Lille & Umland: unterwegs in Hauts-de-France

Die Maison du Marais. Im Marais Audamarois. Foto: Pressebild Carl/Office de Tourisme de la Région de Saint-Omer
Die Maison du Marais. Im Marais Audamarois. Foto: Pressebild Carl/Office de Tourisme de la Région de Saint-Omer

Eben noch im Job, jetzt schon in Lille: Die Hauptstadt der Region Hauts-de-France liegt im Herzen Europas, nur eine Stunde von Paris entfernt, und genau auf meiner Pendelstrecke: 700 km südwestlich von Hamburg – und 1100 km nördlich von Saint-Paul-de-Fenouillet.

Das Auto könnt ihr getrost daheim lassen: In Lille flaniert man, radelt, oder nutzt Metro, Tram und Bus. Und trifft sich auf der Grand‘ Place, wo sich Pariser Haussmann-Flair mit flandrischem Erbe mixt. Unter den Arkaden der Vieille Bourse, dem schönsten Bau der flämischen Renaissance, verkaufen Antiquare dicke Wälzer, alte Illustrierte und Comics. Schachspieler überlegen sich den nächsten Zug, abends wird zum Plätschern des Brunnens Tango getanzt.

Lille: die Perle Nordfrankreichs

Vorbei an edlen Boutiquen und der Confiserie Meert, von der sich Staatspräsident Charles de Gaulle einst die geliebten Waffeln aus seiner Heimatstadt schicken ließ, bummle ich und lasse mich treiben, mitten ins alte Lille. In der Rue de la Monnaie entführt das ehemalige Armenhospiz Comtesse ins Mittelalter, im Palais des Beaux-Arts sind Van Dyck, Donatello, Goya, Rodin und viele mehr versammelt.

Der grüne Ring

Weiter gen Westen errichtete Vauban 1667-1673 die „Königin der Zitadellen“ – das Backstein-Bollwerk bildet heute mit Zoo und Naturgarten den grünen Stern der City. Am Ufer der Lys erstreckt sich die Prés du Hem mit Barfußpfad und Badesee.

Im Herzen der Parkes an der Deûle findet ihr Mosaïc. Seine zehn Themengärten laden ein, die Kulturen all jener Menschen zu entdecken, die in der Metropolregion Lille leben. Auf 33 Hektar zeigt die als Jardin Remarquable ausgezeichnete Grünanlage ihre Welt im Kleinen – mit Pflanzen, Kunst und Tieren aus der Heimat der Migranten. Konzerte und Kunstkurse, Tanz und Unterhaltung für die ganze Familie beleben den grünen Mikrokosmos der Kulturen.

Zukunftsweisende Türme

Östlich der Innenstadt haben Architekten aus aller Welt mit Glas und Stahl Euralille geschaffen, das Lille des 21. Jahrhunderts mit der 120 m hohen Tour de Lille von Christian de Portzamparc und der Tour Lilleurope – 550 Stufen auf 25 Etagen müsst ihr beim Tower Run dort rennend erklimmen, ehe ihr euch beim Traumblick auf die Stadt und ihr Umland verschnaufen könnt. An die beiden Türme docken die Bahnhöfe Lille Flandres und Lille Europe an

Sonntagsvergnügen

Bin ich sonntags in Lille, zieht es mich zum Wochenmarkt von Wazemmes oder zum alten Güterbahnhof von Saint-Sauveur, als Veranstaltungsareal revitalisiert wurde – setzt euch auf die Terrasse des Bistrots, um einen Café zu trinken, zu schlemmen, die Augen wandern zu lassen und die Atmosphäre aufzunehmen.

Kultur in alten Fabriken

Das Tripostal, vormals ein Postamt, fungiert heute als Ausstellungsort. Abends locken die Maisons Folies, zwölf historische Gebäuden, die Lille für das Kulturhauptstadtjahr 2014 in multifunktionale Kultureinrichtungen verwandelte. Besonders spektakulär gelang Lars Spuybroek und François Andrieux die Umnutzung der Leinenspinnerei Leclercq in Wazemmes.

Kunst statt Kohle

Nordfrankreichs Bassin Minier, einst größtes Bergbaurevier des Hexagons, hat in den letzten Jahren ebenfalls einen beeindruckenden Strukturwandel hingelegt und gehört ist heute nicht nur zum Welterbe, sondern gehört europaweit zu den Hotspot für Kunst und Kultur. Ausgelöst wurde der Wandel durch den Louvre Lens: Vor den Toren von Lens setzte das japanische Architekturbüro SANAA ihn als lichtdurchfluteten Kubus für Kunst auf eine alte Kohlengrube.

Louvre Lens: Flaggschiff des Aufbruchs

Glasflächen lassen die Grenzen von Innen und Außen verschwinden: Kunst im Dialog – mit der Umwelt, den Zivilisationen, der Zeit. Antike, Mittelalter, Neuzeit: drei große Epochen, 205 Meisterwerke – locker komponiert, spannungsreich inszeniert in der Galerie du Temps. Ein 120 m langer Zeitstrahl vom Beginn der Schrift um 3.500 v. Christus bis zur Mitte des 19. Jahrhundert macht dort Techniken und Kulturen vergleichbar und erlebbar.

Und erfindet sich dabei sich immer wieder neu : Denn ein Fünftel der Werke aus dem Pariser Louvre rotieren – so locken jedes Jahr neue Entdeckungen! Restauriert werden sie im Untergeschoss, wo ihr den Konservatoren bei der Arbeit zuschauen könnt. Der Pavillon de Verre verlängert den chronologischen Parcours der Galerie du Temps mit Wechselausstellungen, die sich alljährlich einem neuen Thema widmen.

Musik und Theater auf alten Zechen

Louvre Lens hat mit seiner Strahlkraft längst das Umland erfasst: Autour du Louvre Lens, kurz ALL, macht online Appetit auf all die Dinge, die es im Umkreis von 30 Kilometern zu entdecken gib – Belfriede und Brasserien, Sterneköche und Taubenzüchter, Weltkriegsstätten und Kohlebergwerke.

Auf dem Gelände der Grube Delloye, wo bis 1971 täglich tausend Kumpels 1000 Tonnen Steinkohle förderten, hat sich zum größten Bergbaumuseum Frankreichs ein Energie-Kulturzentrum gesellt, das den Dialog über vergangene, heutige und künftige Energien anregen will. Die Zeche 11/19 von Loos-en-Gohelle hat sich mit der Fabrique Théâtrale zur Culture Commune, zum Kulturzentrum für Kreative jeder Couleur gewandelt, und auf der Schachtanlage von Oignies musizieren Bands auf der Métaphone-Bühne.

Wedeln auf der Halde

In Rieulay begann bereits vor 20 Jahren die Renaturierung der ehemaligen Berghalde. Heute kann man dort beim Spaziergang, Angeln, Segeln, Reiten oder Radfahren der Natur wieder ganz nahe sein. In Noeux-les-Mines entstand zeitgleich Frankreichs tiefstgelegende Skistation – Loisinord, im Winter ein Wedelparadies mit 320 m langer Piste von einer 74 m hohen Halde, im Sommer Treff der Wasserski-Fans, die über einen künstlichen See sausen.

Patrick Bouchain ging in Calais völlig neue Wege. Bei der Revitalisierung des Schlachthofs als Channel, als Kulturzentrum und Bühne des Staatstheaters ,waren alle, Nachbarn und Nutzer, nicht nur von Anfang an mit eingebunden, sondern packten auch mit an: Kreativ und nachhaltig gemeinsam Zukunft gestalten ist in Nordfrankreich nicht Vision, sondern Wirklichkeit.

Kreative Industriekultur

Roubaix war um 1900 das „Manchester“ Nordfrankreichs und Zentrum der Kammgarnspinnerei. Als Weltkriege und Billigkonkurrenz aus Fernost für Einbrüche sorgten, wagte die Textilhochburg einen tiefgreifenden Strukturwandel. Altes neu nutzen, Neues frisch wagen war dabei das Motto. In La Manufacture wird die Tradition der Textilherstellung bewahrt; ein ehemaliges Wolllager verwandelte sich in La Condition Publique – ein Kulturzentrum für Theater, Kunst und Fotografie. Und in L’Usine, einst Fabrik, zog Europas erstes Outletzentrum mit 200 Marken in 85 Boutiquen ein.

Mode von jungen Designern

In den Maisons de Mode kreieren 30 junge Modemacher den Look von Morgen – Orlane Herbin mit rockiger Brautmode, Julie Meuriss mit strukturstarken Taschen, Clivia Nobili mit geometrischer Mode voller Harmonie. Die neuen Kollektionen von mehr als 100 Designers könnt ihr zwei Mal im Jahr – im Mai und Dezember – beim Marché des Modes sehen und kaufen. Echte Schnäppchen erwarten euch bei den Nuit des Soldes. Oder mischt euch unter die 17.000 Fashionistas, die bei den 48 Heures Maisons de Mode die großen Schauen auf keinen Fall verpassen wollen.

Kunst im Schwimmbad

Seine Kunst- und Industriekultur des 19. und 20. Jahrhunderts präsentiert Roubaix im wohl schönsten Art-Déco-Bad Frankreichs als „Rundgang der fünf Sinne“. In den einstigen Duschkabinen locken Papierkunst und Textiles, am Beckenrand spiegeln sich Skulpturen von Auguste Rodin, Camille Claudel und François Pompon in flachen Fluten, und Strahler beleuchten alte Mosaike: La Piscine – wie der Louvre-Lens ein Gesamtkunstwerk für alle Sinne.

Marais Audomarois: das grüne Labyrinth

Kopfweiden säumen verschlungene Kanäle: Die 3.700 ha großen Audomarois-Sümpfe, von der UNESCO als Biosphärenreservat anerkannt, sind Nordfrankreichs Antwort auf den Spreewald. Das grüne Labyrinth lässt sich am besten per Boot entdecken –  geführte Touren und Leihboote gibt es Saint-Martin-lèz-Tadinghem, Saint-Omer, Salperwick und Clairmarais, wo die Gemüsebauern ihre frische Ware vom Boot aus am Kai verkaufen.

Nordfrankreichs Spreewald

Wie seit Jahrhunderten im Moorland Blumenkohl, Artischocken, Chicorée, Kresse, Sellerie und Kartoffeln angebaut werden, und welche 300 Pflanzen- und 210 Vogelarten hier ihre Heimat haben, verrät bei Saint-Omer die Maison du Marais mit Ausstellungen, Workshops und Führungen. Das Herz des Marais schützt seit 2008 das Nationalreservat Étangs du Romelaëre, das die Grange Nature von Clairmarais kostenlos vorstellt. Taucht danach auf dem 5.5 km langen Rundweg „La Cuvette“ tiefer in die amphibische Landschaft ein!

Fünf Kilometer außerhalb von Saint-Omer erhebt sich eine riesige Betonkuppel aus dem Grün: La Coupole, 1943/44 von der Wehrmacht als Abschussrampe für V2-Raketen auf London erbaut. Heute erinnert La Coupole als Zentrum für Geschichte und Erinnerung und Mahnmal der Deportierten mit zwei Dauerausstellungen an die deutsche Besetzung Nordfrankreichs. Hautnah erleben könnt ihr auch die Vorläufer heutiger Raketen, die längst das All erobert haben – im „Planetarium“, dem 3D-Kino des Museums.

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