Lyon Confluence: aufregend modern!
Auf der dreieckigen Südspitze der Perrache-Halbinsel zwischen Saône und Rhône, vor der Millenniumswende ein Brachland von Industrie, Hafen und der Bahn, baut Lyon bis 2030 auf 150 Hektar ein neues Stadtviertel: La Confluence, der Zusammenfluss.
Ein kleiner Schlenker von der ViaRhôna, geschwind über die neue Brücke, und schon seid ihr dort, wo sich Lyon mitten im Zentrum neu erfindet! An der Spitze, wo Kopfstein und Schienen langsam in den Fluten versinken, könnt ihr euch mit euren Füßen in beide Flüsse stellen. Links fließt die hellere, oft milchig smaragdgrüne oder türkisfarbene Rhône flott vorbei, rechts die behäbigere, meist dunklere Saône.

Spitzen-Museum
Wenn ihr nicht flussabwärts schaut, sondern euch umdreht, seht ihr direkt auf das Wahrzeichen des Viertels: Le Musée des Confluences. Als Wolke aus Glas und Beton setzte das österreichische Architekturbüro Coop Himmelb(l)au das Museum in dekonstruktivistischer Architektur an die Landspitze der Halbinsel. Wolf D. Prix und Helmut Swiczinsky gründeten 1968 ihre Coop Himmelb(l)au in Wien. Der ungewöhnliche Name ihres Büros ist ein Wortspiel.
Es sei, so Prix, eine doppelte Anspielung: zum einen auf die Farbe Blau (blau) und die Tätigkeit Bau, zum anderen auch, dass beide Dinge, Bau wie Blau, im Himmel verankert seien. Zu den bekanntesten Bauten des Büros gehören die BMW Welt in München, das UFA-Filmzentrum in Dresden und der Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main. In Frankreich ist das Museum der erste Referenzbau von Coop Himmelb(l)au.
Im Innern widmet sich die Dauerausstellung den Träumen und Grundfragen der Menschheit in Zeit und Raum mit mehr als zwei Millionen Exponaten. Seit Beginn der Zivilisationen gründet sich die Menschheit auf Treffen, Begegnen, Austauschen und Teilen. Dieses Erbe erhält und vermittelt das Museum mit Natur- und Geisteswissenschaften sowie Technik.
Die 3.300 Quadratmeter große Dauerausstellung in vier Sälen entführt euch in eine Zeitreise in vier Kapiteln:
- Ursprünge, die Erzählungen der Welt
- Gesellschaften, das Theater der Menschen
- Menschen, Teil des Lebenden
- Ewigkeiten, Bilder des Jenseits
Eine zweite Etage bietet auf 2.700 Quadratmetern Raum für vier bis sechs Sonderausstellungen pro Jahr, digitale Ressourcen und museografische Experimente im Muséolab.
Confluence: ein Viertel für alle
Auch die Architektur des neuen In-Viertels von Lyon spiegelt Antworten auf diese Fragen wider. Überraschend, bunt, spannungsreich. Wie die HafenCity Hamburg vereint La Confluence Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Kultur vor Ort.
Fest in den Masterplänen verankert wurde ein bunter Mix aller Einkommens- und Altersklassen. Neben Büros und Geschäften sahen sie auch Sozialwohnungen, Mehrgenerationenhäuser, Passivenergiebauten und Luxusappartements für insgesamt 20.000 Bewohner vor.
Zwei Masterpläne für La Confluence
Für den ersten Masterplan von Lyon-La Confluence arbeiteten ab 2003 die Stadt Lyon und die städtische Entwicklungsunternehmen SPLA Confluence mit François Grether als Masterplan-Architekt und Michel Desvigne als Landschaftsarchitekt zusammen. Das Projekt wurde 1995 von der Stadt Lyon initiiert. 2003 begannen die Arbeiten. Die Rehabilitierung von La Sucrière übernahm 2011 William Vassal von Z Architecture.
2009 gewannen die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron den Wettbewerb für den Masterplan Lyon Confluence 2. Sie verewigen sich in La Confluence als Stadtplaner des zweiten Abschnitts der östlichen Spitze der Halbinsel.
Der erste Abschnitt der Phase 2 ist der Îlot A3 mit acht Gebäuden, die Icade als Bauherr entwickelt, während Herzog & de Meuron als chef d’Îlot die Leitung übernahm. Innerhalb dieses Masterplans koordinierte David Chipperfield Architects drei Baufelder mit elf Gebäuden, wobei Chipperfield selbst drei Gebäude entwarf, sprich eines in jedem Block.
Shopping in La Confluence
Als kommerzielles Herz des neuen Viertels entstand am zentralen Wasserbecken das riesige Einkaufszentrum Confluence. 2001 begannen die Planungen für den Bau. 2007 wurde der Grundstein gelegt. Bei der Gestaltung ließ sich der Architekt Jean-Paul Viguier stark von der Welt der Meere und der Boote inspirieren. Am 4. April 2012 wurde der Shoppingtempel eröffnet.
Drinnen birgt er neben Geschäften und Restaurants auch ein UGC-Multiplex-Kino mit 14 Sälen, eine Kletterwand, einen Parkplatz mit 1.400 Stellplätzen und ein Hotel mit 150 Zimmern. 800 Arbeitsplätze entstanden. Mitten durch das Einkaufszentrum führt die Bahnlinie der Strecke Lyon-Perrache – Saint-Étienne – der Shoppingkomplex wurde spektakulär um die bestehende Bahnbrücke herumgebaut. Ebenfalls bereits fertiggestellt ist das Design-Zentrum von La Confluence.
Die von ADR Architectes und Georges Descombes gestaltete Place Nautique holt seit 2010 als 340 Meter langes Bassin mit 30 Liegeplätzen die Saône ins Quartier. Die beiden 40 bis 70 Meter entfernten Ufer des Wasserplatzes überspannt mit Holz und Stahl eine Fußgängerbrücke. Terrassiert angelegte Steinbänke säumen den Kai, Cafés und Restaurants laden zum Verweilen ein.
Arbeiten, lernen & erleben

Rund 22.000 Arbeitsplätze sollen die Firmenzentralen von Großunternehmen wie Engie oder Banque de France, Büros von Kreativindustrien sowie Dienstleister, Einzelhandel und Gastronomie schaffen. Für den Campus der Université catholique de Lyon wurde das alte Gefängnis von Saint-Joseph nachhaltig umgebaut.

Mehr als ein Fünftel von La Confluence – 35 Hektar – sind für Grünflächen vorgesehen, die die Natur in die Stadt holen: Wälder und Wiesen statt Alleen und Parks. Ein wichtiges Gestaltungselement ist schließlich auch das Wasser. Sämtliche Wasserflächen, die neu angelegt wurden, haben zugleich mehrfachen praktischen Nutzen. Sie dienen nicht nur als Feuerlöschteiche, sondern auch als wichtige Instrumente, um das Stadtklima positiv zu beeinflussen, Wärmeinseln zu vermeiden und Temperaturen auszugleichen.
Die Hausboote der Sâone
Wer in Hausbooten und umgebauten Lastkähnen am Saône-Ufer wohnte, behielt seinen Liegeplatz. Alt und neu, Erbe und Aufbruch: Das sorgt für Atmosphäre, bringt schon heute Besucher und Leben ins Viertel.
Architektur-Ikonen am Saône-Ufer
Von 2003 bis 2015 verwandelte sich auf 41 Hektar das Saône-Ufer. Namhafte Architekten haben hier Ikonen der Architektur geschaffen. Lyon Island , 2005-2010 von Massimiliano und Doriana Fuksas an den Quai Antoine Riboud gesetzt, birgt 303 Wohnungen über Geschäften im Erdgeschoss. Die „Insel“ besteht aus zwölf gestapelten Baukörpern mit Edelstahlfassade, die je nach Licht und Himmel changiert – sie soll an Container auf einem Hafenkai erinnern.
Ebenfalls am Quai Antoine Ribaud erhebt sich Le Monolithe von Winy Maas, Jacob van Rijs und Nathalie de Vries als ein gigantischer Block mit Eigentums-, Miet-, Sozial- und Ferienwohnungen, Einzelhandel und Büros. Zur Wasserzeichen erhielt der Komplex eine Aluminiumfassade, die sich in den Fluten spiegelt.

Der anschließende Quai Rambaud hat sich als Gastro- und Ausgehmeile etabliert. Im Erdgeschoss des von Jean-Michel Wilmotte umgestalteten Zollgebäudes Pavillon des Douanes residiert das italienische Ristorante Fratelli. Die angesagte Restaurant-Bar Docks 40 unterhält donnerstags bis sonnabends mit Live-Musik und DJs bis zum Morgengrauen. Den Auftakt der Architektur-Ikonen am Quai Rambaud bildet La Mimolette, wie der Orange Cube (2011) von Jakob + MacFarlane im Volksmund genannt wird.


Den orangefarbenen Kubus überzieht eine Haut aus orangefarbenen Aluminium-Maschen. Das Luftblasen-Muster durchstößt im Nordosten ein riesiger, kegelförmiger Patio. Drinnen birgt der Bau auf fünf Etagen und 6.300 Quadratmetern den Stammsitz der Immobiliengruppe Cardinal und einen Showroom von RBC Mobilier mit zeitgenössischen Möbeln. Die giftgrüne Haut des Cube Vert von Jakob + MacFarlane, erbaut von 2006 bis 2013, durchlöchern zwei große Kegel. Bis Ende 2024 befand sich hier die Hauptredaktion von Euronews. Seit ihrem Umzug nach Brüssel sind heute nur noch eine Handvoll Mitarbeitende hier für Euronews tätig.


2011 verwandelte William Vassal von Z Architecture die 1930 erbauten und 1960 erweiterten Zuckersilos zum Ausstellungszentrum La Sucrière um. Seit 2003 zeigt es die Biennale d’art contemporain.

Daneben setzte Rudy Ricciotti, der bereits in Marseille mit dem MuCEM aufregende Architektur von heute geschaffen hatte, im Jahr 2016 seinen Pavillon 52 an den Quai Rambaud 52. Wie in Marseille ist auch hier der Betonkörper verkleidet, diesmal jedoch nicht wie beim MUuCEM mit einer arabisch inspirierten mashrabiya, sondern mit einer mantille aus 16 Kilometern horizontaler Betonlamellen aus hochfestem Beton ( BFUP – Béton à Fibres Ultra-Performants ).

Der 7.500 Quadratmeter große Block mit sieben Etagen birgt das Hauptquartier der Acies Consulting Group, 754 Quadratmeter Einzelhandel im Erdgeschoss und die 600 Quadratmeter große Panoramaterrasse Rooftop 52 mit Blick auf Saône und Rhône Nr. 59 a am Quai Rambaud gestaltete die Pariser Architektin Odile Decq vom Studio Odile Decq. Ihr Pavillon 8 säumt mit seiner leicht grünlichen Glasfassade und roten Hinguckern die Saône-Kurve.

Vor der Tunnelunterführung zur Spitze besitzt der kleine Jardin Gabriel Rosset auch eine kleine Street Workout-Anlage mit Sportgeräten, auf denen junge Männer gerne ihre Muskeln stählen und auf Instagram verewigen – so wie Solal_BZH, der unter diesem Namen seine akrobatischen Turn-Videos auch auf YouTube zeigt.

Das neue Rhône-Ufer
Neugestaltet wurde auch das Rhône-Ufer. 2011 eröffnete hier das Hôtel de Région Auvergne-Rhône-Alpes von Christian de Portzamparc. Der Verwaltungssitz birgt 45.000 Quadratmeter Nutzfläche hinter seiner 128 Meter langen Fassade. Mit einer großzügigen Verglasung und der Verwendung von warmen Materialien wie Terrakotta für die Außen- und Holz für die Innenverkleidung wollte der Pritzker-Preisträger Portzamparc die Monumentalität des Baus mildern. Trotz dieser gestalterischen Kniffe wirkt der Bau immer noch sehr massiv.
Sehr licht hingegen zeigt sich das Lumen, das am Internationalen Tag des Lichts 2022 eingeweiht wurde. Drinnen birgt Europas erster Licht-Hub auf 6.000 Quadratmetern und neun Etagen hinter seiner komplett verglasten Fassade das Cluster Lumière mit rund 50 Unternehmen der Lyoner Lichtindustrie zusammen. Entworfen wurde das Lumen von Samuel Delmas, Wonderfulight gestaltete das Lichtkonzept.
Imagewandel im Quartier Sainte-Blandine
Bagger und Baukräne prägen auch noch das Bild vom Quartier Sainte-Blandine, das bis 2030 auf 70 Hektar revitalisiert wird, u.a. mit einer energetische Sanierung und Aufwertung des vorhandenen Wohnbestandes. La Confluence beweist eindrucksvoll: Lyon verwaltet seine reiche Geschichte nicht nur – hier am Zusammenfluss von Saône und Rhône wird sie mutig und visionär in die Zukunft verlängert.
Hier könnt ihr schlafen*

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