Lesetipps: ein mörderisches Frühjahr

Lesetipps

Neues Frühjahr, neuer Titel: Diese Maxime gilt besonders für Autoren und Autorinnen von Regionalkrimis, die dazu oft vertraglich verpflichtet sind.

So dominieren bei den Neuerscheinungen von April bis Juni Mord und Totschlag auf den Büchertischen. Voilà eine kleine Auswahl. Bonne lecture ! 

Hochspannung

Liliane Fontaine: Die Richteirn und das Ritual des TodesLiliane Fontaine, Die Richterin und das Ritual des Todes*

Die gebürtige Saarbrückerin Liliane Fontaine hat im Studium gelernt, verborgene Dinge zu entdecken. Und so überraschen ihre Regionalkrimis aus dem Gard auch stets mit Fakten, Tabus und Traditionen, die eher unbekannt sind. Nach burking und Lichttemplern geht es in Band vier ihrer erfolgreichen Krimireihe mit der Untersuchungsrichterin Mathilde de Boncourt um die bizutage.

Unter bizutage versteht man in Frankreich und der Frankophonie Initiationsriten an Gymnasien und Hochschulen, die besonders an Eliteschulen vorkommen. Obgleich seit 1920 verboten und auf Druck von Ségolène Royal 1998 als Straftatbestand aufgenommen, werden sie bis heute praktiziert – und überschreiten nichts selten die Grenzen zu Misshandlung, Demütigung, sexuellen Übergriffen oder selbst zur Schutzgelderpressung.

352 Seiten lang führt Liliane Fontaine immer tiefer hinein ins Geflecht, gibt keine Hinweise auf Hintergründe und Täter. Und sorgt so für ein fulminantes wie überraschendes Finale. Ein spannender Lesespaß zu einem Thema, das in Frankreich tabu ist. Einziger Wermutstropfen ist das Cover. Warum wurde es bewusst so abgegriffen gestaltet? Wer mag, kann den Krimi hier* online bestellen.

Sophie Bonnet: Provenzalischer SturmSophie Bonnet, Provenzalischer Sturm*

Der nunmehr achte Band der Krimireihe der Hamburgerin Heike, die unter ihrem Pseudonym Sophie Bonnet erfolgreich Südfrankreichkrimis schreibt, entführt euch diesmal ins Weinbaugebiet Châteauneuf-du-Pape. Mit dem Wechsel der Location ist auch ein Wechsel im Erzählen verbunden. In diesem Band nimmt das Privatleben von Commissaire Pierre Durand mehr Raum ein als in den bisherigen Bänden.

Und stärker als zuvor ist der Dorfpolizist aus  Sainte-Valérie persönlich betroffen. Denn Pierre will seiner Charlotte bei einem romantischen Wochenende einen Heiratsantrag machen. Doch kaum angekommen, überschlagen sich die Ereignisse. Ein Winzer und ein Immobilienmakler sind innerhalb weniger Tage im Dorf rätselhaft zu Tode gekommen, und im Hotel dreht eine Filmcrew. Als die gebuchte Köchin ihre Teilnahme an der Kochshow kurzfristig absagt, springt Charlotte spontan ein – und wird Opfer eines gezielt herbeigeführten Kurzschlusses. Durand ermittelt – und gerät tief in den Sumpf rund um den Verkauf eines Weingutes, während Vater und Schwiegervater im Hotel eintreffen und für zusätzlichen Stress sorgen.

Eine nette Urlaubslektüre mit viel Frankreich-Flair und Wissenswertem zum Wein – vielleicht nur zu 60 Prozent ein klassischer Krimi, aber dennoch sehr unterhaltsam und lesenswert. Wer mag, kann den achten Fall für Pierre Durand hier* online bestellen.

Gabriela Kasperski, Bretonisch mit AussichtGabriela Kasperski, Bretonisch mit Aussicht*

Auf der wilden bretonischen Halbinsel Crozon lässt Gabriela Kasperski ihren zweiten Band der Krimireihe um Hobbyermittlerin Tereza Berger spielen, die im Hauptberuf  Inhaberin eines deutsch-englischen Buchladens namens Déjàlu in Camaret-sur-Mer ist. In dem Badeort  laufen die Vorbereitungen für eine Feier zu Ehren des 95-jährigen ehemaligen Marineadmirals Bernard Sonnett. Doch genau diese lokale Berühmtheit findet Tereza zufällig am Strand. Auch ist Schwester Nominoë plötzlich wie vom Erdboden verschluckt – und ist die TV-Crew, die ein Chorevent aufzeichnen wollte, mit einer Fischsuppe vergiftet worden, die Tereza gekocht hatte. So gehört die Hobbyermittlerin nun selbst zum Kreis der Verdächtigen.

Die Ereignisse überschlagen sind, es geht hin und her, und es tummeln sich so viele Figuren auf den gut 280 Seiten, dass man lesend spürt, wie sehr der gesamte Ort in Aufregung geraten ist. Mit lockerer, lebendiger Sprache, hier und da mit einigen französischen Worten  durchsetzt, erzählt Kasperski ihren Krimi.

Sie bettet dabei Sagen und Mythen ein, die – wie bereits im ersten Band, Bretonisch mit Meerblick* –  für eine geheimnisvolle Stimmung sorgen. Ein unterhaltsamer Krimi, flott erzählt, der auf Handlung und viele Figuren statt Tiefe und Psychologie setzt. Und mit dem Rezept der Fischsuppe endet, die Tereza zur Verdächtigen machte: Godaille bretonne von Murielle Rousseau. Wer mag, kann den Bretagne-Krimi hier* online bestellen.

Suzanne Crayon, Geheimnisse Elsässer ArtSuzanne Crayon, Geheimnisse Elsässer Art*

Das deutsche Autorenduo kennt das Elsass seit mehr als drei Jahrzehnten. Unter dem Pseudonym Suzanne Crayon veröffentlicht das Duo leichte Krimis mit viel regionalem Flair. Geheimnisse Elsässer Art* heißt ihr zweiter Band der Reihe mit Ex-Commissaire Jean Paul Rapp, der am 22. April 2021 erschienen ist.

Am Ufer der Lauch wird eines Tages Alain Kieffer, Direktor des Stadtmuseums von Rouffach, in der Abenddämmerung erschlagen. Das Mordopfer war nicht nur ein engagierter Museumsmann, sondern liebte auch die Frauen. War Kieffer wirklich so ein Charmeur, der rasch entflammte, Affären liebte und die Männer der Freundinnen düpierte, wie Gerüchte behaupteten? Geschah der Mord aus Rache?

Neben kleinen intimen Geheimnissen entdeckt Rapp auch höchst brisante Spuren, die für Zündstoff im Elsass sorgen. Was verbindet Kieffer mit einem korrupten Journalisten? Und wie hat jener bei den fragwürdigen Wassergeschäften der EDF die Hand mit im Spiel? Ein spannender Krimi zu einem aktuellen Thema. Besonders Hundefreunden wird er gefallen! Wer mag, kann den Elsass-Krimi hier* online bestellen.

Mensch & Macht

Mathieu Sapin, Comedie Française

Mathieu Sapin, Comédie Française – Reisen ins Vorzimmer der Macht*

Mathieu Sapin, 1974 in Dijon geboren, gehört zu den bekanntesten Vertretern der graphic novel in Frankreich. Er studierte in Straßburg Illustration, wurde mit der Comicreportage Le Château* über François Hollande landesweit bekannt und verbrachte fünf Jahre an der Seite von Gérard Depardieu, Star seiner dritten graphic novel Gérard. Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu*.

Diesen Comic las Macron, als er nach einem TV-Duell 2017 im Studio von France 2 Monsieur Sapin begegnete. Der Comiczeichner kehrte wieder in den Élysée-Palast zurück, erlebte den Präsidenten hautnah, begleitete ihn im November 2018 beim Besuch der Grenzregion Grand Est und ein Jahr später bei der Reise in die französischen Überseegebiete Mayotte und La Réunion.

Herausgekommen ist eine 168 Seite dicke, unterhaltsame Comic-Doku, die Einblicke in den Macht- und Privatmenschen Emmanuel Macron gewährt. Silv Bannenberg übersetzte die bande dessinée aus dem Französischen. Im Mai 2021 ist sie im Reprodukt Verlag Berlin erschienen. Wer mag, kann sie hier* online bestellen.

Zwischenmenschlich

Karine Tuile, Menschliche Dinge*

Karine Tuil, Menschliche Dinge

Ein Junge aus gutem Hause nimmt die Tochter des Lebenspartners seiner Mutter mit auf eine Party. Der Junge, streng erzogen und auf Leistung getrimmt, feiert oft und ausgiebig mit seinen Freunden. Seine Begleitung ist eine eher schüchterne und zurückgezogene Jüdin seines Alters. Er animiert sie, Alkohol zu trinken und Hasch zu rauchen. Um sich die Droge zu holen, gehen sie nach draußen. In einem Mülleimerunterstand nimmt das Schicksal seinen Lauf. War es Vergewaltigung? Oder einvernehmlicher Sex, bei dem das junge Mädchen schwanger wurde?

Mit ruhiger, klarer Sprache entwickelt Karine Tuile das Geschehen und lässt sich Zeit, die unterschiedliche Sozialisierung der beiden Hauptfiguren darzustellen. Ihr Werk ähnelt mitunter einem akribischen Bericht, und entfesselt zugleich einen Sog, weiterzulesen in diesem Rechercheroman zur #MeToo-Debatte.

Inspirieren ließ sich Karine Tuil von einem Fall aus Stanford. An der US-amerikanischen Elite-Universität war der Täter mit einem überraschend milden Urteil davon gekommen.  Im Roman erhält Alexandre als Urteil für seine Tat fünf Jahre auf Bewährung. Bis zur Urteilsverkündung ist Alexandre in Haft. Und ist auch dann noch davon überzeugt, dass der Geschlechtsakt einvernehmlich geschehen war. Bis zum Ende stehen sich zwei Wahrnehmungswelten unversöhnlich gegenüber.

Wer mag, kann den Roman auf Deutsch hier* online bestellen. Die französische Originalfassung Les Choses Humaines gibt es hier*.

Elli Sand, Creme BruleeElli Sand, Crème Brûlée*

Historie, Lokalkolorit und Gegenwart verbindet der zweite Roman von Elli Sand. Es ist nach Bolero Mortale mit Pastis* das zweite Werk einer deutschen Autorin, die unter Pseudonym schreibt.

Der Inhalt ist rasch erzählt: Die junge Joëlle ist vor der Franco-Diktatur über die Pyrenäen nach Südfrankreich geflohen, wo sie der Weinguterbe Victor umwirbt und verführt. Joëlle glaubt an eine gemeinsame Zukunft, erst recht, als sie schwanger wird. Doch Victor heiratet eine gute Partie und gehorcht der Tradition.

Joëlle verliert ihr Kind, baut sich in England ein neues Leben auf, geht eine neue Beziehung ein – und verliert diesen Mann in Südafrika. Beim Heimatbesuch in Südfrankreich trifft sie auf ihre große Liebe. Hasst sie ihn noch wegen damals?

Ein Hochwasser macht das Entrinnen unmöglich. Joëlle muss sich der Situation und ihren Gefühlen stellen. Mit Crème Brûlée* hat Elli Sand einen Sommer-Roman geschrieben. Seicht und sanft, berührend und fesselnd: Strandlektüre! Wer mag, kann den Frauen-Roman aus dem Languedoc Crème Brûlée* online bestellen.

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4 Kommentare

  1. Einen tollen Roman, der in der Zeit der deutschen Besetzung 1940 in Paris spielt, hat Chris Lloyd geschrieben: “Die Toten vom Gare D’Austerlitz”, erschienen bei Suhrkamp. Das ist wirklich ein Pageturner. Wer die “Hamburg”-Trilogie von Cay Rademacher mag (und ich höre unbedingt zu diesem Personenkreis), der weiß auch diesen Krimi zu schätzen.

  2. Das sind ja tolle Buchempfehlungen. Mein Mann liest gern Frankreich-Krimis. Vor allem, wenn wir schon einmal in der Gegend waren.
    Ich habe mich erstmals an einen Unterhaltungsroman gewagt, der am 8.3.2021 herausgekommen ist und der ebenfalls in Frankreich spielt. Mein erstes Buch und es spielt in Uzès am Pont du Gard. Die Stadt ist meine Lieblingsstadt und ich fühle mich immer wie Zuhause.
    Die obigen Bücher werde ich meinem Mann mal vorschlagen. Vielleicht ist etwas für ihn dabei.
    Viele Grüße
    Gudrun Lochte

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