LaM: Giacometti – ein modernes Abenteuer

Alberto Giacometti: Poster zur Retrospektive im LaM. Copyrigh: LaM
Alberto Giacometti: Poster zur Retrospektive im LaM. Copyrigh: LaM

150 Mal Giacometti: Die schönsten Werke aus mehr als einem halben Jahrhundert zeigt LaM im Frühjahr 2019. Entdeckt dort einen der größten Künstler des 20. Jahrhunderts: Alberto Giacometti.

Vom 13. März bis 11. Juni 2019 interpretiert das Museum für moderne und aktuelle Kunst sowie Art Brut in Villeneuve-d’Ascq bei Lille  jetzt Giacomettis Werdegang mit 150 Werken im Spielfeld von Surrealismus, Kubismus und dem alten Ägypten.

Die in der kollektiven Vorstellungswelt verankerten schmalen, zerbrechlichen Skulpturen von Alberto Giacometti sind Silhouetten von Männern und Frauen, die still stehen oder in der Bewegung erfasst sind. Die Vorstellung dieser Meisterwerke ergänzen Leihgaben, die den künstlerischen Werdegang von Giacometti enthüllen.

Mehr als ein halbes Jahrhundert war Giacometti kreativ. Wie vielseitig der Schweizer dabei war, verraten auch Fotografien des Künstlers in seinem Atelier.

Wer war Giacometti?

Alberto Giacometti, 1901 im Kanton Graubünden geboren, arbeitete sein ganzes Leben lang in Paris. Bis zu seinem Tod 1966 widmete er sich neben der Skulptur, die ihn berühmt machte, auch der Malerei und Zeichnung.

Die ersten Jahren und der Surrealismus

Nach seinem Studium an der École des Beaux-Arts in Genf geht Giacometti 1922 nach Paris. Er besucht das Atelier von Antoine Bourdelle, lernt den Kubismus kennen und schafft erste Werke. Wie Picasso und Matisse setzt er sich intensiv mit der afrikanischen und ozeanischen Kunst auseinander – und begeistert sich für die antike, und besonders die ägyptische Bildhauerkunst.

Unter ihrem Einfluss verzichtet er auf das Modell, gestaltet die Figur flacher und verwendet Zeichenkombinationen, um Gesichtszüge darzustellen. Begeistert von der Weltgeschichte der Bildhauerkunst, füllt er seine Notizbücher und Mappen mit seinen Kopien berühmter Werke.

1929 schließt er sich für einige Jahren den Surrealisten an. Aus dieser Zeit stammen einige seiner verstörendsten Werke. Einen verstörenden Albtraum scheinen sie entsprungen zu sein. Seine Skulpturen erinnern an mysteriöse und grausame Spielfelder, „Käfige“ mit fremdartigen Figuren oder „Unangenehme Objekte“ mit einer deutlich sexuellen Konnotation.

2013 hatte Hamburg diesen Aspekt im Werk Giacomettis aufgegriffen und dessen Idee einer „Skulptur als Platz“ in der Ausstellung Spielfelder 2013 vorgestellt.

Die Rückkehr zum Modell

1935 verlässt Giacometti die Bewegung von André Breton und wendet sich der menschlichen Figur und dem Portrat zu, die bis zu seinem Tod im Jahr 1966 im Fokus seiner Ziele liegen. Angehörige, Sammler, Intellektuelle und Persönlichkeiten geben sich in seinem Atelier die Klinke in die Hand.

Im Laufe der Jahre entstehen unzählige Portraits – seines Bruders Diego, seiner Frau Annette, seiner Geliebten Caroline. Auch Persönlichkeiten wie Simone de Beauvoir, Marie-Héloise de Noailles oder der Dichter und Galerist Jacques Dupin, der Giacometti 1954 begegnet und eine Biografie des Künstlers verfasst, inspirieren zu Werken.

Giacometti, der mit den Problemen des Schaffens konfrontiert und ewig unzufrieden ist, führt einen endlosen Kampf mit seinem Material. In seinen malerischen und bildhauerischen Porträts bleibt die Ähnlichkeit mit dem lebenden Modell ein zentrales Anliegen.

Um das Problem seiner Unfähigkeit, das Modell so darzustellen, wie er es sieht, zu lösen, nimmt er die Künstler und Zivilisationen vor seiner Zeit zu Hilfe, und insbesondere die ägyptische Bildhauerkunst.

Mehrere seiner Werke sind davon geprägt: Eines der ersten Portraits der Künstlerin Isabel Nicolas, die seine Geliebte und Freundin war, versieht Giacometti mit einer ägyptisch anmutenden Haube versehen.

Die Haltung einiger stehender Frauen und sitzender Männer erinnert an die Gottheiten auf den Sarkophagdeckeln oder an gebeugte Schreiber. Und der berühmte, im Profil dargestellte „Homme qui marche“ weist eine frappierende Ähnlichkeit mit der Hieroglyphenschrift auf.

Die reduzierte menschliche Figur

Nach dem zweiten Weltkrieg entwickelt Giacometti das Figurmodell, das ihr von ihm kennt. Extrem in die Länge gezogen und zerbrechlich, unbewegliche oder in der Bewegung erfasste Männer und Frauen, allein oder in einer Gruppe.

Die Einfügung der Figur in den Raum, die in der ägyptischen Bildhauerkunst und
Malerei so wichtig ist, ist typisch für seine Werke. Mal umgibt sie ein Käfig, dann wiederum sind sie auf einem Tablett angeordnet. Die gleichzeitig offene und geschlossene Struktur schließt eine oder mehrere Personen in ihrer Umgebung ein – wie in einer Theaterszene, in einer Vitrine, auf einem Platz oder auf einer Lichtung.

Besonders die „Femmes de Venise“, die 1956 für die Biennale in Venedig geschaffen wurden, verkörpern diese Periode, in der Mann oder Frau als Landschaften angesehen werden. Die Köpfe der Männer sind Steine, die Körper der Frauen Bäume.

Die nach der Biennale in Bronze gegossenen Original-Gipsmodelle der Femmes de Venise wurden zwischen 2015 und 2017 restauriert und werden erstmalig in dieser Anordnung gezeigt. Ganz am Ende seines Lebens macht ein Auftrag seine Vision zur Realität.

In den 1950er- und 1960er-Jahren tauchen auch in den Gemälden gespenstische Figuren auf, die in einem Raum halb zwischen dem Blick des Ateliers und der Traumwelt stehen, einem Paralleluniversum, in dem sich das Menschliche mehr schlecht als recht hält.

Giacometti – ein modernes Abenteuer: die Infos

LaM

1, allée du Musée, 59650 Villeneuve-d’Asq, Tel. 03 20 19 68 68, www.musee-lam.fr

Alberto Giacometti, une aventure moderne

13. März – 11. Juni 2019, Di. – Do.  13 – 18 Uhr, Fr. 13 –  21.30 Uhr, Sa. 11 – 18, So. 10 – 18 Uhr ,  Feiertage (22. April, 10. Juni) 10 – 18 Uhr Uhr, Eintritt: 11 Euro, EU-Bürger unter 26 Jahre frei.

Nutzt den Shuttle zwischen der Innenstadt von Lille und dem Museum! Er verkehrt Freitag Abend, Sonnabend und Sonntag sowie an Feiertagen. Los geht es vor dem Office de Tourisme an der Place Rihour; 30 Minuten später seid ihr am Museum.

Noch mehr Giacometti

Fondation Giacometti

Im Künstlerviertel Montparnasse eröffnete im Herbst 2018  die Fondation Giacometti das rekonstruierte Pariser Atelier von Alberto Giacometti. Sein nur 23 qm großes Atelier in der Rue Hippolyte-Maindron, in dem Giacometti von 1926 zum Tod gearbeitet hatte, war 1972 abgerissen worden.

Nur wenige Straßen weiter residiert das Institut Giacometti in einerArt-Déco-Villa. Dort zeigt es jetzt auf 350 qm eine kleine, aber feine Schau, die in ihrer Intimität perfekt zum oft zerbrechlich wirkenden Werk des Künstlers perfekt passt.

Von 1913 bis 1916 hatte Pablo Picasso im Nachbarhaus Nr. 5 bis, einst sein Atelier gehabt. Und auch Autoren lockte die Straße. So lebte die Schriftstellerin Simone de Beauvoir von 1955 bis zu ihrem Tode 1986 in den Nummern 11 und 11 bis.

Achtung: Eine Besichtigung des Museums ist nur nach Online-Reservierung möglich; Einlass haben maximal 40 Personen pro Zeit-Slot.
• 5, rue Victor Schoelcher, 75014 Paris, www.fondation-giacometti.fr, Montag geschlossen

Alberto Giacometti, Spuren einer Freundschaft

1943 lernte Ernst Scheidegger während seines Militärdienstes in Maloja Alberto Giacometti kennen. Bis zu Giacomettis Tod 1966 waren die beiden eng befreundet. Während den zwei Jahrzehnten der Freundschaft entstanden unzählige Aufnahmen von Giacometti, von Plastiken und Ateliers und von seinem Leben in Paris und im Bergell: Sie bringen euch  auf stille, intime Weise Giacometti als Mensch näher. Wer mag, kann den Band hier* bestellen.

Ernst Scheidegger: Alberto Giacometti, Spuren einer Freundschaft.  Zürich: Scheidegger & Spiess 2013. ISBN 978-3858813497

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Alberto Giacometti, Boule suspendue, 1930-1931. Plâtre, métal peint et ficelle ; 60,6 x 35,6 x 36,1 cm. Fondation Giacometti, Paris. © Succession Giacometti (Fondation Giacometti + Adagp, Paris, 2018)

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