Mit dieser Landpartie-Gruppe war ich per Rad unterwegs vom Atlantik zum Mittelmeer. Foto: Hilke Maunder
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Vom Atlantik zum Mittelmeer: meine Landpartie per E-Bike

Salzige Gischt an der Pointe de Grave, honigfarbener Kalkstein in Sarlat, Platanenzauber und Sonnenblumenfelder am Canal du Midi : Wer mit dem E-Bike von der Silberküste Aquitaniens zum Mittelmeer radelt, erlebt auf knapp 400 Kilometer 400.000 Jahre Menschheitsgeschichte, drei Weinregionen und gleich mehrere Stätten, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören.

Neun Tage dauert die große Querung, sieben Tage davon stramm im Sattel, organisiert vom Oldenburger Veranstalter „Die Landpartie“, begleitet von einer deutschsprachigen Reiseleitung und einem Bus für Räder, Gepäck und Proviant.

Bordeaux: Auftakt in der Halbmondstadt

Zum Auftakt ein Welterbe: So beginnt in Bordeaux, dem Halbmondhafen an der Garonne, die Landpartie durch den Süden Frankreichs. Seit Jahrzehnten ist diese Tour der Klassiker im Programm, und stets beginnt sie in der boomenden Hauptstadt von Nouvelle-Aquitaine.

Ein Bummel durch ihre Innenstadt, als größtes klassizistische Stadtensemble Frankreichs seit 2007 ein Welterbe, führt zur Cathédrale Saint-André mit ihrem separaten Glockenturm Tour Pey-Berland, zur Grosse Cloche mit ihrer eindrucksvollen Stadtuhr und dem Miroir d’Eau, dem größten Wasserspiegel Europas, der die
Fassaden und Brunnen des Börsenplatzes verdoppelt.

Die Gäste

Beim Abendessen an den rot-weiß eingedeckten Tischen der Brasserie Bordelaise sitzt eine bunte Runde am Tisch, darunter viele Stammgäste der Landpartie. Fast alle sind Boomer, geboren zwischen 1958 und 1967, nur wenige älter, aber alle: aktiv, neugierig und reiseerfahren. Selbstständige, Freiberufler und Unternehmer dominieren, Ärzte und Architekten, Juristen und Manager, die bei den Transfers Tablet, Handy oder Laptop zücken, E-Mails beantworten und Anfragen klären.

Die meisten von ihnen sind das erste Mal im Land, einige wenige kennen bereits Paris oder Nizza. Viele hatten sich der Sprache wegen nie allein ins Land getraut. „Früher waren wir individuell unterwegs“, erzählt einer der Gäste, „jetzt schätzen wir das betreute Reisen, bei dem wir uns um nichts kümmern müssen.“

Die Betreuer

Bevor es losgeht, stellt Sabine (Mitte) unsere Strecke im Médoc vor. Foto: Hilke Maunder
Bevor es losgeht, stellt Sabine (Mitte) unsere Strecke im Médoc vor. Karin (l.) und Ulrike (r.) sehen interessiert zu. Foto: Hilke Maunder

Geführt wird die Gruppe von Sabine Stoll, Jahrgang 1974, sportlich, humorvoll, aus Unterfranken stammend und seit zwei Jahren bei der Landpartie im Einsatz. An ihrer Seite: Adolfo Liras Martínez, ein Spanier mit Deutschkenntnissen, der auch noch als Guide im Alto-Tajo-Nationalpark bei Madrid arbeitet und unterwegs täglich frische Mittagspicknicks herrichtet.

Auf den Tisch kommen stets wechselnde Salate, bekannte französische Käse-Spezialitäten wie Chaumes, Fourme d’Ambert, Cantal, Salers und Camembert, dazu Hartwürste von Schwein, Wildschwein und Rind sowie Früchte, Nüsse und etwas Süßes der Region zum Dessert: saftiger Nusskuchen aus dem Périgord, knusprige Kekse oder buttrige Brioche.

Seine Maxime: Jeder Mittagstisch spiegelt den Landstrich – und die Saison. Wein gehört immer dazu. „Doch so viel wie diese Gruppe hat keine bislang mittags getrunken“, erzählt Adolfo. Und Thomas kontert: „Selber schuld, Du hast einfach zu gute Tropfen ausgesucht!“

An der Spitze des Médoc

Los geht es im Schatten eines Leuchtturms an der Nordspitze des Médoc. Hier, wo die Gironde mit dem größten Ästuar ins Meer mündet, hebt Adolfo die Räder vom Hänger, werden Sattel und Lenker justiert, bekommt jeder Gast eine Satteltasche und wird nach einem täglich wechselnden Freiwilligen gefragt, der als letzter der Gruppe radelt, das obligatorische orangerote Schlussfähnchen mit Kabelbinder am Gepäckträger festgebunden.

Damit jeder Gast sein Gefährt sofort wiedererkennt, trägt jedes Rad auf seinem Schutzblech ein Namensschild. „Saurüsselkopf“ heißt mein Drahtesel, dunkelgrün und rund 30 Kilogramm schwer. „Ein 1270 Meter hoher Gipfel in den Chiemgauer Alpen bei Ruhpolding“, erklärt mir Albert, Kanzler der Technischen Universität München, der seine heimatlichen Berge wie seine Westentasche kennt.

Durch duftenden Kiefernwald

Neben den Schienen der Kleinbahn, die von Verdon-sur-Mer gen Süden führt, geht es durch würzig duftenden Kiefernwald, den Napoleon III. im 19. Jahrhundert pflanzen ließ, um die wandernden Sanddünen zu bändigen, nach Soulac-sur-Mer. „Die Westküste Jütlands in XXL“, denke ich und stürze mich mit den anderen Gästen in die Brandung des Atlantiks, die mir fast die Füße wegreißt. Doch diese „Taufe“ vor der großen Traverse muss sein – wie das Schlussbad und die Gruppenfotos am Anfang und Ende der Tour.

Der Atlantikstrand bei Soulac-sur-Mer. Foto: Hilke Maunder
Der Atlantikstrand bei Soulac-sur-Mer. Foto: Hilke Maunder

Vom Sumpf zum Weinland

Bereits viel früher legten holländische Wasserbau-Ingenieure auf Initiative Heinrichs IV. und des Duc d’Épernon das sumpfige Marschland des Médoc trocken. Ein mehr als 20 Kilometer langer Deich schützt seither die mattes du Médoc – rund 1.000 Hektar Land wurde dank dieser Polder seit dem 17. Jahrhundert dem Ästuar abgerungen.

Picknickpause im Port de Saint-Vivien-de-Médoc, einem winzigen Hafen an einem schmalen Kanal zur Gironde-Mündung. Dunkel gebeizte Austernfischerhütten säumen den Kanal, in dem einzelne Holzstege als tidegerechte Anleger dienen.

In einem der betagten Kähne mit imposantem Außenborder hockt ein Fischer und zerschneidet Sepia in kleine Stücke, spießt sie am Haken auf und reiht sie am Korb-Rand auf. „Das ist unser Köder für den maigre, den Adlerfisch, den wir hier in der Mündung fangen und an die Restaurants in Bordeaux verkaufen“, erzählt Monsieur und zeigt mir stolz sein Anker-Tattoo auf dem Unterarm.

Phare de Richard: der gerettete Leuchtturm

Nach der Pause strampeln wir durch ein weites Marschland, das mich in Gedanken in meine norddeutsche Heimat versetzt. Weite Felder, fette Böden, hier und da ein grüner Knick – und allerorten ein hoher Himmel. Dann reckt sich der Phare de Richard in der Ebene auf und endet die Tour am Gironde-Deich.

Bis 1953 lebte hier ein Leuchtturmwärter mit seiner Familie. Dann verfiel das Haus, bis eine Gruppe Jugendlicher in den 1980er-Jahren mit Unterstützung des Bürgermeisters die Restaurierung erzwang. Seit 1993 betreibt ein Verein das kleine Museum zur Geschichte der Gironde-Mündung.

Weinprobe mit Malis

Hier wartet bereits der Bus, der uns zur Weinprobe ins Château Maucaillou in Moulis-en-Médoc bringt, wo gerade die Lese läuft und Trauben angeliefert werden. 1927 als Drei-Hektar-Familienweingut gegründet, bewirtschaftet das Haus heute 90 Hektar, erzählt unsere Führerin Cécile am Stier vor der Weingut-Villa.

Das Château trägt keine Klassifizierung von 1855, ist aber Mitglied der prestigeträchtigen Union des Grands Crus de Bordeaux – und bekennt selbstbewusst auf dem Etikett: Grand Cru Classé, ne puis; Cru Bourgeois, ne daigne; Château Maucaillou, suis. Die kleine Weinprobe entspannt die Gemüter, und dösend verpasst die Gruppe die Staus von Bordeaux im Bus nach Saint-Émilion.

Saint-Emilion: klein, aber oho

1.001 Weingüter drängen sich hier auf gerade einmal 5.400 Hektar. Bereits 1884 gründeten die Winzer in Saint-Émilion den Syndicat Viticole, die erste Winzervereinigung Frankreichs. 1936 führte es die kontrollierten Herkunftsbezeichnungen Saint-Émilion und Saint-Émilion Grand Cru ein. Seit 1999 zählt der mittelalterliche Ort mit seinen acht Nachbardörfern als erstes Weinbaugebiet der Welt zum UNESCO-Welterbe.

Der Blick von der <em>Place du clocher</em> der Oberstadt auf Saint-Émilion. Foto: Hilke Maunder
Der Blick von der Place du clocher der Oberstadt auf Saint-Émilion. Foto: Hilke Maunder

Das Reich des Merlot

Über der Stadt wacht die Jurade, eine Weinbruderschaft, deren Wurzeln bis 1199 reichen und die 1948 wiederbelebt wurde.  Unter den Kopfsteingassen erstreckt sich ein Labyrinth aus Kellern und Kasematten, in dem Weine von Weltruf reifen, allen voran der Merlot, der sich am liebsten mit Cabernet Sauvignon paart und so zum samtigen, kraftvollen Verführer wird.

Drei Kilometer lang sind allein die Stollen unter dem Cloître des Cordeliers, die 17 Meter tief unter dem Kreuzgang des einstigen Klosters der Franziskaner in den Felsen gehauen wurden. Seit 1832 reifen dort Schaumweine nach der méthode champenoise, die als Crémant de Bordeaux AOP verkauft werden.

Der Heilige Saint-Émilion

Bis heute in Familienbesitz ist die Grotte, die der Eremit Saint-Émilion in den Fels gehauen haben soll. Über dem kleinen Altar der kleinen Kapelle indes wacht ein Heiliger. Saint-Émilion verrät die Inschrift. Doch tatsächlich ist der heilige Franziskus zu sehen – mit den Vögeln als Erkennungszeichen.

Der Heilige Émilion lockte die Pilger. Eine größere Kirche musste her. Sie wurde ebenfalls aus dem Fels gehauen, von oben nach unten, und der so gewonne Stein für die Häuser des Dorfes verwendet

Die Mega-Kirche im Untergrund

15.000 Kubikmeter Kalkstein räumten sie aus dem Erdreich – und schufen so die größte unterirdische Kirche Europas. Die Ausmaße der unterirdischen Monolithkirche sind gewaltig: 38 Meter tief reicht sie in den Fels, 20 Meter breit sind insgesamt die drei Schiffe, die den rund zwölf Meter hohen Innenraum aufteilen.

Integriert in den Zugang zur Kirche war ein kleiner Friedhof. Angesehene Bürger der Stadt wollten damals so nah wie möglich am vermuteten Grab des heiligen Émilion ruhen, um im Jenseits geschützt zu sein. Im Felsboden sind noch heute die tiefen, menschenförmigen Aussparungen der Steinsärge deutlich zu sehen.

Verborgene Enfeus

Über den Sarkophagen befinden sich auf Augenhöhe die Enfeus – nischenartige Gräber für Kinder und Säuglinge. Da sie zu jung waren, um  bewusst Sünden zu begehen, galten sie im Christentum lange als absolut rein und unschuldig.

Ihnen wurde nachgesagt, direkt in den Himmel einzugehen und Gott besonders nahe zu sein. Die Bestattung in den Wänden der heiligen Stätte spiegelte diese große Ehre wider. Über der Monolithkirche thront mehr als 2.000 Tonnen schwer die Tour de Roy. Um diese Last heute zu tragen, wurden die alten Tragepfeiler mit massiven Stahlstützen ummantelt.

La Gaffelière: ansteckend gut

In flotter Fahrt rollen wir den Kalksteinhang hinab – und erblicken am Fuß des Hangs das prachtvolle Anwesen des Château La Gaffelière. Der Name klingt elegant, hat aber einen makabren Ursprung. Im Mittelalter befand sich auf diesem Gelände eine léproserie, ein Spital für Leprakranke. Diese stützten sich auf lange Holzstöcke mit Haken, die gaffets genannt wurden. Aus dem Zufluchtsort für Aussätzige wurde Jahrhunderte später eines der exklusivsten Weingüter der Welt.

Fast 2.000 Jahre reicht seine Weinbau-Tradition zurück. 1969 entdeckte der damalige Besitzer, Graf Léo de Malet Roquefort, bei Arbeiten im Weinberg die Ruinen der Villa du Palat, einer prachtvollen gallo-römischen Residenz aus dem 4. Jahrhundert mit Fußbodenmosaiken, die ineinander verschlungene Weinstöcke zeigen. Archäologen vermuten, dass der Winzer die Sommerresidenz des berühmten römischen Dichters und Konsuls Ausonius entdeckt hatte, nach dem heute das benachbarte Weingut Château Ausone benannt ist.

Flaujagues: Winzerprunk am Fluss

In Flaujagues hat Adolfo das Mittagspicknick am linken Ufer der Dordogne aufgebaut, die Départementsgrenze Gironde-Dordogne verläuft mitten im Fluss. 1822 ließ sich hier Jean Fourcaud, ein sehr wohlhabender Weinhändler  und damals Bürgermeister, eine standesgemäße Villa direkt am Flussufer errichten: den Clos Fourcaud.

Die Familie Fourcaud war eine über Jahrhunderte einflussreiche und weit verzweigte Familie von Weinhändlern, Notaren und Bürgermeistern im Libournais an der unteren Dordogne. Ein bekannterer Zweig derselben Händlerdynastie erlangte später unter dem Namen Fourcaud-Laussac weltweite Berühmtheit – als Gründer und Besitzer des legendären Spitzenweinguts Château Cheval Blanc von Saint-Émilion.

Unterhalb der Villa ist eine cale d’embarquement aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts außergewöhnlich gut erhalten. An dieser  Slipanlage legten einst gabares, flache Holzschiffe, an, um Wein, Weizen und junge Weinreben aus dem Hinterland zu laden und flussabwärts in Richtung Bordeaux zu transportieren. Ein kleines Stück weiter am Fluss findet ihr den Banc de Pierre Loti. Auf dieser Steinbank hockte der Marineoffizier und Schriftsteller Pierre Loti als Kind und schaute auf den Fluss.

Sainte-Foy-la-Grande: die Wein-Bastide

Vom Handel mit Wein lebte jahrhundertelang auch Sainte-Foy-la-Grande, eine 1255 von Alphonse de Poitiers gegründete Bastide mit mittelalterlichem Grundriss, Fachwerkhäusern und einer historischen Markthalle aus dem 19. Jahrhundert, deren Holzdach auf zwanzig toskanischen Steinsäulen ruht: Zeit für die Kaffeepause!

Bergerac: beschaulich charmant

Bergerac, Hauptstadt des Périgord Pourpre, ist als Zentrum der Appellation Bergerac-Duras immer noch eng mit dem Weinbau verbunden – und stellt ihn direkt am Fluss im ehemaligen Recollets-Kloster vor. Und auch der Tabakanbau hat wieder Fahrt aufgenommen, zeigen Versuchsfelder am Stadtrand.

71 Kilometer zeigt das Display für diesen Tag, Durchschnittstempo 18 km/h. Abends im Restaurant L’Imparfait geben zwei Mitreisende – Gabriella und Albert – als frisch gebackene Großeltern Champagner für die ganze Tafel aus. Gespeist wird auf der Terrasse in der belebten Gasse: Savoir-vivre des Südwestens.

Im Périgord Noir

Immer hügeliger wird es, lang ziehen sich die Anstiege hin, immer länger werden die Abfahrten, bis zu 50 km/h schnell sausen die Räder hinab – und nehmen den Schwung für den nächsten Aufstieg, begleitet vom Runterklicken der Gänge und Hochschalten der Unterstützung. Edelkastanien mit großen, stacheligen Früchten verdecken den Blick auf die Landschaft.

Dann taucht die Landstraße in Eichenwälder ein, und ein paar Schweine dösen im Schlamm am Zaun. Im Winter werden in den Eichenwäldern die schwarzen Trüffel des Périgord Noir geerntet, und pilgern die Feinschmecker zum großen Trüffelmarkt in Sainte-Alvère. Sainte-Alvère liegt in der Vallée de la Louyvre. Ihr schmales Tal mit sanften, sehr kalkhaltigen Hängen (côteaux) bildet den geografischen Übergang vom zentralen Périgord hinunter zum großen Dordogne-Tal.

Jahrhundertelang umkämpft

Vom Beginn der christlichen Zeitrechnung bis ins 18. Jahrhundert war das Périgord mit wenigen Unterbrechungen immer wieder Kriegsschauplatz. Hier verloren die Engländer den Hundertjährigen Krieg um Aquitanien (1337–1453) und tobten die Religionskriege mit ihren blutigen Massakern zwischen Katholiken und Hugenotten. Wehrtürme, Burgen und Bastiden zeugen bis heute von dieser bewegten Vergangenheit. Auch in Sainte-Alvère. Kortenstahl-Geländer, Tafeln und Treppen umgeben hier die Reste einer Burg aus dem 13. Jahrhundert.

Limeuil: Kleinod am Zusammenfluss

Limeuil liegt an der Einmündung der Vézère in die Dordogne – und verrät mit seinen gallorömischen Wurzeln im Namen, wie es in der Antike ausgesehen haben muss. „Eine Lichtung mit Ulmen“ bedeutet er frei, und genau auf einer solchen Lichtung am Fluss machen wir unsere Mittagspause, nur wenige Schritte entfernt von einem der drei Stadtore. Steile Gassen führen hinein in den alten Ortskern dieses beau village de France. Oben auf dem Berg, wo früher eine Burg stand, eröffnen die Jardins Panoramiques, wunderschöne Themengärten, weite Blicke auf beide Flüsse.

Das Tal der Menschheit

Wie früh hier schon Menschen lebten, erzählt das Tal der Vézère, dem die Radgruppe nun folgt.
 400.000 Jahre alt sind die ältesten Spuren der Besiedlung. 1868 entdeckte der Archäologe Louis Lartet unter einem Felsvorsprung bei Les Eyzies fünf menschliche Skelette, rund 30.000 Jahre alt: drei Männer, eine Frau, ein Säugling. Der neue Menschentyp erhielt seinen Namen nach dem okzitanischen Wort für Mulde, cro, und dem Namen des Grundbesitzers, Monsieur Magnon: Cro-Magnon.

Das Musée national de la Préhistoire in Les Eyzies zeigt seit 1918 auf heute zwei Etagen 18.000 Fundstücke aus 40 Jahrtausenden Menschheitsgeschichte, vom Steinwerkzeug bis zu 17.000 bis 20.000 Jahre alten Kunstwerken aus dem vier Kilometer entfernten Abri de la Madeleine: ein Bison mit gedrehtem Kopf, der sich leckt – filigran eingeritzt in das Geweih eines Rentiers.

Frankreichs Rothenburg

Sarlat-la-Canéda besitzt eines der besterhaltenen mittelalterlichen Stadtbilder Frankreichs. 66 denkmalgeschützte Gebäude drängen sich hier auf elf Hektar – ein Weltrekord, der Sarlat den Eintrag ins Guinnessbuch brachte und den Titel ville d’art et d’histoire. Möglich machte die Auszeichnung das Malraux-Gesetz von 1962 zur Sanierung historischer Stadtkerne.

Die Place de la Liberté von Sarlat im Périgord. Foto: Hilke Maunder
Die Place de la Liberté von Sarlat im Périgord. Foto: Hilke Maunder

Sarlat setzte es als erste französische Stadt 1964 bis 1974 konsequent um. In der Rue de la Salamandre erinnert das Wappentier von König François I. an die Blütezeit der Renaissance, als Kaufleute ihre Stadtpaläste mit Erkern und Türmchen schmückten. Mittwochs und samstags ist Marktzeit auf der Place de la Liberté; das ganze Jahr hindurch präsentiert sich die einstige Église Sainte-Marie hinter dem hohen schwarzen Stahltor von Jean Nouvel als irdisches Paradies, prallgefüllt mit den besten Genüssen des Périgord.

Am Ortsrand beginnt eine voie verte, die auf einer stillgelegten Bahntrasse abseits vom Verkehr nach Aillac führt – und damit zurück zur Dordogne. Nach dem Mittagspicknick an einem ihrer Arme folgt die Radroute dem Fluss bis nach Carlux. Dort wurde der alte Bahnhof 2018 zum Museum für Robert Doisneau: Der Fotograf hatte 1939 auf genau diesem Bahnsteig seine Frau Pierrette und drei Freunde abgelichtet – ein Schnappschuss, der Jahrzehnte später die Rettung des seit Ende der 1970er-Jahre stillgelegten Bahnhofs anstieß.

Seit 2018 zeigt er als Gare Robert Doisneau zwei Dauerausstellungen. Im Erdgeschoss lassen Schwarzweißfotografien von Doisneau das Périgord der 1930er-Jahre aufleben. Im Obergeschoss zeigt Tranches de vie Porträts und Personen vom Meister der humanistischen Fotografie. Seine berühmteste Aufnahme Le Baiser de l’Hôtel de Ville von 1950 indes fehlt – der berühmte Kuss vor dem Pariser Rathaus hängt im Bahnhofscafé.

Der Teufel von Souillac

Kurz vor Souillac beginnt das Département Lot, und damit Okzitanien. Hier begegne ich zum ersten Mal auf dieser Reise dem Teufel – auf dem Tympanon der romanischen Abteikirche Sainte-Marie. Ihr Ursprung reicht ins Jahr 909 zurück, als Benediktinermönche hier ein Priorat gründeten; die heutige Kirche entstand im 12. Jahrhundert.

Ihr berühmtes Portal wurde während der Religionskriege ins Innere versetzt, um es zu schützen. Das Tympanon erzählt die Legende des Mönchs Théophile, der aus Ehrgeiz einen Pakt mit dem Teufel schließt, seinen Verrat bereut – und durch die Fürsprache der Jungfrau Maria gerettet wird.

Cahors und die Vallée du Lot

In Cahors begegnet mir der Teufel erneut – am Pont Valentré, der hier mit acht Bögen und drei mehr als 40 Meter hohen Wehrtürmen den Lot überspannt. Der Legende nach soll der Baumeister dem Teufel seine Seele versprochen haben, falls jener alle Aufgaben zur Fertigstellung erfüllt hätte.

Als nach 70 Jahren nur noch der letzte Stein fehlte, sagte der Baumeister: Hol mir mit einem Sieb Wasser. Diese Aufgabe konnte der Teufel nicht lösen. Wütend darüber, ausgetrickst worden zu sein, setzte er den letzten Stein nicht ein, und erst viele Jahre später wurde die Lücke am zweiten Turm geschlossen: mit einer steinernen Teufelsfigur.


Der schwarze Wein

Zu Füßen der Brücke wächst im Jardin d’Ivresse, dem Garten der Trunkenheit, die Traube, die den vin noir berühmt gemacht hatte, der Malbec. Hier Côt genannt, muss der schwere, fast schwarze Rotwein mindestens 70 Prozent dieser Traube enthalten, um seine Aromen von Brombeere, Pflaume und schwarzer Kirsche zu entfalten.

Der Weingarten an der Brücke ist der berühmteste der Jardins Secrets, der 25 kleinen Themengärten von Cahors. Dazu gehören auch mittelalterliche Kräutergärten, ein maurischer Garten und ein Klostergarten bei der Kathedrale Saint-Étienne mit der Sainte Coiffe, die als Tuch vom Haupt Christi gilt und Cahors zu einem Ziel der Jakobspilger macht.

Bilderbuchorte an den Ufern des Lot

Hoch auf den Klippen der  <em>Vallée du Lot</em>. Foto: Hilke Maunder
Hoch auf den Klippen der Vallée du Lot. Foto: Hilke Maunder

Weiter am mäandernden Lot entlang, mal hoch auf den Klippen, mal unten in der Vallée du Lot. Beim Pont d’Arcambal thront Saint-Cirq-Lapopie, 80 Meter über dem Fluss. 1950 kam André Breton hierher, kaufte ein altes Flößerhaus und verbrachte die letzten 15 Sommer seines Lebens in diesem Ort, den er eine „unmögliche Rose in der Nacht“ nannte. Heute sind Boutiquen, Bars und Ateliers in die gotischen Häuser der steilen Gassen gezogen – und gilt das Dorf als schönstes der rund 180 Plus Beaux Villages de France. Das sorgt nicht nur im Sommer für reichlich Trubel.

Toulouse: la ville rose

100 Minuten dauert der Transfer nach Toulouse, der ville rose des Midi, dessen  Backstein im Abendlicht von Gold bis Tiefrot leuchtet. Färberwaid, besser bekannt als Pastell, machte die Stadt im Mittelalter reich. Heute ist Toulouse Hauptstadt der Region Occitanie, mit 122.000 Studierenden an 19 Hochschulen eine der größten Universitätsstädte des Landes, Kapitale der Luftfahrt mit Airbus, Turbomecca & Co., Rugby-trunken dank ihres Stade Toulousain – und stolz auf ihre Märkte und Parks, Veilchen und Terrassen, wie sie auch die Place du Capitole säumen.

Place du Capitole : die gute Stube der Stadt

Hier erhebt sich seit 1759 das klassizistische Rathaus, benannt nach den acht capitouls, die seit dem 12. Jahrhundert die Stadtviertel regierten. Davor leuchtet im Boden das zwölfzackige Kreuz des Languedoc aus 20 Tonnen Bronze, geschaffen vom Künstler Raymond Moretti – ursprünglich standen die zwölf Kugeln für die Apostel, heute säkulisiert als Tierkreiszeichen.

Himmlische Häuser

Über dem Dächergewirr erhebt sich der Turm der Basilika Saint-Sernin, größter romanischer Kirchenbau Europas und Anfang der Via Tolosana nach Santiago de Compostela. Der Bauch der Stadt verbirgt sich einem Parkhaus aus Beton, dessen Erdgeschoss und Galerie ein Schlemmerreich bilden: der Marché Victor Hugo : schwarze Trüffel aus dem Quercy, Foie gras aus dem Gers, weiße Bohnen aus dem Lauragais für das traditionelle Cassoulet, dazu Wurstwaren und Käse von Bettty oder François Bourgon, ausgezeichnet als Meilleur Ouvrier de France.

Canal du Midi : das blaue Band des Südens

Hier jetzt Proviant bunkern, denke ich, doch da sitzen wir schon wieder alle im Sattel und kurven im Schatten der Platanen am Canal du Midi um Jogger, Spaziergänger und Kinder mit Laufrädern, die ebenfalls den Treidelweg nutzen – sonntags wird es eng auf der schmalen Piste. Wo Baumwurzeln den Belag aufgedrückt haben, wird die Strecke ungewohnt holprig – erst nach 45 Kilometern weicht der Asphalt festem Sand.

Bei Labège stehen sie noch, die alten Platanen des Canal du Midi. Weiter östlich sind die längst Opfer des Plantanenkrebs geworden, wurden gefällt und durch einen widerstandsfährigern Baummix ersetzt. Foto: Hilke Maunder
Bei Labège stehen sie noch, die alten Platanen des Canal du Midi. Weiter östlich sind die längst Opfer des Platanenkrebs geworden, wurden gefällt und mit einem widerstandsfährigeren Baummix ersetzt. Foto: Hilke Maunder

Von der Riquet-Statue am Beginn des Boulevard Pierre-Paul Riquet folgen wir dem Lauf des Canal du Midi bis zum Seuil de Naurouze, vorbei an der Hausbootbasis Port Saint-Sauveur, den alternativen Wohnbooten im Hafen von Ramonsville und 13 Schleusen.

Am Seuil de Naurouze, mit 189,43 Meter höchster Punkt des Kanals und Scheitelpunkt zwischen Atlantik und Mittelmeer, heißt es: zurück in den Bus – und hin nach Carcassonne, wo hinter dem doppelten Mauerring in mittelalterlichen Gassen touristischer Trubel pulsiert. Doch selbst dann bewahrt das Welterbe seinen Charme. Fürs kulinarische Angebotgilt in der Cité indes mit wenigen Ausnahmen: Masse statt Klasse. Doch geschlummert wird stilvoll: im Hôtel Montmorency gegenüber der Porte Narbonnaise der Festung von Carcassonne.

Sonniges Strampeln im Minervois

Immer mediterraner wird die Landschaft. Zypressen recken sich in den Weingärten des Minervois, und in Rieux-Minervois hat in der Romanik der Maître de Cabestany die Kapitelle der Pfarrkirche Notre-Dame de l’Assomption anschaulich verziert: hier eine Maria im Medaillon, gegenüber die Faust eines Menschen im Maul eines Löwen – Erlösung und Verdammnis face-à-face.

Homps: Hausboot an Hausboot

Homps war im 19. Jahrhundert der drittgrößte Hafen am Canal du Midi. Heute sind hier unzählige Hausboote vertäut, direkt gegenüber der Maison des Vins du Minervois mit rund 1.000 Weinen von 140 Winzern aus Orten wie Azille, Olonzac und Caunes-Minervois. Ohne den Schatten der Platanen strampeln wir weiter am Canal du Midi, und die Sonne des Südens lässt uns schwitzen.

Wie an einer Perlenschnur sind jetzt Bilderbuchorte aufgereiht: Argens-Minervois und Paraza, beide mit fotogener Burg, und Ventenac-en-Minervois mit seiner neoromanischen Église Saint-Pierre direkt am Kanal. Nicht minder malerisch ist Le Somail, wo die grün lackierte péniche Tamata vertäut ist, der einzige schwimmende Krämerladen am Kanal.

Canal de la Robine: Sprintstrecke zum Mittelmeer

Wenige Kilometer später zweigt der Canal de la Robine Richtung Narbonne ab, einst Hauptstadt der römischen Provinz Gallia Narbonensis, später Residenz der Westgotenkönige. Als nach einer verheerenden Flut im 14. Jahrhundert die Aude die Stadt vom Meer getrennt hatte, übernahm der Canal de la Robine den Frachtverkehr.

Seitdem durchquert der Kanal schnurgerade den regionalen Naturpark Narbonnaise en Méditerranée mit seinen brackig-salzigen Seen, in denen Silberreiher und Graureiher reglos im Schilf stehen – und sich mitunter sogar Flamingos zeigen. Und mitten in dieser Stille ertönt plötzlich laut der Ruf: Stopp! Bei Swetlana ist der Reifen platt, kurz zuvor hatte sich bei Karin schon das Kettenschutzblech gelöst. Eugen und Heiko lösen das Vorderrad, Sabine wechselt ruckzuck den Reifen, und schon radelt die Gruppe wieder.

Filmreifes Finale: Gruissan

Die letzten Kilometer führen abseits vom Verkehr um den Étang de Gruissan, vorbei an der Tour Barbarossa  und über eine Brücke am Hafen von Gruissan hinaus Richtung Strand. 1.330 Chalets aus Holz stehen in Gruissan-Plage stramm in vier Reihen auf Stelzen – erbaut nach der verheerenden Flut von 1899, die sämtliche Bauten zerstört hatte.

Filmreif, dachte sich Jean-Jacques Beineix und drehte hier 1986 seinen Film Betty Blue* nach dem Roman  37,2° le matin*  von Philippe Djian. Dann halten die Räder und knallen die Korken: Nach fast 400 Kilometern im Sattel ist das Mittelmeer erreicht, und Adolfo schenkt Prickelndes aus. Und danach: ab ins Meer. Auch wenn es deutlich abgekühlt hat.

Der Kreis vom Atlantik zum Mittelmeer schließt sich – und beim letzten gemeinsamen Abendessen in der Brasserie du Moulin, einer ehemaligen Wassermühle direkt an einer Schleuse des Canal de la Robine von Narbonne endet die Traverse mit dem besten dîner der Tour.

NB: Aus Platzgründen sind die Infos zu den einzelnen Orten bewusst kurz gehalten und verlinkt mit vertiefenden Beiträgen auf MeinFrankreich.com.

Hintergrund: Radreisen mit Die Landpartie

Die Landpartie, 1982 in Oldenburg gegründet und bis heute unter der Leitung von Geschäftsführerin Inge Hauer inhabergeführt, hat sich auf genau dieses Format spezialisiert: geführte Rad- und E-Bike-Reisen mit deutschsprachiger Reiseleitung, Gruppen von meist 14 bis 18 Teilnehmenden, eigenem Fuhrpark aus Landpartie-E-Bikes und einem Begleitbus mit Hänger für Räder, Gepäck und Picknicks.

Statt sportlicher Höchstleistung stehen Landschaft, regionale Küche und Kultur im Vordergrund – Drei- bis Vier-Sterne-Hotels, Mittagspicknicks an landschaftlich schönen Punkten und abendlichen Drei-Gänge-Menüs im Hotel oder auswärts. Die neuntägige Tour kostet ab 3.145 Euro pro Person, im Einzelzimmer schnell darüber. Dieser Preis wirkt als Filter: Er zieht vor allem Ärzte und Juristen, Unternehmer und Freiberufler an, Menschen mit knappem Zeitbudget und dem Wunsch nach maximalem Erholungswert.

Wer im Alltag ständig Verantwortung trägt, sucht im Urlaub die vollständige Abgabe von Logistik: kein Kofferpacken, kein Navigieren, keine Sorgen um eine mögliche Panne unterwegs. Die Landpartie-Pedelecs nivellieren unterschiedliche Fitnesslevel – Gegenwind am Atlantik oder Steigungen im Périgord werden zur Nebensache. Und abends, beim Wein am langen Tisch, trifft sich eine Generation wieder, die Frankreich seit Jahrzehnten mit Lebensart verbindet und die Landschaft, Geschichte und Savoir-vivre in gleichem Maß genießen will wie gute Gesellschaft.
• Am Schulgraben 6, 26135 Oldenburg, Tel. 04 41 57 06 83-10, www.dielandpartie.de

Mein Reiserad von der Landpartie. Foto: Hilke Maunder
Mein Reiserad von der Landpartie. Foto: Hilke Maunder

Transparenz-Hinweis

Ich reiste auf Einladung von „Die Landpartie“, vermittelt von Anne Heußner von primo PR. Ich sage allen, die meine Test-Tour unterstützt haben, ganz herzlichen Dank. Einfluss auf meine Berichterstattung hat dies nicht. Ich berichte subjektiv, wie ich es erlebt habe, mache kein Merchandising und werde erst recht nicht für meine Posts bezahlt.