Laurent Gaudé: Kann man sein Schicksal wenden?

Actes Sud in Arles. Foto: Hilke Maunder
Actes Sud in Arles. Foto: Hilke Maunder
Laurent Gaudé 2003. Foto: privat.

Bis vor kurzem war Laurent Gaudé für mich ein kaum Bekannter. Doch dann habe ich in Le Havre in der hervorragenden Buchhandlung La Galerne seinen Roman Ouragan* zwischen die Finger bekommen, im Buchhandels-Café reingeschnuppert und noch am gleichen Abend zu Ende gelesen.

Die Handlung ist schnell erzählt und nur Folie für seinen unglaublich packenden, berührten Exkurs zur Conditio Humana: Als der Hurrikan auf New Orleans zurast, verlassen die Menschen fluchtartig die Stadt. Andere bleiben und erleben eine unvorstellbare Katastrophe.

Von ihnen erzählt Gaudé so packend, dramatisch und menschlich, das ich die 188 Seiten des Romans geradezu verschlungen habe und dabei die Figuren leibhaftig vor mir sah.

Die 100-jährige  Schwarze Josephine Lincoln Steelson, die die kollektiven Erinnerungen ihres Volkes in sich trägt, der Sträfling Buckeley, der die Katastrophe nutzt, um mit Mitgefangenen aus dem Knast zu fliehen und durch die verwaisten Straßen zu ziehen, ein Reverend, der die Naturkatastrophe als spirituelle Prüfung versteht.

Und dann gibt es Rose, die ihren Sohn alleine aufzieht, und Keanu Burns, der der Hölle der Ölplattformen entflohen ist und in New Orleans Rose sucht, die er nicht vergessen kann… nichts ahnend, das er der Vater ihres Sohnes ist.

Antikes Intrigenspiel

Wow, wie kann man nur so schreiben! So intensiv, to nah… und mit so schlichten Worten. Also griff ich, als ich auf einem Präsentationstisch  wieder den Namen Gaudé las, beherzt zu: Pour seul cortège* hieß dieses Werk des Franzosen, der am 6. Juli 1972 in Paris geboren geboren war, zu deutsch etwa: „Letzter Geleitzug“.

Gespannt begann ich zu lesen. Und war irritiert. Von den Erzählebenen, die sich auf mehrere Figuren verteilen. Vom Ort der Handlung in der Antike, in Kleinasien, Mazedonien, Persien, Indien. Doch dann wurde ich auch hier hineingezogen in die Handlung, in das Ränkespiel der Macht, die Zwiesprache von Dryptréis, die sie nach dem Tod Alexander der Großen führt und ihr hilft, sich dem Zugriff des „Empire“ schließlich zu entziehen.

Packende Familiensaga

Am nächsten Tag war ich wieder in der Librairie Galerne und kaufte Le soleil des Scorta*(Die Sonne der Scorta*). Das war ein schöner Fehler. Denn dieses Buch konnte ich nicht aus der Hand legen. Die Stunden verstrichen, die Nacht wich dem Morgen, Seite um Seite wurde verschlungen… von dieser Familiensaga, die auf dem süditalienischen Felsdorn des Gargano spielt.

Dort leben die Scorta – mit Schande behaftet – in einem Dorf. Generation um Generation kämpfen sie ums Überleben leben bis die Hauptfigur auf den Plan tritt, Rache nimmt, zum reichen Bürger aufsteigt… und durch einen Deal mit der Kirche das Schicksal der Familie wendet.

Woher nimmt dieser Mann diese Imagination? Obgleich sonst kein Fan von Familiensagen, hat mich dieser Roman gefesselt. Wie inzwischen auch Millionen andere Leser. „Die Sonne der Scorta“ wurde 2004 mit dem wichtigsten Literaturpreis Frankreichs, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet und stand wochenlang auf Platz 1 der Bestsellerliste.

Das große Thema

Drei verschiedene Epochen, drei verschiedene Orte, und doch das gleiche Thema: Menschen, die gegen ihr Schicksal kämpfen. Doch letztendlich kann ihm niemand entgehen… Im Original erscheinen seine Werke bei Actes Sud, in deutscher Übersetzung bei dtv.

Actes Sud : Literatur aus Arles

Als sich 1983 Hubert Nyssen 800 km von Paris mit seinem Verlag in Arles niederließ, löste er zahlreiche Kommentare im Umkreis der Verlage aus. In 25 Jahren hat Actes Sud 60 000 Manuskripte erhalten und verfügt über einen Katalog von 5.000 Titeln. Der Arlesier Verlag bringt jährlich 350 Titel heraus und beschäftigt rund 100 Angestellte. Actes Sud wurde innerhalb kurzer Zeit eine Säule des kulturellen Lebens in Arles.

Der Verleger regt zahlreiche Veranstaltungen an und übernimmt Schirmherrschaften, darunter das gesamte Jahr über musikalische Veranstaltungen, ein Festival der religiösen Musik, ein Jazz-Festival und die Lesungen von Arles.

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