frankreich entschied ich mich für ein zweites Masterstudium in Deutschland. Derzeit studiere ich Elektromobilität an der Universität Stuttgart. Meine beiden Studiengänge Elektrotechnik und Elektromobilität ergänzen sich so perfekt.
Der Beitrag von Jonas Nürge ist ein Gastartikel in einer kleinen Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken. Ihr wollt mitmachen? Dann denkt bitte daran:
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