Lockdown-Lektüre: die schönsten Bücher aus Frankreich

Lesetipps

“Gebt uns Bücher, gebt uns Flügel”, war in den 1970er-Jahren ein Werbespruch des Oetinger-Verlages. Wie wahr er noch heute ist, zeigt die Pandemie. Mit diesen Bücher holt ihr euch Frankreich trotz Lockdown ins Haus. Bonne lecture !

Hochspannung

Alexander Oetker, Baskische Tragödie*

Alexander Oetker: Baskische TragödieEin kleiner Junge findet ein Paket am Strand. Dort, wo die schwarze Folie eingerissen ist, sieht er weißes Pulver. Neugierig probiert er es, leckt das Puder vom Finger an. Auf dem Weg zur Mutter wird dem Kind bereits übel. Kurz darauf fällt der Junge ins Koma.

Denn es war Kokain, das an die Atlantikküste von Nouvelle-Aquitaine angespült worden war. Dort ist Commissaire Luc Verlaine gerade entspannt an im eigenen Wagen unterwegs, wird angehalten und verhaftet. Nach diesem fulminanten Auftakt entspannt sich ein Krimi, der schnell getaktet ist.

Gewalt und Ortswechsel, Personen und Geschehen: Die Lektüre wird schnelles Gedankenkino, verliert Bodenhaftung, wird immer haarsträubender, unwahrscheinlicher… eine Räuberpistole, hanebüchen und herrlich unterhaltend, dessen Ende wirklich nur ein Fabulierer, bei dem die Fantasie durchgegangen ist, ersinnen kann.

Kurzum: Kopfkino mit Tempo und Spannung, Lokalkolorit und reichlich Klischees, nicht raffiniert, sondern rasant. Zwei Stunden Unterhaltung und Action. Wer mag, kann den baskischen Drogenkrimi hier* online bestellen.

Stefan Böhm_Straßburger GeheimnisseStefan Böhm, Straßburger Geheimnisse

Neu entdeckt habe ich Stefan Böhm, dessen Debüt-Krimi ich euch vorstellen möchte. Die Serie um Antoine Sturni, Leiter der Straßburger Mordkommission, Vater von  Christian und in Band eins frisch geschieden, umfasst inzwischen drei Bände.  Ihr Autor ist ein studierter Jurist, der zwei Jahre in Straß­burg gelebt hat – und sich dort zu seiner Romanfigur Antoine Sturni inspirieren ließ.

Mit einem Mord an einem hochrangigen EU-Politiker beginnt die Serie. Während einer Gedenkfeier verstirbt plötzlich der Kabinettschef des Präsidenten der Europäischen Kommission. War es ein Herzinfarkt?

Nein, ergibt die Obduktion der Leiche – das Opfer wurde mit einer Spritze vergiftet. Seine Ermittlungen führen Sturni immer tiefer in einen Sumpf aus Intrigen und
schmutzigen Geschäften,  bei denen es vor allem um eines geht: Macht, Geld, Eifersucht und die Zukunft Europas.

Anders als Oetker hält sich Böhm bei der Beschreibung von Gewalt zurück. Er erzählt keinen Thriller, sondern sehr anschaulich von der Polizeiarbeit. Dabei lässt er Elsässer Lokalkolorit anklingen und berichtet von den persönlichen Befindlichkeiten des Polizisten, der so Kontur gewinnt. Der Erstlingskrimi ist solide recherchiert, hat klare Handlungsstränge und ist nett zu lesen, auch wenn es mitunter sprachlich noch Luft nach oben gibt. Wer mag, kann ihn hier* online bestellen.

Herz & Historie

Aurélie Valognes, Madame Colette und das Talent zu leben

Kennt ihr Aurélie Valognes? Die Franzosen wählten die Nordfranzösin aus Châtenay-Malabry, die heute mit ihrem Mann und den Kindern in der Bretagne lebt, 2018 zur Lieblingsautorin. 2019 gehörte sie nach den Verkaufszahlen zu den Top-5-Autoren des Landes. Zwei ihrer  Romane sind inzwischen ins Deutsche übersetzt

Über ihr jüngstes Werk sagt die Autorin: “Dieser Roman soll eine Verschnaufpause sein. Ein besonderer Dank, in einer Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint. Er soll als Aufruf dienen, das Gespräch mit den Menschen zu suchen,  die einem etwas bedeuten. ”

Rose, alleinerziehende Mutter, ist tief getroffen, als ihr Sohn Baptiste von zu Hause auszieht. Damit nicht genug, verliert sie auch noch ihren Job als Tagesmutter. Und passt stattdessen auf Vermittlung der Nachbarin auf der Mutter Colette auf. Die grantige Seniorin indes würde Rose am liebsten gleich wieder hinauswerfen.

Wie aus dieser skurrilen Zweckgemeinschaft eine beidseitige Freundschaft entsteht, erzählt Valognes so gekonnt und berührend, dass die Emotionen und Ereignisse echt statt kitschig wirken. Schon nach wenigen Seiten sind Figuren und Handlung so fesselnd, das man das Rundherum vergisst, abtaucht, liest, entspannt. Kurzum: (weibliche) Wohlfühllektüre für graue Wintertage. Wer mag, kann den Roman hier* online bestellen.

Francoise Sagan_Ein gewisses LächelnFrançoise Sagan, Ein gewisses Lächeln*

Ein kleines Liebesabenteuer mit dem Onkel ihres Freundes: Dominique, die pflichtbewusst, aber ohne  rechte Überzeugung an der Sorbonne in Paris studiert, ist eher aus Gewohnheit noch mit ihrem Kommilitonen Bertrand liiert.

Der junge Mann macht sie mit seinem Onkel Luc bekannt. Jener ist einem kleinen Abenteuer nicht abgeneigt. Nach zwei Wochen Liebesurlaub an der Riviera ist Dominique verliebt. Für den Onkel indes beginnt nach der Affäre wieder der Alltag. Ein zeitloser Topos, sinnlich und offen erzählt von Sagan.

Der Verlag Klaus Wagenbach hat 2020 die Erzählung neu herausgebracht, die 1955 unter dem Titel Un certain sourire erschienen war. 1957 diente der Roman als Vorlage für das US-amerikanische Liebesmelodrama von Jean Negulesco mit Joan Fontaine und Rossano Brazzi in den Hauptrollen. Wer mag, kann die Erzählung hier* online bestellen.

Julia Deck_PrivateigentumJulia Deck, Privateigentum*

Eva und Charles Caradec erfüllen sich nach 30 Jahren Ehe und Leben in der Innenstadt von Paris endlich ihren Traum und ziehen hinaus aufs Land. Ihr Eigenheim erfüllt mit Solarstrom, Kompostbecken, Biogasheizung und Gemüsegarten alles, wonach die intellektuelle Elite der Hauptstadt strebt.

Stolz freut sich das Paar – sie flüchtet sich in das Glas Wein, er nimmt Antidepressiva und macht Therapien, über den “Aufstieg zum Privateigentum”. Doch das Glück in Suburbia währt nur kurz. Der Supermarkt führt keinen Schafsmilchjoghurt, die Nachbarn feiern, das Draußen dringt laut nach Drinnen.  Die Vorzeige-Straße wird zur Vorstadt-Hölle. Ein massakrierter Kater, eine vermisste (ermordete… ?) Nachbarin und ein ausgebranntes Doppelhaus zeugen davon.

Privateigentum*  ist im Verlag Klaus Wagenbach in der Reihe “Romane für  eine Nacht” erschienen.  Das schmale Bändchen, das Antje Peters ins Deutsche übersetzte, ist die perfekte Bettlektüre.

Das satirisch überzeichnete Kammerspiel der Pariser Autorin Julia Deck (*1974) zeigt, wie das zeitgeistige Streben nach äußeren Werten die innere Leere überdeckt und zu einer neuen Form der Entfremdung führt. Als nouveau riche im lotissement: eine Milieustudie, bitter-sweet, spannend und oftmals auch urkomisch in der Demaskierung. Wer mag, kann die Erzählung hier* online bestellen.

Jacky Durand_Die Rezepte meines VatersJacky Durand, Die Rezepte meines Vaters*

Als Henri im Sterben liegt, lässt der Sohn das Leben des Vaters Revue passieren – und erzählt dabei auch seine Kindheit, seine Höhepunkte und Krisen. Jacky Durand, einer der bekanntesten Gastrokritiker Frankreichs, hat mit Die Rezepte meines Vaters* den wohl schönsten Debüt-Roman dieses-Winters vorgelegt.

Er erzählt von einer ganz besonderen Vater-Sohn-Beziehung. Sie ist eingebettet in eine kulinarische Reise durch Frankreichs Hausmannskost. Sie endet mit den “geheimen” Rezepten von Monsieur Henri zum Nachkochen. Das Erbe des Le Relais Fleuri, aufgeschrieben von der einstigen Ehefrau von Henri, die ihn verlassen hatte, der Sohn jedoch als Mutter erlebte – und die doch nie die leibliche Mutter gewesen war.

Ein unglaublich berührender Roman, verschlungen und widersprüchlich, wie das Leben mitunter verlaufen kann. Authentisch und ehrlich wie die Küche, die Henri zu Lebzeiten in seinem kleinen Bistro im Osten von Frankreich seinen Gästen servierte.  Wer mag, kann den Roman hier* online bestellen.

Küche

François-Régis Gaudry, Gourmet-Bibel Frankreich*

Auch François-Régis Gaudry ist ein Gastrokritiker. Er schreibt eine wöchentliche Kolumne für L’Express und präsentiert im Radiosender France Inter jeden Sonntag die Sendung »On Va Déguster«, aus der die Idee für dieses Buch entstanden ist.

Mit 375 Rezepten, Produktporträts, Warenkunde und unterhaltsamen Anekdoten hat Gaudry ein neues Standardwerk für alle verfasst, die die französische Küche lieben, kennenlernen und verlässlich nachkochen möchten. Es ist Lexikon und Kochburg zugleich, verführt mit Artikeln zum Gold aus der Dose (Sardinen) oder Portraits von Meisterköchen wie Anne-Sopie Pic zum genussvollen Lesen und regt mit Bildern und Texten den Appetit an: von der Apfeltarte bis zur Zurruputuna, der baskischen Fischsuppe mit Kabeljau.

Der einzige Wermutstropfen: Wieso ist die deutsche Ausgabe doppelt so teuer wie die Originalausgabe (auf Französisch: 39 Euro)? Wer mag, kann das Standardwerk zur französischen Küch auf Deutsch hier* online bestellen, auf Französisch hier.

Landeskunde

Nikolaus Meyer-Landrut_FrankreichNikolaus-Meyer-Landrut: Frankreich*

Nikolaus Meyer-Landrut war von Juli 2015 bis August 2020 Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Frankreich. Während seiner Pariser Jahre lernte er auf seinen Reisen durch Frankreich Land, Leute und die Historie der unterschiedlichen Regionen kennen, führte Gespräche mit den Menschen vor Ort. Und stellte fest, dass wir trotz der “Nähe” durch soziale Medien bis heute noch wenig über unsern nächsten Nachbarn kennen.

In seinen “Betrachtungen zu Geschichte und Gegenwart” will Nikolaus Meyer-Landrut zeigen, wie sehr die Vergangenheit das Heute noch immer beeinflusst. „Jedes Land trägt die Spuren seiner Geschichte. Viele dieser Spuren – ob sie verborgen im Hintergrund wirken oder offen zutage treten – sind auf unterschiedliche Art und Weise auch heute noch wirkungs-mächtig“, so der Autor.

Sein schmales, sehr kompaktes und dichtes Werk ist keine unterhaltsame Landeskunde. Sondern ernst. Und verdient es, langsam gelesen zu werden – nachdenkend über die Zusammenhänge.  Wer mag, kann die Landeskunde des Botschafters hier* online bestellen.

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Merci fürs Teilen!

13 Kommentare

  1. Super Idee. Da ich mich jetzt der französischen Sprache widmen werden, würde ich mich auch über leicht zu lesende französische Bücher freuen.
    Merci für die obige Auswahl.

  2. Hallo Hilke, danke für die tollen Vorschläge! Bin ein großer Fan Deines Blogs. Leider fehlt dieses Mal der Link zur Bestellung der französischen Ausgabe von François-Régis Gaudry, Gourmet-Bibel Frankreich. 70€ finde ich auch zu teuer. Liebe Grüße und alles Gute für 2021
    Christa

  3. Mein bisher interessantesten Frankreich-Sachbuch war “Frankreich muss man lieben, um es zu verstehen” von Ulrich Wickert. Ich hatte Mainstreamschreibe erwartet und war überrascht über die tiefen Einblicke in die französische Seele.

  4. Ich schließe mich den Danksagungen an! Ich freue mich immer, mal was “Anderes“ als die Standart-Bestseller aus Deutschland zu lesen.
    Würde mich freuen wenn du mal französische Bücher, die sich nicht zu schwer lesen lassen vorstellst.
    Liebe Grüße und genieße die langen Abende! 😉

  5. Ich freue mich immer über neue Buchtipps… die Bücher werden gleich immer bestellt .
    Super Danke. Die Gourmet Bibel habe ich schon. Geniales Nachschlagewerk.
    Liebe Grüße aus der Charente Maritime.
    Jacqueline

  6. Danke – schon wieder – für Deine begeisternden Tipps, liebe Hilke!
    Schließlich ist bei jahreszeitbedingten frühen Abenden langes (Vor-)Lesen angesagt.
    Bleib gesund! Hanns

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