Joutes de Sète: So lädiert sieht ein pavois nach den Wettkämpfen aus. Foto: Hilke Maunder
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Joutes de Sète: Drei Meter über dem Wasser

Die Joutes Languedociennes sind maritimes Spektakel, seit Jahrhunderten tief verwurzelt in den Traditionen und Regeln des Languedoc. Bei der jährlichen Fête de la Saint-Louis im August wagte ich mich in Sète auf die tintaines und machte mit.

Drei Meter über dem Wasser stehe ich auf einer Plattform über dem Canal de Sète. Etwas aufgeklebter Teppich verhindert, dass ich rutsche. Schwarz und dunkel ruht das Wasser im Scheinwerferlicht. Meine Hand umfasst eine Lanze. Sie ist blau-weiß gestreift, genau wie das Langarmshirt unter meinem weißen Hemd. Auch meine Hose ist weiß. Der Gürtel ist weiß. Im Schrank hatte ich zwischen all den schwarzen Jobsocken sogar noch ein weißes Paar Tennissocken gefunden. Die habe ich rasch über die Füße gestreift und in meine weißen Turnschuhe gesteckt.

Jetzt sind die weißen Sportschuhe ausgezogen und warten auf mich unter dem gradin, dem Gerüst der Tribüne am rechten Ufer des Canal de Sète. Ich stehe auf einer kleinen Plattform. Eine Lanze liegt unter meiner Achsel. Am linken Arm hängt ein Holzschild. Gegenüber steht eine Frau. Und ich frage mich, wie ich hier eigentlich gelandet bin.

17 Uhr: der erste Versuch

Es ist Donnerstag, Ende August, 17 Uhr. Um 16 Uhr hatte ich die Wohnung verlassen, in der Hand eine Tüte mit zwei Sets an Outfits in Weiß, Bürste, Duschgel und Deo, hatte den kostenlosen bateau-bus in die Stadt genommen und war zu Fuß zum quartier haut gelaufen, vorbei an den einfachen Häusern der Fischer, der Arbeiter und der Kreativen, die mit Atelier und urbaner Kunst für frischen Wind in diesem volkstümlichen Viertel sorgen.

Auf meinem Weg begleiteten mich Banner und Fahnen, die in der leichten Sommerbrise flatterten. La Fête de la Saint-Louis verkünden sie. Sechs Tage lang feiert das Venedig des Languedoc mit diesem großen Volksfest seinen Stadtgründer Ludwig IX. Für mich beginnt der Abend allerdings nicht mit Musik und Feststimmung.

Sondern auf einem Übungswagen auf Beton. Mit einem Laubbläser hatte Jean-Claude Di Sierna zuvor die Anlage gereinigt und von den Blättern der Platanen der Place du Château befreit. Dann hatte er das Holzfenster des Vereinsschuppens hochgeschlagen, im Scharnier gedreht und in einen Tresen verwandelt, auf dem nun eisgekühltes Wasser auf uns wartete.

Trockentraining auf wackligen Karren

„Stell Dich auf diesen chariot“, sagt Gina Ebri, Siegerin der Joutes 2024. Die Joutes Languedociennes gehören seit Jahrhunderten zur Stadtgeschichte und sind seit Generationen tief in den alten Sétoiser Familien verankert. Ihre moderne Geschichte beginnt mit dem Hafen.

Als Endpunkt des Canal du Midi wurde der port royal am 29. Juli 1666 eingeweiht. Zur Feier veranstalteten die Fischer ein Turnier auf dem Wasser. Daraus entwickelte sich im Laufe der Jahre eine Tradition, die seit 1734 mit der Fête de la Saint-Louis verbunden ist.

Doch erst seit 2022 dürfen auch Frauen teilnehmen. Die treibende Kraft hinter der Öffnung war ein Verein, der im quartier haut daheim ist – und auf dessen Karren ich jetzt stehe: Jeune Lance Sétoise (J.L.S.). Der Karren besteht aus zusammengezimmerten Holzplanken, steht auf kleinen, harten Kunststoffrollen und wird mit einem Hanfseil gezogen.

Balance auf Beton

„Mach schon, stell Dich drauf“, wiederholt Gina, als sie mein skeptisches Zögern bemerkt. Ich steige hinauf und stütze mich mit der Lanze ab. Gina lacht. „Die Lanze muss Du geradeaus halten.“ Dann gibt sie mir den pavois und zieht das Halteseil fester. Es muss richtig schön eng sitzen. Sonst habe ich keine Stabilität. „Stell jetzt Deinen Schild auf Dein abgewinkeltes Bein, ganz dicht ans Knie, und drücke das rechte Bein ganz durch.“ Gut gesagt, Gina! Doch… mein Bein ist länger als das Brett, besonders, wie gefordert, ganz tief in der linken Beuge. „Oh, dann musst Du das rechte Bein weiter nach links stellen … und stütz Dich mit dem hinteren Fuß am quer gestellten Balken ab!“

Ich versuche es. „Die Position sollte stabiler sein“, sagt sie. Doch bei mir beginnen die Knie zu zittern. Acht bis zehn Kilo wiegt der pavois. Und die Lanze geradeaus zu halten, geht in die Oberarme. „Der Kopf ist zu hoch! Niedriger – und dichter an den pavois !„, ruft Gina. Schweißperlen bilden sich auf der Stirn.

Noch am frühen Abend zeigt das Thermometer mehr als 30 Grad Celsius. Selbst mit beiden Füßen auf dem Asphalt fordert diese Position meine Balance heraus. Dann beginnt sie zu ziehen. Und meine Gegnerin kommt mir näher. Es ruckelt, es wackelt. Panik macht sich breit. „Bloß nicht auf den Asphalt fallen,“ denke ich mir. „Denk an Deine Prothesen. Du darfst nicht stürzen!“ Und springe ab. Immer wieder versuche ich es.

Scheitern oder stürzen

Ich probiere es wieder. Und wieder. Nach vielen weiteren fehlgeschlagenen Versuchen denke ich nur: „Das kann ja heiter werden.“ Am Ende bin ich drauf und dran, meine Teilnahme bei den Joutes abzusagen. In einem Anflug von Übermut, gemischt mit Neugier und dem Wunsch, dies kollektiv tief verankerte Ereignis in meiner zweiten Heimat im Süden hautnah zu erleben, hatte ich die Einladung vom Club de la Presse Occitanie angenommen und mich per Mail angemeldet.

Dass die Übung auf dem chariot tatsächlich eine besondere Herausforderung darstellt, hat einen einfachen Grund, erzählt mir Aurélien Evangélisti, siebenfacher Gewinner der Joutes Poids Lourds von J.L.S. „Der Wagen rollt über einen starren Untergrund. Beim Stoß gibt der Asphalt nicht nach. Die Energie geht direkt in Körper und Konstruktion. Wer das Gleichgewicht verliert, fällt nicht ins Wasser, sondern auf Asphalt oder Beton.“

Auf dem Wasser ist das anders. Das weiß ich um 17 Uhr allerdings noch nicht. Ich weiß nur: Ich kann nicht auf diesem Karren stehen. Und erwäge, mich von der Teilnehmerliste streichen zu lassen.

Das Défilé

Doch dann kam alles ganz anders. In einem Nebenzimmer des Rathauses, einer wahrhaft winzigen Kammer ohne Fenster im ersten Stock der Rue André Portes, zog ich mir mit den anderen Mitstreiterinnen mein weißes Outfit an, die weißen Ärmel hochgekrempelt, um das gestreifte Langarmshirt zu zeigen. So kann ich wenigstens beim Festumzug an Land teilnehmen, dachte ich mir, und dies noch hautnah miterleben. Das würde mir reichen.

Marschmusik und DJ-Klänge

Mit Trompete und Tuba, Trommel und Flöte marschierte die Peña Bella Ciao voran. Wir folgen ihr mit aufrecht getragenen Lanzen. Um uns herum feiert eine Menschenmenge. 21 Uhr schlägt in der Ferne eine Uhr. Die Stimmung ist ausgelassen. Zehn Bars der Stadt haben sich in Bodegas verwandelt – mit DJs, Live-Musik und reichlichem Vorrat an Flüssigem. Wein oder Wasser, Pastis oder Bier schwappt in den écocups der Besucher. Kunterbunte Leuchten erhellen den Nachthimmel.

Wir erreichen den Cadre Royal, und damit jenen Abschnitt des Canal de Sète, der sich jeden Sommer zwischen dem Pont de la Civette, ehemals Pont Royal (1844) und dem Pont de la Savonnerie, früher Pont Legrand (1842) in eine nautische Arena verwandelt – direkt am Wasser säumen dann Ponton-Tribünen die Kais!

Eine doppelte Kehrwendung gehört zum Défile. Foto: Hilke Maunder
Eine doppelte Kehrtwendung gehört zum Défilé. Foto: Hilke Maunder

Spalier für die Stadtoberen

Auf ein Zeichen des Zeremonienmeisters der Joutes bilden unsere Lanzenspitzen ein Spalier, durch das der Bürgermeister, die Stadtverordneten und die eingeladenen Gäste zur Ehrentribüne schreiten. Für uns, die jouteuses, gibt es einen schmalen, mit einem Absperrgitter gesicherten Zugang zum Wasser. Unsere Schuhe verstecken wir unter dem Gerüst der Tribüne. In Socken warten wir am Kai. Dann holt ein blau-weißes Zubringerboot die ersten Wettkämpferinnen ab. Ich sehe mir von Land die Wettkämpfe an. Boot um Boot kommt, holt Spielerinnen, bringt andere zurück. Die Zeit verstreicht.

Das Turnier im Cadre Royal: Lanzen und Lampenfieber

„Ah, wahrscheinlich haben die Organisatoren selbst gemerkt, dass ich nicht Joutes-tauglich genug bin “, denke ich. „Vielleicht haben sie mich deshalb gar nicht mehr in die finale Teilnehmerliste genommen“. Ich entspanne. Gleichzeitig denke ich: Vom Wasser aus hätte ich das Spektakel auch gerne einmal gesehen. Also frage ich zaghaft, ob ich nicht ebenfalls ins Boot dürfte.

Ich darf und steige ein. Wir fahren zu einer rot-weißen Barke. Dort bekomme ich die Aufforderung, auf das Hauptboot zu klettern. Ich denke: „Oh, wie schön. Du darfst sogar als Gewicht auf der Stiege sitzen.“ Mit 1.80 Metern bin ich deutlich größer, und daher auch schwerer, als die anderen Frauen.

Denn dazu sind die Menschen auf der Stiege da: Sie sollen die Größendifferenz ausgleichen und dafür sorgen, dass die Lanzen sich auf gleicher Höhe kreuzen und parallel auf den pavois treffen – und nicht von zu weit oben oder unten. Ich klettere also aus dem Zubringerboot auf das Hauptboot. Und setze mich auf die mittlere Leiter. Das Publikum lacht.

Ich bin irritiert. Erst später erfuhr ich, dass mich die Stadionsprecher als nächste jouteuse angekündigt hatten. „Du musst ganz nach oben auf die Plattform“, sagt mir der Mann, der neben mir auf der Stiege sitzt. Jetzt bin ich völlig verwirrt. Was soll ich denn noch weiter oben? „Geh auf die tintaine – hier, nimmt meine Hand oder stütze Dich auf meiner Schulter ab!“

Im Scheinwerferlicht des Canal de Sète

Dann geht alles sehr schnell.

Jemand reicht mir den Schild. Wie in Trance streife ich ihn über den linken Arm. Ich prüfe, ob er bis oben an die Achsel reicht und richtig sitzt. Dann drückt mir jemand die Lanze in die Hand. „Achte darauf, dass du im linken weißen Bereich bleiben musst!“

Die garde – der jeweils farbig markierte Streifen – zeigt, wie weit die Hand nach vorne rutschen darf. Diese Regel soll verhindern, ungleiche Bedingungen herrschen. Wer zu weit greift, riskiert eine Verwarnung oder sogar die sofortige Disqualifikation.

Ich lege die Lanze, wie beim Training gelernt, an die Achselhöhle und nutze ihren stählernen Dreispitz, um mich auf der Stiege der Barke zu stabilisieren. So stehe ich jetzt hier oben. Drei Meter über dem Wasser, Ende August in Sète. Und ein Scheinwerferkegel wandert von mir zum anderen Boot. Gegenüber steht Maude.

Duell der Damen

Ich lege den Kopf neben das Schild. Gegenüber sehe ich eine südfranzösische Kollegin vom Fernsehsender TF1. Maude von 7 à 8. Ihre blauen Augen strahlen vor Kampfgeist. Sie ist klein, geschätzt 1,60 Meter groß, schlank, sehnig und durchtrainiert. Die Frau in den Vierzigern kann das Bein perfekt durchstrecken. Sie hat keine Probleme mit der Idealhaltung der Lanze.

Ich dagegen fühle mich wie eine Riesin, Jahrgang 1961, und viel zu groß und alt für all dies hier. Doch die Plattform ist mir sympathischer als der Karren und erinnert mich ans Segeln auf der Alster. Wasser hat keine Balken, doch auf diesen hier fühle ich mich als Hamburgerin sicherer als auf dem Karren an Land. „Wenn die zehn Männer zu rudern beginnen, ruckelt es total, da wäre ich beinahe ins Wasser gefallen“, hatte mir heute meine Kollegin Lara Montigny erzählt, die als Südfranzösin schon mehr Joutes erlebt hatte, zuletzt in Palavas-les-Flots.

Die erste Passage ist ein Gruß, aufrecht stehend, die Lanze fest in der Hand. Wir heben die Hand, blicken uns kurz an. Keiner lächelt, jeder ist bei sich. Hochkonzentriert. Erstaunt stelle ich fest: Auf dem Schiff stehe ich stabiler. Das Gleiten auf dem Wasser trägt mich.

Auch, wenn Größe und Körperhaltung nicht stimmen. Letztere entscheidet bei den Joutes alles, erzählt mir ein Monsieur in weißer Jouteurs-Kluft mit roten Paspeln am Blazer, der den Zugang zum Wettkampfsbereich kontrolliert. „Bei Rechtshändern dient das durchgestreckte rechte Bein als Hauptstütze, zusätzlichen Halt gibt der aufgestellte pavois auf dem linken Knie. Jeder falsche Gewichtsimpuls kann das Gleichgewicht zerstören.“ Ich habe diese Regeln am Nachmittag auf dem Asphalt geübt. Und war gescheitert.

Der Angriff

Wie in Trance höre ich eine Stimme. „Heb jetzt deine Lanze.“ Gesagt, getan. Ich überprüfe noch einmal, ob sie nicht über die Achsel hinausgeht. Das könnte eine Disqualifizierung bedeuten. Dann vergesse ich alles andere.

Ich muss die weiße Fläche treffen. Auf keinen Fall etwas anderes. Und schon gar nicht die Frau. Sonst gibt es ein Malheur.

Im Rhythmus der Musik

Mit rund zehn Kilometern pro Stunde bewegen die Ruderer die Barken aufeinander zu. Am Bug, der proue, sitzen zwei Musiker im rot-weißen Habit mit kreisrundem canotier-Strohhut. Der tambouriste gibt auf seiner Trommel den Rhythmus der Ruderer vor. Ihn begleitet ein lyrischer, fast weinend klingender hautbois. Die traditionelle Schalmei des Languedoc ähnelt einer barocken Oboe, hat aber keine Klappen. Ich habe keine Ohren für die Musik.

Ich sehe nur Maude. Sie wird immer größer, fast furchterregend. Ihre Augen scheinen zu glühen. Sie wirkt unglaublich fokussiert, wie festgeschweißt auf der tintaine.

Der erste Stoß

Dann stoße ich zu. Die Lanze trifft links oben das weiße Feld des pavois. Maude beginnt zu taumeln und lacht überrascht auf. Dann stürzt sie rücklings ins Wasser. Auch ich wackle stark. Doch die sanfte Ruderbewegung hilft mir, die Balance wiederzufinden.

Ich stehe. Das Publikum klatscht. Schwungvoll saust die tintaine über den Kanal, als die Barke im Cadre Royal wendet. Stolz halte ich die Lanze ins gleißende Scheinwerferlicht. „Gültig!“, verkündigt die Jury. Und kündigt die revanche an.

Die Revanche

Jetzt legen die Ruderer Tempo vor. Schneller als zuvor scheint das mehr als drei Tonnen schwere Gefährt durch das Wasser zu gleiten. Maude steht bereits wieder auf der tintaine. Patschnass. Aber konzentrierter als je zuvor. Und nicht nur unzufrieden, sondern geradezu wütend auf sich selbst. Ihre Augen scheinen jetzt noch feuriger. Sie will es mir zeigen.

Ich weiß inzwischen, dass der erste Stoß funktioniert hat. Aber ich weiß auch, dass ich beim zweiten selbst fallen kann. Und sage innerlich zu mir: „Wenn du fällst, auf jeden Fall nach hinten. Nach vorne brichst du dir alle Knochen. Und wirf gleich die Lanze dann weit weg. Und fall bloß nicht auf den pavois – schleudere den Schild auch weit weg.“ Prellwunden beim Sturz auf dessen Holzverstärkungen gehören zu den häufigsten Unfällen der Joutes.

Der zweite Stoß

Die Ruderer bringen die Barke wieder auf Kurs. Die Lanze geht in Position. Ich stoße. Diesmal treffe ich die Mitte des pavois. Maude schwankt. Und fällt erneut. Doch diesmal habe auch ich meine Balance noch nicht wiedergewonnen, als die Ruderer wieder Fahrt aufnehmen.

Ich falle ebenfalls. Aufrecht, die Füße zuerst. Mit lautem Lachen lande ich im Kanal. Das Wasser ist badewarm. Maude sieht mich. Sie schwimmt auf mich zu. Wir klatschen uns ab und halten die Arme, unsere Hände verbunden, hoch in die Kameras.

Ein Beiboot (nacelle) sammelt unsere pavois und Lanzen ein. Für uns heißt es: zurückschwimmen. Mitten im Scheinwerferlicht des Kanals.

Ein Platz auf dem Podest

Um Mitternacht stehe ich, immer noch patschnass, auf der Place de la Mairie, wo die traditionelle Siegerehrung der Joutes-Wettbewerbe stattfindet. Monsieur le Maire Hervé Marquès kündigt die Siegerinnen dieses Abends an. Auf Platz drei der Joutes Féminines schaffte es Tiana Miette von AJS Avenir des Jouteurs Sétois. Silber holte Emilie Capitaine vom Verein J.L.S .Jeune Lance Sétoise, Gold ihre Vereinskollegin Corélia Daudé.

Das Turnier der Presse und der Persönlichkeiten entschieden bei den Männern Ben Elrich, Daou und Philippe Buonomo für sich. Bei den Damen siegte Juliette Amiel vor Caroline Lagarde. Als Platz drei ausgerufen wird, traue ich meinen Ohren nicht. Stolz steige ich die Treppe zur Bühne empor. Und fahre mit meiner trophée de la presse aus Acryl, in die eingraviert steht 3e Prix Joutes Féminines, mit dem bateau-bus nachts um zwei durch den nächtlichen Hafen von Sète zu meinem bureau-lit. Und denke mir: Die Joutes waren eine tolle Taufe als nouvelle sétoise, als frisch Zugezogene!

Die Fête de la Saint-Louis Sète: der Ablauf der Joutes

Während der Fête de la Saint-Louis in Sète Mitte August werden die Turniere mit mehr als 400 Teilnehmenden nach Kategorien gestaffelt.

  • Donnerstag:
    • Nachmittag: École de Joutes (Pupilles, Minimes, Cadets)
    • Abend: + Frauenturnier, gefolgt vom Turnier für Presse & Persönlichkeiten
  • Freitag:
    • Juniors + Coupe d’Or Gaston-Macone
  • Samstag:
    • Mi-Moyens (Zwischengewicht)
  • Sonntag:
    • Juniors + Moyens
  • Montag (Höhepunkt):
    • Grand Prix des Poids Lourds (die „Königsklasse“). Nur bei diesem Turnier erfolgt eine Übertragung auf eine Großleinwand. Achtung: Für dieses Turnier müssen alle Plätze auf den Tribünen vorab reserviert werden.

Die Joutes Languedociennes : ein immaterielles Welterbe Frankreichs

Das Fischerstechen von Sète ist kein spontanes Duell im Rahmen eines maritimen Stadtfestes, sondern eine jahrhundertealte Tradition, mit eigener Sprache, eigenen Vereinen und einem erstaunlich komplexen Regelwerk.

Die Joutes languedociennes sind dabei mehr als nur eine Variante des französischen Schiffsstechens, wie es zwischen Marseille und Nizza als tàrgo prouvençalo, in Schiltigheim-Bischheim bei Strasbourg nach der Elsässer Methode oder auch in Lyon auf der Rhône oder bei Bordeaux auf der Garonne ausgetragen wird.

Südfrankreichs Hochburg

Als Hochburg der südfranzösischen Joutes gilt Sète mit seinen acht Vereinen. Aber auch Agde, Balaruc-les-Bains, Marseillan und Mèze am Étang de Thau oder auch Le Grau-du-Roi, Palavas-les-Flots und Frontignan sind stolze Verfechter der Joutes Languedociennes.

2012 nahm das französische Kulturministerium die Joutes in das nationale Inventar des immateriellen Kulturerbes auf. Es umfasst all jene kulturellen Praktiken, die nicht in Gebautem verankert sind, sondern in Handgriffen, Regeln, Liedern, Herstellungstechniken und der Weitergabe von Generation zu Generation.

Rot oder blau: das Geheimnis der Barke

Große Familien wie die Abellan, Formato, Rojas, Rega, Le Bail-Passeron, Valette und Camelio–Chazal–Molto haben die Geschichte der Joutes geprägt. Früher verriet die Farbe der Boote, in denen die Männer antraten, ob sie zu haben waren – oder nicht. Rot stand für die Verheirateten. Blau stand für die Ledigen.

Die Boote standen damals so nicht für den Einzelnen, sondern für die Gemeinschaft und den gesellschaftlichen Status, zu dem sie gehörten. Im 18. und 19. Jahrhundert traten stets die mariés gegen die célibataires an. Erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wandelte sich das System allmählich zum heutigen Wettkampf einzelner Athleten mit K.-o.-Charakter. Nicht mehr die Gruppe entscheidet, sondern der Einzelne auf der tintaine siegt als Individuum im Kollektiv.

Alters- und Gewichtsklassen bei den Joutes Languedociennes von Sète

KategorieAlterGewichtLanze
Juniorsbis 20 Jahrekeine Gewichtsgrenze2,80 m
Seniorsab 21 Jahre (oder mit Ausnahmegenehmigung für erfahrene Juniors)keine Gewichtsgrenze2,80 m
MoyensSeniorenbis 90 kg2,80 m
LourdsSeniorenüber 90 kg2,80 m

Der pavois : der städtische Schild der Joutes

Aus Sète stammt auch das Zubehör der Joutes. Die Barken wurden einst auf den Werften des Hafens gefertigt. Die Lanzen und Schilde fertigen bis heute die städtischen Tischlereien. Wer siegt, erhält den pavois bunt bemalt mit dem jeweiligen Jahresmotiv, das ein örtlicher Künstler entwirft.

Der pavois ist kein schlichter, über Dampf gebogener Holzschild, sondern besteht aus miteinander verbundenen Holzplatten. Verstärkungsleisten halten die Konstruktion zusammen. Im Inneren befinden sich oben die flexible Halteleine, unten der fest installierte Haltegriff. Das Halteseil lässt sich individuell anpassen.

Es muss eng unter der Achsel sitzen. Der heutige pavois ist ungefähr 70 Zentimeter hoch und 40 Zentimeter breit. Ältere Exemplare waren größer. Vor 1920 maßen sie etwa 90 mal 40 Zentimeter. Das Holz für den pavois muss fest, aber nicht spröde sein. Traditionell wird festes, etwas elastisches Nadelholz verwendet, mitunter aber auch leichteres Pappelholz.

Das Geheimnis der weißen Fläche

Auf dem pavois befindet sich ein genau definiertes System von Trefferzonen. Gültig sind nur Treffer auf der weißen Fläche des Schildes. Im Jargon der jouteurs haben die einzelnen Bereiche eigene Namen. Plein pavois, l’épine, tir aux pigeons oder le mur beschreiben nicht nur die Position eines Treffers, sondern auch seine Auswirkungen. Als ideal gilt ein Stoß im plein pavois – die Lanze trifft frontal und überträgt die Kraft direkt.

Die Zonen des pavois und ihre Bedeutung im Kampf

  • Plein pavois (Voller Treffer):
    • Der absolute Idealstoß. Die Lanze trifft exakt ins Zentrum des erlaubten Feldes. Der Stoß überträgt die maximale Kraft frontal auf den Gegner.
  • L’épine (Das Herz / die Gräte):
    • Das genaue Zentrum des Quadranten. Ein Volltreffer hier verlangt vom Stecher auf der Gegenseite-höchste Standfestigkeit im rechten Bein.
  • Le tir aux pigeons (Taubenschießen – zu hoch):
    • Der Stoß trifft im obersten Bereich des pavois. Das ist gefährlich und bringt Hebelwirkung nach oben: Trifft man zu hoch, rutscht die Lanze leicht ab oder Hebeldruck hebelt den Gegner nach hinten aus.
  • Le mur / Le mure (Die Randleiste / Mauer):
    • Der Treffer erfolgt direkt an den Holzkanten oder Verstärkungsleisten (retenants). Hier droht die Lanze abzugleiten (glisser).
  • Milieu de dedans / Milieu de barelle / Bas de barelle / À la main:
    • Bezeichnen die Feinjustierung des Aufpralls relativ zur Körperachse und Handhaltung:
      • À la main: Zu nah an der halteführenden Hand – erhöht das Verletzungsrisiko und ist oft ein Indikator für eine falsche Haltung an den Gardes.
      • Bas de barelle: Zu tief am unteren Rand des Schildes – führt oft dazu, dass der Stoß ins Leere abrutscht oder die Jury wegen Treffers außerhalb der erlaubten Zone eingreift.

Die Lanze: eine Stange, drei gardes

Auch die Lanze ist streng geregelt. Gardes genannte farbige Markierungen zeigen an, wie weit die Hand nach vorne greifen darf. Wer die erste garde überschreitet, riskiert eine Verwarnung. Nach drei Verwarnungen kann die Eliminierung folgen. Wer bis zur zweiten garde greift, begeht einen so gravierenden Regelverstoß, dass er eliminiert wird.

Warum diese Unterscheidungen – und schweren Folgen? Das hat technische Gründe. Je weiter man die Lanze vorne hält, umso größer wird der Hebel. Sprich: Damit schafft man mehr Reichweite und verändert die Kraftübertragung. 2,80 Meter lang ist heute die Wettkampflanze für Männer. Für Frauen, Jugendliche und männliche Leichtgewichte gibt es kürzere und dünnere Varianten.

Das Schiff: der Schweine-Rüssel

Mourre de porc, Schweine-Rüssel, heißt übersetzt die etwa acht Meter lange Barke, die in Sète bei den Joutes zehn Ruderer antreiben. Ihren Rhythmus geben zwei Musiker im Bug vor, ihren Weg steuert ein Mann im Heck mit der Hand am Holzruder und festem Blick auf die gegnerische Barke.

Rumpf und Plattform (tintaine) verbindet la bigue. Auf dieser „Treppe“ sitzen zusätzlich mehrere jouteurs. Sie kämpfen nicht, sondern machen Gewicht. Ihre Position entscheidet die Höhe der tintaine. Beide Plattformen sollten sich beim Aufeinandertreffen auf gleicher Höhe befinden. Die richtige Belastung der Barke kann kampfentscheidend sein. Ein zu leichtes Boot würde stärker ausweichen oder schwingen.

Die Musik: die akustische Regie

Die beiden Musiker im Bug sind nicht nur Rhythmusgeber, sondern auch klingende Kommentatoren. Für jeden wichtigen Moment der Joutes gibt es ein eigenes Tonsignal. Den allgemeinen Beginn eines Wettkampfs markieren eine Handvoll Böller. Jeder einzelne Angriff innerhalb der Joutes besitzt seinen eigenen Air de la charge. Den Sturz ins Wasser markiert ein Air du jouteur qui tombe à l’eau musikalisch. Die Musik strukturiert den Wettkampf und macht ihn mit seinen Melodien zum Ritual.

Die Joutes-Vereine: die Farben der Viertel

Acht Joutes-Vereine gibt es in Sète, und jeder trägt stolz die Farben seines Viertels – ein großer Dachverein fehlt. Zu den traditionsreichen Gesellschaften gehört die Jeune Lance Sétoise, 1972 im quartier haut gegründet. Daneben stehen unter anderem die Société des Jouteurs Sétois – Pavois d’Or, die Lance Amicale Sétoise und die Lance Sportive Sétoise. Hinzu kommen kleinere Vereine wie die Amicale des Jouteurs de la Pointe-Courte (A.J.P.C.) und Avenir des Jouteurs Sétois aus dem gleichnamigen Fischerviertel, das die Filme von Agnès Varda berühmt machten.

Der rollende Nachwuchs

Die Nachwuchsförderung beginnt früh. Kaum windeltrocken, nimmt die École de Joutes de la Marine de Sète junge jouteurs und jouteuses auf. Bereits als Dreijährige trainieren sie auf den chariots und lernen die grundlegenden Bewegungen. Bei der Fête de la Saint-Louis finden die chariot-Wettbewerbe der Kleinsten auf einer eigens in den Canal de Sète gelegten schwimmenden Plattform vor großem Publikum statt, und auch hier verteilt Monsieur le Maire die Preise und Auszeichnungen.

Lehrstunden auf dem Wasser

Aufs Wasser geht es erst fünf Jahre später. Mit etwa acht oder neun Jahren wechseln die Kinder auf kleine Motorboote. Schrittweise werden sie an immer größere Boote herangeführt. Sie lernen, auf dem Wasser die Balance zu halten, Gewicht richtig zu verteilen – und müssen sich an strenge Regeln halten. Beim Sport wie im Miteinander. Und feiern dann doch ausgelassen, stets unter den wachen Augen der Älteren. Diese Vereinskultur ist in Sète äußerst lebendig und schafft einen enormen sozialen Zusammenhalt.

Die Joutes von Sète: meine Infos

Hinkommen & mobil

Bahn

In Sète halten TGV-, IC- und TER-Züge der SNCF. Vom Bahnhof sind es rund 10 Minuten zu Fuß zu den Tribünen.

Auto, Womo & Co.

Während der Joutes sind weite Teile der Innenstadt für den motorisierten Verkehr gesperrt, auch der Fahrradverkehr ist stark eingeschränkt. Parkt euer Gefährt am besten kostenlos (für maximal 24 Stunden) am Parkplatz Mas Coulet und fahrt mit dem bateau-bus zwischen 9 früh und 2 Uhr nachts kostenlos direkt zu den Tribünen, eine kostenlose Hafenrundfahrt inklusive.

Schlemmen und genießen

La Macaronade

Kult während der Joutes ist die Nudelgericht, das neapoletanische Fischer nach Sète brachten. Dabei handelt es sich, ganz grob gesagt, um Penne mit Gulasch aus Fleisch und Wurst – ein deftiger Sattmacher und Kraftgeber für die Wettkämpfe!

La Tielle Sétoise

Eine kreisrunde Teigtasche, köstlich gefüllt mit Tintenfisch: Die Tielle Sétoise ist der berühmte kulinarische Botschafter der Hafenstadt, hat ebenfalls Wurzeln in Italien – und ist kinderleicht nachzubacken!

Die Joutes de Sète: die Jahresübersicht

Saisoneröffnung

  • Escale à Sète (alle zwei Jahre im Frühjahr / Ostern): Beim großen maritimen Fest gibt es die ersten Schau-Turniere der Saison – u. a. Challenge des Moussaillons und die Challenge René Zardoni.
  • Critériums & Nachwuchsturniere (ab Mai/Juni): Wöchentliche Turniere der Nachwuchsschule École de Joutes de la Marine (EJMS) .

Die großen Fêtes de Sociétés

  • Fête de la Pointe-Courte (Ende Juni/Anfang Juli): Ausgerichtet von der A.J. Pointe-Courte im Fischerquartier inklusive der Challenge des Hautsbois.
  • Fête de la Jeune Lance Sétoise (Ende Juni): Vereinsfest der J.L.S. im Cadre Royal und im Quartier Haut / Place de l’Hospitalet.
  • Fête de la Saint-Pierre (Anfang Juli): das traditionelle Fest der Fischer, organisiert von der Amicale des Pêcheurs Sète-Môle (A.P.S.M.) am Quai Maximin Licciardi.
  • Fête de la Lance Amicale Sétoise (Ende Juli): Turniere der L.A. Sète im Cadre Royal.
  • Semaine de l’Avenir des Jouteurs Sétois (Anfang August): Mehrtägiges Fest im Stadtteil Les Quilles.
  • Fête de la Lance Sportive Sétoise (Ende August): Turniere der L.S.S. im Cadre Royal.
  • Fête de l’EJMS (Ende Juli/Anfang August): Fest der Nachwuchsschule, die 2026 50jähriges Bestehen feierte.

Sommer-Highlights

Le Pavois d’Or (Anfang/Mitte Juli)

  • Ausgerichtet von der Société des Jouteurs Sétois (S.J.S.).
  • Anfang/Mitte Juli
  • Eines der prestigeträchtigsten und ältesten Sommer-Turniere im Cadre Royal für alle Kategorien.

La Fête de la Saint-Louis (Mitte/Ende August)

Das größte, bedeutendste und spektakulärste Event des Jahres. Das mehrtägige Programm ist nach Kategorien gestaffelt, der Grand Prix der Poids lourds bildet den Höhepunkt.

Flutlicht-Turniere (Les Nuitées)

  • Nuitée der J.L.S. (14. Juli): Stimmungsvolles Nachtturnier im Cadre Royal mit Nuitée des Féminines, Challenge Jean-François Sergio und Mémorial Paul-Di Stefano.

Nationale Saison-Finals (September)

  • Coupe de France de Joutes (Anfang September): Ausgerichtet im Wechsel von den lokalen Vereinen.
  • Championnat de France (Mitte September): Der offizielle nationale Saisonabschluss, bei dem die besten Stecher aller regionalen Ligen – einschließlich der Écoles de Joutes – um die Meistertitel antreten.

Hier könnt ihr schlafen*