Lutetia: Auf den Spuren der Römer in Paris

Die Bains de Cluny im Musée de Cluny. Copyright: Alexandra Lebon / Alexis Paoli / Oppic, Pressebild Musée de Cluny

“Obelix, sieh mal“, ruft Asterix aus, als er von einer Anhöhe aus auf die Siedlung blickt. „Lutetia!“ „Ist das aber groß!“, antwortet staunend Obelix. Die beiden berühmten Gallier stehen im Asterix-Band Nr. 5 Die Goldene Sichel* auf der Montagne Sainte Geneviève. Aus 61 Meter Höhe blicken sie auf das Flüsschen Bivière, die damals noch den Hügel hinab floss und östlich einer Insel, der heutigen Île de la Cité, in die Seine mündete.

Das Keltendorf Lutetia

Die Bivière verschwand in der Kanalisation. Das Großdorf, das die Kelten im dritten Jahrhundert auf den Seine-Insel errichtet hatten, griff Caesars Legat Labienus im Jahr 52 vor Christus an. Die Einwohner Lutetias steckten daraufhin ihre Siedlung in Brand und brachen sämtliche Brücken ab.

Lutetia bestand damals nur aus einigen reetgedeckten Hütten aus Lehm und Holz. Ihre Bewohner vom Stamm der Parisii führten als Schiffer und Fischer ein bescheidenes Leben. Doch die Römer, die im Süden Frankreichs mit Arles und Nîmes bereits blühende Städte mit Tausenden von Einwohnern beherrschten, erkannten sofort die strategische Lage der Kelten-Siedlung auf der Insel im Herzen des fruchtbaren Pariser Beckens.

Die römische Südstadt

Die Römer siegten, bauten das gallorömische Lutetia auf der Insel wieder auf und errichteten am Südufer eine Garnison. Die Römer durchmischten sich zunächst wenig mit der einheimischen Bevölkerung. Ihre Neustadt erhielt das typische Raster römischer Straßenzüge.

Hauptachse waren der cardo, der in Nord-Südrichtung die im Norden von Paris gelegene Stadt Soissons (Augusta Suessionum) mit dem südlich gelegenen, von Kaiser Aurelian gegründeten Ort Orléans verband.

Römische Verkehrsachsen

Dem antiken Cardo folgen heute die Rue Faubourg Saint-Martin und die Rue Saint-Martin, die aus Norden die Île de la Cité erreichen. Als  Rue de la Cité wird er dort über den Vorplatz der Kathedrale Notre-Dame ans linke Seine-Seite weitergeführt.

Parallel zum Cardo verlief einst die Via Inferior, der heutige Boulevard Saint-Michel. Die Via Decumana in Ost-Westrichtung, wie sonst in Roms antiken Städten üblich, ersetzte in Paris die Seine als Schifffahrts- und Handelsachse.

Thermen und Tempel

Je mehr der Handel florierte, desto mehr repräsentative Bauten erhielt das römische Lutetia Parisiorum. Zwischen dem jetzigen Boulevard Saint Michel, der Rue Saint-Jacques und der Rue Cujas lag das römische Forum mit Podiumstempel, Gerichts- und Marktbasilika sowie Säulengängen mit Ladenreihen. Am Rande der Stadt wurde dem Volk im Amphitheater Arènes de Lutèce Unterhaltung geboten.

Der Ausbau endete gegen 250 nach Christus, als germanische Stämme verstärkt in Gallien eindrangen. Um 275 nach Christus erhielt die Île de la Cité daher einen Mauerring.

Mit dem Sieg Clodwig I. 486 bei Soissons über den römischen Feldherrn Syagrius fiel das Gebiet von Paris an die Franken. Inschriften von Grabsteinen aus jener Zeit verraten, das Lutetia gegen Ende des 3. Jahrhunderts erstmals Paris genannt wurde.

Die Spuren der Römer in Paris

Die Relikte der Römer bringen euch hin zu Stätten, die ihr sonst in Paris vermutlich nicht entdeckt hättet!

Pfeiler der Schiffer

1711 fanden Arbeite unter dem Chor der Kathedrale von Notre-Dame vier große, behauene Blöcke aus Kalkstein. In einem dieser Blöcke verriet eine Inschrift, dass die parisischen Schiffe während der Regierungszeit von Kaiser  Tiberius (14-37 n. Chr.) den Göttern ein Denkmal gewidmet hatten. 4,50 Meter hoch – ohne Sockel – war einst der Pfeiler, der heute im Musée de Cluny ausgestellt ist.

Der Pariser Nautenpfeiler ( pilier des nautes ) gilt als typisches Beispiel für den Synkretismus der gallorömischen Kultur. Römische und gallische Gottheiten sind auf der Steinstele friedlich vereint.

Jupiter als Reichsgott, Mars als Kriegsgott, Venus als mythologische Stammmutter des iulischen Kaiserhauses, Fortuna, die Dioskuren als Schutzgötter der Seefahrer, Mercurius als Gott der Reisenden sowie Vulcanus, der Ingenieurgott des Schiffsbaus. Die keltische Götterwelt war mit Castor und Pollux, Cernunnos, Smertrios, Esus und Tarvos Trigaranus, dem Stier mit den drei Kranichen, zahlreich vertreten.

Forum

In der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts nach Christus erhielt das antike Paris sein Forum. 182 mal 100 Meter groß, erstreckte es sich als langes, von einem Portikus umgebenes Rechteck in Ost-West-Richtung. Im Westen des Forums erhob sich einst ein Tempel. Die Ostseite begrenzte eine Basilika. Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte man ihre Überreste zwischen dem Boulevard St. Michel und der Rue St-Jacques.

Bäder

Lutetia hatte drei öffentliche Bäder. Besonders gut ist das nördliche Cluny-Bad aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts erhalten. Es erstreckte sich als rechteckiger, 100 x 65 Meter großer Bau unter der heutigen Rue Saint-Jacques, dem Boulevard Saint-Michel und dem Boulevard Saint-Germain. Seine Ruinen sind heute integriert in das Musée de Cluny.

Unter dem Collège de France befand sich an der Ecke Rue Saint-Jacques/Rue des Écoles die 75-80 x 68 Meter große Osttherme. Das kleinste und älteste Bad war die Nordtherme aus der Mitte des ersten Jahrhunderts nach Christus. Sie befand sich einst rund 50 Meter südlich des Forums. 1912 wurden ihre Überreste unter der Rue Gay-Lussac entdeckt.

Das Bad in der Therme war zu römischen Zeiten ein geselliges Vergnügen, das nach festem Ritual verlief und einige Zeit einnahm. Hatte man sich im Kaltebaderaum entkleidet, begann das Bad mit dem kühlsten Bad und steigerte sich langsam in der Temperatur.

Vom Frigidarium (Kaltbad) ging es in das Tepidarium (Laubad) und schließlich ins Caldarium (Warmbad). Anfangs musste man auf dem Rückweg alle Bäder erneut durchschreiten. Der Ringtyp des Cluny-Bades erlaubte, auf direktem Weg vom Warmbad zum Ankleideraum zu gehen.

Ihr Wasser erhielten die Thermen von Paris von einem Aquädukt, dessen Reste heute noch in Arcueil südlich von Paris erhalten sind. Das Frigidarium besaß ein mächtiges, 14,50 Meter hohes Kreuzgratgewölbe. Waffenbeladene Schiffsbuge tragen es. Archäologen sehen darin den Hinweis, dass die Zunft der Seine-Schiffer  vermutlich diese Therme gestiftet hat.

Tepidariurium und Caldarium wurden mit Warmluft beheizt. Für diese römische “Hypokaustenheizung” wurden Wasserbassins, Fußböden und Wände mit Heißluft bzw. Rauchgasen erwärmt wurden, die unter dem Fußboden durch Hohlräume zirkulierte.

Les Arènes. Foto: Hilke Maunder

Amphitheater

Beim Stadtumbau unter Baron Haussmann entdeckte der Archäologe und Architekt Théodore Vacquer im Jahr 1869 auf der Höhe der Rue Monge die Überreste der Arenen von Lutetia. Das Amphitheater stammt aus dem 1. Jahrhundert nach Christus. Damals war es noch nahezu intakt erhalten.

Doch Haussmann störten die alten Steine bei seiner Planung von Häuserblocks an der Westseite des Amphitheaters und ließ dort Störendes einfach abreißen. Die Wissenschaft protestierte. Doch Hausmann ließ sich nicht von seinem Vorhaben abbringen. Bereits im dritten Jahrhundert hatte man die Arenen beim Einfall der Barbaren als Steinbruch für die Anlage der Befestigungsmauern der Île de la Cité genutzt.

1917/18 wurde das Amphitheater restauriert. Seine Anlage verbindet Arena und Theater. Sein Oval war 53 x 47 Meter groß. Die Ränge der Arena wurden in die Hänge der Luticius-Hügels gebaut. Treppen und Gänge führten zu den Sitzplätzen der 36 Reihen. Mit  seinen 17.000 Sitzplätzen boten die Arenen fast der gesamten damaligen Bevölkerung Platz. Die 41 Meter breite Bühnenwand befand sich zur Talseite.

Theater

Kurz nach dem Bau der Nordtherme erhielt das römische Lutetia Parisiorum auch ein 72 x 49 Meter großes  Theater. Seine letzten Überreste befinden sich unter dem Lycée Saint-Louis zwischen der Rue Racine und dem Boulevard Saint-Michel.

Das römische Paris: meine Tipps

Schlafen

Hotel Lutetia

Der Belle-Époque-Palast erinnert mit seinem Namen an die römischen Wurzeln von Paris.
• 45,  Boulevard Raspail, 75006 Paris, Tel. 01 49 54 46 00, www.lutetia-paris.com

Gegenüber vom Bon Marché: das Hôtel Lutetia. Foto: Hilke Maunder
Hôtel Lutetia. Foto: Hilke Maunder

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