Les Gets: Wo die Maschine musiziert

Le Musée de la Musique Mécanique Foto: Nicolas Joly / Office de Tourisme Les Gets (Pressefoto)
Eine Harmonieflute des Museums. Foto: Nicolas Joly / Office de Tourisme Les Gets (Pressefoto)

Wer heute Musik hören will, schaltet das Radio ein oder streamt die Melodien im Internet. Wie war es aber vor mehr rund 300 Jahren, als Töne zum ersten Mal von allein erklangen: aus mechanischen, selbst musizierenden Instrumenten?

Im französischen Les Gets entführt das Museum für mechanische Musik zu Füßen der Hochsavoyer Skiberge in eine Zeit, als der Musikgenuss noch ein Privileg war: mit 550 Ausstellungsstücken auf drei Etagen, Konzertsaal, Restaurierungswerkstatt und klingendem Bistro.

Zeitreise der Musikmaschinen

In der Renaissance entstanden selbstspielende Spinette, die über Stiftwalzen gesteuert wurden. Für die Flötenuhr, eine Erfindung des 18. Jahrhundert, schufen Haydn, Mozart und Beethoven eigene Kompositionen.

Schwerpunkt der Sammlung ist jedoch das 19. Jahrhundert. Damals konstruierten Musikmaschinisten wie Johann Nepomuk Mälzel ganze selbst spielende Orchester, die „Orchestrien“.

Le Musée de la Musique Mécanique Foto: Nicolas Joly / Office de Tourisme Les Gets (Pressefoto)

Orchestrien & Tabatières

Zur gleichen Zeit entstanden in der Schweiz mit Schnitzereien oder Bildern geschmückte tabatières. Bei diesen handlichen Spieldosen rissen Stifte einer sich drehenden Messingwalze Zähne eines Tonkamms an und brachten sie zum Klingen.

Bis zu zehn Melodien erklangen beim Drehen der Kurbel. Für das richtige Ambiente beim Musikgenuss sorgte ein ganz besonderes Holzkistchen. Die Musikdose aus Mitte des 19. Jahrhunderts verbarg im Innern einen kleinen Humidor.

Wer kennt Polyphon, Symphion und Kalliope?

Im Zuge der Industrialisierung entstanden immer preisgünstigere und somit für jedermann erschwingliche Geräte. Die über perforierte Pappscheiben gesteuerten Drehinstrumente Ariston und Herophon wurden zu Hunderttausenden verkauft.

Um 1890 waren die Plattenspieldosen Polyphon, Symphion und Kalliope der letzte Schrei. Immer bunter und fantasievoller wurden die Musikobjekte: Hier zwitschert ein Vogel, dort beginnt ein Buch beim Aufklappen zu musizieren.

Am Bahnhof vertrieben mechanischen Musikinstrumente mit Münzeinwurf die Wartezeit. Ihr Repertoire: Bizets Carmen und Verdis Rigoletto. Mit der Einführung der Pneumatik gelang es erstmals, selbst spielende Klaviere herzustellen. Wie die über Pedale betriebenen Phonolas und Pianolas klangen, ist bei jeder Führung im Konzertsaal zu hören.

Foto: Nicolas Joly / Office de Tourisme Les Gets (Pressefoto)

Klavierspiel von Zauberhand

Mit dem Klavierspielapparat Mignon von Bechstein-Welte konnte erstmals das Klavierspiel eines Pianisten mit allen dynamischen und agogischen Details wiedergegeben werden.

Als achtes Weltwunder wurden eine selbstspielende Geige gepriesen. In Les Gets musiziert das Phonoliszt Violina (1920) mit drei Violinen rund um eine sich drehende Achse, begleitet von ausdrucksstarkem Klavier mit 88 Tasten.

Für Gasthäuser und Tanzsäle wurden elektrische Klaviere und riesige pneumatische Orchestrien gebaut. Die um 1700 entwickelte Handdrehorgel der Straßenmusiker entwickelte sich zur klangstarken Karussell- und Tanzorgel weiter. In allen geraden Jahren erleben sie seit 1982 in Les Gets ihre Renaissance: beim Festival de la Musique Mécanique.

© Bildmotive: Pressebilder des Musée de la Musique Mécanique, F – 74260 Les Gets, www.musicmecalesgets.org

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