Leuchttürme: Kathedralen der Küste

Leuchttürme: Der Phare Minou in der Bretagne. Foto: Hilke Maunder
Der Phare Minou in der Bretagne. Foto: Hilke Maunder

Finistère – das „Ende der Welt“ lässt träumen. Dort, im äußersten Westen der Bretagne, ist die Küste so ursprünglich, das Meer so wild wie nirgendwo sonst.

Bis zu 16 Stundenkilometer schnell zwängen sich Meeresströmungen im Finistère an Inseln vorbei, branden gegen Felsen, nagen Höhlen und Grotten in den harten Granit und sprühen als feine Gischt meterhoch die Klippen hinauf.

Geranien geschmückte Häuser aus grauem Granit und weiß verputzte Katen ducken sich unter dem hohen Himmel, ein steter Westwind weht über Land und Meer.

Hölle oder Paradies?

Trutzige Leuchttürme setzen Signale der Sicherheit. „Hölle“ werden die Leuchtfeuer im Meer genannt, als „Paradiese“ gelten die Signalfeuer an Land. Für die Kelten war an der Pointe du Raz die Welt zu Ende. 72 Meter hoch ragt die Felsspitze im äußersten Westen Frankreichs in den stürmischen Atlantik hinein, hartnäckig klammern sich Ginster, Heide und Gräser an den Granit.

Schwindelfrei und sturmerprobt, wagen sich einige Wanderer auf einem Felspfad bis zur äußersten Spitze des Kaps vor. Danach leiten einzig einige Felsen im Meer bis zur Île de Sein, der „Pforte zur Unterwelt“. Mit Barken schickten die alten Kelten einst ihre verstorbenen Druiden hinüber zu ihrer Toteninsel.

Frankreichs berühmtester Leuchtturm

Fünf Seemeilen westlich warnt der berühmteste Leuchtturm Frankreichs vor den unter dem Meeresspiegel versteckten Felsen der Chaussée de Sein: der Phare d’Ar’men. Es dauerte 14 Jahre, bis 1867 das schwarz-weiße Leuchtfeuer vollendet war, auf einer Plattform, die bei Ebbe nur anderthalb Meter aus den Fluten ragt.

Wie viele Winter hält er noch durch, ist heute die bange Frage. Im Mittelalter entzündeten Mönche offene Feuer, um die einfachen Holzboote durch die schroffen Klippen, Riffs und Untiefen der bretonischen Küste zu führen.

Welthöchstes Leuchtfeuer

Im Laufe der Jahrhunderte entstand daraus ein Kranz aus 111 technischen Wunderwerken, die so manche Überraschung bieten – nicht nur von außen wie beim Phare de la Coubre, den ein kleiner, knallroter Balkon schmückt.

Erstaunlicher ist oft das Interieur der Leuchtfeuer. Besonders im Phare de Cordouan an der Gironde-Mündung von Nouvelle-Aquitaine. Er birgt eine kleine Kappelle – und hofft auf Anerkennung als Welterbe.

Doch zurück zur Bretagne. Dort ist im Grand Phare de la Île de Vierge das Treppenhaus mit 12.500 Opalglasplatten verkleidet. 400 Stufen lang windet sich eine Wendeltreppe den weltweit höchsten aus Stein erbauten Leuchtturm empor. Die tonnenschwere Kuppel des 82,5 Meter hohen Leuchtfeuers ruht auf einer Quecksilberschicht – und ist dadurch leichtgängig wie ein Kreisel.

Am kleinen Leuchtturm angebracht: die Sammelbox für die Seenotrettung. Foto: Hilke Maunder

Architekturträume

Im Phare d’Eckmühl an der Pointe de Penmarc’h windet sich eine Wendeltreppe vorbei an Opalwänden 307 Stufen hinauf zur Panoramaplattform mit fantastischem Fernblick. Seinen ungewöhnlichen Namen erhielt der Leuchtturm von Louis Nicolas Davout, dessen Büste im holzgetäfelten Turmzimmer steht und verrät: Der General Napoleons hatte 1809 im bayrischen Eckmühl in einer Schlacht gegen die Österreicher gesiegt – und als Dank die Titel „Fürst von Eckmühl“ und „Marschall des Kaiserreiches“ erhalten.

Weitere sehenswerte Leuchttürme

Die Bretagne liebt solche Superlative. Der Phare du Stiff ist der älteste Leuchtturm der Bretagne und wurde bereits 1685 unter Leitung von Vauban auf der Île d’Ouessant erbaut, der Phare de Kéréon als letzter 1907 mitten im Meer errichtet, der Phare de St-Mathieu hingegen inmitten einer alten Abtei.

Der Leuchtturm von Kermovan gilt als schönster des Landes. Der Phare de Créach gehört mit 120 Kilometer Reichweite zu den stärksten Leuchtfeuern der Welt. In seinem alten Generatorenhaus illustriert das Musée des Phares et des Balises die Geschichte und Gegenwart der bretonischen Seezeichen und Leuchttürme, die heute alle vollautomatisiert sind.

Früher loderten offene Feuer in den Leuchttürmen, lese ich dort. Und mir wird reichlich mulmig, wenn ich mir vorstelle, wie kräftig der Wind in der Bretagne weht. Leuchtturmwärter zu sein, war damals nicht nur von der See her gefährlich, sondern wohl auch im eigenen Turm…

Für mehr Sicherheit – und stärkere Erleuchtung – sorgte der französische Physiker Augustin Fresnel. Er erfand die nach ihm benannte Linse mit verschiedenen Prismen. Bis heute weist sie den Seefahrern den Weg.

Abschied vom Turm

Der letzte Leuchtturmwärter Frankreichs hat 2005 seinen Posten im Phare de Jument geräumt – kurz nach Abschluss der Dreharbeiten zu L’Équipier (Die Frau des Leuchtturmwärters) von Philippe Lioret. Die berührende Dreiecksgeschichte mit Sandrine Bonnaire und Philippe Torreton in den Hauptrollen ist zugleich eine Hommage an das Eremitendasein eines vergangenen Berufs – und eine poetische Liebeserklärung an die Bretagne und ihre wilde Küste im Finistère. Wer mag, kann den Film hier* online bestellen.

Mein Tipp: Die Route des Phares et Balises

An der sturmumtosten Westküste der Bretagne konzentrieren sich die meisten Schifffahrtssignale Frankreichs: Leuchttürme, Seefeuer, Radarstationen und Hunderte Bojen. Viele von ihnen könnt ihr entlang der markierten Themenstraße entdecken, die in Brest beginnt.
• http://phares.du.monde.free.fr/lum20/phare/page26.html

Der Leuchtturm von Erquy. Copyright: CRT Bretagne, Foto: Yoann SEGALEN (Pressebild)

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