La cousinade: Familientreffen auf Französisch. Foto: Hilke Maunder

La Cousinade: Familientreffen auf französisch

Die Zeit der großen Feste zum Jahresende war längst vergangen, als mein Nachbar Christophe plötzlich zu mir sagte: Ich bin für einige Tage verreist und in meiner alten Heimat. Wir machen dort eine cousinade ! Seine Augen strahlten. Fragend blickte ich ihn an. Beim Apéro gab mir Christophe Einblicke in das riesige Geflecht von Traditionen und Familienritualen in Frankreich.

Eine cousinade bringt Verwandte zusammen – nicht nur die engste Familie, sondern Dutzende, Hunderte, manchmal Tausende von Cousins und Cousinen. Alle teilen einen gemeinsamen Vorfahren, oft aus dem 17. oder 18. Jahrhundert. Die Wurzeln reichen tief. Die Bindung auch.

Das Wort selbst ist jung. 2012 nahm der Petit Larousse den Begriff la cousinade auf. Dafür hatte Christian Ferru hartnäckig gekämpft. Der Genealoge weiß, wovon er spricht: 1991 versammelte er 2.600 seiner Cousins – ein Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde. Ferru machte aus einer privaten Obsession ein nationales Phänomen. Heute gilt er als Vater der modernen Cousinade-Bewegung, die inzwischen das ganze Land erfasst hat – und die Tourismusbranche freut.

La cousinade: Praxis seit dem Mittelalter

Die Praxis selbst ist älter. Schon im Mittelalter trafen sich große Familien, um Allianzen zu festigen, Erbschaften zu regeln und Erreichtes vor Eingriffen von außen zu schützen. Damals ohne Namen, heute mit System. Monate vorher beginnen die Vorbereitungen.

„Wir veranstalten alle zwei Jahre eine cousinade, nicht besonders groß, aber immer schön. Neun Cousins kommen mit ihrer Familie. Um für alle Platz zu finden, müssen wir lange nach einem Hotel suchen, dass so viele Zimmer bereithalten kann – und werden meist an der Dordogne fündig. Dann beginnt die Suche nach einem traîteur und einem boulanger. Eine cousinade ist in der Planung eine echte logistische Herausforderung,“ erzählt mir meine Freunde Valérie.

Frankreichs größte cousinade

Die größte cousinade Frankreichs fand 2012 in Saint-Christophe-du-Ligneron statt. Über 4.500 Nachfahren eines Paares aus dem Jahr 1650 kamen zusammen – aus Frankreich, Kanada, den USA. Ein ganzes Dorf wurde zum Familientreffen. Das Programm: Präsentationen der Familiengeschichte, Fotoshows, Spiele, gemeinsame Ausflüge. Manchmal dauert eine cousinade nur einen Tag, oft ein Wochenende, bisweilen eine ganze Woche.

Andere Familien haben eigene Rekorde. Die Deffontaines-Maes-Familie versammelte 2023 in Genech 825 Personen. Ein Testament von 1898 verpflichtet die Nachfahren zu regelmäßigen Treffen. Die Familie gründete sogar einen Verein für gegenseitige Hilfe. Solidarität wird hier gelebt.

Die Familie Bureau trifft sich seit 1886 jährlich in Riaillé (Loire-Atlantique). 1.500 Cousins pilgern jedes Jahr zu ihrem Familiengut La Meilleraye. Das Anwesen, 1846 vom damals 82-jährigen Nantaiser Reeder Louis Aimé Bureau erworben, bildet den perfekten Rahmen. Generationen treffen aufeinander. Die Alten erzählen. Die Jungen hören zu. Geschichte wird weitergegeben.

Wurzeln und Zusammenhalt

Die cousinade antwortet auf ein tiefes Bedürfnis: sich wiederzufinden, eine gemeinsame Geschichte zu teilen, das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Linie zu pflegen. In Zeiten geografischer Zerstreuung schweißt sie zusammen. Ländliche Regionen mit historischer Verwurzelung pflegen die Tradition besonders. Dort, wo Familien seit Jahrhunderten verwurzelt sind, blüht sie auf.

2025 strahlte der Fernsehsender TFX einen Dokumentarfilm aus. Titel: Fêtes géantes et secrets de famille : tous fous des cousinades. Der Film zeigt die emotionale Kraft dieser Treffen.

Christophe freut sich auf das große cousinade-Fest in Grenoble wie auf kaum ein anderes Ereignis. Er wird alte Verwandte wiedersehen und neue kennenlernen. Er wird Teil eines lebendigen Geflechts sein, das Jahrhunderte überspannt. Eine cousinade ist mehr als ein Familientreffen. Sie ist gelebte Erinnerungskultur. Ein Fest der Wurzeln. Und das Versprechen, dass Verwandtschaft nicht nur Geschichte ist, sondern Gegenwart.

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Im Blog

Hat dir mein Beitrag zur cousinade gefallen? Noch mehr Momentaufnahmen aus meiner zweiten Heimat im Süden Frankreichs findet ihr in der Rubrik Briefe aus Saint-Paul.