Korsikas Küstenseen: das stille Trio der Ostküste
Korsikas Küstenseen Biguglia, Diana und Urbino bilden ein Trio, das unterschiedlicher nicht sein könnte. Zwischen Bastia und Solenzara säumen diese weiten, stillen Lagunen die Plaine Orientale, nur einen Katzensprung entfernt von den Badestränden der Ostküste.
Schilf raschelt im Wind. Spiegelglatt liegt die Wasserfläche zwischen dem Sandband der korsischen Ostküste und hohen Bergen, umhüllt von imposanten Wolken. In der Ferne staken Flamingos durch die stillen Fluten. Eine entrückte, zeitlose Szenerie, weit weg vom Trubel der Urlaubsorte. Und vielleicht gerade deshalb bis heute urkorsisch.
Entstanden sind Korsikas Küstenseen im Holozän – und damit direkt in einer Periode der Erdgeschichte, in der auch wir heute noch leben. Nach der Weichsel- und Würm-Eiszeit begannen auch auf Korsika die großen Eisplatten abzuschmelzen, und Flüsse spülten vor etwa fünf- bis sechstausend Jahren Sedimente aus dem Bergland herab.
Die Geburt der Lidos

Am Mittelmeer lagerten sie sich ab. Die Meeresströmungen verwandelten sie in lange Sand- und Geröllriegel, sogenannte Lidos. Sie schlossen die flache Meeresbuchten ab und schufen so eine Ausgleichsküste mit Lagunen und Nehrungen, ähnlich wie an der Silberküste Aquitaniens oder im Languedoc.
Drei solcher Lagunen säumen seitdem die Ostküste. Doch geologisch gleich sind sie nicht. Nur der Étang de Biguglia ist ein reines Sandbecken hinter einem Riegel. Der Étang de Diana und Étang d’Urbino sind tektonische Senken, die nach dem Anstieg des Meeresspiegels nach der letzten Eiszeit geflutet wurden. Drei Wasserwelten – und drei ganz unterschiedliche Geschichten!
L’Étang de Biguglia: Korsikas größter Küstensee

Das Trio beginnt südlich von Bastia. Der Übergang ist abrupt. Eben noch die mehrspurige Schnellstraße zum Flughafen, die Gewerbegebiete, Einkaufszentren, Tankstellen und Staus, die Lichter der Großstadt, die grelle Werbung. Doch östlich der Bahnstrecke gen Süden weichen die Abgase der salzigen Brise vom Meer, und die Landstraße taucht ein auf die Nehrung des Lido di Marana, zum Meer der Strand Plage de Tombulu Biancu, zum Land ein Parkplatz.
Und genau hier beginnt eine andere Welt: Gut drei Kilometer lang säumt ein Naturlehrpfad das Ufer des Étang de Biguglia und erschließt die faszinierende Natur der Küstenseen Korsikas. Auf die hohen Pinien am Straßenrand folgen am schmalen Pfad filigrane Tamarisken, Pappeln und Schwarzerlen, der Sumpffarn Thelypteris palustris und das Pfeilblatt Sagittaria sagittifolia.

Speisekammer der Seefische
Dann legt der Schilfröhricht sein hohes, grünes Band ans Ufer und eröffnet nur hier und da an kleinen, mit Seegras bedeckten Buchten Ausblicke auf den größten korsischen Lagunensee. 1.450 bis 1.800 Hektar bedeckt er – und ist damit doppelt so groß wie der Tegernsee oder der Étang de Diana und dreimal so groß wie der Étang d’Urbino, aber viel, viel flacher. Nur einen bis anderthalb Meter tief erstrecken sich seine 17 Millionen Kubikmeter Wasser.
Sobald die ersten warmen Sonnenstrahlen den See erwärmen, vermehrt sich das Phyto- und Zooplankton im Brackwasser explosionsartig und lockt die Seefische aus dem Tyrrhenischen Meer an. Besonders Doraden und Meeräschen zwängen sich dann durch den grau, den schmalen Verbindungskanal, und fressen sich den ganzen Sommer über satt. Denn vom 1. März bis 1. August ist die Netzfischerei im Étang de Biguglia verboten.

Richtig fette Aaale
Einzig Aal darf dann gefangen werden – ganz junge als civelle, als fast durchsichtiger Glasaal, und als erwachsener Blankaal, fetter und wohlgenährter als andernorts. Nur mit den verveux, trichterförmigen Reusenketten, die mit Holzpfählen im Wasser verankert werden, dürfen sie gefangen werden. Am grau sind einzig die bordigues gestattet, gitterartige Fallen, die die Aale beim Abwandern ins Meer abfangen.
Nur eine Handvoll lizenzierter Berufsfischer darf hier fischen; für alle anderen gilt: pas de pêche – in der Lagune, seit 1990 ein Ramsar-Schutzgebiet, ist das Angeln verboten; 20 Prozent der Fläche sind auch für die Berufsfischer – und alle anderen menschlichen Aktivitäten – tabu.
Flamingos und Fischadler

So werden auch die mehr als 250 Vogelarten, die hier brüten, rasten oder überwintern, nicht gestört. Bis zu 10.000 Blässhühner nisten im Schilf. Reiher, Kormorane, Eisvögel und Fischadler spähen von Pfählen über das Wasser, hin zu den gut 1000 Flamingos, die heute ganzjährig in der Lagune leben. Wie auch die seltene Europäische Sumpfschildkröte Cistude, die hier ein Refugium gefunden hat.
Doch wie bedroht dieser fragile Lebensraum ist, zeigt sich im Sommer, wenn die canicule, die sommerliche Extremhitze im Juli, den Sauerstoffgehalt im Wasser so sinken lässt, dass Tausende Meeräschen gleichzeitig aus dem Wasser springen und nach Luft schnappen. Dann sieht es aus, als koche der Küstensee.
Naturhafen der Antike

1777 fanden Archäologen nahe der Mündung des Golo am Südufer ein antikes Schiffswrack. Es verriet, das bereits die Etrusker die elf Kilometer lange und maximal 2,5 Kilometer breite Wasserfläche als geschützten Naturhafen nutzten. Heute macht es im Spaziu Carlu Rocchi in Biguglia beim Kultur- und Archäologieprojekt Maru Kursikè, die maritime Verbindung zwischen Korsika und der etruskischen Welt mit 3D-Modellen sichtbar.
Im Süden der Lagune befand sich einst die antike Mariana mit fast 10.000 Einwohnern. An sie erinnern neben der romanischen Kathedrale La Canonica, im 12. Jahrhundert auf den Ruinen einer Basilika aus dem 4. Jahrhundert errichtet, die freigelegten Fundamente eines römischen Wohn- und Handwerksviertels mit einer Markthalle und Geschäften (Tabernae).

Biguglia, Korsikas zweite Hauptstadt
Erst im Mittelalter entstand am Westufer das befestigte Dorf Biguglia, das Genua 1289 eroberte, seinen Statthalter in die Burg setzte und fortan von dort die Ebene und den Nebbio kontrolliert. 1407 machte Graf Vincentello d’Istria Biguglia sogar zur mittelalterlichen Hauptstadt Korsikas. Doch die Burg war anfällig für Angriffe – und die Lagune verlandete zusehends.
Gouverneur Leonello Lomellini verlegte daher seine Residenz wenige Kilometer nördlich an die Küste und ließ dort ab 1380 eine neue Festung bauen – Bastia, heute zwar keine Hauptstadt mehr, aber ungeschlagen die größte Stadt der Insel. Nahe der heutigen Landebahn des Flughafens Bastia-Poretta befand sich im Zweiten Weltkrieg die Base hydravions de Borgo-Biguglia, die die deutsche Wehrmacht und die italienische Regia Aeronautica als geschützten Liegeplatz für Wasserflugzeuge nutzten.

Mit DDT gegen Malaria
Nach der Befreiung Korsikas im Herbst 1943 übernahmen die Alliierten das Areal. Zusammen mit dem provisorischen US-Flugfeld Bastia-Borgo entstand der US-Stützpunkt – damals noch mitten in einem Malaria-Gebiet. Um die krankheitserregende Anapheles-Mücke auszurotten, sprühte das US-Militär mit B-52-Bombern im Corsican Malaria Eradication Program (1944–1945) rund 250 bis 300 Tonnen des damals neuartige Insektizid DDT, aufgelöst in Kerosin und Heizöl, über der Lagune. Die Mücken starben, die Malaria war Geschichte, das DDT und seine Abbauprodukte DDE und DDD lassen sich bis heute im Schlamm von Biguglia nachweisen.
L’Étang de Diana: das Reich der korsischen Nustrale-Auster
Der tiefste der drei Küstenseen an der korsischen Ostküste ist der mittlere: Im Schnitt vier Meter, aber mitunter auch bis zu elf Meter tief ist der 570 Hektar große Étang de Diane bei Aléria und Tallone am nördlichen Beginn der Costa Serena. Anders als die beiden anderen ist er bis heute Privatbesitz und gehört dem Groupement Foncier Agricole de Diana, der ihn an drei Betriebe verpachtet hat. Sie gehen einem Handwerk nach, das seit der Antike hier ansässig ist: die ostréiculture, die Austernzucht.
Schon die Römer liebten die Austern von Aléria und ließen sie sogar bis nach Rom liefern – jedoch nicht in Gänze, sondern eingelegt. Für die lange Reise töteten sie zunächste die Meeresfrüchte mit einem gezielten Stich ( poinçon ), lösten dann das Fleisch vom Muskel, legten es in Salzlake oder Marinade ein – und brachten die Austern in Amphoren und Fässern so in die Hauptstadt ihres Weltreiches. Die Schalen wanderten zurück in den See. Über Jahrhunderte wuchs ihr Muschelberg zu einer veritablen Insel an, und wer heute auf der Île de Diana, auch Île des Pêcheurs, einmal die Schalen dort genauer betrachtet, kann das antike Einstichloch bis heute erkennen.
Austern schlemmen am Étang
Heute führt die SARL Étang de Diana als ältestes und größtes Unternehmen am See zusammen mit der Société Agricole de Sainte-Marie de Diana und der EARL Île de Diana die Zucht fort – und serviert die Ernte fangfrisch in dem wohl bekanntesten Meeresfrüchte-Restaurant der Insel: Aux Coquillages de Diana direkt am Ufer. Zwischen 50 und 70 Tonnen pazifische Felsenaustern züchtet allein der Branchenprimus; bis zu 100 Tonnen insgesamt sind es in guten Jahren. Zwei Drittel dieser Nustrale di Diana wandern im Dezember über den Ladentisch für das Festmahl zu Weihnachten, und, deutlich weniger, zu Silvester. Exportiert aufs Festland wird keine einzige Auster, dazu ist die Produktionsmenge zu gering.
Korsen essen ihre Austern nur in den Monaten mit einem R. Denn am Étang de Diana setzen die Züchter bewusst auf diploide Austern mit zwei Chromosomensätzen – wie in der Natur. Zur warmen Jahreszeit – Mai bis August – pflanzen sie sich fort und werden weich, weißlich und leicht cremig-milchig (laiteuses). Auf dem französischen Festland hingegen, und besonders am Atlantik, dominieren heute sterile „Vier-Jahreszeiten-Austern“.
Keine genveränderten Austern
Diese triploiden Austern besitzen drei Chromosomensätze, können sich nicht fortpflanzen – und besitzen daher auch im Sommer ein festes Fleisch. Auch wachsen sie schneller, weil weder Kraft noch Zeit in die Fortpflanzung gesteckt werden. Ihr Nachteil: Die Meeresfrüchte aus dem Labor – oder écloseries genannten Brutanlagen sind weniger robust und anfälliger für Krankheiten. Die Rückkehr zu Naturaustern erfolgt am Étang de Diana direkt im Anschluss an die schwere Krise von 2008–2011, bei dem der Austern-Herpesvirus OsHV-1 vor allem die Jungtiere und den Nachwuchs (naissain) vernichtet hatte. Von damals nur 20 Prozent hat sich die Überlebensrate bei Viren-Wellen heute bei 75 bis 80 Prozent eingependelt.

Muscheln im Sommer, Austern zur kühlen Jahreszeit
Das „Sommerloch“ füllt heute die Zucht von Mittelmeer-Miesmuscheln (Mytilus galloprovincialis), die breiter und fleischiger sind als ihr Pendant am Atlantik. Da es keine Gezeiten gibt, wachsen die Muscheln nicht an Pfählen, sondern an Seilen – und kommen topfrisch als moules frites entlang der gesamten Küste fangfrisch auf den Tisch.
Am Étang de Biguglia schützte einst ein kleines Fort, fortin genannt, die Einfahrt zum Lagunensee. Heute stellt dort das Écomusée de l’étang de Biguglia das besondere Biotop vor. Am Étang de Diane kündet die Ruine einer tour génoise von der Kontrolle des Küstensees. 1582 stellt die Seemacht Genua ihren runden Wachtturm am grau zum Mittelmeer fertig. Heute ist er ein beliebtes Wanderziel entlang des Sentier de Mare è Stagnu. Mutige kraxeln hier mitunter an Seilen, um zur Aussichtsplattform zu gelangen …

Die versunkene Villa
Und vielleicht kann man von dort oben auch die goldverzierte Villa einer schwerreichen Frau namens Diana erkennen, die ihrer bettelarmen Schwester in einer harten Winternacht Brot und Obdach verweigerte, ließ ein Erdbeben ihr Anwesen zur Strafe versinken – mitsamt allem Gold. Que tu t’effondres ! (Mögest du in dich zusammenstürzen!) soll die arme Agathe ihrer Schwester als Antwort entgegengeschleudert haben… und so geschah es.
Bis heute bedecken seine Fluten die Trümmer, erzählt der lokale Historiker Jean-Claude Franceschi aus Aléria, der die Legende aus dem ersten Jahrhundert nach Christus im Kapitel acht von Les pêches méditerranéennes. Voyage dans les traditions von Jean Monot (Hrsg.).aufgeschrieben hat.
Auf dem weiteren Weg gen Süd versteckt sich zwischen Äckern der Étang del Salé, seit 1999 ein 280 Hektar großes, unberührtes Schutzgebiet des Conservatoire du Littoral. Keine Reusen, keine Austernkörbe stören dieses Reich der Reiher.
Étang d’Urbino: Kinderstube der Fische

Der südlichste der großen drei Küstenseen ist der 750 bis 790 Hektar große Étang d’Urbino, wie der kleinere Étang de Diane eine Einbruchlagune – jedoch nicht länglich, sondern „rund, verborgen und mysteriös“. Denn genau dies bedeutet die alte korsische Wortwurzel, fand die Eigentümerfamilie bei Nachforschungen heraus. Mit Papst Urban V. oder der italienischen Kunststadt Urbino hat der Name absolut nichts zu tun!
Weit ragt die Isula Lunga, die lange Halbinsel in seine Fluten und lässt kaum ahnen, was er unter der Oberfläche verbirgt: riesige Seegraswiesen aus Cymodocea, Zostera und Ruppia – perfekte Schutzräume und Nahrungsquellen für junge Fische. Jedes Jahr wandern sie über den grau in den Étang d’Urbino ein, um im nährstoffreichen Flachwasser aufzuwachsen. Goldbrassen, Meeräschen, Seezungen, Blaufische und Wolfsbarsche nutzen den Teich als Kinderstube – und auch der geschützte Korsische Mittelmeer-Kärpfling Aphanius fasciatus hat hier ein Refugium gefunden.
Privatsee einer Notarsfamilie
1871 kaufte die Notarsfamilie Bronzini de Caraffa aus Bastia den Küstensee, richtete 1954 erste Austernparks ein, ließ in den 1970er-Jahren eine Muschelzucht folgen und eröffnete ein schwimmendes Restaurant. 2007 erwarb die staatliche Küstenschutzbehörde Conservatoire du Littoral den Teich von den 17 Erben, die inzwischen zur weit verzweigten Erbengemeinschaft gehörten, und schützte so diesen Naturraum vor Zerstückelung oder Spekulation.

Sanfter Tourismus statt Austernzucht
Zum Verwalter des Natura-2000- und Ramsar-Areal bestimmte sie die Collectivité de Corse, die den ortsansässigen Fischern und dem Pfahlbaurestaurant ihre Sondernutzungsrechte bestätigte. Eine giftige Algenblüte brachte 2016 das Aus für die traditionsreiche Muschel- und Austernzucht. Seitdem setzt der Étang d’Urbino auf sanften Tourismus. Holzstege und Pfade führen entlang der Halbinsel Isula Lunga bis zum alten Fischerhafen, und eine Maison des gardes du littoral präsentiert Flora und Fauna, Geschichte und Gegenwart.
In der Abenddämmerung fällt der Blick vom Stelzenrestaurant über die spiegelglatte Fläche des Étang d’Urbino. Weiter südlich verengt sich die Plaine Orientale, drängt das Bavella-Massiv ans Meer – und verabschieden sich die Küstenseen der korsischen Ostküste mit dem Étang de Palo, dessen Form auf der Karte einem furchterregenden mythologischen Fabelwesen gleicht – ein letzter, stummer Wächter der Küstenseen, bevor die Felsen das Zepter übernehmen und das feine Sandband der Ostküste endet.

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