Kathedrale von Amiens feiert 800 Jahre

Die Westfassade der Kathedrale von Amiens. Foto: Hilke Maunder
Die Westfassade der Kathedrale von Amiens. Foto: Hilke Maunder

Sie ist mit 200.000 Kubikmeter doppelt so groß wie Notre-Dame de Paris, birgt das höchste Mittelschiff aller Kathedralen Frankreichs und hat die Bautechnik des Mittelalters revolutioniert: die Kathedrale von Amiens.  800 Jahre alt wird das Gotteshaus 2020 – und feiert es ein Jahr lang.

Das Programm beweist, wie modern und offen sich die Hauptkirche von Amiens versteht. Das zeigt sie draußen ganz digital in 3D. „La Cathédrale en Couleurs“ hat sie ihre audio-visuelle Megaschau genannt, die 40 Minuten das Architekturerbe als Gesamtkunstwerk aus Licht, Pixeln und Musik inszeniert.

Erleben könnt ihr das spektakuläre Videomapping alljährlich vom 15. Juni – 19. September  sowie 1. Dezember 2020 –1. Januar 2021 allabendlich und kostenlos nach Einbruch der Dunkelheit.

Die Kathedrale von Amiens: Was macht sie besonders?

Die Kathedrale von Amiens, seit 1981 Welterbe sowie seit 1998 Teil des Weltkulturerbes Jakobsweg in Frankreich, ist eine Ekstase in Stein, ein riesiger Tempel des Lichts, für die Gotik Symbol der Gegenwart Gottes auf Erden.

Jahrhunderte,  bevor Galileo die Grundlagen der Mechanik entwickelte, haben in Frankreich die Dombauhütten während der Gotik filigran den Stein in schwindelnde Höhen aufgetürmt – in der frühgotischen Kathedrale Notre-Dame de Paris, 35 Meter hoch, in Chartres 36 Meter, in Amiens exakt 42,30 Meter. Als Beauvais eifersüchtig mit 48 Metern noch höher hinaus wollte, brach das Gewölbe zusammen, ehe danach der Vierungsturm einstürzte.

Die Kathedrale von Beauvais blieb unvollendet. So rühmt sich Amiens bis heute des höchsten Mittelschiffs aller französischen Kathedralen. Errichtet wurde sie 1220 ganz anders als die anderen Kirchen des Mittelalters. Begonnen wurde nicht mit dem Chor, sondern mit Langhaus. Denn für den Chor im Osten gab es noch keinen Platz – da stand zum Baubeginn im Jahr 1220 noch die Stadtmauer.

Als Baumeister wählte der Bischof Evrard de Fouilloy einen Mann, der sein Handwerk beim Bau der Kathedrale von Paris gelernt hatte: Robert de Luzarches. Obgleich der Bau wegen Geldmangel ab 1240 für 18 Jahre ruhte, wurde er dennoch innerhalb von 68 Jahren vollendet.

Die für die damalige Zeit enorme Geschwindigkeit der Baudurchführung ermöglichte eine Revolution in der Steinmetzerei. Erstmals wurden die Steine, die für den Bau benötigt wurden, typisiert, genormt und in einer wetterfesten Nebenbaustelle das ganze Jahr hindurch in Serie gefertigt. Und nicht, wie sonst üblich, jeder Stein vor Ort zurechtgemeißelt.

Die Serienfertigung der Steine beschert dem 145 m langen Juwel der Hochgotik auch eine größere Harmonie als bei den Kathedralen von Chartres und Reims – besonders deutlich zu sehen auf der Westfassade mit ihren drei imposanten Portalen.

Über ihren bogenförmigen Toren erzählen Skulpturen biblische Szenen. Es folgt eine fein durchwirkte Fenstergalerie, dann eine Parade mit Statuen von 22 französischen Königen.

Erst dann kommt die gotische Rosette – viel höher gesetzt als in anderen Kathedralen. Macht eine Turmführung mit – dann kommt ihr direkt an dem wundervollen Glasfenster vorbei. 307 Stufen führen hinauf zum Nordturm. Was für ein Blick auf die Stadt an der Somme aus 112 m Höhe!

Auch das Innere ist anders. Ähnelt Notre-Dame de Paris noch durch den Ruß der vielen Kerzen einer dunklen „Höhle“, zeigt sich Amiens  hell und einladend. Ein himmlisches Bauwerk, dachte sich auch ein amerikanischer Architekt – und kopierte die Architektur für die New Yorker St. Patrick’s Cathedral.

Blickt auch einmal auch auf den Fußboden! Seine dunklen und hellen Steine sind nicht nur Schmuck. Sondern bilden ein Labyrinth für Gläubige. Wer nicht die Mittel besaß, um nach Jerusalem zu pilgern, konnte in der Kathedrale von Amiens eine symbolische Strecke pilgern – und so für sein Seelenheil sorgen.

Überraschender Fund

Monochrom in hellem Stein, so zeigt sich die Kathedrale von Amiens heute. Dass sie einst bunt bemalt war, haben seit 1992 fortlaufende Restaurierungsarbeiten verraten. Eingesetzt wurde dabei ein mobiler Laser, der Strahlen mit niedriger Intensität, aber hoher Leistung in sehr kurzen Impulsen ausstrahlte.

Bei dieser „photonischen Skalierung“, die Amiens perfektionierte, löst die Welle eine Mikroresonanz in der Schmutzschicht aus. Sie bröckelt ab – und lässt in Stein unbeschädigt. Was dadurch zutage kam, überraschte die Restauratoren. Auf dem Südportal, das der Muttergottes geweiht ist, stießen sie auf Fragmente der originalen Bemalung, die einst alle Statuen der Westfassade schmückte.

Grün, Rot, Blau und immer wieder Gold:  Die Kathedrale von Amiens bewies, dass einst die Fassaden der gotischen Kathedralen einst wirklich bunt bemalt waren. Sollten die Restauratoren also die Fassade wieder mit den Farbpigmenten von einst erneut bemalen?

La Cathédrale en Couleurs

Gemeinsam mit Wissenschaftlern und staatlichen Denkmalpflegern sagten sie: nein. Und setzten stattdessen auf Licht. Sie fotografierten Portale und Fassaden, korrigierten die Aufnahmen digital und versahen am Rechner die Skulpturen mit ihren mittelalterlichen Farbtönen. Digitale Radiergummi ließen die Schatten verschwunden, flache Bereiche abgeschwächt – und die Bilder dem Projektionswinkel angepasst.

Mit neun Projektoren werden die Bilder auf das Westwerk geworfen – ein Projektor allein für die Rosette, sechs für jedes der drei Portale sowie zwei für restliche Fassade.

Als großartige 3-D-Lichtershow lässt La Cathédrale en Couleurs 2019 die mittelalterliche Polychromie auf der Fassade 40 Minuten lang wieder aufleben. Solch ein „Videomapping“ setzt längst  auch andere berühmte Bauten in Frankreich in Szene. 1999 wurde diese audio-visuelle Kunst in Amiens erfunden.

Videomapping: In Amiens erfunden

Jean-Michel Quesne und Hélène Richard, die ihre Wurzeln in der Kino- bzw. Video-Kunst haben, revolutionierten damals die traditionelle Klang- und Lichtshow „son et lumière“, für die einst die Schlösser der Loire berühmt waren. Pilotprojekt der Szenografen von Skertzò wurde die Show „Amiens Cathédrale en Couleurs“, die von 1999 bis 2016 mit Standbildern, auf die Portale der Fassade projiziert, die mittelalterlichen Farben wieder aufleben ließ.

Seit 2017 verzauberte die Lichtershow „Chroma“ von Spectre Lab die Fassade der Kathedrale von Amiens. Und 2019? Lasst euch überraschen!
•  www.amiens-cathedrale.com

Mein Extratipp: Le Musée de Picardie

Einen Kilometer südwestlich der Kathedrale wurde 1867 in einem extra erbauten, prachtvollen Palais das erste Museum Frankreichs außerhalb von Paris eröffnet. Das Musée de Picardie solle, so Napoleon III. höchstpersönlich „alles zusammenzubringen, was den Denkmälern unserer Geschichte und den Erinnerungen unserer Vorfahren lieb und teuer ist“. So bewahrt das Museum reiche archäologische und mittelalterliche Zeugnisse sowie Gemälde 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Der Fundus ist groß.

Das 2016 gestartete Renovierungsprojekt zielte daher nicht nur auf die Wiederherstellung, sondern auch auf die Erweiterung des ursprünglichen Gebäudes ab, um den Besuchern einen neuen Blick auf die ausgestellten Kostbarkeiten zu ermöglichen.

Der erste Stock, seit mehr als zehn Jahren geschlossen, wird dann wieder im Originalzustand zu erleben sein. Und auch die berühmte ägyptische Mumie, Sol LeWitts bunte Wandzeichnung 711 und Jules Lefebvres Lady Godiva werden bei der Wiedereröffnung im März 2020 wieder dabei sein.

Die Kathedrale von Amiens. Foto: Hilke Maunder

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Im Blog

In Amiens wurde Emmanuel Macron geboren. Mehr zur Heimat des französischen Staatspräsidenten erfahrt ihr hier.

Auguste Perret hat Frankreichs zerstörten Städten nach dem Zweiten Weltkrieg ein modernes Gesicht gegeben. Sein Viertel in Le Havre gehört zum Welterbe. In Amiens hinterließ er ein hohes Wahrzeichen: die Tour Perret. Lest mal hier weiter.

Im Buch

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MARCO POLO Frankreich: praktisch und kompakt, bearbeitet von Hilke Maunder.Einfach aus dem Besten auswählen und Neues ausprobieren, ist das Motto der Marco Polo-Reiseführer. Den MARCO POLO Frankreichhabe ich gemeinsam mit Barbara Markert verfasst. Gleich zu Beginn geben wir unsere Insider-Tipps für Frankreich preis: vom größten Flohmarkt Europas in Lille bis zur Schwimmen in der Piscine Olympique in Montpellier.

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