Das lokale Geld aus Rouen: der Agnel. Foto: Hilke Maunder
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L’Agnel, RolloN & Co.: lokales Geld in Frankreich

Lokales Geld hat viele Namen. In Rouen heißt es L’Agnel. Schäfchen. Und wer es hat, hat seine Schäfchen im Trockenen. Denn das ist das Ziel der lokalen Währung. Mitte November 2015 in der normannischen Hauptstadt gestartet, gelten die kleinen Scheine in 5, 10, 20 und 50 Agnel längst auch in Dieppe.

Seit 2010 wurden in Frankreich bereits mehrere Initiativen für lokales Geld ins Leben gerufen. So unterschiedlich ihre Akteure sind, so einheitlich ist ihr Ziel. Die örtliche Komplementärwährung, die als Zahlungs-, Investitions- und Schenkungsmittel zwischen Verbrauchern, Anbietern und Vereinen verwendet wird, soll die regionale Wirtschaft fördern und stabilisieren. So bleibt das Geld in der Region, statt ins Ausland oder in Finanzmärkte abzuwandern. Das hält die Arbeitsplätze vor Ort und verhindert eine Verlagerung ins Ausland, sagen die Befürworter.

Der Shop der lokalen Währenung Agnel in Rouen. Foto: Hilke Maunder
Der Shop der lokalen Währung Agnel in Rouen. Foto: Hilke Maunder

Lokales Geld in Frankreich: 80 alternative Währungen

Mehr als 80 Lokalwährungen gibt es bereits in Frankreich, und damit deutlich mehr als in anderen Ländern. Und immer mehr Geld, das nur vor Ort gilt, kommt hinzu. Seit 2017 hat sich seine Zahl verdoppelt! Laut aktuellen Erhebungen des Netzwerks Mouvement Sol hat sich der Markt nach einem Boom inzwischen konsolidiert. Und längst hat lokales Geld nicht mehr den anfänglichen hausgemachten Look, sondern kommt hochprofessionell daher – mit fälschungssicheren Merkmalen wie bei Agnel oder rein digital wie RolloN oder Moneko.

Im Süden heißt das alternative Geld Gemme oder Soudaqui, anderenorts Rouleau oder Abeille, Biene. Biobauern, Dorfbäcker, Fahrradläden und kleine Geschäfte akzeptieren das andere Geld, das längst keine spinnerte Idee mehr ist.

Hinter dem normannischen RolloN steht die gesamte Region. Sie hat eine App entwickelt, die das regionale Geld ausschließlich in der virtuellen Welt wirken lässt. Dort entwickelt der RolloN, der 1:1 den Wertgehalt des Euro hat, eine größere Dynamik als die offizielle Währung.

Während jeder Euro eine Interaktion von zwei bis vier Mal bewirkt, sorgt der RolloN sechs bis acht Mal für Geschäftsaktivitäten und Umsatz. Der RolloN, heute die erste rein digitale Währung auf Regionalebene, ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Sie sorgt für intensiveres Wirtschaften in der Region, schützt lokales Know-how und stärkt das Savoir-vivre.

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Die Lokalwährung des Baskenlandes: der Eusko. Foto: Hilke Maunder

Lokales Geld fördert die Wirtschaft

Möglich machte die lokalen und regionalen Gelder François Hollande. Der damalige Präsident ließ am 31. Juli 2014 ein Gesetz für die soziale und solidarische Wirtschaft verabschieden. Die Loi n° 2014-856 du 31 juillet 2014 relative à l’économie sociale et solidaire, kurz ESS, regelt nicht nur die Finanzierung von Genossenschaften, ethisch motivierten Subventionen oder Fairtrade-Ketten, sondern ermöglichte erstmals auch die Schaffung von Lokalwährungen.

Die Loi relative à l’économie sociale et solidaire legt fest, dass eine Organisation drei kumulative Kriterien erfüllen muss, um als ESS (entreprise sociale et solidaire) anerkannt zu werden

  • Sinn vor Gewinn (But autre que le seul partage des bénéfices): Das Hauptziel ist ein sozialer Nutzen oder das Gemeinwohl, nicht die Gewinnmaximierung für Aktionäre.
  • Demokratische Unternehmensführung (Gouvernance démocratique): Entscheidungen werden unabhängig vom eingesetzten Kapital getroffen. Es gilt meist das Prinzip: „Eine Person, eine Stimme“.
  • Begrenzte Rentabilität (Lucrativité encadrée): Erwirtschaftete Gewinne werden zum größten Teil wieder in das Unternehmen reinvestiert, um dessen Fortbestand und die sozialen Ziele zu sichern. Rücklagen dürfen nicht einfach an Eigentümer ausgeschüttet werden.

Frankreich nimmt mit diesem Gesetz eine europäische Vorreiterrolle ein. Die soziale und solidarische Wirtschaft ist kein Nischenmarkt mehr, sondern macht in Frankreich etwa zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und rund 14 Prozent aller Arbeitsplätze im privaten Sektor aus, Tendenz steigend.

Machtkampf um das Monopol: Bercy kontra Eusko

Doch die Einführung des lokalen Geldes ging nicht immer glatt. Besonders nicht im Baskenland, wo im Frühjahr 2018 ein Finanzstreit eskalierte. Im Zentrum der juristischen Auseinandersetzung: die baskische Lokalwährung Eusko, die sich seit ihrer Einführung 2013 zum erfolgreichsten lokalen Geld Europas entwickelt hatte. Als die Stadtverwaltung von Bayonne beschloss, Fraktionsgeldern und Aufwandsentschädigungen von Gemeinderäten auf Wunsch in Eusko auszuzahlen, reagierte die Präfektur des Départements Pyrénées-Atlantiques prompt. Im Auftrag des Pariser Finanzministeriums in Bercy zog der Präfekt vor das Verwaltungsgericht Pau.

Das modifizierte Abkommen

Anders als vom Pariser Finanzministerium erhofft, erlitt der Präfekt der Pyrénées-Atlantiques vor dem Verwaltungsgericht Pau zunächst eine Schlappe. Am 23. März 2018 wies der Richter im Eilverfahren (référé) die Klage des Staates ab: Das Gericht sah in der Vereinbarung zwischen der Stadt Bayonne und dem Betreiberverein Euskal Moneta keinen Rechtsverstoß. Das Regionalgeld hatte einen historischen Sieg errungen. Doch nur vorläufig.

Bercy indes wollte die Schlappe nicht akzeptieren – und zog vor die nächsthöhere Instanz. Am 4. Mai 2018 kippte die Cour administrative d’appel de Bordeaux die Entscheidung aus Pau im Eilverfahren und setzte die Auszahlungen vorübergehend aus.

Der drohenden gerichtlichen Niederlage im Hauptsacheverfahren kam die Stadt Bayonne zuvor –und überarbeitete das Abkommen mit Paris. Bayonne schlug vor, die Gelder nicht mehr direkt in Eusko auszuzahlen, sondern an einen Trägerverein in Euro zu überweisen, der anstelle der Stadt die Gelder 1:1 umrechnet und digital auszahlt.

Am 7. Juni 2018 stimmte der Stadtrat von Bayonne der modifizierten Vereinbarung zu. Paris zog daraufhin seine Klage zurück, stellte das Verfahren ein und erkannte das Dreiecksmodell als legal an. Der Kompromiss hat seitdem Schule gemacht und als Vorbild für andere Transfer-Verfahren gedient.

Lokales Geld in Frankreich: eine Übersicht

Im ganzen Land gibt es lokales Geld – und auch in einem Überseedépartement. Seit 2016 ist in Französisch-Guyana die örtliche Währung Kwak Lagwiyann in Umlauf.

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ich freue mich über Ergänzungen! Merci !

Auvergne-Rhône-Alpes

Bourgogne-Franche-Comté

  • Br’Ain, Bresse-Revermont, 2018
  • Pive, Franche-Comté, 2017

Bretagne

  • Bizh, Vannes, 2018
  • Buzuk, Pays de Morlaix, 2016
  • Galais, Pays de Ploërmel, 2015
  • Galléco, Ille-et-Vilaine, 2012
  • HEOL, Pays de Brest, 2012
  • Maillette, Pays de Rance, 2014
  • OurSe, Questembert, Muzillac, La Roche-Bernard und Pénestin, 2018
  • Pezh, Trégor-Goëlo, 2021

Centre-Val de Loire

Grand Est

  • Cigogne, südliches Elsass, 2016
  • Florain, Nancy & Umland, 2017
  • Radis, Ungersheim, 2013
  • Stück, Strasbourg & Bas-Rhin, auch als App, 2015

Hauts-de-France

  • Bou’Sol, Boulogne-sur-Mer, 2013

Île de France

In Paris und der Île de France gab es von Mai 2014 bis Juni 2023 das Lokalgeld La Pêche. Die Rückseite der Geldscheine verkündet das Credo der lokalen Währung „Lokal, solidarisch, ökologisch, bürgernah.“

Die Übersicht zeigt, wo in Le Havre das lokale Geld Grain (Korn) eingesetzt werden kann.
Die Übersicht zeigt, wo in Le Havre das lokale Geld Grain (Korn) eingesetzt werden kann.

Normandie

  • Agnel, Rouen, 2015
  • Grain, Le Havre, 2015
  • Pépin, Le Bessin, 2020
  • RolloN, Normandie, 2018

Nouvelle-Aquitaine

Eine Karte verrät, wo die Lokalwährung La Gemme eingesetzt werde kann im Département Gironde. Copyright: La Gemme
Eine Karte verrät, wo die Lokalwährung La Gemme eingesetzt werde kann im Département Gironde. Copyright: La Gemme
  • Abeille, Villeneuve-sur-Lot, 2010
  • Aqui, Sarlat, 2018
  • Beunéze, Saintonge, Saintes, Royan, 2015
  • Bulle, Charente, 2019
  • Eusko, Bayonne, 2013
  • Gâtinelle, Gâtine Poitevine, 2017
  • Gemme, „Edelstein“ nennt sich das lokale Geld, das im Département Gironde aus der Fusion von La Miel und Ostréa entstand und seit Januar 2023 dort zirkuliert
  • Lou Pelou, La Chapelle, 2015
  • Mige, Creuse, 2017
  • Pois, Vienne, 2018
  • T!nda, Béarn, 2015

Währung statt Waffen: Eusko – die sanfte Revolution

Mit weit über 3,5 Millionen Eusko im Umlauf lässt das baskische lokale Geld aus dem französischen Baskenland sämtliche Konkurrenten in Europa weit hinter sich. Was 2013 als kühnes Experiment politischer Aktivisten begann, ist längst ein gigantischer Wirtschaftsmotor mit mehr als 4.000 Mitgliedern und über 1.300 teilnehmenden Betrieben. Wer zwischen Bayonne, Saint-Jean-de-Luz und Mauléon Bäcker-Brot, Craft-Bier oder Bio-Gemüse kauft, bezahlt fast immer mit bunten Eusko-Scheinen oder bargeldlos per Smartphone-App euskopay.

Der Erfolg des Eusko ist tief im jahrzehntelangen Kampf der Basken um mehr Autonomie begründet. Wo einst über Jahrzehnte hinweg blutige bewaffnete Konflikte tobten, ist heute das Regiogeld Machtmittel und Symbol der eigenen, anderen Identität. Der politische Widerstand hat seine Mittel gewechselt: Statt Parolen an Häuserwänden und Attentate heißt es heute: Eusko statt Euro.

Jeder mit Eusko bezahlte Einkauf stärkt die Identität der Basken und schützt die baskische Sprache Euskara. Wer als Händler das Regiogeld akzeptiert, verpflichtet sich damit zu zweisprachiger Ausschilderung in ihren Läden. Jeder bezahlte Eusko fließt zurück in die eigene Kultur. Über eine dreiprozentige Spendenumlage – 3% Eusko – fließen zudem jedes Jahr Zehntausende Euro an lokale Sprachschulen, Umwelt- und Sportvereine. Selbstbestimmung, Nachhaltigkeit und Heimat: der baskische Eusko hat sie neu definiert.

Occitanie

Pays de la Loire

  • La Gabare, seit September 2017 in der Touraine
  • Moneko, Loire-Atlantique, 2020
  • Muse, Maine-et-Loire, 2012
  • Rozo, Saint-Nazaire und die Brière, 2016
  • Vendéo, Vendée, 2017

Provences-Alpes-Côtes d’Azur

  • Fève, Toulon, 2019
  • Nissart, Nizza, 2016
  • Roue Alpes-de-Haute Provence, Alpes-de-Haute-Provence sowie Alpes Sud/Provence, 2016
  • Roue Hautes Alpes, Hautes Alpes, 2017
  • Roue Marseillaise, Marseille, 2014La Roue Arlésienne, Pays d’Arles, 2017Roue du Pays d’Aix, Pays d’Aix, 2017, auf Facebook zu finden
  • Aïgo,  Pays Salonais, 2024. Am 1.1. 2024 ersetzte der Aïgo das 2015 eingeführte Lokalgeld Roue. Der neue Name wurde in direkter Wahl von den Einwohnern von Salon-de-Provence und umliegender Kommunen erwählt.
  • Roue Vaucluse, Vaucluse, 2012

Eine Übersicht zum lokalen Geld in Frankreich findet ihr auf dieser Karte. Das Foto ist verlinkt – bitte einmal doppelklicken.

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