Rauf aufs Rad im Tarn-Tal

Bourg-Charente: Ausflug per Rad
Mit Fahrrädern seid ihr beim Hausboot-Urlaub mobil!

Kaum Steigungen. Kaum Verkehr. Nur mittelalterlicher Backstein, Taubenhäuser, Sonnenblumenfelder, Weine von Weltruf und Landschaften, die Ruhe und Schönheit atmen: Das Vallée du Tarn ist wie geschaffen für Genuss-Radler.

Véloroute de la Vallée du Tarn

Der Tarn, der sich jung und wild durch die Cevennen zwängt, mündet nach 380 Kilometern bei Moissac in die Garonne. Zwischen Saint-Sulpice-la-Pointe und Trébas-les-Bains säumt die 108 km lange Véloroute de la Vallée du Tarn den Fluss – als perfekte Radelroute für ein Wochenende. Wer drei Stunden täglich im Sattel sitzt, sollte drei Tage einplanen. Wer täglich vier Stunden strampelt, schafft die Tour auch an zwei Tagen. Genug Zeit zum Schlemmen und Schauen bleibt immer!

Die Weinlagen von Gaillac. Foto: CRT Midi-Pyrénées/Dominique Viet

Bastiden: neue Städte im Schachbrettmuster

Start ist in Saint-Sulpice-la-Pointe, 46 km südöstlich von Albi. Wie alle Bastiden, die im Mittelalter als „neue Städte“ gegründet wurden, ist auch Saint-Sulpice im Schachbrettmuster angelegt.  Rechtwinklig verlaufen seine Gassen rund um seinen zentralen Kirchplatz mit dem imposanter Glockenmauer. Im Mittelalter tobte im Tarn der Glaubenskrieg zwischen der katholischen Kirche und den Katharern, die sich vom Papst losgesagt hatten, um ein strenggläubiges, asketisches Leben zu führen

Châtau du Cayla. Foto: Foto: CRT Midi-Pyrénées/Dominique Viet

Zuflucht für Verfolgte

Gläubige, die verfolgt wurden, versteckten sich erst im Château de Castela, dann unterhalb einem Labyrinth hoher Gänge, die in den Fels gehauen wurden. Als einzige der 350 mittelalterlichen Zufluchten von Midi-Pyrénées ist der Souterrain der Burgruine für Besucher geöffnet. La Dépêche hat einen wundervollen Bericht über die Ruine verfasst. Im französischen Original gibt es ihn hier.

Am noch recht behäbig dahin fließenden Tarn streben wir Rabastens zu. Im Mittelalter Hochburg der Katharer, gehört die Kleinstadt heute dank Autobahnanschluss zu den bevorzugten Wohnorten im Speckgürtel von Toulouse. Mitten durch die Backsteinstadt, die ihr altes Herz hinter der Wehrmauer versteckt, führt die Via Tolosana. Als Station auf dem französischen Jakobsweg gehört das gotische Juwel Notre-Dame-du-Bourg  zum Welterbe.

Sonnenblumen und Taubenhäuser

Von der Hängebrücke über den Tarn sehen wir bereits unser nächstes Ziel: Lisle-sur-Tarn. Sonnenblumenfelder und Weingärten, Taubenhäuser und alte Gehöfte säumen unseren Weg. Noch dampfte der Boden vom nächtlichen Regen, funkeln die Tropfen im Sonnenlicht. Klar ist die Luft, herrlich frisch und mild. Jetzt über die Tarnbrücke und hinein in die Bastide, die sich rühmt, den größten Arkadenplatz Frankreichs vorzuweisen.

Als 4.425 qm-Rechteck erstreckt sich die Place Paul Saissac breit vor dem Café du Centre, in dem für uns mit einer „Salade au chèvre“ für den Besuch des nahen Musée Art du Chocolat stärken. Seit 2006 präsentiert dort Michel Thomaso-Defos monumentale Skulpturen aus Kakao.  100 Kilogramm bringt sein 1.80 m hoher Jakobspilger auf die Waage. Die warmen Sommer im Tarn-Tal überlebt er nur gut gekühlt…..

Die Römer nutzten einst tönerne Amphoren zum Lagern ihrer Waren. Hergestellt wurden sie in Montans. Wo heute das Archéosite gallo-römischen Überresten präsentiert, befand sich im ersten Jahrhundert nach Christus eine der größten Keramikwerkstätten des römischen Kaiserreiches.

Gaillac im Tarntal. Foto: CRT Midi-Pyrénées/Dominique Viet

Bereits vor der Ankunft der Römer wurden rund um Gaillac Reben gekeltert. Als offizieller Beginn des neuzeitlichen Weinbaus gilt die Gründung der Benediktinerabtei St-Michel im Jahr 972,. Im Mittelalter exportierte sie den „Vin de Coq“ aus Gaillac bis nach England.

Bis heute werden vorwiegend alte autochtone Rebsorten wie Mauzac, Duras, Braucol und Len de l’El angebaut. Verschifft wurden die Weinfässer von den beiden Häfen Lisle-sur-Tarn und Rabastens. Letzterer prägte eine bis heute beliebte Redensart. „Être entre Gaillac et Rabastens“ heißt im Volksmund nicht anderes als … betrunken zu sein!

Blick auf Albi am Tarn. Foto: Hilke Maunder

Albi, la rouge

Erst spät abends erreichen wir Albi. Die alte Bischofsstadt gehört zu den „Grands Sites“ von Okzitanien. Ihr Beiname “La Rouge” verrät, dass sie fast völlig aus Backstein errichtet wurde. Auf den handgetrockneten Ziegeln sind noch immer die Fingerabdrücke der Maurer zu erkennen. Selbst die riesige Kathedrale mit ihren bis zu sechs Meter dicken Mauern ist ein Ziegelbau: Weltrekord – und Welterbe.

2010 nahem die UNESCO das Hektar große Bischofsviertel auf. Zum Welterbe gehören neben der gotischen Cathédrale Sainte-Cécile auch die Stiftskirche Saint-Salvy als ältester Sakralbau der Stadt, der bischöfliche Palais de la Berbie, die Brücke Pont-Vieux von 1040 und ein Teil des Tarn-Ufers.

Typisch für die Baukunst im Tarntal ist auch das Maison du Vieil Alby. Als eine der letzten Bauten der Stadt besitzt es noch einen „Soleilhou“  – einen offenen Dachboden zum Trocknen von Pastel. Bis zur Einführung von Indigo lieferte das Färberwaid als einzige Pflanze den Farbstoff für Blau.

1864 erblickte am Ufer des Tarn ein Maler das Licht der Welt. Als  Portraitist des leichten Lebens von Montmartre wurde er weltberühmt: Henri de Toulouse-Lautrec. Als er mit 36 Jahren im Suff an Syphilis starb, wollte kein Pariser Museum seine Werke. Umso schöner werden sie heute in seiner Heimatstadt präsentiert. Der Palais de la Berbie birgt mit mehr als 500 Ölgemälden, Zeichnungen und Lithografien das weltweit größte Toulouse-Lautrec-Museum.

Zu den Fans des Malers gehört der Serge Hérail von der Patisserie St-Honoré,. Er hat ihm zu Ehren den Gâteau Lautrec kreiert: als Bananen-Karamell auf Mousse au Chocolat. Sein Laden in der Rue St-Julien liegt nur einen Steinwurf vom Museum entfernt.

Kein Trubel im Tarn-Tal

Wie ruhig erscheint uns am nächsten Tag nach dem Trubel der Stadt das Tarntal. Irgendwann muss uns doch mal ein Auto überholen … Doch es bleibt still. Nur der Tarn wird lauter. Beim Saut de Sabo drängt er sich zwischen Arthès und Saint-Juéry fast 500 Meter lang durch dunklen Fels, ehe er 20 Meter tief zu uns hinab donnert. Wo einst seine Hydrokraft ein Stahlwerk antrieb, hat heute Casimir Ferrer sein Atelier. Der ehemalige Feuerwehrmann aus Albi gilt als größter lebender Maler und Bildhauer des Tales.

Während die Straße unmerklich ansteigt, werden auch die Schleifen, mit denen sich der Tarn durch das Tal windet, immer enger. Dass sie sich in Ambialet fast berühren, zeigt sich vom Aussichtspunkt „L’Antenne“.  In gut zwei Stunden führt der GR36-Wanderweg  hinauf zum 360°-Panorama in 422 Meter Höhe. Schön ist auch die Aussicht von der Église Notre-Dame de l’Auder.

Für die letzten 14 Kilometer bis nach Trébas-les-Bains wählen wir die D77 am linken Flussufer. Sie ist die verkehrsärmer als der Radweg im einstigen Gleisbett, der am rechten Ufer die viel befahrenen Straßen begleitet. Nur der Name erinnert noch an die Vergangenheit als Thermalbad. Doch baden könnt ihr bis heute: an einer Picknickwiese mit Badestrand, über dem die „Blaue Flagge“ flattert. Flussbaden, welch ein erfrischendes Ende für die Fahrradtour!

Wer weiterradeln will, erreicht auf kleinen Landstraßen nach 70 Kilometern das Tor zu den Schluchten des Tarn, Millau.

Meine Reise-Infos

Hinkommen

Flug mit Air France, eurowings oder Lufthansa nach Toulouse. Weiter per Bahn. An der SNCF-Linie 2 Toulouse-Albi-Rodez liegen die Bahnhöfe St-Sulpice, Rabastens, Lisle-sur-Tarn, Gaillac, Marsac-sur-Tarn und Albi. In den TER-Zügen ist die Radmitnahme ohne Zuschlag möglich.

Bei Corail Teoz-Zügen ist eine Fahrradkarte erforderlich. Fahrpläne: www.ter-sncf.com; Infos zur Radmitnahme: www.velo.sncf.com. Der Tarnbus zwischen Saint-Sulpice und Albi (Linie 702) nimmt Fahrräder in den Gepäckklappen mit; http://tarnbus.tarn.fr.

Schlafen

L’Isatis, 850, Chemin de Bordes, Saint-Sulpice, Tel. +33 5 63 40 00 70, http://www.lisatis.fr. Vier komfortable Zimmer mit WLAN in einem großen Garten mit Pool am Ufer des Tarn.

Château de Mayragues, Castelnau-de-Montmiral, Tel. +33 5 63 33 94 08. Zwei charmante „chambres d’hôtes“ in einem mittelalterlichen Schloss inmitten der Weingärten von Gaillac.

Mercure Albi Bastides, 41 bis, rue Porta, Albi, Tel. +33 5 63 47 66 66, www.mercure.com. Wassermühle, Nudelfabrik, Hotel: Was für eine Karriere für den wuchtigen Backsteinbau! Vom Restaurant – und vielen Zimmern – bieten sich Traumausblicke auf den Tarn und die Altstadt von Albi.

Hôtel Les Lauriers, Villeneuve sur Tarn, Tel. +33 5 63 55 94 85, http://hotel-les-lauriers.jimdo.com. Grundsolide wie die Küche – Gemüse und Obst liefert der eigene Bio-Garten – sind die Zimmer des Traditionshauses am Tarn.

Schlemmen

Ô Porte des Lices, Rue de la Chapelle Saint-Roch, Rabastens, Tel. +33 5 63 34 64 66, www.oportesdeslices.fr. „Table chic à prix choc“ schrieb Le Figaro über das Restaurant von Yannick Bannelier und Marlène Montagut. Köstlich: das Entenfilet mit Haselnüssen und knusprigen Schalotten.

L’Epicurien, 42, Place Jean Jaurès, Albi, Tel. +33 5 63 53 10 70, www.restaurantlepicurien.com. Schwedenkoch Rikard Hult interpretiert kreativ mediterrane Klassiker.

La Tête de l’art, 7, Rue de la Piale, Albi, Tel. +33 5 63 38 44 75. kein www. Die authentische Küche des Südwestens – Foie Gras, Kutteln und entbeinte Schweinshaxe.

La Moulinquié, Hôtel-Restaurant du Pont, Ambialet, Tel. +33 5 63 55 32 07, www.hotel-du-pont.com. Für das Bries vom Lamm an Pfifferlingen von Jean-Pierre Saysset kommen die Gäste von weit her.

Noch mehr Radtouren!

…. für Sportliche:

Route des Cols du Tour de France: Die legendären Pyrenäenpässe der Tour de France – auf 120 km von Gourette nach Luchon. Highlights: Col du Tourmalet, Pic du Midi, Luchon, Urzeit-Grotte von Niaux, Thermal-Wellness.

Circuit des Plus Beaux Villages de l’Aveyron: sieben Tage, sieben Etappen, 700 Kilometer durch zehn der schönsten Dörfer Frankreichs. Highlights: Peyre und das Viadukt von Millau, Conques (Etappe auf dem Jakobsweg), Sauveterre de Rouergue (Bastiden), La Couvertoirade (Templerstädtchen)

… für Entdecker:

Véloroute de la Vallée du Lot: Von Cahors nach Aiguillon 160 km lang am Fluss entlang vorbei an Weinbergen und malerischen Orten. Highlights: Cahors (Grand Site de Midi-Pyrénées) und sein Wein, mittelalterliche Orte wie Puy L’Evêque.

… für Familien:

Voie Verte le long du Canal des Deux Mers: Den Canal des Deux Mers, die Verbindung vom Atlantik zum Mittelmeer, bilden zwei Wasserwege: der 241 km lange Canal du Midi von Toulouse nach Sète und der Garonne-Seitenkanal von Toulouse nach Bordeaux.

Gemeinsam bilden ihre Treidelpfade heute in Midi-Pyrénées einen 145 km langen Radweg. Zu den Highlights gehört besonders die Jakobspilgerstadt Moissac mit dem St-Pierre-Kloster und dem Pont-canal de Cacor. In Montech könnt ihr bei Sternechef Christian Constant im Bistrot Constant direkt am Kanal schlemmen. Nach Toulouse begrüßen euch die Sonnenblumenfelder des Lauragais mit Villefranche de Lauragais.  Verpasst auch nicht die Wasserscheide des Kanals beim Seuil de Naurouze (190 m).

Voie Verte du Haut-Languedoc „Passa Païs“Die 75 km lange Route von Bédarieux nach Mazamet, ist für jeglichen motorisierten Verkehr gesperrt. Highlights: Tal des Thoré, Labastide-Rouairoux (Textilmuseum), Montagne Noire.

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Zur Einstimmung: DuMont Bildatlas Frankreich Süden (Okzitanien)

Der Bildatlas "Frankreich Süden" von Hilke Maunder - die fünfte AuflageMein DuMont Bildatals Frankreich Süden (Okzitanien)* fängt zwischen Rhône und Garonne, Cevennen und Pyrenäen in sieben Kapiteln die Faszination der alten Region Languedoc-Roussillon in Wort und Bild ein – auch als eBook!

Von Montpellier, der Boomtown am Mittelmeer, bis zum römisch-romantischen Nîmes, von den Étangs bei Narbonne bis zur katalanischen Kapitale Perpinyá. Und noch ein Schlenker nach Carcassonne und Toulouse: voilà meine Herzensheimat! Wer mag, kann den Band hierdirekt bestellen.

Mein Reiseführer-Tipp

Annette Meiser, die u.a. die ers­te müll­frei­e Schu­le Deutsch­lands mitbegründete, hat in Midi-Pyrénées ihre Wahlheimat. Dort bietet sie erdgeschichtliche und kulturhistorische Wanderreisen an.

Ihre Expertise hat sie auf 432 Seiten zwischen die Buchdeckel eines Reiseführers gepackt. Ihr erstes Buch stellt eine Ecke Frankreichs ausführlich vor, die in klassischen Südfrankreich-Führern stets zu kurz kommt. Für mich ist es der beste Reiseführer auf Deutsch für alle, die individuell unterwegs sind.

Sehr gut gefallen mir die eingestreuten, oftmals überraschenden oder kaum bekannte Infos. Wie zum einzigen Dorf Frankreichs, das sich in zwei Départements befindet. Saint-Santin liegt genau auf der Grenze von Aveyron und Cantal.

Annette Meiser, Midi-Pyrénées, Michael-Müller-Verlag, ISBN 978-3-89953-750-5. Wer mag, kann den Band hier * direkt online bestellen.

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