Glasierte Dächer sind in Frankreich ein Zeichen von Wohlstand - und erinnern in Lodève daran, welche Blüte es als Hauptstadt der Uniformen einst erlebt hatte. Foto: Hilke Maunder

Lodève: Labor der Hoffnung

Wie eine Kleinstadt im Hérault zeigt, was Frankreichs Provinz retten könnte

Die Lergue rauscht durch die Altstadt, als hätte sie nie aufgehört, die Motoren der Wollmühlen zu treiben. Dabei ist die letzte Fabrik seit mehr als sechzig Jahren geschlossen. Das Wasser der Lergue und ihres Nebenflusses Soulondres hat Lodève reich gemacht – von 1726, als die Stadt das königliche Monopol auf die Tuchlieferung für die Uniformen der Truppen erhielt, bis 1960, als die letzte Fabrik die Tore schloss. Was blieb, ist eine Stadt mit Schönheit, Geschichte und einem Problem, das Frankreich seit Jahrzehnten beschäftigt: Wie rettet man die Kleinstädte?

Lodève liegt im Département Hérault, eingebettet zwischen dem Plateau du Larzac und der Vallée de la Lergue, knapp 50 Kilometer nordwestlich von Montpellier und genau dort, wo die mautfreie Autobahn A 75 langsam die Küstebene verlässt und emporsteigt zu den Causses.

Rund 7.500 Einwohner leben hier in Sichtweite vom Verkehr. Schön sieht das Städtchen im Tal von der Autobahn aus. Dicht drängen sich die Häuser mit um die beiden Kirchen, die die beiden Enden der Altstadt markieren: die Église Saint-Pierre und die Cathédrale Saint-Fulcran.

Oder, genauer gesagt: einstige Kathedrale, denn das Gotteshaus ist entweiht. Das gesamte historische Zentrum ist als quartier prioritaire eingestuft. Ein Viertel aller Wohnungen gelten als leer stehend oder unbewohnbar. Wer durch die Altstadtgassen geht, sieht Fassaden, die ahnen lassen, wie wohlhabend Lodève einst gewesen ist. Heute dominiert Verfall. Undichte Dächer, eingebrochene Holzbalken, Wohnungen, in denen seit Jahren niemand mehr schläft. Désertification rurale nennen die Franzosen das schleichende Sterben ihrer Provinzstädte. Lodève ist kein Einzelfall.

Der Niedergang von Lodève

Die Textilherstellung in Lodève reicht bis ins Mittelalter zurück. Bereits im Jahr 1212 wurde sie im leudaire, dem Lehensregister des Bischofs, die Wollverarbeitung erwähnt. Im 14. Jahrhundert schlossen sich die damals rund 40 Wollverarbeiter in religiös-handwerklichen Bruderschaften zusammen, die von der Färbung über das Walken bis zum Weben alle Prozesse der Wollverarbeitung in diesen Zünften organisierten. Rund 200 Jahre später war das Tuch aus Lodève in Farbe und Qualität die Nummer eins im Königreich.

Unter Ludwig XV. vergab Kardinal Fleury im Jahr 1726 das königliche Monopol für Infanterie-Uniformen an Lodève, was die Stadt zur „Hauptstadt des Truppenstoffs“ machte – und boomen ließ. Gassen wie die Rue du Mazel (Walkmühle) und die Rue Sabataira grossa (Leder- und Tuchgasse) erinnern bis heute an die Beruf und Werkzeuge der Weber. Die Blüte der Textilindustrie sorgte für eine hohe Zuwanderung; allein 1865 kamen 6.000 neue Arbeiter nach Lodève und zogen rund um die Kathedrale in enge Gassen mit hohen Häusern aus Tuffstein.

Im frühen 20. Jahrhundert begann das Massensterben der Manufakturen, das sich besonders nach dem Ende des Ersten Weltkriegs beschleunigte. Billige Importe, die Mechanisierung der Textilbranche, der Rückzug des Staates aus der Manufakturwirtschaft – all das traf Lodève hart. Um 1900 stellte die Usine de Bellerive mit Standorten in Clermont l’Hérault und Lodève das Gros ihrer Produktion ein und hielt bis 1945 nur noch einen Restbetrieb aufrecht. 1920 schloss die Usine Soudan ihre Pforten, 1960 die Usine des Carmes ( Teisserenc ). Die letzte Strickerei schloss 1990, die Spinnerei Filature Teisserenc stellt seit 2004 keine Zwirne mehr her.

Die Jungen wanderten ab, die Alten blieben. Läden schlossen, Gebäude verfielen. Fast die Hälfte der Einwohner besitzt heute kein Auto. Was nach Ökologie klingt, bedeutet hier schlicht Armut.

Aufschwung sollte die Autobahn A75 bringen. Als mautfreie autoroute konzipiert, um den Massif Central entlang der Diagonale du vide wirtschaftlich zu stärken, führt sie direkt am Stadtrand vorbei – und daran vorbei. Lodève profitiert kaum. Die Trasse umfährt im Osten die Stadt, ohne wirtschaftliche Anknüpfungspunkte wie Tankstelle oder Autohof zu schaffen, holt aber täglich rund 5.500 Fahrzeuge von Pendlern aus dem Umland in die Innenstadt. Die Einheimischen von Lodève leiden unter einem Verkehr, den sie selbst kaum verursachen.

Seide aus Staatshand

Einzig am Stadtrand ist die Textiltradition von Lodève noch lebendig. Um Frauen zu beschäftigen, die nach der algerischen Unabhängigkeit mit ihren Familien nach Lodève gekommen waren, wurde 1964 in Lodève die Außenstelle der Pariser Manufacture nationale de la Savonnerie gegründet. In einem funktionalen Bau, 1989 nach Plänen des Architekten Philippe Dubois errichtet, erstellen staatliche liciers und licières auf vertikalen Hochwebstühlen à la turque handgeknüfte Teppiche für die Republik her – für den Élysée-Palast, das Panthéon, Botschaften und andere staatliche Bauten. Bis zu sieben Jahren dauert die Herstellung eines Gobelins. Zeitgenössische Künstler wie Zao Wou-Ki, Soulages und Alechinsky haben Entwürfe geliefert, ebenso Architekten und Designer wie Portzamparc, Crasset oder Ruyant. Wie kunstfertig diese Arbeit erfolgt, könnt ihr bei einem Blick hinter die Kulissen auf Führungen erleben.

Quartiers de demain: Lodève als best practice

Hoffnung für Lodève brachte eine Initiative von Präsident Emmanuel Macron, der im Juni 2023 in Marseille dazu aufgerufen hatte, eine neue cité radieuse zu erfinden. Im November 2024 folgte der Appel à manifestation d’intérêt: für das Programm Quartiers de demain. 492 Bewerbungen gingen im Wettbewerb ein, 30 Projekte wurden für den Dialog ausgewählt, zehn schließlich am 2. Dezember 2025 an der Cité de l’Architecture et du Patrimoine in Paris prämiert.

Für großes Erstaunen bei GIP EPAU ( Groupement d’intérêt public Europe des projets architecturaux et urbains) als Koordinator sorgte der Ausgang des Wettbewerbs: Lodève, der kleinste der zehn Standorte, hatte 41 Bewerbungen von Architekturteams für das Programm Quartiers de demain erhalten – ein Rekord für eine Kleinstadt.

Auch, dass Lodève schließlich ausgewählt wurde, ist bemerkenswert: Alle anderen Standorte liegen in den banlieues großer Metropolen oder in Städten von ganz anderem Kaliber. Lodève repräsentiert eine Kategorie von Orten, die in nationalen Stadtentwicklungsprogrammen selten eine Rolle spielen.

Frankreichs 10 Quartiers de demain

  1. Marseille (La Savine)
  2. Paris (Porte de la Villette)
  3. Lyon (Minguettes, Vénissieux)
  4. Lille (Wazemmes)
  5. Saint-Denis
  6. Mulhouse (Réco-Michard)
  7. Amiens (Fatet)
  8. Besançon (La Fayette)
  9. Nantes (Malakoff)
  10. Lodève (Centre-Ville)

Im Februar 2025 besuchten die drei Finalisten der Architektur-Teams zwei Tage lang Lodève, sprachen mit den Einheimischen und der Bürgerjury und veranstalteten ein öffentliches Forum zur Geschichte der beiden Flüsse. Lodève setzt – stärker als alle anderen Gewinner des Wettbewerbs Quartiers de demain – auf Bürgerpartizipation. Sie wählten nicht nur mit, sondern formten den Blick auf die eigene Stadt.

Das Gewinner-Projekt für Lodève: Soustraction positive

Als Gewinner der zweitägigen Residenztagen vor Ort ging das Atelier du Rouget von Simon Teyssou hervor, der mit dem Grand Prix de l’Urbanisme 2023 die höchste Auszeichnung des französischen Städtebaus erhalten hat. Er brachte für Lodève ein Konzept mit, das so ungewöhnlich ist wie der Ort selbst.

Soustraction positive nennt Teyssou seinen Ansatz: nicht aufhäufen, sondern weglassen. „Wir schlagen vor, Elemente ohne Qualität zu entfernen, bestehende Volumen neu zu ordnen und Leerstellen mit hohem Nutzungswert zu schaffen. Diese neuen Räume erweitern das öffentliche Gut, bringen mehr Vegetation in die Stadt, dämpfen Hitzeinseln und entsprechen dem Wunsch der Bewohner nach Kontakt mit der Landschaft“, hat Teyssou gegenüber der Fachzeitschrift Le Moniteur sein Konzept erklärt.

Herzstück ist die Neugestaltung von vier Kilometern Flussufer als ein Archipel von Parks, die die Stadtteile miteinander verbinden. Das wilde Grün und die Brachflächen der Flüsse Lergue und Soulondres sollen sich in einen parc fluvial linéaire verwandeln, der ein Mosaik grüner Oasen mit ganz unterschiedlichen Nutzungen vereint: Kleine Familienbereiche, größere Flächen für Picknicks und Vereine, Sportzone, Spazierwege und sogar ein Stadtstrand am Zusammenfluss der beiden Flüsse ist die Vision. Zugleich sollen neue Brücken und Fuß- und Radwege die Altstadt besser erschließen und verbinden.

8.960.000 Euro netto groß ist das Gesamtbudget. 5.397.000 Euro fließen in Infrastruktur und Landschaftsbau, 3.563.000 Euro in den Bau einer neuen Veranstaltungshalle in einem historischen Gebäude. Der erste Spatenstich ist für Mitte 2027 geplant. 40 Monate lang wird dann in Lodève gebuddelt und gebaut.

Lodève & Co.: Staatliche Förderprogramme für Städte

Anders als Deutschland kennt Frankreich keine einheitliche Klassifizierung nach festen Einwohnerzahlen. Das staatlichen Statistikamt INSEE arbeitet mit Funktionskategorien wie unités urbaines oder aires d’attraction des villes. Rund 36 Städte zählen mehr als 200.000 Einwohner, gut 300 gelten als villes moyennes. Das Gros aber bilden die petites villes – allein das staatliche Förderprogramm Petites Villes de Demain zählt 1.646 Kommunen unter 20.000 Einwohnern, die eine zentrale Funktion für ihr Umland erfüllen. Lodève ist eine von ihnen – und lange waren Orte wie diese die Vergessenen der französischen Stadtentwicklungspolitik.

Erst in den 2010er-Jahren änderte sich das: Action Cœur de Ville (2018) für villes moyennes und Petites Villes de Demain (2020) für Kommunen unter 20.000 Einwohnern waren explizit als Nachholprogramme konzipiert.

Petites Villes de Demain

Petites Villes de Demain ( PVD ) wurde im Oktober 2020 von der Regierung Castex gestartet, mit einem Budget von drei Milliarden Euro über sechs Jahre – als direktes Eingeständnis des jahrzehntelangen Rückstands. Das Programm richtet sich an Kommunen unter 20.000 Einwohnern mit zentralörtlicher Funktion, die aber Zeichen struktureller Schwäche zeigen.

Das Programm baut auf drei Säulen: Unterstützung bei der Projektentwicklung ( ingénierie ), thematisch gebündelte Finanzierungen und Zugang zu einem nationalen Netzwerk. Mehr als 1.600 Kommunen in Frankreich sind als Petites Villes de Demain anerkannt, rund 600 davon haben bereits eine opération programmée d’amélioration de l’habitat ( OPAH ) eingeleitet.

Quartiers de demain

Die Quartiers de demain sind organisatorisch beim GIP EPAU ( Groupement d’intérêt public Europe des projets architecturaux et urbains ) angesiedelt. Es wird von mehreren Ministerien getragen und hat für die zehn Standorte je 450.000 Euro für den Wettbewerb und die Planungsphase bereitgestellt. Der wesentliche Impuls: nicht nur Geld, sondern internationale Architekturqualität in Quartiere bringen, die normalerweise keinen Zugang zu solcher Expertise haben. Ziel ist, die Projekte als best practices für einen sozialen wie nachhaltigen Wandel zu verankern, die Bürgerbeteiligung neu zu definieren und das bestehende bauliche Erbe zu schützen und aufzuwerten.

Action Cœur de Ville ( ACV )

Action Cœur de Ville ( ACV ) richtet sich an Städte mittlerer Größe. Seit dem Start 2018 haben Staat, Banque des Territoires, Action Logement und andere Partner in zwei Phasen inzwischen elf Milliarden Euro mobilisiert. Was positiv klingt, erweist sich in der Wirklichkeit als „große Illusion“ und „Maschine der Frustration“, kritisieren zahlreiche Bürgermeister – denn die Subventionen des Staates im Schnitt decken weniger als 25 Prozent der Projektbudgets. Der Löwenanteil verbleibt bei den Kommunen.

Das rechtliche Instrument hinter den Förderprogrammen ist die Opération de Revitalisation Territoriale (ORT) von 2018. Die ORT ermöglicht Kommunen wie Lodève, mit dem Staat, der Banque des Territoires und Partnern multijährige Vereinbarungen einzugehen, die Fördermittel ( ANCT, FNADT ), steuerliche Anreize und vereinfachte Planungsrechte ( z. B. droit à préemption ) freisetzen. Für Lodève ist die ORT das juristische Skelett, das das Quartiers de demain-Projekt trägt.

Lodève – best practive mit Symbolwirkung für Frankreich

Die zehn Sieger spiegeln die Bandbreite urbaner Krisen in Frankreich: von der banlieue-Hochhaussiedlung bis zur verwaisten Kleinstadt im ländlichen Raum. Dass Lodève in dieser Gruppe den Platz der Kleinstädte vertritt, ist ein Symbol – und ein Bekenntnis, dass Stadtentwicklungspolitik nicht nur Metropolenpolitik sein darf.

Das ist der eigentliche Mehrwert. Nicht neun Millionen Euro für eine Stadt mit 7.200 Einwohnern. Sondern ein neues Modell: Wie spricht man mit Bürgern über ihre Stadt? Wie übersetzt man kollektive Erinnerung – die mémoires des rivières, von denen beim Forum in Lodève die Rede war – in die Gestaltung öffentlicher Räume? Wie macht man aus Deindustrialisierung eine Chance?

Die Antwort von Simon Teyssou lautet dafür archipélisation. Er begreift die Stadt nicht als zusammenhängende Masse, sondern als Verbund von Inseln, zwischen denen Bewegung, Begegnung und Austausch entstehen. Für Lodève bedeutet das: Die Flüsse, einst Antrieb der Maschinen, werden bei ihm zur Achse eines neuen Gemeinschaftslebens. Ab 2031 läuft die Lergue nicht mehr am Rand von Lodève, sondern durch ihr Herz.

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