Hütten-Glück: La Ferme de Lormay

Dort, wo der Bouchet noch als junger Bach zu Füßen des Aravis-Massivs plätschert, empfängt mich Albert Bonamy – die blaue Schürze vor das Hemd gebunden, das genauso grau ist wie seine wenige Haare auf dem Haupt und den deutlich fülligeren, aber sauber gestutzten Bart.

„Bienvenue, kommen Sie rein!“ Albert öffnet eine alte Holztür, und für Sekunden müssen sich meine Augen nach dem hellen Schnee draußen erst einmal an das schummrige Licht der Bauernstube gewöhnen. Im Kamin flackert das Feuer, auf den wenigen Tischen brennen Kerzen.

„Mein kleines Paradies“, sagt Albert. Der hagere Mann aus dem Beaujolais hatte Jahrzehnte lang für bekannte Köche wie Roger Douillet von La Table des Dombes oder Jean Tiffenat in L’Abbaye de Talloires gearbeitet, ehe er sich mit der Hofstelle La Ferme de Lormay oberhalb von Le Grand Bornand seinen Lebenstraum erfüllte. Den einstigen Stall verwandelte Albert in eine moderne Küche, in der Edelstahl blitzt und funkelt, und nichts mehr an die einstige Alm erinnert.

Ganz anders jedoch der alte Wohnbereich. E birgt heute zwei kleine Speisezimmer mit sieben Tischen. Wie einst ist alles mit Holz eingerichtet; Töpferwaren aus dem Tal sind die einzige Dekoration. Durch kleine Fenster blicke ich auf eine mit Schneehauben betupfte Landschaft. „Heute Abend gibt es Hirsch – ich habe ihn selbst erlegt!“, unterbricht der 64-Jährige mein träumerisches Schauen.

„Sie mögen das doch hoffentlich? Oder lieber doch ein Côte de Bœuf, ein Kotelett vom Angusrind?“ Hinter Albert schüttelt Colette fast unmerklich den Kopf, entkorkt eine Flasche und stellt sie mit einem Krug Quellwasser auf den Tisch.

„Mondeuse 2012, Arbin, Savoie“ verrät das Etikett. Eine alte, autochtone Sorten aus Savoyen, von der Reblaus fast gekillt, doch seit einigen Jahren voll im Trend. Gewachsenen auf schwarzen Böden, kraftvoll, beerig, tiefrot – ein Traum im Glas. Albert holt die Hirschsteaks, Colette Kartoffeln und Gemüse.

Zum Nachtisch bittet Albert seine Gäste an einen langen Holztisch mit verführerischem Hüftgold: Schoko-Orangen-Tarte, gedeckte Aprikosen-Tarte, hausgemachtes Vanilleeis. Nur ein Café, das geht bei diesem Dessertbüffet nicht. Zumal mich Albert erwartungsvoll ansieht.

Da ich unentschlossen zögere, greift Albert hin zu einer Flasche, die ich noch nicht bemerkt hat. Drinnen birgt sie eine Schlange. „Trink etwas Gentiane – der schafft Platz im Magen. Und dann such‘ aus!“

PS. So grässlich ich den Gedanken fand, das eine Schlange dem Schnaps das Aroma gegeben hat, umso wirksamer war er. Denn auch der letzte Krümel vom Dessertteller war am Ende des Abends verspeist. Und mit den Engländern am Nachbartisch wurde in großer Runde noch die eine und andere Mondeuse aus Arvin  genossen…

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