Das Mémorial du Camp de Rivesaltes

Spanischer Bürgerkrieg, Zweiter Weltkrieg, Algerienkrieg, Abschiebehaft: Vier Mal nahm das Lager von Rivesaltes, rund 40 km nördlich von Perpignan im Département Pyrénées-Orientales gelegen, einen Platz in der Geschichte Frankreichs ein. Jetzt erinnert ein Mémorial an die Geschichte des „Lagers der Unerwünschten“.

1938 ursprünglich als Gefangenenlager „Joffre“ vom französischen Militär angelegt, war Rivesaltes 1941/42 während des spanischen Bürgerkrieges das wichtigste Internierungslager für geflüchtete Republikaner, Sinti und Roma aus dem Elsass sowie ausländische Juden und politische Gegner.

2.313 Juden nach Drancy und Auschwitz

1942 begann das wohl dunkelste Kapitel in der Geschichte von Rivesaltes: Das 612 Hektar große Areal wurde vom Vichy-Regime zum Hauptsammellager für die Juden in der „freien Zone“ erklärt. 2.313 jüdische Häftlinge wurden von Rivesaltes aus mit neun Deportationszügen in das Durchgangslager Drancy oder direkt nach Auschwitz verschleppt. Als das Internierungs- und Sonderlager von Rivesaltes am 24. November 1942 seine Pforten schloss, befanden sich schon Einheiten der Wehrmacht in Rivesaltes.

Bis August 1944 blieb Rivesaltes in der Hand der Wehrmacht, die dort mobiler Einheiten kasernierte, Truppenübungen durchführte und dort  Material zur Küstenverteidigung lagerte, mit denen u.a. die nahen Strände vermint wurden. Nach der Befreiung des Lagers durch Frankreich blieb eine Hälfte unter der Verwaltung der Militärs, der andere Teil erhielt das Innenministerium

Kriegsgefangene & Kollaborateure

Nach den Befreiungskämpfen übernahmen die französischen Behörden wieder das Lager von Rivesaltes. Und teilten es auf: eine Hälfte erhielt das Kriegsministerium, das dort im Dezember 1944 das „Kriegsgefangenenlager 162“ für Soldaten der Achsenmächte einrichtete, die andere Hälfte das Innenministerium. Bereits imSeptember 1944 nahm im zivilen Part ein „Centre de séjour surveillé“ seinen Betrieb auf, in dem Menschen, der Kollaboration mit dem Feind beschuldigt, überwacht und „politisch gesäubert“ wurden.

20.000 Harkis im Lager

Nach dem Ende des Algerienkrieges schließlich diente Rivesaltes  ab 1962 als Auffanglager für die Harkis und ihre Familien –  algerische Zivilisten, die in Ergänzungseinheiten für die französische Armee im Algerienkonflikt gekämpft hatten. Mehr als 20.000 von ihnen wurden bis Ende 1964 durch das Lager geschleust.

Mit einem Gesetz, das seit  29. Oktober 1981 französischen Behörden erlaubt, Einwanderer ohne legalen Aufenthaltsstatus in Centres de rétention administrative (CRA) bis zur Abschiebung ins Heimatland festzuhalten, wurde Rivesaltes von 1985 bis 2007 Abgeschiebegefängnis. Mehr als  20.000 Menschen durchliefen in 22 Jahren den Komplex auf einem Teilgelände des Camps.

80.000 Menschen aus 16 Nationen

Seit 16. Oktober 2015 ist das Schicksal der 80.000 Menschen aus 16 Nationen, die insgesamt das Camp de Rivesaltes durchliefen, nicht mehr vergessen oder tabu. Sondern so deutlich, hautnah und ergreifend erlebbar, dass man innerlich friert, wenn man das neue Mémorial du Camp de Rivesaltes besichtigt.

Das Hauptgebäude der Erinnerungsstätte befindet sich im Lagerabschnitt F. Entworfen wurde es von Rudy Ricciotti aus Bandol als 220 m langes, 20 m breites und vier Meter hohes Gebäude, das unterirdische beginnt und sich langsam bis zur Höhe der Barackendächer erhebt. Drinnen birgt der Bau 1.000 Quadratmeter für Dauer- und 400 Quadratmeter Wechselausstellungen, einen Kinoraum sowie Säle für Workshops und andere Events.

Die Lager-Tore sind jetzt das ganze Jahr hindurch von 10 – 18 Uhr geöffnet.

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Infos zu weiteren Gedenkstätten in Frankreich und im restlichen Europa findet ihr hier.

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