Durch Spalt und Loch: die Klippen von Le Tilleul

Die Alabasterküste bei Le Tilleuil. Foto: Hilke Maunder
Die Klippen von Le Tilleul sind beliebte Angelplätze. Foto: Hilke Maunder

Nur der Bürgermeister hat den Schlüssel für den Schlagbaum. Für alle anderen geht es nur zu Fuß, per Rad oder hoch zu Ross weiter. Das hat die Küste von Le Tilleul vor jeglicher touristischen Entwicklung bewahrt: ein Glücksfall an der Côte d’Albâtre!

Zwei Kilometer lang ist der Pfad vom Parkplatz zum Strand. Nach wenigen Schritten weichen die Rinderweiden dem schattigen Blätterdach der Valleuse d’Antifer mit ihren alten Kastanien. Das Trockental, das die Erosion schuf, ist eines der letzten nicht urbanisierten Täler an der Alabasterküste. Schattig und kühl ist das Grün selbst im heißen Sommer.

Bei den Klippen weichen die Bäume, und am Horizont erscheint das Meer. Foto: Hilke Maunder
Bei den Klippen weichen die Bäume, und am Horizont erscheint das Meer. Foto: Hilke Maunder

Gepresste Wälder

Dann öffnet sich der Blick auf das Meer. Hier türkishell, dort tiefblau leuchten die Fluten des Ärmelkanals. Kleiner als an den anderen Stränden sind die Kiesel am Strand und erleichtern das Gehen.

Gut 100 Meter hoch ragen die Klippen auf. Schwarze Bänder leuchten in der weißen Kreide. Wie mit dem Lineal gezogen sehen die Schichten aus Silex aus. Sie sind die steingewordenen Zeugnisse alter Schachtelhalmwälder, die regelmäßig überflutet wurden, abstarben und sich unter Druck zu Feuerstein verdichteten.

Feuerstein in Hell und Dunkel dient im Pays de Caux als Baumaterial von Häusern und Kirchen. Foto: Hilke Maunder

Flint auf den Fassaden

Jahrhunderte lang truden sie die Steinsammler der Alabsterküste in große Körbe und schleppten jene mit Körperkraft, Esel oder Pferd hinauf auf die Klippe. Hier und da wurden die Steine auch mit kleinen Bahnen vom Strand hinauf in die Dörfer geholt, wo sie als Baumaterial verwendet wurden.

Schlichte Wohngebäude, Gotteshäuser in Stadt und Land und selbst Fabriken und Industriepaläste entstanden aus dem Feuerstein. Häufig paarte sich der Flint mit einem anderen feurigen Material: rotem Backstein. Das Trio prägt bis heute das Pays de Caux. An der Dorfkirche von Le Tilleul sorgen die mit ihm gestalteten Muster für einen faszinierenden Fassadenschmuck.

Die Kirche von Le Tilleul mit dem typischen Wechseln von dunklem und hellem Feuerstein sowie Backstein. Foto: Hilke Maunder
Die Kirche von Le Tilleul mit dem typischen Wechseln von dunklem und hellem Feuerstein sowie Backstein. Foto: Hilke Maunder

Ein Grand Site de France

Die Klippen der Küste sind auch auf einem Buntglasfenster im Innern des Gotteshauses zu sehen. La pêche miraculeuse (Der wundersame Fischfang) zeigt Petrus mit örtlichen Fischern vor der Porte d’Aval von Étretat, dem nahen und viel berühmterem Partner des Grand Site de France.

IN 13 Gemeinden, von Fécamp im Norden bis Cap d’Antifer im Süden, schützt der grand site den schönsten Abschnitt der Alabasterküste. Maler wie Gustave Courbet, Eugène Boudin und Claude Monet haben mit mehr als 80 Gemälden viel zum Ruhm der falaises beigetragen, ihrer Nadeln, Bögen und anderen faszinierenden Felsformationen.

Die Falaise d’Aval von Étretat zeigt das Buntglasfenster La pêche miraculeuse (Der wundersame Fischfang) der Kirche von Le Tilleul. Foto: Hilke Maunder

Faszinierende Felsen

Die Bögen der Alabasterküste sind Zeugen eines unterirdischen Flusses, der einst parallel zur Küste verlief. Die Erosion legte sein Bett frei. Wind und Wellen frästen immer neue Formen in den Felsen. Gen Norden begrenzt eine Felsspalte den Strand von Le Tilleul.

An der Küste von Tilleul sind sehr gut die Einschlüsse von Feuerstein zu erkennen. Fot: Hilke Maunder
An der Küste von Tilleul sind sehr gut die Einschlüsse von Feuerstein zu erkennen. Foto: Hilke Maunder

Wer sie durchschreitet, entdeckt Steighilfen im Stein. Eisenbügel ermöglichen das Klettern hin zu einer kleinen Felsöffnung hoch über der Brandung: ein Natursprungbrett – perfekt für den Sprung ins kühle Nass. An anderen Stellen hat die Erosion Gucklöcher und bizarre Figuren in die Kreideküste gegraben.

Le Tilleul. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder
Le Tilleul. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder
L eTilleul_Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Der versteckte Schatz

Wer bei Ebbe gen Norden weiterwandert, erreicht die Falaise d’Aval von Étretat. Normannen-Dichter Guy de Maupassant sah in der Felsformation einen Elefanten, der den Rüssel ins Wasser steckt. In dieser Kalknadel soll der König von Frankreich einst sein Gold versteckt haben. Noch bis heute hat niemand diesen Schatz gefunden.

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Le Tilleul: meine Reisetipps

Nicht verpassen

Banc de Justice

Der Sitz der Justiz und seine Schöffenbänke aus dem 13. Jahrhundert sind die letzten, die im Département Seine-Maritime noch erhalten sind. Auf seinen Spaziergängen ruhte sich dort auch gerne der ehemalige französische Staatspräsident René Coty aus. Auf dem Friedhof von Le Le Tilleul fand er seine letzte Ruhestätte.

Raphaël Lesueur, Bürgermeister von Le Tilleul, auf der Richterbank. credit
Raphaël Lesueur, Bürgermeister von Le Tilleul, auf der Richterbank. Foto: Hilke Maunder

Schlemmen und genießen

La Frite d’Or

Es gibt nur wenige Orte an der Alabasterküste, wo ihr direkt am Strand mit Blick auf die Klippen schlemmen könnt.  Hier sind die Fritten so knusprig und golden, wie der Name des Lokals es verspricht. In der Normandie paaren sie sich traditionell mit moules, schwarzen Miesmuscheln mit gelborangem Fleisch. Florence Delacotte serviert ihre moules frites in vielen verführerischen Variationen.

Beim Klassiker moules marinières garen die Muscheln in einer Brühe aus Weißwein, Essig, Zwiebeln und Petersilie. In den moules normandes ersetzt Crème fraîche den Essig. Bei den moules cidre wandern neben Apfelwein noch Schinkenstreifen in die Soße. Ihre moules Roquefort kommen mit Blauschimmelkäse auf den Tisch, die moules Boursin mit Kräuterfrischkäse. Bei den moules à l’espagnole paart sich die Muschel mit Chorizo und Tomate.
• Plage, 76280 Saint-Jouin-Bruneval, Tel. o2 35 20 26 14, www.restaurant-la-frite-d-or.webnode.fr

 

Direkt am Strand von Saint-Jouin: La Friterie d’Or. Foto: Hilke Maunder
Direkt am Strand von Saint-Jouin: La Friterie d’Or. Foto: Hilke Maunder

Hier könnt ihr schlafen*
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Château de Fréfossé

Das Schloss Fréfossé mit seinen fünfzig Hektar Park, Rasenflächen, Wäldern und Teich und seinem Laternenturm ist seit 1998 in Privatbesitz. Sein bayrischer Eigentümer hegt große Pläne und möchte das Anwesen in ein Fünfsternehotel verwandeln. Kommune und Département unterstützen die Pläne

Weiterlesen

Im Blog

Côte d’Albâtre: Frankreichs hellste Klippen

Im Buch

Glücksorte in der Normandie*

Steile Klippen und weite Sandstrände, bizarre Felslandschaften und verwunschene Wälder, romantische Fachwerkstädtchen und moderne Architektur – die Normandie hat unzählige Glücksorte zu bieten.

Gemeinsam mit meiner Freundin Barbara Kettl-Römer stelle ich sie euch in diesem Taschenbuch vor. Wir verraten, wo die schönste Strandbar an der Seine liegt, für welche Brioches es sich lohnt, ins Tal der Saire zu fahren, und wo noch echter Camembert aus Rohmilch hergestellt wird.

Unser Gemeinschaftswerk stellt euch insgesamt 80 einzigartige Orte vor, die oftmals abseits der eingetretenen Pfade liegen. Wer mag, kann es hier* bestellen.

Das ganze Land

Secret Citys Frankreich*

Gemeinsam mit meinem geschätzten Kollegen Klaus Simon stelle ich in diesem Band 60 Orte in Frankreich vor, die echte Perlen abseits des touristischen Mainstreams sind. Le Malzieu in der Lozère, Langogne im Massif Central, aber auch Dax, das den meisten wohl nur als Kurort bekannt ist.

Mit dabei sind auch Sens, eine filmreife Stadt im Norden von Frankreich, und viele andere tolle Destinationen. Frankreich für Kenner  – und Neugierige!

Lasst euch zu neuen Entdeckungen inspirieren … oder träumt euch dorthin beim Blättern im Sessel oder am Kamin. Wer mag, kann das Lesebuch mit schönen Bildern hier* bestellen.

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Merci fürs Teilen!

2 Kommentare

  1. Liebe Hilke,
    vielen Dank für deine Buchtips Glücksorte in der Normandie und Bretagne. Wir fahren Ende Mai in die Nähe von Fecamp und dann anschließend in die Bretagne ( Finistere) da können wir wieder etwas neues erkunden. Wir fahren seit 1995 in die Bretagne und seit 2019 in die Normandie. Es ist wirklich immer ein besonders Erlebnis.
    Liebe Grüße von Renate Reitz

    • Liebe Renate, merci! Ich freue mich, wenn Du als Normandie- und Bretagne-Kennerin in den Büchern noch Neues und Interessantes entdeckst! Herzliche Grüße und schönes Wochenende, Hilke

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