Der Madison – ein Tanz, der verbindet (Symbolbild). Copyright: Hilke Maunder

Le Madison: Tanzstunde in Frankreich

C’est bon le madison ♬ … Wenn die Abendsonne sanft unseren Dorfplatz umhüllt und die banda die ersten Töne anschlägt, wird es unruhig unter den Platanen, und alle Umstehenden wissen: Gleich geht es los. Das Sommerfest. Die Tische werden beiseitegeschoben, die älteren Damen ziehen ihren Lippenstift nach, die jüngeren binden das offene Haar zum Zopf. Und alle wissen: Jetzt kommt der Madison.

Und ich? Ich stehe daneben und spüre schon jetzt, wie sich meine Füße auf die kommende Katastrophe vorbereiten.

In meiner Jugend kannte ich nur den Memphis. Der Memphis entstand um 1965 in England und wird auf das LiedMemphis, Tennessee von Pat Boone getanzt. Den konnte ich im Schlaf. Vor, zurück, Kick, fertig. Einmal kurz zur Seite, fertig, und alles wiederholen. Aber der Madison ? Der Madison ist eine ganz andere Geschichte.

Le Madison: filmreifer Line Dance

Der Madison wurde 1957 in Columbus, Ohio, geschaffen und ist ein Line Dance mit regelmäßigen Vor- und Rückwärtsbewegungen. 1964machte in Jean-Luc Godard ihn in Bande à part* unsterblich und ließ drei junge Leute in einem Pariser Bistro tanzen, cool, synchron, losgelöst von der Welt. Dann kamen Johnny Hallyday und Sylvie Vartan, die Madison-Songs sangen. Und schon war er französisch. Für immer.

Die Musik setzt ein. Um mich herum formieren sich die Reihen wie von selbst. Fast nur Damen jeden Alters, die Männer machen sich rar. Auch meine Nachbarin Étiennette, mit Anfang 80 immer noch drahtig und sportlich, steht schon in Position. Der Bürgermeister mit seiner Gattin. Die Teenager. Und ich mittendrin, die Deutsche, die gleich versuchen wird, nicht über ihre eigenen Füße zu stolpern.

Der Madison-Grundschritt beginnt: Schritt links vorwärts, rechten Fuß neben den linken setzen und klatschen, Schritt zurück auf rechts, linker Fuß zurück und über rechts kreuzen, linker Fuß nach links, linker Fuß zurück und über rechts kreuzen. So steht es in den Anleitungen. Klingt einfach, oder?

Ist es nicht.

Mein linker Fuß geht vor, während um mich herum bereits geklatscht wird. Zu spät. Mein rechter Fuß stolpert zurück, aber kreuzen? Über oder unter? Links oder rechts? Die Bewegungen wiederholen sich, alle anderen drehen sich synchron, und ich? Ich verheddere mich im eigenen Takt. Meine Beine scheinen plötzlich unterschiedliche Sprachen zu sprechen. Das rechte will den Memphis tanzen, das linke versucht verzweifelt, den Madison zu verstehen.

Die Schritte sind ganz einfach, die kannst du in nach einmal kurz zugucken kinderleicht nachmachen, hatte Étiennette gesagt. Aber zwischen Nachahmen und Können liegt ein tiefer französischer Graben, in den ich gerade kopfüber stürze.

Sie dreht sich elegant. Ihre Füße folgen dem Rhythmus wie selbstverständlich. Schritt vor, zurück, kreuzen, seitwärts. Bei mir? Vor, stolper, verheddert, Hilfe. Bereits in den französischen Ferienlagern, den colonies de vacances, lernen die Kinder den Madison, und auch im Club Med wird er seit Anbeginn getanzt. Eine Generation gibt ihn weiter an die nächste. Nur ich, die Deutsche aus dem Norden, stehe hier und kämpfe mit der Schrittfolge wie andere mit der französischen Grammatik.

Le Madison: ein echter Volkstanz

Die Franzosen haben dem Madison ihren eigenen Stempel aufgedrückt. Was in Amerika kühl und mechanisch wirkte, wurde hier zur geselligen Zeremonie. Beim Sommerfest tanzen alle mit. Alle außer mir, die noch versucht herauszufinden, ob der linke Fuß jetzt über oder hinter den rechten muss.

Dann, beim dritten Durchgang, passiert etwas. Meine Füße finden plötzlich den Rhythmus. Nicht perfekt, nicht elegant wie Étiennette, aber irgendwie richtig. Vor, zurück, kreuzen. Ich stolpere nicht mehr. Ich tanze. Ein bisschen wackelig vielleicht, ein bisschen zu langsam, aber ich bin dabei.

Und genau das ist das Schöne am Madison: Man darf stolpern. Man darf lachen. Man darf eigene Variationen einbauen, auch wenn sie eigentlich Fehler sind. Hauptsache, man tanzt mit. Der Tanz zeichnet sich durch klare, einfache Schrittfolgen aus, bei denen die Tänzer in Reihen stehen und synchron festgelegte Schritte ausführen. Aber in Frankreich bedeutet „synchron“ eher: gemeinsam im Chaos, gemeinsam im Glück.

Hier zeigt der Madison, was er wirklich ist: ein Tanz, der verbindet. Der keine Perfektion verlangt, keine Vorkenntnisse, nur die Bereitschaft mitzumachen. Und auch ich tanze. Irgendwie. Der Madison. Frankreichs Geduldsprüfer für Zugezogene.

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Im Blog

Noch mehr Momentaufnahmen aus meiner zweiten Heimat im Süden Frankreichs findet ihr in der Rubrik Briefe aus Saint-Paul. Sämtliche Ziele und Themen, die ich in meinem Online-Magazin nach Départements und Regionen vorstelle, findet ihr zentral vereint auf dieser zoombaren Karte.