Auf den Spuren von Leonardo da Vinci
Rom im Herbstnebel: Ein alternder Meister flieht vor dem Spott der Jugend, vor den Intrigen im Schatten des Petersdoms und dem stummen Vorwurf der Ketzerei: Leonardo da Vinci packt drei Gemälde in seine Satteltaschen und reitet auf einem Maultier über die Alpen dem Ruf eines jungen Königs entgegen. An den Ufern der Loire beginnt damit das letzte Kapitel im Leben eines Mannes, dessen Vermächtnis bis heute das Bild der französischen Renaissance prägt.
Als Leonardo da Vinci im Spätherbst 1516 auf einem Maulesel die Alpen überquert, führt er kein großes Gefolge mit sich. In seinen Satteltaschen lagern lediglich Skizzenbücher und drei unvollendete Gemälde, darunter das Porträt einer Florentiner Seidenschmieds-Gattin. In Rom hat man keine Verwendung mehr für den inzwischen über sechzigjährigen Universalgelehrten; dort feiert der Hof des Papstes die jugendliche Dynamik Raffaels. Es ist die Einladung eines ausländischen Monarchen, die dem alternden Genie die Flucht aus der italienischen Isolation ermöglicht.
Vom Tiber an die Loire
Der jüngere Bruder des Papstes, Giuliano II. de‘ Medici, hatte Leonardo da Vinci 1512 als Künstler in den Vatikan geholt. Der Papst jedoch hegt keine Sympathien für ihn. Er fördert die jungen Künstler Raffael und Michelangelo, die sich durch ihre Arbeiten in der Stanza della Segnatura, dem geheimen Zimmer, und der Sixtinischen Kapelle große Anerkennung erworben haben. Für den altgedienten, inzwischen ergrauten Günstling der Medici ist das Leben schwer im Vatikan. Er wird wegen seiner anatomischen Studien bespitzelt. Ihm werden Leichenfledderei und Pietätlosigkeit vorgeworfen. Krankheiten und Intrigen schwächen seine Schaffenskraft.
Umso erfreuter nimmt da Vinci daher das Angebot des jungen französischen Souveräns François I. an, seine letzten Jahre in Frankreich zu verbringen, wo ihm ein neues Heim, Ehre und Achtung zugesichert werden. François I wollte mit diesem Schritt nicht nur Kunst, sondern vor allem Wissen und Weisheit in sein Reich holen. Er bezahlte Leonardo primär fürs „Reden“ und Denken, nicht fürs Malen. François I war damals gerade 22 Jahre alt, Leonardo 64 und nannte Leonardo da Vinci mon père, mein Vater“
Letzter Wohnsitz für da Vinci: das Château du Clos Lucé
Leonardo da Vinci zieht ganz in die Nähe seines neuen Gönners und Mäzens: ins Château du Clos Lucé bei Amboise an der Loire. Dort verbringt er vom Herbst 1516 bis 1519 seine letzten Lebensjahre. Es heißt, es gäbe einen unterirdischen Ganges zwischen dem Château d’Amboise und dem Clos Lucé, durch den der König heimlich den Meister besuchte. Auch wenn historisch nicht zweifelsfrei belegt, zeigt dieser Mythos, wie eng der Austausch gewesen sein muss.
Leonardo malte, redete und dachte nicht nur im Beisein des Königs, sondern glänzte in Frankreich vor allem als Chef-Ingenieur für königliche Feste ( maître des divertissements ). Berühmt wurde besonders der mechanische Löwe, der vor dem König schritt, seine Brust öffnete und Lilien verströmte. Was damals gerne gegessen wurde, verrät Meisterkoch Sieur Sausin in der Auberge du Prieuré, wo er Gerichte aus jener Epoche kreiert, die das Personal in Kostümen der Zeit serviert.
Beim freien Rundgang durch den ehemaligen Wohnsitz lassen sich in den Sälen 40 seiner genialen Erfindungen im Modell sowie als 3-D-Animation entdecken. Leonardo verstarb dort am 2. Mai 1519. Seine letzte Ruhe fand er in der Schlosskapelle seines Gönners im nahen Château d’Amboise.
Residenz seines Gönners: Château d’Amboise an der Loire
Wachsam thront das Château d’Amboise auf einem felsigen Plateau hoch über der gleichnamigen Stadt und eröffnet einen der spektakulärsten 360°-Blicke über das UNESCO-Welterbe Loiretal. Die mächtige mittelalterliche Festung wurde im frühen 15. Jahrhundert unter König Karl VIII. zur ersten französischen Renaissance-Residenz umgebaut – hier entstand 1495 der erste Renaissancegarten Frankreichs.
Während der Renaissance war Amboise Lieblingsort der französischen Könige: Karl VIII. und später Franz I. bauten die Anlage zu einem Palast mit 247 Zimmern und drei Höfen aus und schufen eine der prächtigsten und bedeutendsten Residenzen des Reiches. Und genau hier ruhen die sterblichen Reste von Leonardo da Vinci in der Chapelle Saint-Hubert. Die Grabkapelle aus dem helleen Tuffstein des Loire-Tal war einst ein privates Oratorium der Könige, das über dem Fluss zu schweben scheint.
Louvre: Daheim bei Mona Lisa
Der Louvre von Paris ist das größte Kunstmuseum der Welt und besitzt die weltgrößte Sammlung seiner Gemälde –drei der Werke hatte Leonardo höchstpersönlich aus Italien nach Frankreich gebracht. Zur Da-Vinci-Sammlung im Louvre gehören die „Die Jungfrau auf den Felsen“ (1483–1486), La Belle Ferronnière (1490–1495), Johannes der Täufer (1513–1516), Die heilige Anna mit der Jungfrau und dem Kind (ca. 1503–1519) und die zeitgleich gefertigte Mona Lisa (La Gioconda)
Sie hängt im größten Saal des Louvre, der Salle des États (Saal 711 im Denon-Flügel, Ebene 1) . François I hatte das Bild vermutlich b1518 – oder kurz nach Leonardos Tod– von dessen Schüler Salai für 4.000 Écus (Goldkronen) erworben. Seit 1956 schützt nach einem Anschlag Panzerglas das Werk.
Die Mona Lisa ist der Publikumsmagnet. Um die Salle des États zu entlasten, gab das französische Kulturministerium im Mai 2026 bekannt, dass das Selldorf Architects mit dem milliardenschweren Umbau des Louvre beauftragt wurde. Die Mona Lisa wird bis 2031 einen komplett eigenen, unterirdischen Saalkomplex mnit 3.000 Quadratmeter und zwei separaten Zugängen erhalten, um die Besuchermassen vollständig vom restlichen Museum zu trennen.

Leonardo da Vinci: Tipps & Adressen
Château Royal d’Amboise
Tel. 02 47 57 00 98
www.chateau-amboise.com
Château du Clos Lucé
Tel. 02 47 57 00 73
www.vinci-closluce.com
Musée du Louvre
Tel. 01 40 20 53 17
www.louvre.fr
Auberge du Prieuré
Tel. 02 47 57 69 01
www.vinci-closluce.com/fr/informations/restaurants
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Im Buch
Leonardo da Vinci,. Der Esel auf dem Eis*
Für Leonardo da Vinci war die Natur Vorbild. In seinen Miniaturen spricht sie zu uns: der Stein, der Nusskern, das Feuer, die Luft, das Wasser, die Auster, das Schwein, der Esel. Sie sind die Helden – und Opfer – der Fabeln, die Leonardo da Vinci mit dem Titel „Favole e Leggende / Animali Fantastici“ verfasst hat.
Ihre kurzen, sehr anschaulichen Texte hat Rudolf Hagelstange meisterhaft ins Deutsche übersetzte. Nur auf den ersten Blick sind es leichte, einfache Stücke.
Kaum mehr als eine Buchseite lang, enthalten sie universelle Weisheiten. Leonardos Botschaften sind heute noch so aktuell und treffend wie zu Lebzeiten des italienischen Genies.
Wie sehr sie den Zeitgeist treffen, zeigt auch die Gruppe Karat. Sie ließ sich von Leonardo da Vincis Fabel „Der Schwan“ zu ihrem Song „Schwanenkönig“ inspirieren. Wer mag, kann den Band hier* online bestellen.
Dmitri S. Mereschkowski. Mythos und Leben Leonardo da Vinci*
Maler, Ingenieur, Forscher, Philosoph: Leonardo da Vinci war ein Universalgenie, dessen Leben und Werk bis in unsere Zeit ausstrahlt. Der Italiener brachte Weltbilder in Wanken. Und schuf mit dem geheimnisvollen Lächeln der Mona Lisa eines der faszinierendsten Kunstwerke der Welt. Auch der Künstler gibt bis heute Rätsel auf. Wer war Leonardo?
Bereits 1901 verfasst der Petersburger Künstler Dmitri Mereschkowski die bis heute beste Biografie von Da Vinci. Wie kein Zweiter erweckt der wichtigste Vertreter des Russischen Symbolismus Leonardo auf 640 Buchseiten zum Leben.
Siebenmal war Mereschkowski für den Literaturnobelpreis nominiert. Er starb 1941 in Paris. Wer mag, kann den Band hier* online bestellen.
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