Der erste Garten des Jardin de Silence. Foto: Hilke Maunder
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Jardin du Silence: der Garten der Stille von Le Havre

Der Jardin du silence von Le Havre ist einer der ungewöhnlichsten Gärten Frankreichs: eine versteckte grüne Oase, die vom Sieg der Spiritualität erzählt. Im Kommerz wie im eigenen Glauben.

Es war eine wahrhaft göttliche Eingebung: In Le Havre haben Karmeliterinnen mit einem Garten ein Immobilienprojekt gestoppt, das ihr klösterliches Leben bedrohte.

Ein Bauträger wollte direkt an der Grundstücksgrenze des Klosters ein massives Wohngebäude errichten. Statt mit Mauern, Klagen oder verbitterter Abwehr zu reagieren, wählten die Schwestern eine erstaunliche offensive Strategie: Sie wandelten die drohende Lärmbelastung in eine Pufferzone der Ruhe und inneren Einkehr ein. Ihre Barriere bauten sie nicht aus Beton, sondern aus Symbolen, Pflanzen und Wasser – ein Meisterstreich, der ihnen 2014 sogar die renommierte nationale Auszeichnung Victoire d’Or (Prix du jardin symbolique) einbrachte.

Schwester Marthe-Bénédicte. Foto: Hilke Maunder
Karmeliterschwester Marthe-Bénédicte spricht fließend Deutsch. Sie war als Jugendliche eine Austauschschülerin in Karlsruhe gewesen. Foto: Hilke Maunder

Ein Garten der Ruhe als Refugium im Lärm der Welt

Gemeinsam mit dem Landschaftsarchitekten Samuel Craquelin und zwei Künstlern, der bildenden Künstlerin Chantal Giraud und dem Bildhauer Jean-Pierre Lartisien, haben sie einen Garten der Stille geschaffen. Ihr Jardin du Silence ist seitdem ein Ort der Meditation, der Besinnung, der Reflexion und der Betrachtung dessen, was die Schönheit der Natur und des Lebens sein kann.

Schwester Marthe-Bénédicte erzählt, was das Besondere dieses Klostergartens in der Rue Félix Faure 151 ist. Für alle, die das Französische nicht ganz so gut beherrschen, nachfolgend einige Informationen zum Garten auf Deutsch.

Der erste Garten

Jardin du Silence, Carmel, Le Havre. Foto: Hilke Maunder
Der erste Garten des Jardin du Silence von Le Havre bildet den Übergang zur Stille und in die eigene Innerlichkeit. Foto Hilke Maunder

Der erste Garten ist ein trockener, steiniger Platz mit mediterranen Pflanzen. Dieser „Mineralienhof“ besteht aus konzentrischen Kreisen um einen Kalvarienberg. Das Überqueren dieser Kreise symbolisiert den Eintritt in die eigene Innerlichkeit. Der Garten der Stille basiert auf den Lehren der heiligen Teresa von Avila. Teresa von Ávila wurde am 28. März 1515 als Teresa de Cepeda y Ahumada im spanischen Ávila geboren. Sie verstarb am 4. Oktober 1582 bei Alba de Tormes nahe Salamanca.

Jardin de Silence, Carmel, Le Havre. Foto: Hilke Maunder
Mediterrane Bepflanzung im ersten Garten. Foto: Hilke Maunder

Zum  geistlichen Leit- und Lebensmotiv  erhob die Nonne das castillo interior, die „innere Burg“. Die Ordensfrau verglich die Seele des Menschen mit einer Burg mit vielen Wohnungen und Gemächern. Dieses spirituelle Konzept aus ihrem berühmten Buch von 1577 spiegelt sich heute punktgenau in der Architektur des Landschaftsgartens wider.

Seine Besucher durchschreiten nacheinander die Symbole der ersten sechs Wohnungen der Seele. Jeder Raum führt tiefer hinein in die Seele des Menschen, in deren Innersten nach Teresas Ansicht Gott wohnt. Je größer die Gotteskenntnis, desto größer sei die Selbsterkenntnis.

Jardin de Silence, Carmel, Le Havre. Foto: Hilke Maunder
Das stilistische Noria-Schöpfrad aus Glas holt symbolisch das Lebenswasser empor. Foto: Hilke Maunder

Die seelische Einöde spiegeln Pflanzen, die Trockenheit vertragen, und Kies auf dem Boden. Doch der Brunnen, dicht an der Mauer zum nächsten Garten, verspricht Nahrung für die durstende Seele. Die Glaskunst – ein stilisiertes Noria-Schöpfrad – holt symbolisch das Wasser des Lebens hinauf.

Jardin de Silence, Carmel, Le Havre. Foto: Hilke Maunder
Dürreresistente Flora auf dem kargen Kiesbett der ersten Wohnung der Seele. Doch der Brunnen verspricht Leben. Foto: Hilke Maunder

Der zweite Garten

Den zweiten Garten prägt ein Bewässerungskanal. Die Karmeliterinnen legten ihn an als Symbol der inneren Begegnung mit Jesus Christus. Ruhig fließt dahin das Wasser bis zu einem Wasserspiel. Als Quell des Lebens lässt es Vegetation aufblühen. Dicht und grün, geschmückt mit einigen Blüten, säumt sie den Wasserlauf.

Jardin de Silence, Carmel, Le Havre. Foto: Hilke Maunder
Der plätschernde Bewässerungskanal im zweiten Garten steht für die lebendige Begegnung mit Christus, sagt Schwester Marthe-Bénédicte. Foto: Hilke Maunder
Jardin de Silence, Carmel, Le Havre. Foto: Hilke Maunder
Dichtes Grün und Blüten säumen den kanalisierten Wasserlauf als Quell des Lebens. Foto: Hilke Maunder

Der dritte Garten

Das Wasser bewässert den Rasen, der nach Vorbild der Kalksteinwiesen des Pays de Caux angelegt wurde. Eine Bank lädt zur Meditation unter hohen Bäumen. Das Wasser als Quell des Lebens hat die Kraft, Großes zu schaffen. Wer diese Stufe in seinen inneren Garten erreicht hat und die Seele täglich „gießt“ mit Glauben und Gebet, der werde als Mensch sich verändern, zu blühen beginnen und ebenso Großes schaffen, sagt Marthe-Bénédicte. Lange Zeit habe sie nicht gewusst, was sie mit ihrem Leben machen solle. Doch hier sei sie angekommen – bei den Karmeliterinnen in Le Havre.

Jardin de Silence, Carmel, Le Havre. Foto: Hilke Maunder
Schattenspendende Bäume und Kalksteinwiesen nach dem Vorbild des Pays de Caux im dritten Garten. Foto: Hilke Maunder
Jardin de Silence, Carmel, Le Havre. Foto: Hilke Maunder
Eine schlichte Holzbank im Schatten lädt zur ruhigen Betrachtung und Meditation ein. Foto: Hilke Maunder

Das Finale: die Vereinigung mit dem Göttlichen

Das Kreuz, das sich auf der Place des 7 demeures am Eingang der Klosteranlage befindet, gestaltete Chantal Giraud als Lichtkreuz. Ein skulpturales Muster aus Rippen belebt das Glas wie einen Lebensbaum. Hier endet der spirituelle Weg in der ie siebte und höchste Wohnung der inneren Burg – jenen Ort der vollkommenen Vereinigung, an dem das Lichtkreuz den Raum mit göttlicher Helligkeit durchflutet.

Die Kirche des Karmeliterinnenklosters von Le Havre. Foto: Hilke Maunder
Das von Chantal Giraud gestaltete Lichtkreuz an der Klosterkirche weist den Weg zur siebten Wohnung. Foto: Hilke Maunder

Die Karmeliterinnen von Le Havre

Die Geschichte der Karmeliterinnen in Le Havre reicht bis ins Jahr 1894 zurück, als Nonnen aus dem Carmel von Lourdes in die nordfranzösische Hafenstadt kamen. Ursprünglich in der Unterstadt ansässig, zog die Gemeinschaft 1953 auf die Anhöhen der Stadt in ihren Carmel de la Transfiguration an der Rue Félix Faure.

Die Schwestern leben in strenger Klausur, schweigsam und im kontemplativen Gebet. In Frankreich gibt es heute noch rund 60 aktiven Carmels, in denen die Nonnen ihren Lebensunterhalt – ganz nach der Regel des heiligen Benedikt und der Tradition des Ordens – durch der eigenen Hände bestreiten.

Das Kloster der Karmeliterinnen. Foto: Hilke Maunder
Die schlichte Architektur des Carmel de la Transfiguration auf den Anhöhen von Le Havre. Foto: Hilke Maunder

Himmlisch leckere Konfitüren

Zu den Arbeiten gehören das Sieden von Marmeladen, Kunsthandwerk oder Gartenbau. Die Karmeliterinnen von Le Havre stellen im Kloster köstliche Konfitüre her. 20 Sorten sind im Angebot. Verkauft werden sie vor Ort im Klostershop der Schwestern – und online im virtuellen Shop der französischen Klöster: www.artisanatmonastique.com

20 Sorten Klostermarmelade verkaufen die Nonnen des Carmel du Havre. Foto: Hilke Maunder

Le Havre: meine Reisetipps

Jardin du Silence

Der Garten der Stille gehört zum Carmel du Havre.
• 151, rue Félix Faure, 76620 Le Havre, Tel. 02 35 46 50 75; Garten der Stille, Di. – So. 10 – 12 Uhr, 14.30 – 16.30 Uhr, Klosterladen: 9.15 – 12,  14 – 17 Uhr.

Wer eine längere spirituelle Auszeit wünscht, kann bei einer retraite am Klosterleben der Karmeliterinnen teilnehmen; www.carmelduhavre.fr/se-ressourcer/faire-une-retraite

Blick von Le Havre auf Sainte-Adresse. Foto: Hilke Maunder
Blick von Le Havre auf Sainte-Adresse. Foto: Hilke Maunder