Nackt: Haute Couture aus Honig

Es gibt Autoren, bei denen ich nach der Lektüre immer nur denke: wow. Was für eine Sprache! Welch eine Beobachtungsgabe. Welche Fabulierfreude, Imagination oder Handlung, oder auch: wie klar, sachlich, und doch so packend. Was für Bilder im Kopf, die beim Lesen entstehen und nachwirken. So unterschiedliche Autoren wie Albert Camus und Laurent Gaudé gehören für mich dazu, und seit heute auch: Jean-Philippe Toussaint.

Ein  Belgier, 1957 in Brüssel geboren, der mit 16 den Jugendwettbewerb im Scrabble gewann, Neuere Geschichte in Paris studierte, dem Militärdienst als Lehrer in Algerien entging, 1983 heiratete, zwei Kinder zeugte (Sohn und Tochter) und erste Romane an Verlage schickte. 1985 publizierte Jérôme Lindon, der Verleger von  Éditions de Minuit, sein Erstlingswerk „Salle de Bain„.

Toussaint hatte sich nicht getraut, den kleinen, feinen Verlag anzuschreiben, weil er ihm nach eigenen Wochen „franchement trop intellectuelle“ erschienen war. Bereits zwei Jahre später, 1987, verfilmte John Lvoff das literarische Debüt. Heute gehört Toussaint, der neben seiner Geburtstadt Brüssel Korsika zur zweiten Heimat erkoren hat, nicht nur zu den renommiertestenit Autoren der Gegenwart, sondern arbeitet auch als Drehbuchautor, Regisseur und Fotograf.

Handverlesene Autoren

Mir waren seine Werke in den Auslagen meiner Pariser Lieblingsbuchhandlung Gibert & Jeunes jedoch immer entgangen. Bis ich per Zufall eine Mail mit der Neuankündigung von Nackt im E-Mail-Eingang hatte. Eigentlich wollte ich sie gleich als Spam wegklicken, wenn da nicht der Absender gewesen wäre: Frankfurter Verlags-Anstalt (FVA). An seiner Spitze steht der Sohn meines einstigen Lieblingsverlages, Suhrkamp. In den rund letzten 20 Jahren hat Joachim Unseld ihn zu einem kleinen, feinen, finanziell unabhängigen Literatur-Verlag aufgebaut und gutes Gespür bei der Wahl seiner Autoren bewiesen.

Die Liebe zu Marie

2002 veröffentlichte Toussaint Faire l’Amour. Der ersten Band des Marie-Zyklus um die Modeschöpferin Madeleine Marguerite de Montalte stürzte die Bestsellerlisten in Frankreich,  2005 erhielt Toussaint für Fuir, den zweiten Band des Quartett des renommierten Prix Médicis. Unseld sicherte sich die Rechte und übersetzte selbst. 2003 erschien auf Deutsch „Sich lieben“, 2007 der Roman „Fliehen“, 2011 „Die Wahrheit über Marie“ – und 2014 jetzt „Nackt“. Mit dem französischen Original stand Toussaint auf der Shortlist für den Prix Goncourt.

Haute Couture aus Honig

Nackt beginnt dramatisch mit dem Höhepunkt der Herbstkollektion, die Marie in Tokio präsentiert: Haute Couture aus Honig. Nackt, nur mit einem Kleid von klebriger Süße überzogen, verfolgt von einem Bienenschwarm, schreitet das Model über den Laufsteg. Eine perfekte Inszenierung… bis das Model am Ende des Catwalks den falschen Ausgang nimmt.

Ein Gedankensplitter, eine Erinnerungsreise, den der Erzähler wachrufet, als er am Ende eines gemeinsamen Sommers auf Elba getrennt von Marie am Fenster seiner Pariser Wohnung steht, und gedanklich die letzten Monate Revue passieren lässt, während er auf einen Anruf seiner Geliebten wartet. Wie er auf das Dach des Ausstellungsgebäudes von Tokio geklettert ist, um Maries Show unerkannt zu sehen…

Als das Telefon schließlich klingelt, bittet Marie ihn, sie zu Elba für eine Beerdigung zu begleichen. Als sie die Insel erreichen, liegt nach dem Feuer in einer Schokoladenfabrik über dem Eiland ein kakaogeschwängerter Schleier, der sich im Regen entlädt…

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Nähe und Fremdheit der Liebenden, fragile Momente, Stärke und Leere: Spielerisch und schwerelos greift Toussaint herrlich unpathetisch große Themen wie Hoffnung und Vergeblichkeit, Lust, Liebe und Tod auf und nimmt den Leser mit 158 Seiten mit auf eine Nabelschau einer Liebe, die mich bis zum letzten Satz gefesselt hat.

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