Drei Lieblings-Bücher

In loser Folge möchte ich euch immer wieder Lieblings-Bücher vorstellen, die ich gerade verschlungen habe – auf Französisch (die Titel gibt mittlerweile auch in deutscher Übersetzung) und das auf Deutsch erschienen Werk von Jean Mattern.

Lesevergnügen für Genießer

Pierre Arthens ist Gastronomiekritiker, sieht sich als „Herr und Meister der bedeutendsten Tafeln Frankreichs“ , immer auf der Suche nach neuen Genüssen und Geschmäckern, und doch trotz aller sinnlichen Eindrücke: unbefriedigt. Als ihm sein Arzt eröffnet, er habe nur noch 48 Stunden zu leben – Leber und Galle seien gesund, sein Herz indes insuffizient – begibt er sich auf eine Gedankenreise durch die Vergangenheit.

Was ihn antreibt, ist die Suche nach der Quell seiner inneren Leere – und einem verloren Geschmack der Kindheit aus der heimeligen Küche seiner Großmutter. Und während Pierre durch Erinnerungen und Gefühlswelten reist, kommen abwechselnd seine Mitmenschen zu Wort: seine Kinder Laura und Jean, die nach einem Fünkchen Liebe von ihm hungerten, seine Frau Anne, die ihn selbstquälerisch liebt, die Concierge und vermeintliche Freunde.

Kurzum: ein ungewöhnliches Lesevergnügen für Feinschmecker, bitter-sweet, poetisch und packend geschrieben, dass ich den schmalen Roman bis zum letzten Happen, pardon, letzten Satz, nicht aus der Hand legen konnte.

Une Gourmandise, Gallimard, 2000. Auf Deutsch: Die letzte Delikatesse, Deutscher Taschenbuch Verlag, Mai 2009, ISBN 978-3-423-13759-1

Wer mehr über den Literaturstar lesen will, der vor dem Rummel in Europa nach Kyoto geflüchtet ist, sollte ihr Weblog lesen: http://muriel.barbery.net

Esst mich!

Myriam ist am Scheideweg ihres Leben, müde, sich immer selbst zu belügen, müde, immer Opfer zu sein, sich verstellen zu müssen, Mutterliebe heucheln zu müssen, wo nur innere Leere ist. Erst  mit ihrem Restaurant „Chez Moi“ findet sie zu sich – und eine neue Liebe. Mit „Mangez-moi“ hat Agnès Desarthe, Jahrgang 1966, die Irr- und Abwege, Schwierigkeiten und Erfolge auf dem Wege der Selbstfindung in eine Parabel gepackt, die vom ersten bis zum letzten Wort höchst lesenswert ist – 280 Seiten lang.

Mangez-moi, Éditions de l’Olivier 2006, ISBN 2879295319, dt.: Mein hungriges Herz, Knaur Verlag 2008, ISBN 3426197707

Erstlingswerk mit Tiefgang

Für viele seiner Kritiker ist Jean Matterns Erstlingswerk Erleuchtung im Kiraly-Bad ein Buch ohne Anfang und Ende, ohne Tiefgang, Schauplätzen und Atmosphäre, angefüllt von blassen Figuren und einem regressiven Ich-Erzähler, dem es nicht gelingt, die Fülle der im Buch aufgegriffenen Themen –Verlust von Heimat, Verdrängung, innere Leere –  zu einem fesselnden Stück Literatur zu verbinden. Ob es stimmt? Davon wollte ich mich selber überzeugen.

Der Inhalt ist schnell erzählt:  Gabriel, ein etwa dreißigjähriger Übersetzer, wohnhaft in London, durchlebt eine Sinnkrise. Aufgewachsen in der französischen Provinz als Sohn einer ungarisch-jüdischen Einwandererfamilie, ist er dem stummen Zuhause entflohen: stumm, was die Herkunft, das Schicksal der Vorfahren, aber auch, was den Unfalltod der Schwester betrifft, der seitdem das Leben im Elternhaus vrdunkelt hat.

Fluchtpunkt wird ein fremdes Land, eine fremde Sprache: London und das Englische. Dort heiratet er, wird Vater, ist scheinbar glücklich – bis er zu einem Übersetzerkolloquium nach Budapestfährt. Auf dem jüdischen Friedhof entdeckt er die Gräber seiner Familie. In den Dämpfen des Király-Bads erkennt er: Man kann seiner Vergangenheit nicht entfliehen, auch nicht, wenn sie totgeschwiegen wird.

Für mich jedoch ist gerade die schnörkellose Sprache des Erzählers, die eher chronistische Berichterstattung ein Spiegel der inneren Leere und des wachsenden Drucks, der sich in Budapest entlädt: Zurück an den Wurzeln seiner Herkunft, bricht sein Lebensgebäude zusammen und löst sich in den Dämpfen des Király-Bades auf. Für alle, die nicht nur gerne Unterhaltendes lesen, sondern auch Nachdenkliches, kann ich Jean Matterns Debüt nur empfehlen. Mattern, Jahrgang 1965, arbeitet sonst als Verlagslektor in Paris.

Jean Mattern, Les Bain de Király, Sabine Wespieser 2008, dt: Im Kiraly-Bad, Insel 2010, ISBN 3458174664

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