Explosive Literatur: Lesetipps aus Frankreich

Lesetipps aus Frankreich

Die Neuerscheinungen der letzten Monate sprechen eine deutliche Sprache. Auch in der Literatur hat der Terror seine Spuren hinterlassen. Auch in Frankreich. Ob Liebesgeschichte oder Krimi, ist sind Krieg und Gewalt, Anschläge und Terror Folie und Kulisse, die das Leben der Protagonisten prägen und verändern.

Meine Lesetipps diesmal: nicht unbedingt leichte Kost, aber dennoch sehr, sehr lesenswert. Mal spannend, mal berührend. Mal große Gefühle, mal stille Einkehr. Aber immer sehr gute Unterhaltung. Alle vorgestellten Titel findet ihr auch in den Mediatheken des Institut français Deutschland zur Ausleihe. Bonne lecture!

Jakuta Alikavazovic, Das Fortschreiten der Nacht*

Der Kreislauf der Geschichte, die Wiederholung des Grauens als Love Story? Die französische Autorin Jakuta Alikavazovic hat die Zerrissenheit der westlichen Welt eingebettet in einen Roman, der Familienchronik und Sozialgeschichte, Entwicklungsroman und Liebesgeschichte in einem berührende Roman vorstellt. Ihr Familienname verrät, dass sie dabei auf Erinnerungen und Erfahrungen ihrer eigenen Familie zurückgreifen kann: Ihre Eltern sind aus Jugoslawien nach Frankreich gekommen, und auch im Roman ist der Jugoslawienkrieg die Matrix, die Metapher der Nacht, der Dunkelheit, der die beiden Protagonisten nicht entkommen können.

Paul, eine junger Maurer der Pariser Banlieue. Und Amélia, reiche Unternehmerstochter mit jugoslawischen Wurzeln. Zu Beginn des dritten Millenniums begegnen sie sich, beide Anfang 20, in Paris. Als 2005 in der Pariser Banlieue Fahrzeuge in Flammen aufgehen, die Gewalt explodiert, und Amélia hat das Gefühl, die Vergangenheit holt sie ein. Sie verlässt Paul, lässt ihre Tochter Louise bei dem Mann zurück, den sie liebt, aber es nicht sagen kann, und reist nach Sarajewo, kehrt zurück.

30 Jahre lang umkreisen sie sich, treffen und verlassen sich. Still erobert Angst die Stadt, ihre Liebe. Eine Liebe voller Risse als Metapher für den Zustand unserer Welt. Sabine Mehnert hat die deutsche Erstausgabe übersetzt. Wer mag, kann das Buch hier* bestellen.

Edition Nautilus, Hamburg März 2019. 256 Seiten. ISBN 978-3-96054-098-4 22

Jérôme Leroy, Die Verdunkelten*

Lesetipps: Jérôme Leroy: Die Verdunkelten.

60 Jahre nach dem Ende des film noir hat der französische Autor Jérôme Leroy einen roman noir geschrieben: einen Geheimdienst-Krimi, der die Grenzen seines Genres sprengt. Durchzogen von einer sanften Melancholie, spiegeln seine beiden Protagonisten ein gesellschaftliches Phänomen: Immer mehr Menschen kehren still und leise der Gesellschaft den Rücken, steigen aus und verschwinden. Verlassen ihr altes Leben und beginnen neu. So wie Guillaume Trimbert, einst Lehrer, Linker, später Schriftsteller, und heute ermüdet. „Verdunkeln“ nennt der Geheimdienst dieses Verhalten, und versucht, dieses Phänomen zu stoppen. Damit beauftragt ist Capitaine Agnes Delvaux, Agentin und Geliebte des Colonels, ihres Vorgesetzten.

Seit 2015, nach den Terrorakten gegen „Bataclan“und „Charlie Hebdo“, hat sie sich immer tiefer ins sein Leben eingedrungen, hat seinen Briefkasten durchwühlt, seine Hemden getragen, in seiner Wochnung gelebt. Und sich schließlich über den Befehl des Colonels hinweg gesetzt, um noch tiefer einzudringen ins Trimberts Leben. Ob es daran liegt, das sie Trimberts Tochter ist? Erst auf den letzten Seiten des Buches entwirren sich die sorgsam gesetzten Spuren, die Leroy meisterhaft gelegt hat.

Und eingebettet hat in eine Bestandsaufnahme von Europe, die so aktuell wie beängstigend ist. Ein ungewöhnliches Buch, nachdenklich wie die Klänge des Fado, die man beim Lesen zu hören vermeint. Spielt der Roman doch nicht nur in Frankreich, sondern auch in Portugal, der Heimat der Saudade. Wer mag, kann von Cornelia Wend ins Deutsche übersetzte Werk hier* bestellen.

Edition Nautilus, Hamburg 2018. 224 Seiten. ISBN 978-3-96054-083-0

Christophe Ono-dit-Biot, Die griechische Freundin*

César ist Pariser, Journalist, 40 Jahre alt, Vater eines sechsjährigen Sohnes. Und seit kurzem verwitwet. Den Tod seiner geliebten Frau Paz kann er nicht verwinden. Und sucht den Freitod. Doch just nach der vierten von zehn Schlaftabletten läutet es an der Tür. Erst vorsichtig, dann immer fordernder. Umnebelt von der Wirkung der Tabletten, öffnet er. Vor ihm steht: Nana, seine Nachbarin. Eine Blondine wie aus dem Bilderbuch, Mitte 20, äußerst lebenslustig und ein wenig verrückt. Die junge Griechin hat ihren Schlüssel vergessen. Und bewahrt César vor dem Suizid.

Mit viel Bildung bei Herz und Hirn holt sie César zurück ins Leben. Kurze, knackige Kapitel erzählen davon. Und ganz nebenbei sprenkelt Christophe Ono-dit-Biot intellektuelle Aperçus ein, lässt griechische Klassiker aufblitzen, baut Platin, Plinius, Sokrates und andere alte Griechen in diesen äußerst lesenswerten Lebens-Krimi ein. Und lässt durch alle Sätze Hoffnung durchscheinen: So schlimm das eigene Leben, der Zustand Europas, die Befindlichkeit der Welt auch scheinen mag: Das Leben geht weiter, erfindet sich neu, und bleibt doch tief verwurzelt in jenem Europa, das vor mehr als 2000 Jahren seine Identität erhielt.  Wer mag, kann das Buch hier* bestellen.

Steidl GmbH & Co. OHG 2018. 240 Seiten. ISBN 978-3-95829-432-5

Vincent Almendros, Ins Schwarze*

Auch kein gewöhnlicher Krimi ist das schmale Bändchen von Vincent Almendros, der 1978 in Avignon geboren und für seinen  Roman Ein Sommer* 2015 mit den Prix Françoise Sagan erhalten hat. Diesmal stellt er einen Sommerkrimi vor, der das Motto aus Jean-Paul Sartres Roman Les Mouches (Die Fliegen) trägt. Und Fliegen sind es auch, denen das Pärchen als erstes begegnen, als sie in Saint-Fourneau eintreffen, im Haus des Onkels, der nach dem Tod des Vaters die Mutter geheiratet hat. Jetzt will eine Kusine im Heimatdorf heiraten, und Laurent reist hin, widerwillig.

Warum nur? Und warum nennt er seine Freundin Claire, die ihn begleitet, dort nur  Constance? Geschickt spinnt Almendros aus dem Ungesagten, den Zwischentönen und dem Verdrängten einen Familienthriller. Gänsehaut wie be Chabrol. Großes Kino! Wer mag, kann das Buch, das Till Bardoux meisterhaft übersetzte, hier* bestellen.

Verlag Karl Wagenbach. SALTO 2019. 120 Seiten. ISBN 978-3-8031-1339-9

* Durch den Kauf über den Referral Link kannst Du diesen Blog unterstützen und werbefrei halten. Für Dich entstehen keine Mehrkosten. Ganz herzlichen Dank – merci!

Merci für's Teilen!

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.