Marais Audomarois: Nordfrankreichs grünes Labyrinth
Kopfweiden säumen verschlungene Kanäle: Der 3.726 Hektar große Marais Audomarois bei Saint-Omer ist der Spreewald von Nordfrankreich. Als Teil des Parc naturel régional des Caps et Marais d’Opale erstreckt sich dieses grüne Labyrinth im Département Pas-de-Calais als letzter verbliebener Gemüsepolder Frankreichs. 2013 hat die UNESCO das weitere Umland dieser eigentümlichen Sumpflandschaft auf 22.530 Hektar als Biosphärenreservat anerkannt.
Torfmoore und Wiesen wechseln sich ab mit Gräben, Flüssen und Seen, die breite Schilfgürtel einrahmen. Die Schwanenblume (Butomus umbellatus), der Zungen-Hahnenfuß (Ranunculus lingua) und der Sumpffarn (Thelypteris palustris) gedeihen hier. Zwischen der Unterwasser- und Schwimmvegetation verstecken sich auch einige vom Aussterben gefährdete Arten. Wasserschierling (Cicuta virosa) und falsche Aloe (Stratiotes aloides): Hier könnt ihr sie noch sehen.
Insgesamt beherbergt der Marais Audomarois etwa ein Drittel aller in Frankreich vorkommenden Wasserpflanzenarten! Die Vielfalt der Flora lockt die Vögel an. Besonders Zugvögel rasten hier gerne. Seggenrohr-, Schilfrohr- und Teichrohrsänger sowie Blaukehlchen finden im Marais Audomarois Nahrung und Ruhe.
Marais Audomarois: Biodiversität in Zahlen
- 1.600 bis fast 2.000 Arten (Pflanzen, Tiere, Pilze)
- Vögel: ca. 230–239 Arten, davon mehr als 100 Brutarten; viele zeigen Bestandsrückgänge von 30–50%.
- Pflanzen: mehr als 400 Arten von Blütenpflanzen, davon rund 100 selten bis außergewöhnlich für die Region und mindestens 25 geschützt.
- Fledermäuse: 13–17 Arten, darunter der Vespertilion des marais (Myotis dasycneme), die seltenste Fledermaus Frankreichs, die hier regelmäßig brütet.
- Fische: 26–29 Arten, u. a. der stark gefährdete Europäische Aal (Anguilla anguilla).
Seichte Wasserstraßen durchziehen dieses amphibische Paradies. 700 Kilometer sind sie insgesamt lang, 170 Kilometer nur sind davon schiffbar. Auf ihnen schippern bis heute die Bauern zu den einzelnen Parzellen, den sogenannten lègres. 13.000 sollen es sein, die sich auf mehrere tausend Privatbesitzer verteilen – rund 90 Prozent des Marais Audomarois sind in privater Hand.

Die Étangs du Romelaëre
Das Herz des Marais Audomarois schützt seit 2008 das Nationalreservat Frankreichs: die Étangs du Romelaëre, die das Infozentrum Grange Nature von Clairmarais kostenlos vorstellt. Und danach einlädt, auf dem 5,5 Kilometer langen Rundweg La Cuvette tiefer in die amphibische Landschaft einzutauchen.
Die Teiche entstanden durch den intensiven Abbau von Torf im 18. und 19. Jahrhundert, der als Heizmaterial diente. Nach dem Ende des Torfabbaus füllten sich die Gruben mit Wasser und entwickelte sich rasch zu einem Rückzugsort für seltene Arten. Und fleischfressende! In den moorigen Abschnitten des Romelaëre gedeiht der Mittlere Sonnentau (Drosera intermedia) sowie der Kleine Wasserschlauch (Utricularia minor), eine Unterwasserpflanze, die winzige Krebstiere fängt.

Die Krebsschere (Stratiotes aloides), im Französischen auch Faux-aloès genannt, ist essenziell für die seltene Grüne Mosaikjungfer. Diese Libellenart legt ihre Eier fast ausschließlich in deren Blättern ab. Im Sommer erobern Seerosen und ihre kleinere Schwester, die Seekanne, die Wasseroberfläche und bedecken sie fast vollständig mit einem blühenden Teppich.
Mit ihrer intakten Natur sind die Étangs du Romelaëre ein Hotspot fürs Birding. Im dichten Röhricht ertönt im Frühjahr der tief dröhnende Ruf der Rohrdommel – eine der seltensten Reiherarten Europas. Eisvögel schießen wie ein türkisblauer Pfeil über die Wasseroberfläche, Rohrweihen segeln elegant über den Schilfgürteln. Stundenlang könnt ihr diesem Schauspiel in speziell angelegte Beobachtungshütten zuschauen, ohne die scheuen Bewohner des Marais zu stören.
Von Mönchen trockengelegt
Ursprünglich erstreckte sich hier ein großes Sumpfgebiet – ähnlich wie im Marais Poitevin, in der Brière, in der Camargue oder bei den Hortillonnages von Amiens. Und ähnlich wie in den anderen Sümpfen, waren es auch hier die Mönchen der umliegenden Abteien, die im 9. Jahrhundert das Feuchtgebiet eindeichten und entwässerten.
Besonders aktiv waren die Mönche der Abteien Saint‑Bertin und Clairmarais. Sie leiteten Wasser der Aa über Kanäle wie die Basse‑Meldyck und Haute‑Meldyck um. Ab dem 12. Jahrhundert wurde das Moor schrittweise kultiviert, und die örtlichen Bauern legten ihre Parzellen an. Brouckaillers wurden sie schon bald genannt – vom flämischen brouck für Sumpf. Auch viele Orts‑ und Gewässernamen haben flämischen Ursprung, beispielsweise ‑wart, ‑waert und ‑faert von vaert = Kanal. 1786 begann die große mise en casier – die Aufteilung in hydraulische Kaskaden von Parzellen.
13.000 Parzellen
Die 13.000 Parzellen in den 15 Gemeinden des Marais Audomarois sind nicht einfach nur Felder am Wasser, sondern funktionieren wie kleine, hydraulisch vernetzte Inseln. Jede Parzelle ist von schmalen Gräben umgeben, den sogenannten watergangs, die das überschüssige Regen- und Grundwasser aufnehmen. Diese Gräben münden in größere Hauptkanäle, die wateringues, welche ihrerseits über Schleusen, Stauwehre und Schöpfwerke mit den natürlichen Flüssen wie der Aa verbunden sind.

Treppen aus fließendem Wasser
Das Wasser fließt in mehreren Stufen ab – von der Parzelle in den umgebenden Graben, von dort in die nächstgrößere Wasserader und schließlich über regulierte Öffnungen in den Fluss. Jede Ebene dieses Systems liegt minimal tiefer als die vorherige, sodass das Wasser gewissermaßen eine Treppe hinabfließt – eine hydraulische Kaskade.
In Trockenphasen kann dieser Prozess umgekehrt werden: Wasser wird aus den Flüssen zurück in die Kanäle und bei Bedarf auf die Felder geleitet. Dieses mehrstufige System erfüllt gleich mehrere Aufgaben zugleich. Es hält die Parzellen trocken genug für den Gemüseanbau, sichert die Bewässerung in heißen Sommern, ermöglicht die Schifffahrt für die traditionellen Arbeitsboote der maraîchers und schützt das Gebiet bei Hochwasser, indem die Schleusentore geschlossen werden können.
Ohne dieses präzise abgestimmte Netzwerk aus Gräben, Kanälen und Schleusen wäre der Gemüseanbau im Marais Audomarois unmöglich – es ist das unsichtbare Herzstück dieser jahrhundertealte Kulturlandschaft. 1866 war das Wassermanagement vollendet. Seitdem ist das Marais Audomarois ein technisch hochorganisierter Gemüsepolder. 24 geschlossene hydraulische casiers mit fast 800 Hektar zeigen, wie fein dieses System justiert ist.
Alltag auf und am Wasser
Die ungewöhnliche Topografie prägt bis heute Alltag und Arbeit. Wer hier lebt, denkt das Wasser immer mit. Man wohnt in langgestreckten, flachen Häusern (maisons basses) am Kanal, überquert sie auf Fußgängerbrücken (passerelles), hat am Ufer seinen Kahn vertäut und bedient die Stauwehre (portes à crémone) wie einst per Hand. Und nur hier bringt der Postbote Briefe und Pakete immer per Boot – der einzige und letzte seiner Art in Frankreich!

Die Hexe der Sümpfe
Das Wasser ringsum hat zahlreiche Sagen und Märchen geprägt. Besonders berühmt wurde Marie Grouette, auch Marie Groët – die „Hexe der Sümpfe“. Seit dem 11. Jahrhundert soll sie in den Gewässern des Marais Audomarois hausen. Der Legende nach war sie einst ein wunderschönes Mädchen, das von einem elfenhaften Frosch oder einem Scherzgeist ins Wasser gezogen wurde. Aus Rache zieht sie seitdem ungehorsame Kinder mit einer vierzackigen Harke oder Kralle, dem groët, in die Tiefe.
Marie Grouette saque les éfants, au fond de liau, aveucque sin groët, qualle a toudis dins smain.
Wie tief sie im kollektiven Gedächtnis präsent ist, könnt ihr in Arques sehen, wo sie zur vollen Stunde aus einem Turm heraustritt, um Kinder davon abzuhalten, zu dicht ans Wasser zu gehen. Und auch beim nächtlichen Bootskorso von Saint‑Omer könnt ihr sie bewundern. Mehr über die Hexe der Sümpfe erfahrt ihr in der Maison du Marais in Saint-Martin-au-Laërt bei Saint-Omer.
Stakend durchs Grün
Das grüne Labyrinth könnt ihr am besten per Boot entdecken. Geführte Touren und Leihboote gibt es in Saint-Martin-au-Laërt, Nieurlet, Salperwick und auch in Clairmarais, wo die Gemüsebauern ihre frische Ware vom Boot aus am Kai verkaufen. Dabei kommen zwei traditionelle Holzbootstypen zum Einsatz: die bacôve, ein bis zu 9,50 Meter langes, flaches Arbeitsboot, mit dem früher Werkzeuge, Ernten und sogar Vieh transportiert wurden, und die escute, eine kleinere, wendigere Variante für den täglichen Weg zur Parzelle. Beide Bootstypen werden bis heute aus Eiche gebaut, mit flachem Boden und Klinkerbeplankung, hier und da gibt es auch Boote aus Metall oder Kunststoff.
Gemüseland mit alten Sorten
Wie seit Jahrhunderten im Moorland Blumenkohl, Artischocken, Chicorée, Kresse, Sellerie und Kartoffeln angebaut werden, und welche 400 Pflanzen- und 230 Vogelarten hier ihre Heimat haben, verrät bei Saint-Omer die Maison du Marais mit Ausstellungen, Workshops und Führungen. Besonders stolz sind die hiesigen maraîchers – rund 30 Familien bestellen hier 400 Hektar mit Gemüse – auf ihre lokalen Spezialitäten wie den Chou-fleur de Tilques, eine als IGP geschützte alte Blumenkohlsorte, den Porree Leblanc und Karotten.
Viele Erzeuger verkaufen direkt ab Hof. Für große Artischocken pilgern die Einheimischen zu Sylvain und Laurent Dewalle von der GAEC de la Petite Mer in Saint-Omer. Réginale Devienne von La Tilquoise in Serques ist ein Karottenbauer, der für seine Wurzeln die Goldmedaille der Region Hauts-de-France erhalten hat. Samstags lädt der traditionelle Wochenmarkt in Saint-Omer zum Stöbern ein, und in den Sommermonaten finden regelmäßig stimmungsvolle Märkte direkt am Ufer der Kanäle (marchés au bord de l’eau) statt, auf denen die Ernte frischer kaum sein könnte.
In den Sommern 2025 und 2026 sorgten Dürrewarnungen und Bewässerungsbeschränkungen für Sorgenfalten bei den brouckailliers. Zeitweise wurden Teile des Marais Audomarois sogar in alerte renforcée bis hin zum Krisenstatus eingestuft.Für die Gemüsebauern bedeutet das: mehr Konkurrenz um Wasser zwischen Landwirtschaft, Trinkwasserversorgung und Naturschutz. 2026 dokumentiert der WMO‑Wasserbericht für Europa sinkende Grundwasserstände und geringere Flussabflüsse – Trends, die auch den Marais Audomarois langfristig unter Druck setzen.
Marais Audomarois: meine Reisetipps
Schlemmen und genießen
Auberge de Booneghem
Beliebter Landgasthof im Herzen des Marais Audomarois. Star der Karte ist der Welsh, ein Brotauflauf mit ein mit viel Käse, Bier und oft Schinken und Ei. Die nordfranzösische Variante des britischen Welsh Rarebit ist ein sehr deftiges, sättigendes Essen, das die Einheimischen lieben!
• 114, route de Booneghem, 59143 Nieurlet, Tel. 03 21 88 28 50, www.auberge-booneghem.com
La Bodega
Guinguette mit Tapas, Goudale-Bier und Live-Musik am Canal de Neufossé.
• 128, rue d’Alsace, 62510 Arques, Tel. 06 61 50 68 80, https://labodega-arques.fr
La Baguernette
• 3, rue du Marais, 62500 Clairmarais, Tel. 03 21 39 33 92,
Nicht verpassen
La Coupole
Fünf Kilometer außerhalb von Saint-Omer erhebt sich eine riesige Betonkuppel aus dem Grün: La Coupole, 1943/44 von der Wehrmacht als Abschussrampe für V2-Raketen auf London erbaut. Heute erinnert La Coupole als Zentrum für Geschichte und Erinnerung und Mahnmal der Deportierten mit zwei Dauerausstellungen an die deutsche Besetzung Nordfrankreichs und den Vorläufer heutiger Raketen, die längst das All erobert haben – live zu erleben im „Planetarium“, dem 3D-Kino des Museums.
• Rue André Clabaux, 62570 Wizernes, Tel. 03 21 12 27 27, www.lacoupole-france.com
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