So viel Frankreich steckt in … Karlsruhe

Karlsruhe: das Schloss. credits_KTG Karlsruhe Tourismus GmbH
Das Karlsruher Schloss aus der Luft. Foto: KTG Karlsruhe Tourismus GmbH

Frankreich ist vom Stadtzentrum keine 20 Kilometer entfernt. Mit dem Weiler Maxau grenzt die Fächerstadt sogar direkt an Frankreich. Die Grenze ist der Rhein. So nah, und doch so fremd. Das dachte auch die Französin Anne Picot. Erstaunt schrieb die französische Mitarbeiterin der KA-News in einem ihrer ersten Artikel:

Was ich entdeckte, war eine typische, deutsche Stadt. Die Nähe zur französische Grenze habe ich schnell vergessen, und mir wurde klar: Ich bin definitiv im Ausland! Auf der Straße fahren viele Fahrräder, die Fußgänger halten sich an den roten Ampeln an, Grünanlagen sind überall. Nicht wie in den typischen französischen Großstädten, die ich kenne, sowie Lille und Paris. Ich hörte kein Französisch auf der Straße, und französische Feinkost war weit und breit nichts zu sehen.

Später, als sie schon ein wenig länger in Karlsruhe lebt, entdeckt sie doch kulinarische Botschaft aus der Heimat. In der Käsehütte fand sie Comté und Bergkäse aus Savoyen, bei Real eine größere Auswahl: Roquefort, frischer Ziegenkäse, Brie de Meaux und würzig-kräftigen Munster aus dem nahen Elsass.

Wie in Frankreich indes fühlt ihr euch auch bei der Pâtisserie Ludwig in der Waldstraße. Morgens duftet es nach frisch gebackenen Baguettes, Croissants, Pains au chocolat und „Chaussons aux pommes“.

Den ganzen Tag über pilgern die Karlsruher zur Miriam Kingl und Stefan Ludwig, um die besten Macarons der Stadt zu erstehen. Die Nähe zum Elsass verrät ein Gugelhopf.

Im Advent fühlt sich die Theke mit Bredele, typisch elsässischen Weihnachtskirche. Und wer als Franzose nicht auf die Bûche de Noël verzichten kann, bestellt sie bei den beiden. Und damit ihnen nicht die Ideen ausgehen, sind sie  mit dem Schokoladenhersteller Valrhona eine Kooperation eingegangen.

So erhalten sie neben allerfeinste Schokolade auch immer wieder Tipps für ausgefallene Kreationen. Köstlich, diese Zusammenarbeit!

Kaum heute noch bekannt ist die Tatsache, das auch Hitlers Mann in Paris aus Karlsruhe stammt: Otto Abetz (1903 – 1958). Als 13-Jähriger erlebte er, wie alliierte Bomber Frauen und Kinder töteten. Dieses Erlebnis war traumatisch. Der Schock veränderte sein Leben und Denken.

Nie wieder Krieg, wünschte er sich. Und organisierte 1930 als 27-Jähriger Kunsterzieher mit seinem französischen Partner Jean Luchaire, Herausgeber der Zeitschrift „Notre Temps“, ein internationales Jugendtreffen aus dem Sohlberg im Schwarzwald.

40 weltanschaulich und konfessionell unterschiedliche Gruppen kamen, campierten und diskutierten in Sichtweite des Straßburger Münsters den Lauf der Welt, Ideale und Ziele.

Kurt Martin, der Chef der Karlsruher Kunsthalle, gehörte ebenso zu den Referenten wie Arnold Bergsträsser, der nach Ende des Zweiten Weltkriegs in der jungen Bundesrepublik zu einer der wichtigsten Stimmen der politischen Wissenschaften wurde.

Auch in den nachfolgenden Jahren traf sich der Sohlbergkreis zu deutsch-französischen Gesprächen. Nach 1933 gewannen völkische Ideen die Oberhand, und Abetz stelle seine Frankreich-Expertise in den Dienst der Nazis.

1934 machte Ribbentrop den Karlsruher Experten zum Frankreich-Referent im Auswärtigen Amt. 1936 schloss sich Abetz der SS an, 1937 wurde Abetz Mitglied der NSDAP. Mit einer „offensive de charme“ warb er für Verständnis für die Frankreich-Politik, knüpfte Kontakte zu den französischen Faschisten und suchte die Nähe zu den Frontkämpferverbänden.

Abetz hatte bereits ab 1930 in der Außenpolitik der NSDAP nahegestanden. Die Nazis forderten eine Revision des Vertrags von Versailles. Ohne die „Schmach von Versailles“ würde Deutschland nicht unter den hohen deutschen Reparationszahlungen leiden – und hätte nicht Posen, Westpreußen, Danzig verloren.

1939 war die freundliche Fassade längst Farce. Frankreich wies Abetz aus. Doch nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Paris kehrte Abetz im August 1940 als Botschafter Hitlers zurück.

1940 war auch Luchaire in der französischen Hauptstadt angekommen, und arbeitete als Kollaborateur eng mit dem Vichhy zusammen. Finanziell und inhaltlich kontrollierte er sämtliche  Presseerzeugnisse der Hauptstadt. Mit „Les Nouveaux Temps“ gab er Abetz ein Sprachrohr. Immer enger arbeiteten die Männer zusammen.

Der aalglatte, eloquente Diplomat unterstützte den Kunstraub der Nazis. Und was dort in den Museen und Privatsammlungen im großen Stil gestohlen wurde, landete nicht nur in Berlin, sondern auch in Abetz‘ Privatvilla in Baden-Baden.

Maßgeblich war Otto Abetz auch an der Deportation französischer und in Frankreich lebender Juden nach Auschwitz beteiligt. Beim Anrücken der Alliierten flüchte er 1944 in die Heimat, versteckte sich. Doch im Oktober 1945 hatte die französische Polizei auch ihn entdeckt, steckte ihn in Paris in das zentrale Militärgefängnis Cherche-Midi und machte ihm 1949 den Prozess.

Die Anklagepunkte: Kunstraub im staatlichen Auftrag, Mithilfe bei den Judendeportationen und Rekrutierung von Zwangsarbeitern für Nazideutschland. Das Urteil: 20 Jahre Gefängnis.

1954 sprach die Bundesregierung beim französischen Präsidenten vorsprach und bat um Milde. Nach fünf Jahren war Otto Abetz im April 1954 wieder ein freier Mann. Und widmete sich wieder Frankreich: als Redaktionsmitglied der neu gegründete Rheinisch-Westfälischen Zeitung, Redner und gefragter Experte.

Karlsruhe & Frankreich: Was für Verbindungen!

Deutsch-Französischer Freundeskreis Karlsruhe e.V.

Seit 1969 gefördert der DFF gemeinsam mit seinem Partnerverein Cercle Amical France-Allemagne die deutsch-französischen Freundschaft mit Aktivitäten, die die Menschen in beiden Städten ansprechen und näher bringen: Vorträge und Konversationsabende, Wanderungen und Kulturreise sowie Jugendaustausche.
• www.dff-karlsruhe.de

Deutsch-Französische Gesellschaft Karlsruhe e.V.

Die Deutsch-Französische Gesellschaft Karlsruhe fördert die deutsch-französischen Beziehungen im regen Austausch mit dem Nachbarn Elsass und einem breit aufgestellten Programm, bei dem Geselligkeit und Kultur eine große Rolle spielen.
www.dfg-karlsruhe.de

Deutsch-französische Kitas

Sechs Kindertagesstätten bringen dem Nachwuchs die französische Sprache und Kultur näher: die Kita Pamina, die Kita Polyglott an der Europäi­schen Schule und die Kita „les explorateurs – die Entdecker“. In den drei Gruppen der Kita „les petits amis – die kleinen Freunde“ arbeiten deutsch- und franzö­sisch­spra­chige Erzie­he­rin­nen zusammen. Naturwissenschaftliche Grunderfahrungen und Spracherwerbe verbinden die beiden bilingualen Kitas SieKids Villa Pusteblume und Mikado.

Deutsch-Französisches Institut für Umweltforschung (DFIU)

Seit 1991 arbeiten Deutschland und Frankreich grenzüberschreitend am DFIU in der Umweltforschung zusammen. Ziel der Forschungsaktivitäten ist es, in deutsch-französischen Teams interdisziplinär Lösungen für gemeinsame Probleme zu erarbeiten. Luft, Abfall und Energie, Kreislaufwirtschaft, sowie Flächen- und Stoffstrommanagement sind Kerngebiete der länderübergreifenden Forschungsarbeit.
• https://www.dfiu.kit.edu

Duale Hochschule Baden-Württemberg

Seit Oktober 2016 könnt ihr in Karlsruhe „Deutsch-Französisches Management“ studieren und nach drei Jahren nicht nur den Bachelor of Arts ablegen, sondern auch ein Double Diplôme. Neben dem deutschen Bachelorabschluss erhaltet ihr dann auch einen französischen Licence-Abschluss.

Nach dem dualen, betriebswirtschaftlich orientierten Studium an der DHBW Karlsruhe folgt dazu dann ein internetbasiertes, ökonomischen Aufbaustudium an der Faculté des sciences économiques et de gestion der Université de Strasbourg.
www.karlsruhe.dhbw.de

Europäische Schule

1962 für Kinder der Beamten der Europäischen Kommission, die für das Forschungsinstitut – Institut für Transurane – arbeiteten,  steht die erste Europäische Schule Deutschlands allen offen. Vom Kindergarten bis zu Abitur vermittelt sie heute mehr als Schülern aus 40 Nationen bei einen multikulturellen Unterricht in drei Sprachen (Englisch, Französisch und Deutsch) Offenheit, Toleranz, Respekt und andere menschliche Werte.
• www.es-karlsruhe.eu

Eurodistrikt Pamina

Südpfalz, Baden und Elsass bilden seit 1988 den deutsch-französischen  Zweckverband Pamina. Sein Name ist ein Akronym, gebildet aus Palatinat (Pfalz), Mittlerer Oberrhein und Nord Alsace (Nordelsass). Auf seiner 6.000 qkm großen Fläche leben 1,6 Millionen Menschen. Rund 16.000 von ihnen sind Grenzgänger und pendeln täglich über die Grenze zur Arbeit.
www.eurodistrict-pamina.eu

Institut français Karlsruhe

Im deutsch-französischen Kulturzentrum Karlsruhe sitzt auch das IF Karlsruhe, da dort den Spracherwerb mit Kursen und Mediathek fördert und auch Sprachprüfungen abnimmt.
https://karlsruhe.institutfrancais.de

Stiftung Centre Culturel Franco-Allemand Karlsruhe

Sinnlich und intellektuell, in der Kunst und im Diskurs, bei Gesprächen, Ausstellungen und Feiern will das Kulturzentrum in der Postgalerie er Kaiserstraße den deutsch-französischen Austausch stärken. Und das heißt für seine Wiener Direktorin Marlène Rigler nicht nur mit dem nahen Elsass. Sondern: Lust machen auf die gesamte Frankophonie, und damit alle Länder, in denen Französisch eine der Landessprachen ist.
http://ccfa-ka.de

Zum Weiterlesen

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44435377.html

Buchtipp

Karlsruhe – Nancy

Karlsruhe-Nancy gehört zu den ältesten und erfolgreichsten deutsch-französischen Städtepartnerschaften. Ihre Geschichte haben die Partner in diesem Band zweisprachig dokumentiert.  Eine kurze Darstellung und eine bebilderte Ereignischronik machen die Entwicklung von der Versöhnungs- zur Projektpartnerschaft in einem europäischen Städtenetzwerk nachvollziehbar. 20 Interviews geben Einblicke in die Vielfalt individueller Begegnungen im Rahmen der Jumelage. Wer mag, kann hier* online bestellen.

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Wie viel Frankreich steckt in Deutschland? Das verrät meine Blogparade. Alle bisherigen Beiträge findet ihr hier. Ihr wollt, dass ich auch eure Stadt und ihre Verbindungen mit Frankreich vorstelle? Dann schreibt mir eine Mail! Ich freue mich auf ganz viele Tipps und Infos. Und sage: MERCI!

Merci für's Teilen!

6 Kommentare

  1. Ich wurde durch einen Nachbarn auf diese Seite vor kurzem aufmerksam gemacht. Mir gefällt dieser Blog sehr gut. Ich wohne seit 99 im Elsass und habe in Deutschland bis 2016 gearbeitet. Meine Frau wurde auch voriges hier am Ort beerdigt. Mein Sohn wird nächstes Jahr auch auf Dauer hierher Ziehen.

    • Hallo Sabine, danke für Dein Feedback! Ich muss mal schauen, ob ich die Zeit finde – aber Ideen sammle ich schon. Lust hätte ich, die Reihe mit kleineren Orten oder gar Dörfern fortzusetzen. Muss mal in mich gehen und recherchieren! Alles Gute fürs neue Jahr! Hilke

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