Bedrohtes Pletzl: die Juden der Rue des Rosiers

Die Librairie du Temple ist auf Judaica spezialisiert. Foto: Hilke Maunder
Die Librairie du Temple ist auf Judaica spezialisiert. Foto: Hilke Maunder

Das Herz des jüdischen Paris schlägt– noch –  im Pletzl, mitten im Marais. Seit dem 13. Jahrhundert haben hier Juden aus Ost und West trotz aller Vertreibungen immer wieder eine Heimat gefunden. Ihr Corso ist die rue des Rosiers – inzwischen auch für Kreative, Kunsthandwerker und kaufkräftige Besucher très branché, sprich angesagt. Das bedroht heute immer stärker die jiddische Kultur des einst kleinbürgerlichen Viertels. 

Nirgendwo sonst in Europa leben so viele Juden: Mit 800.000 Mitgliedern besitzt Frankreich heute die größte jüdische Gemeinde Europas. Fast die Hälfte von ihnen lebt in Paris; die meisten von ihnen noch immer im Marais. Das Viertel zwischen Bastille und Beaubourg ist seit dem Mittelalter ihre Heimat. Im 17. Jahrhundert zum bevorzugten Wohnviertel der Adligen aufgestiegen, entging es im 19. Jahrhundert nur knapp der Abrissbirne, mit der Baron Haussmann Paris sein heutiges Aussehen verlieh. Im Schatten der breiten Boulevards überlebte in den engen, gewundenen Gassen ein Miteinander der Gegensätze in Glaube, Kultur, Architektur. Prachtvolle Stadtpaläste des Adels (hôtels) erheben sich neben windschiefen Häusern der Handwerker, hohe Mietshäuser neben Ordensniederlassungen der Tempelritter.

Zu den traditionsreichen jüdischen Lokalen haben sich auch trendige Zeitgeist-Restaurants mit jüdischer Küche gesellt. Foto: Hilke Maunder

Im Hôtel Saint-Aignan, 1640 erbaut, vermittelt seit 1998 das Museum für jüdische Kunst und Geschichte Einblicke in eine für viele sehr fremde Kultur. Gegenstände des religiösen Lebens sind ebenso ausgestellt wie Gemälde von El Lissitsky, Modigliani, Soutine und Chagall. Einen besonderen Schwerpunkt nimmt die Geschichte der Pariser Juden ein.

Bildeten vom Mittelalter an zunächst die Sephardim, Juden aus dem arabisch-spanischen Mittelmeerraum, die Mehrheit, kamen nach der Französischen Revolution besonders strenggläubige Juden aus dem Elsaß und Osteuropa nach Paris. Ihr geistliches Zentrum erbaute der „Vater“ der Pariser Métro, der Architekt Hector Guimard.

Selbst mit einer amerikanischen Jüdin verheiratet, verband Guimard beim Bau der Agudath-Hakehilot-Synagoge 1913/14 die verspielte Ästhetik des Jugendstils mit der Strenge des jüdischen Glaubens. 1940 sprengten die Deutschen die bis heute größte Synagoge Paris. Nach dem Wiederaufbau wurde das Gotteshaus als Nationalmonument geschützt. In unmittelbarer Nachbarschaft residiert das Oberhaupt der orthodoxen Juden von Paris, der kleinen, aber engagierten Minderheit.

Von hier sind es nur wenige Schritte zur weltlichen Lebensader des jüdischen Viertels, der Rue des Rosiers. Jiddisch liegt in der Luft. Besonders am Sonntag, wenn der Sabbat beendet ist, herrscht hier Hochbetrieb. Traditionell gekleidete Männer mit schwarzen Hüten, Schläfenlocken und langen Bärten, nur selten von ihren Söhnen begleitet, gehen schnellen Schrittes mit gesenktem Haupt vorbei; Frau und Tochter folgen mit Abstand.

Ihre jiddische Wochenzeitung – sowohl die Tribune Juive wie auch die Actualité Juive werden beide in Paris verlegt – kaufen sie in dem kleinen Zeitungsladen an der rue des Ecouffes; ihre hebräischen Bücher in einem museal wirkenden Buchladen. In den Schaufenstern der Devotionalienläden liegen siebenarmige Leuchter neben Gebetschals und Yarmulkas, den kleinen Kappen.

Für Gewürze, Düfte und Aromen ist die Épicerie Izraël zuständig, seit Jahrzehnten die Institution in der Rue François-Miron. Sämtliche Schlachtereien stehen unter der Kontrolle des Beth Din, des Großrabbinat von Paris, das über die Einhaltung der Reinheitsvorschriften wacht. Für auswärtige Besucher publiziert das Consistoire im Internet lange Listen mit koscheren Einkaufsstätten. Aus den Bäckereien der Rue des Rosiers wie Korcarz dringt der Duft warmen Hefegebäcks. In ihren Schaufenstern stapeln sich süße Schlemmereien aus Osteuropa: Mohnstriezel, Apfelstrudel und handbreit hohe Käsekuchen.

In unzähligen Straßenimbissen, kaum größer als eine Verkaufsklappe in der Hauswand, macht die Falafel dem Bagel Konkurrenz. L’As de Fallafel heißt der Kult-Imbiss des Viertels. Die frittierten Kugeln aus Kichererbsen sind das deutlichste Zeichen für den Umbruch der orthodoxen Enklave: Ausgelöst durch die Algerienkrise (1958-63), werden die angestammten Ashkenazim zunehmend von jüdischen Einwanderern aus Nordafrika verdrängt.

Lilteratur für Juden und alle, die sich für die jüdische Kultur interessieren. Foto: Hilke Maunder

Und auch die Gentrifizierung bedrängt den Hort jüdischen Lebens. Zwischen 2005 und 2007 ließ der damalige Bürgermeisters Bertrand Delanoë die Rue des Rosiers pflastern und zur  Fußgängerzone erklären. Sein Ziel, den „esprit du vieux monde“, den Geist der alten Welt zu bewahren, muss heute als gescheitert angesehen werden. Zeitgeist- und Trendlokale verdrängen die Tradition.

Als ich nach dem Abi 1981 dort war, servierte Jo Goldenberg dort noch gefilte Fisch, Blinis mit Kaviar, Kreplach und andere koschere Küche, und Mitterands Schwiegersohn war dort Stammgast gewesen. Vor knapp 20 Jahren, am 9. August 1982, richteten Palästinenser in dem stets rammelvollen Restaurant und Deli-Shop ein Blutbad an. Die Bilanz des Kugelhagels in der Rue des Rosiers: sechs Tote, 22 Verletzte. Noch heute sind die Einschussstellen der Maschinengewehre in der Fassade zu sehen, erinnert eine Gedenktafel an das Attentat. Erst 2011 wurde der Täter gestellt.

Immer mehr traditionsreiche jüdische Geschäfte schließen. Im April 2014 schloss Dimitri Panzer die Tore seine 1978 Metzgerei Charcuterie Panzer. Sein Sohn Nicolai hatte genug von der Rue de Rosiers – und eröffnete an der Avenue Paul Doumer im 16. Arrondissement ein Fleischerfachgeschäft. Sacha Finkelsztajn indes hat sich zum Bleiben entschlossen. Mit  leuchtend gelber Fassade ist seine Bäckerei seit 1946 die erste Adresse im jüdischen Viertel von Paris – und vermarktet sich heute als La Boutique Jaune.

Die Bäckerei Finkelsztajn gehört zu den traditionsreichesten jüdische Geschäften der Rue de Rosiers. Foto: Hilke Maunder

Kleiner, fast zu übersehen, ist die Plakette, die in der Rue des Hospitalières an die Gräueltaten der Nazizeit erinnert. Von hier waren 165 Schüler mit ihren Lehrern erst ins Durchgangslager Drancy, dann nach Auschwitz deportiert worden. Kaum bekannt ist auch das Mahnmal für den Unbekannten Jüdischen Märtyrer in der Rue Geoffrey-l’Asenic.

Für mehr Toleranz und ein besseres Miteinander von Juden, Moslems und Andersgläubigen engagierten sich die rund 20 Mitarbeiter des Spartenkanals „Télévision française juive“, des ersten jüdischen Fernsehsenders im Land. 1998 begann der kleine Spartenkanal seinen Sendebetrieb in der Rue des Rosiers. Aus dem ehemaligen Dampfbad des Pletzl sendete er einen spannungsreichen Mix und gestaltete Sendungen, die längst nicht mehr nur jüdische Zuschauer fesselten. Er wuchs, zog um nach Boullagne-Billoncourt, und konnte sich dennoch nicht retten. 2004 endete der Sendebetrieb auf finanziellen Schwierigkeiten. Die Mieten im Pletzl explodieren.

Die Juden von Paris: meine Reisetipps

Ansehen

Musee d’Art et d’Histoire du Judaisme

• Hôtel de St-Aignan, 71, rue du Temple, 75003 Paris, Tel. 01 53 01 86 60, www.mahj.org

Essen & trinken

La Boutique Jaune Sacha Finkelsztajn

• 27, rue des Rosiers, 75004 Paris, Tel. 01 42 72 78 91, www.laboutiquejaune.fr

L’as du Fallafel

• 34, rue des Rosiers, Tel. 01 48 87 63 60, http://l-as-du-fallafel.zenchef.com

Miznon

Der erste Pariser Pita-Shop von Eyal Shani, der in Tel Aviv erfolgreich Restaurants betreibt – und mittlerweile auch am Canal Saint-Martin mit seiner mediterran-israelischen Küche die Pariser begeistert. Achtung: nicht kosher!
• Rue des Écouffes, Tel. 01 42 74 83 58, www.facebook.com/miznonparis

Rodchenko

In der gleichen Straßen wie das Miznon findet ihr das Restaurant Rodchenko mit zertifiziert kosherer Küche.
• 17, rue des Écouffes, Tel. 01 75 50 77 95, www.facebook.com/RODCHENKO

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Mein Reiseführer: Baedeker Paris*

Baedeker Paris 2018Monatelang habe ich recherchiert und gewühlt, ehe ich zur Feder griff.  Und danach mit Dr. Madeleine Reincke als Redakteurin im Verlag an ihm feilte. Am 2. Januar 2018 ist mein Baedeker „Paris“* ist der ersten Staffel des völlig neu konzipierten Reiseführer-Klassikers erschienen.
„Tango unter freiem Himmel: Die Stadt der Liebe: Der neue Reiseführer ‚Paris‘ zeigt – neben Sehenswürdigkeiten – besondere Orte für Höhenflüge, romantische Momente wie ‚Tango unter freiem Himmel‘ und unvergessliche Dinners. Dazu gibt’s viele Kulturtipps…“  schrieb die Hamburger Morgenpost über meinen Paris-Führer, der viele neue Elemente im enthält.

Zu den Fakten, neu und unterhaltsamer präsentiert, gibt es jetzt auch Anekdoten und Ungewöhnliches, was ihr nur im Baedeker findet. Und natürlich ganz besondere Augenblicke und Erlebnisse, die euren Paris-Aufenthalt einzigartig und unvergesslich machen.

Wer mag, kann meinen Paris-Reiseführer hier* bestellen.

Paris in Biographien*

Merian: Paris - eine Stadt in Biografien.

Jede große Metropole wird nicht nur von ihren Gebäuden, Straßenzügen und Plätzen geprägt, sondern in erster Linie von den Menschen, die in ihren Mauern leben und arbeiten. Dieses Konzept steht hinter der erfolgreichen Reisebuchreihe MERIAN porträts. Die Bremerin Marina Bohlmann-Moderson, Enkelin des Worpsweder Malers, hat für die Reihe das sehr lesenswerten Paris-Büchlein verfasst.

Auf jeweils acht bis zehn Seiten portraitiert sie Abélard & Héloïse, Henri IV, Louis XIV, Voltaire, Marie Antoinette, Napoléon, Honoré de Balzac, Victor Hugo, Claude Monet, Auguste Rodin, Auguste Escoffier, Marie Curie, Sidonie-Gabrielle Colette, Pablo Picasso, Coco Chanel, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Edith Piaf, Boris Vian, Francois Truffaut und Yves Saint Laurent…

Und das nicht nicht nur anhand nüchterner Fakten. Sondern zieht Verbindungen zum heutigen Paris, erwähnt humorvoll Anekdoten und führt den Leser mit Esprit und schwungvoller Feder durch die Stadtgeschichte. Dank ihrer Portraits verankert sie sich viel tiefer im eigenen Wissen  als die kompakte Faktenflut, die andere Reiseführer liefern. Wer Paris ein wenig kennt, wird das Bändchen schätzen! Und kann es hier* gleich bestellen.

Das ganze Land: MARCO POLO Frankreich*

MARCO POLO Frankreich: praktisch und kompakt, bearbeitet von Hilke Maunder.Einfach aus dem Besten auswählen und Neues ausprobieren, ist das Motto der Marco Polo-Reiseführer. Den MARCO POLO Frankreichhabe ich gemeinsam mit Barbara Markert verfasst. Gleich zu Beginn geben wir unsere  Insider-Tipps für Frankreich preis: vom größten Flohmarkt Europas in Lille bis zur Schwimmen in der Piscine Olympique in Montpellier.

Das Kapitel „Im Trend“ verrät, was es Neues zu erleben gibt im Hexagon: vom Skijöring in den Skigebieten bis zum Übernachten im Baumhaushotel. Alle Hintergrundinformationen zu Frankreich und seinen Menschen findet ihr unter Fakten, Menschen & News. Es folgen: Tipps für Bars und Boutiquen, Erlebnissen für  Familien, Paare oder Alleinreisende. Wer mag, kann ihn hier direkt bestellen.

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