Am Blavet: Lorient, Port-Louis und Hennebont

Port Louis: Festungsmauer der Zitadelle; im Hintergrund Larmor-Plage. Foto: Hilke Maunder
Port Louis: Festungsmauer der Zitadelle; im Hintergrund Larmor-Plage. Foto: Hilke Maunder

Lorient war einst Heimathafen der französischen Ostindien-Kompanie – und erhielt daher den Namen L‘Orient (Orient). Nach dem Verlust der Kolonien und dem Bankrott der Handelskompanie übernahm der Staat Hafen und Einrichtungen. Lorient wurde königliches Arsenal  und unter Napoleon ein wichtiger Kriegshafen. Im Zweiten Weltkrieg baute die  deutsche Wehrmacht den Hafen zur größten Festung des 20. Jahrhunderts aus.

Nach den Bombenangriffen der Alliierten vom August 1944 wurde die völlig zerstörte Stadt modern-funktionell wieder aufgebaut.  Höhepunkt im Jahreslauf ist das alljährliche Festival Interceltique de Lorient im August. Zehn Tage lang feiern Kelten aus ganz Europa ihre Kultur, musizieren von mittags bis Mitternacht,  lauschen den bretonischen  Bagad-Pipebands und treffen sich zum Fest-Noz bis in die frühen Morgenstunden.

Lorient: der Sportboothafen. Foto: Hilke Maunder

Die Stadt der fünf Häfen

In der Stadt der fünf Häfen – Fischerei-, Marine-, Passagier-, Handels- und Jachthafen – ist die  Seefahrt allgegenwärtig: Matrosen flanieren in Uniform, Männer in Gummihosen versteigern frühmorgens  in der Fischhalle  den Fang der Fischer, Freizeitkapitäne vertäuen ihre Jacht am Quai Rohan. Dann erinnert das Tuten eines Frachtschiffes, dass Lorient nach Brest der zweitgrößte Handelshafen der Bretagne ist.

Die alte Hauptverwaltung der Ostindischen Kompanie bildet das historische Herz des Hafens. Von der Marine für die Öffentlichkeit freigegeben sind der Tour de la Découverte, zu dem 225 Stufen hinauf führen, das Reservoir Cour Haut des Travaux Hydrauliques sowie Verwaltungsgebäude der Ostindischen Kompanie. 

Faszinierend ist auch die Base des Sous-Marins auf der Kéroman-Halbinsel. Mit seinen Großbunkern, 1942-43 von der deutschen Wehrmacht errichtet, war Lorient größter  aller U-Boot-Stützpunkte. Wurden anfangs die U-Boote noch aus dem Wasser gezogen und per Drehscheibe in die Bunker hinein gefahren, entstanden später Nassboxen mit schnellem  direkten  Zugang zum Meer.

Insgesamt konnten die Bunker zwischen der Pointe de Kéroman und der Mündung des Ter mehr als 40 Unterseeboote aufnehmen. Auf einem Teil der Anlage entstand bis 2008 die Cité de la Voile Éric Taberly als Trainingscenter der besten Skipper der Welt und spannendes Erlebnismuseum des Segelsports. 

Bei Lorient: Blick auf den Blavet vom Pont de Bonhomme. Foto: Hilke Maunder

Erlebnisreiche U-Boot-Basis

Als erstes Gebäude der  der U-Boot-Basis wurde die Tour Davis restauriert. In dem Simulator trainierten  ab 1942 deutsche U-Boot-Mannschaften, von 1953 bis 1995 französischen Marine-Soldaten, wie sie im Notfall ihr Boot verlassen konnten. Heute könnt ihr auf der U-Boo-Basis bei einem tollen Multimedia-Rundgang eintauchen in die Schlacht im Atlantik. Erlebt Untergänge und Rettungen von U-Boot-Besatzungen hautnah nach!

Und entdeckt  mit Filmen, Archivbildern, Modellen, Zeugnissen und außergewöhnlichen Objekten die Wracks von der Küste von Lorient. Rund 40 Boot kenterten dort während des Zweiten Weltkriegs oder wurden dort versenkt.

Früher lag auch das Forschungsschiff „Thalassa“ am Kai. 36 Jahre lang hatten zwölf Wissenschaftler im Auftrag des Institut Français de Recherche  pour l’Exploitation de la Mer (IFREMER) an Bord des Schiffes die Ozeane erforscht und  auf 250 Reisen fast 38 Mal die Erde umrundet. Ihre letzte Reise trat sie 2012 nach Le Havre an, wo sie verschrottet wurde. 

Danach könntet ihr vom Quai des Indes Bootsausflüge im Mündungstrichter des Blavet und der Reede von Lorient unternehmen, an der Gare Maritime das Wassertaxi Île de Groix nehmen – oder im Sommer mit dem  „Nautibus“ zum Nachtmarkt von Port-Louis schippern.

Port Louis: Zitadelle bei Ebbe. Foto: Hilke Maunder

Port-Louis: Mega-Museum & Strand

Am Ostufer der Mündung von Scorff und Blavet bewacht die mächtige Zitadelle von Port-Louis die Reede von Lorient. Die rechteckige Festungsanlage  und der Kanal, der sich bei Flut mit Wasser füllt, ließ im Jahr 1590 der spanische Ingenieur Christobal de Rojas errichten.

Da die Zitadelle auf einer Felsspitze mit wenig Erdreich erbaut wurde, mussten Gewölbe die Hochbauten abstützen – 15 unterirdische Räume entstanden so mit Platz für 2000 Mann.

Heute beherbergt die Zitadelle von Port-Louis zwei Museen. Das Musée National de la Marine zeigt in neun Räumen versunkene Schiffe und ihre Schätze, das Musee de la Compagnie des Indes lässt in 15 Räumen die Blütezeit des Seehandels wieder aufleben mit Gütern, die Europa besonders begehrte:  Stoffe aus Indien, Porzellan aus China und Gewürze aus Asien und Afrika.

Verborgen hinter der Festungsmauer erstreckt  sich seit 1837 der Grand Plage mit seinen langen Galerie rotgestrichener Badekabinen am groben Sandstrand, von dem aus der Blick hin zur Landzunge Gâvres und zum Seebad Larmor-Plage schweift. Ist es nicht wunderschön hier?

Port Louis: Umkleidekabinen am Grand Plage. Foto: Hilke Maunder

Die Hengste von Hennebont

Von Lorient aus ist es ein Katzensprung nach Hennebont am Unterlauf des Blavet. Bereits im 11.Jh. wurde die Stadt am Unterlauf des Blavet  befestigt (Hen pont = alte Brücke). Um 1250 folgte der Bau einer Wehrmauer, die sich bis heute vom Hafen zur Oberstadt erstreckt.

Einlass in die ummauerte Innenstadt gewährte die von zwei mächtigen Türmen flankierte Porte de Broërec’h. Das Stadttor, lange Zeit Gefängnis, zeigt heute in zehn Sälen bretonisches Mobiliar, Trachten, Fayencen, Modelle und Stiche. Die Place du Maréchal-Foch schmücken  Häuser des 16.-19.Jh. sowie ein Brunnen von 1623.

Crêpes für alle: die Crèperie „La Fleur du Blé“, 2-4 rue Edouard Herriot, in Hennebont. Foto: Hilke Maunder

„Mama, ich hab Hunger!“ Okay, keine Stadtführung mehr per Reiseführer, sondern hin zur La Fleur de Blé“, wo die Einheimischen sich mittags versorgen. Eine Bretonin brät dort an einem halben Dutzend Platten gleichzeitig die dünnen Pfannkuchen und füllt sie auf Wunsch süß oder salzig (2-4 rue Edouard Herriot, Tel. 02 97 85 57 70).

Köstlich gesättigt, geht’s weiter zum wohl berühmtesten Staatsgestüt der Bretagne, hin zum Haras National de Hennebont. Seit 1857 werden auf dem Gelände des ehemaligen Zisterzienserklosters La Joie-Notre-Dame einen Kilometer außerhalb der Stadt kräftige Kaltblüter – Bretonen  – und rassige Deckhengste  gezüchtet.  

Eine Einführung in die Geschichte des Pferdes vermittelt das Museum. Stallungen, Schmiede und Sattelkammer sind nur bei Führungen zugänglich.

Hennebont:Stallungen der Hengste im Landesgestüt. Foto: Hilke Maunder

Hautnah erleben: die Pferdezucht im Haras

Das Warten auf nächste Führung verkürzt im Haupthaus eine liebevoll zusammengestellte Ausstellung zur Geschichte des Nationalgestüts, Entwicklung der Reitkunst und mit der Reiterei verbundenen Berufen wie Sattler und Hufschmied, die auch vor Ort arbeiten.

Ungemein kundig, geistreich und sehr auf die vielen jungen Besucher eingestellt ist auch der Führer, mit dem es durch die Stallungen mit 60 berühmten französischen Zuchthengsten (Landbeschäler) geht. Die Stars des Gestüts sind jedoch nicht die eleganten Vollblüter, die im Hof ausgeritten werden, sondern pracht- wie kraftvolle Zugpferde: die Trait Bretons.

Hennebont: Hengste des Landesgestüts werden vor eine Kutsche gespannt. Foto: Hilke Maunder

Noch mehr Ziele 

Ecomusée des Forges d’Inzinzac-Lochrist

Bis zu 3.000 Mitarbeiter waren im Hüttenwerk der Brüder Trottier bei Hennebont von 1860 bis 1966 beschäftigt. Im ehemaligen Labor erzählen heute 18 Säle die Geschichte der Eisenverhüttung.

Larmor-Plage

Kerguélen, Locquetlats, Port-Maria, Toulhars: Die vier feinsandigen Sandstrände haben das ehemalige Fischerdorf  in ein beliebtes Seebad verwandelt. Der Parc Océanique de Kerguélen schützt auf 82ha Flora und Fauna der Dünen und Sümpfe, die sich hinter dem  gleichnamigen Strand erstrecken.   Jeden Sonntag Vormittag ducken sich rund um die wehrhafte Kirche Notre-Dame-de-la-Clarté aus dem 15./16. Jh. die Marktstände. Das Innere überrascht mit  bemalten Apostelstatuen (1506) in der nach Norden gelegenen Vorhalle und fünf Altarretabeln.

Und wer jetzt hinaus will aufs Meer, setzt mit dem Boot von Lorient zu dieser Insel über…

Île de Groix

Leicht geneigt, von Wind und Wasser geschliffen, liegt die 8×2,5 km große Insel Groix 15 km vor Lorient im Atlantik. An der wilden Westküste stürzen bis zu 40 Meter hohe Klippen ins Meer; den flachen Osten säumen Buchten und feinsandige Sandstrände wie der hellweiße Grands Sables und der rötlich leuchtende Sables Rouges. Das Inselinnere ist welliges Bauernland. Zwei Drittel der Insel stehen unter Naturschutz – bequem per Rad, reizvoll zu Fuß auf ausgeschilderten Wegen zu erkunden. Mehrere  Dolmen und der Menhir von Kermario zeugen von einer Besiedlung im Neolithikum.

Im 9. Jahrhundert war die Insel Vorposten der Wikinger, im Mittelalter im Besitz der Grafen von Rohan, zur Blütezeit der Ostindischen Kompanie Schutzschild für den Hafen von Lorient, ehe sie zum bedeutendsten Thunfischhafen Frankreichs  aufstieg.  Gefischt wurde mit Dundees, Kuttern mit bunten Segeln und Seitenstäben, um die Netze ins Meer zu lassen.  Heute leben die 2.800 Einwohner, die vorwiegend in den drei Orten Groix, Port Tudy und Locmaria wohnen, neben Fischfang und Ackerbau vom Tourismus.

Port-Tudy an der Nordküste ist heute Haupthafen der Insel. Früher war es Locmaria,  wo 1905  ein Wikingergrab entdeckt wurde. Die Funde sind im Ecomusée ausgestellt. In einer stillgelegten Konservenfabrik erinnert das Heimatmuseum  an die Blütezeit des Thunfischfanges.

Humor bewiesen einst die Fänger des Großfisches. Ein Hahn ist etwas für Bauern, dachten sich die Seeleute von Groix und setzten 1788 einen Thunfisch als Wetterfahne auf die Spitze ihres Kirchturms. Ebenfalls ein Highlight auf Groix: das Trou de l’Enfer – Wind und Wasser haben das 40 m tiefe „Höllenloch“ geschaffen, um das sich viele Legenden ranken.

Hennebont: Häuserzeile an der Place Foch. Foto: Hilke Maunder

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Das ganze Land

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