Coup de coeur: Lesetipps für den Herbst 6


Vom 11. bis zum 15. Oktober 2017 ist Frankreich Ehrengast der 69. Frankfurter Buchmesse. Unter der Schirmherrschaft von Staatspräsident Emmanuel Macron kehrt die Heimat von Camus und Corneille nach 1989, und damit fast 30 Jahren, wieder an den Main zurück. Francfort en français / Frankfurt auf Französisch: Passend zur Rentrée Littéraire habe ich mich bei den Mediatheken des Institut français Deutschland nach Lesetipps für diesen Herbst umgehört. Voilà ihre „coup de coeur“.


❤ L’Ajar, Vivre près des tilleuls (Flammarion 2016) ❤

empfohlen von Felicitas Wahl von der Mediathek des Institute français Mainz

Ein literarischer Sensationsfund: Ende 2013 entdeckt der Archivar Vincent König ein unveröffentlichtes Manuskript der Schweizer Autorin Esther Montandon, die in den 1950er und 60er Jahren durch ihre Romane „Piano dans le noir“ und „Bras de fer“ von sich reden machte. In „Vivre près des tilleuls“ – der Titel wurde posthum vom Herausgeber festgelegt – beschreibt die Autorin in 63 knappen, fragmentartigen Episoden den Unfalltod ihrer einzigen Tochter Louise und versucht, ihre unermessliche Trauer in Worte zu fassen.
Die kristallklare, schnörkellose Sprache, die den Leser sofort in den Bann zieht, stößt dabei oft an die Grenze des Sagbaren. Folglich finden sich in dem Manuskript vermehrt editorische Verweise auf durchgestrichene Wörter und auf fehlende oder zerrissene Seiten, ein Vorgehen, das „Vivre près des tilleuls“ besonders authentisch wirken lässt… oder ist gerade das Gegenteil der Fall?
Was, wenn hinter Esther Montandon keine 1923 geborene berühmte Autorin steckt, sondern ein vordergründig als Herausgeber fungierendes 18-köpfiges Autorenkollektiv?
In ihrem Debütroman setzt L’AJAR (Association de jeunes auteur-e-s romand-e-s) die Tradition der literarischen Fälschung und Mystifikation auf virtuose Weise fort und beleuchtet die Frage nach der Verbindung zwischen Literatur und Wirklichkeit, Original und Kopie und der Möglichkeit von Authentizität. Ein kurzer Text voller Überraschungen, der auf eine Fortsetzung der schriftstellerischen Karriere Esther Montandons hoffen lässt.

Die Seite des Institut français Mainz könnt ihr hier entdecken. Ihr sucht eine Mediathek in eurer Nähe? Dann klickt auf diesen Link: institutfrancais.de/mediathek

❤ Natacha Appanah, Tropique de la violence (Gallimard 2016)  ❤

empfohlen Marie Ladoue, Bibliothekarin des Institut français Dresden

« Je me suis demandé ce qu’il aurait pu faire ce gamin-là pour briser ses chaînes, pour contourner son chemin commencé par la violence, l’ignorance et le dégoût. Je me suis demandé, si en réalité, il n’était pas foutu d’avancer, ce garçon-là, et avec lui, tous les garçons et les filles nés comme lui, au mauvais endroit, au mauvais moment.»  S. 172

Natacha Appanah will mit ihrer Erzählung er Welt zeigen, was auf der französischen Überseeinsel Mayotte geschieht, oder genauer in einem Ghetto namens Gaza, in dem eine Gruppe Jugendlicher lebt. Die Autorin verleiht fünf fiktiven Charakteren eine Stimme – Bruce, Moïse, Marie, Olivier und Stéphane.

Fünf Stimmen, fünf Geschichten, fünf Schicksale, die sich kreuzen, die mit der Gewalt der Insel, ihrer eigenen Gewalt, und der Gewalt der anderen konfrontiert werden. Mit einer Gewalt, die ganz allmählich ihr Leben infiltriert, die allgegenwärtig wird, Sprache und Alltag.

„In einer wunderbaren und poetischen Sprache hat die Autorin einen einfühlsamen, ergreifenden und aufwühlenden Roman geschrieben. Tropique de la violence ist ein großartiges Buch, das einem mitunter den Atem stocken lässt.

Stöbert auf der Seite der Mediathek des Institut Français Dresden. Oder findet eine Mediathek in eurer Nähe durch den Klick auf diesen Link: institutfrancais.de/mediathek

❤ Joël Dicker, La Vérité sur l’affaire Harry Quebert (Fallois 2012) ❤

empfohlen on Lucile Wartel, Bibliothekarin des Institut français Hambourg

Lesetipp für den Herbst: Die Wahrheit über den Fall Harry Québert im frz. Original!Dieser Roman nimmt euch mit in die Vereinigten Staaten, wo eine spannende Untersuchung anhängig ist. Es ist ein gutes Buch, um in Gedanken dem Alltag zu entfliehen, sich auf das Spiel einzulassen und ganz und gar in den Lesegenuss einzutauchen, meint Lucie.

Denn genau das schafft der 2012 erschienene Roman von Joël Dicker: Dem Auto gelingt es, die Spannung durch den gesamten Roman aufrecht zu halten, ohne dass der Leser jemals an der Auflösung des Falles zweifelt oder sich während der Lektüre langweilt.

„Dieses Buch ist das ideale Geschenk für alle Leseratten; andere versöhnt es wieder mit der Literatur. Die Sprache ist recht einfach, und die Handlung lässt euch als Leser rasch die vielen Seiten vergessen. Ein Buch, dass euch außer Atem bringen wird und die Zeit vergessen lässt!“

Für seinen Roman erhielt der frankophone Schweizer aus Genf neben dem Prix Goncourt des Lycéens weitere Literaturpreise. Bereits ein Jahr nach Erscheinen wurde der Roman 2013 von Carina von Enzenberg ins Deutsche übersetzt und mit dem Titel Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert vom Piper Verlag veröffentlicht.

Die Mediathek des Institut Français Hamburg könnt ihr hier entdecken. Oder findet eine Mediathek in eurer Nähe durch den Klick auf diesen Link: institutfrancais.de/mediathek

❤ Michèle Kahn, La clandestine du voyage de Bougainville (Le Passage, 2014❤

Der Lesetipp von Stéphanie Roure, Bibliothekarin des Centre Culturel Français Freiburg

Das Werk erzählt die faszinierende Geschichte einer realen Frau des 18. Jahrhunderts, Jeanne Barret (1740 – 1807). Sie nannte sich Jean Baret und verkleidete sich einst als Mann, um an der Expedition des Comte Louis-Antoine de Bougainville teilnehmen zu können. Am 1. Februar 1767 verließ sie an Bord des königlichen Seglers „L’Étoile“ den Hafen von Rochefort im Département Charente-Maritime.

Die Weltreise zur See erlaubte es Jeanne, dank ihres neuen Aussehens, fremde Gebiete, Völker, Pflanzen und Tiere kennenzulernen.

Der Bericht verbindet nicht nur Reisen und Abenteuer, sondern zeichnet auch das Porträt einer engagierten Frau, die, mutig und neugierig, aus Liebe alle Risiken auf sich nimmt. Denn an Bord war auch der Mann, den sie liebt: Philibert Commerson. Geschickt fädelte das verkleidete Landmädchen ihre Stellung an Bord ein: Sie wurde Diener des renommierten Botanikers.

Die Weltreise von Jeanne Barret hat schon vor Michèle Kahn die Dichter inspiriert. Bereits 1982 griff Fanny Deschamps (1920 – 2000) in ihrem Bestseller „La Bougainville“ in zwei Bänden das Sujet auf. 2009 folgte Jean-Jacques Antier (*1928) mit La prisonnière des mers du sud.

Die Mediathek des Centre Culturel Français Freiburg könnt ihr hier entdecken. Oder findet eine Mediathek in eurer Nähe durch den Klick auf diesen Link: institutfrancais.de/mediathek

❤ Olivier Bourdeaut, En attendant Bojangles (Finitude, 2016) ❤

Der Lesetipp von Camille Fresnais und Michele Hoffmann von der Mediathek des Institut français München

Entzückt schaut der Sohn zu, wie seine Eltern zu „Mr. Bojangles“ von Nina Simone tanzen. Das Leben dieser Familie ist eine ewige Feier, in dem es nur Platz für Fantasie, Freude und Freunde gibt.Die extravagante und wunderliche Mutter führt den Tanz und stürzt die ganze Familie in einen Wirbel aus Liebe, Poesie und Wahnsinn… Bis zu dem Tag, an dem sie zu weit geht und in der Psychiatrie landet. Vater und Sohn werden nun alles tun, um sie zu beschützen, das Schlimmste zu verhindern und dafür zu sorgen, dass die Party immer weiter geht.

Olivier Bourdeaut hat hier einen fabelhaften ersten Roman geschrieben. Die poesievolle Schrift erinnert uns an die Werke von Boris Vian. Die Charaktere und die Geschichte lassen sich als Andeutung auf das Ehepaar Scott und Zelda Fitzgerald und ihren exzentrischen Lebensstil sehen. Allerdings entwickelt Olivier Bourdeaut in diesem Roman seinen eigenen Stil, humorvoll und leichtfüßig aber auch melancholisch und traurig, um uns eine zauberhafte Liebesgeschichte über l’amour fou zu erzählen.

Auch dieses Werk gibt es inzwischen auf Deutsch. Norma Cassau hatte Warten auf Bojangles für den Piper Verlag übersetzt, wo der Roman im Frühjahr 2017 erschien.

Die Mediathek des Institut Français München hier entdecken. Oder findet eine Mediathek in eurer Nähe durch den Klick auf diesen Link:
institutfrancais.de/mediathek

Die Mediatheken des Institut français Deutschland

Das Institut Français (IF) ist das staatliche Kulturinstitut Frankreichs und ähnelt in Aufgaben und Struktur dem deutschen Goethe-Institut. Aufgabe ist die Förderung von Sprache und Kultur Frankreichs. Die mehr 20 Mediatheken des Institut français Deutschland und der Centres Franco-Allemand sind eine Fundgrube für alle, die gerne lesen, französische Musik hören oder französische Filme lieben. Ihr findet dort mehr als 200.000 Dokumente, mit denen ihr Französisch lernen, euch informieren und Frankreich in seiner Vielfalt und Kultur entdecken und kennenlernen könnt.

Bei den Sprachkursen des IF Deutschland könnt ihr eure Französischkenntnisse verbessern und testen lassen, etwa mit dem DALF/DELF-Programm. Lesungen, Konzerte, Ausstellungen und Vorträge mit interessanten Menschen aus Politik, Wirtschaft und Kultur runden das Angebot ab. Ihr sprecht noch keine Französisch? Keine Angst: Im IF verstehen die meisten Mitarbeiter auch Deutsch und beraten euch gerne!

Mehr Infos: https://institutfrancais.de/mediathek


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6 Gedanken zu “Coup de coeur: Lesetipps für den Herbst

  • vogesenchalet

    Wenn man einen ebook reader hat, oder ein Android Tablet mit der entsprechenden APP aus dem Play Store kann man von

    https://www.ebooksgratuits.com/

    eine unerschöpfliche Vielfalt von französisch sprachigen Ebooks kostenlos herunterladen. Es gibt alle Genres. Die Seite wird von Freiwilligen gemacht.

    Hinter manche Lese-APP kann man sogar ein Lexikon hinterlegen, sodass wenn man einmal ein Wort nicht weiß nur darauf tippen muss und das Lexikon öffnet sich dann.

    Eine tolle Sache und alles ist kostenlos.

  • Silke Langehans

    Ich würde so gerne mal ein französisches Buch lesen, aber traue mich nicht so richtig ran.. Hätten Sie einen Tipp für Einsteiger wie mich? Dürfte auch etwas Klassisches sein. Ich liebe Zola, Balsac, … aber eben immer nur auf Deutsch.