Frankreichs höchste Klippen

Zwischen Le Tréport im Nordosten und der Seine-Mündung bei Le Havre bricht das Kalkplateau des Pays de Caux mit bis zu 110 m hohen Klippen steil in den Ärmelkanal. Wind und Wellen haben Klippen und Kalknadeln, Bögen, Brücken und andere bizarre Formen in die rund 150 km lange Kreideküste gefräst, die bei Étretat seit mehr als mehr als 100 Jahren Maler, Musiker und Literaten zu unvergesslichen Werken inspirierten.

Étretat: Blick auf den Ort von der Klippenküste. Foto: Hilke Maunder

Küste der Künstler

Eugène Delacroix, Camille Crot, Gustave Courbet, Eugène Boudin und Claude Monet bannten die Klippen in vielen Variationen aufs Bild. Der französische Krimiautor Maurice Leblanc verlegte gar den Schlupfwinkel seines Meisterdiebes Arsène Lupin in die 70 m hohe Felsnadel L’Aiguille vor die Porte d’Aval von Etretat, die angeblich hohl sei – und das Gold aller Könige Frankreichs berge.

Victor Hugo, der sich gerne und oft in der Normandie aufhielt, schrieb seiner Tochter Adèle am 10. August 1835 begeistert:

„Was ich von Etretat gesehen habe, ist faszinierend. Die Klippe wird immer wieder von großen natürlichen Bögen durchbrochen, unter denen die Wogen des Meeres bei Flut hindurch schlagen. Das ist die gigantischeste Architektur der Welt.“

Bei Ebbe freigelegt: der zerfurchte Meeresboden mit seinen Mustern im Kalk. Foto: Hilke Maunder

Frankreichs kürzester Fluss

Frost, Regen, Wellen und Wind nagen beständig an den Kreide-Klippen, die langsam zurück weichen und verträumte Buchten bilden, die nur bei Ebbe zugänglich sind. Epte, Bresle, Béthune und ein Dutzend anderer Wasserläufe haben Täler in den Kalk gegraben – und Frankreichs kürzestes Fließgewässer: die Veules.

Nach gut einem Kilometer mündet sie bei Veules-les-Roses ins Meer. Doch auf der kurzen Strecke bewältigt der Bach Enormes: Er bietet Forellen beste Lebensbedingungen, bewässert eine Kresseplantage und treibt mächtige Mühlräder an, einst sogar elf. Unter ihnen war die Moulin du Marche. 1910 koppelte sie ein findiger Ingenieur an einen Generator – so besaß das kleine Seebad an der Kreideküste lange vor Paris eine elektrische Beleuchtung.

Fécamp: der Hafen. Foto: Hilke Maunder

Kabeljau und Kräuterlikör

Dort, wo der Valmont eine Senke in die Klippen gefräst hat, schwemmte vor mehr als 1.000 Jahren in einem Feigenbaumstamm eine Reliquie an den Strand, die Fécamp zum ›Tor des Himmels‹ machte: einige Blutstropfen Christi – heute ruhen sie in einem Tabernakel aus weißem Marmor in der Abteikirche Sainte-Trinité.

Die zweiten berühmten Tropfen im einstigen Wallfahrtsort sind hochprozentiger: der Kräuterlikör Bénédictine.

Die Klippenküste – auch in Fécamp war sie Motiv der Maler. Foto: Hilke Maunder

An der Promenade steht die Statue einer Fischersfrau, mit Holzschuhen, schweren Händen, den Blick zum Meer gewandt. Sie wartet auf ihren Mann, der in weiter Ferne auf hoher See arbeitet Vom 16. Jh. bis 1973 war Fécamp auch der Heimathafen einer mächtigen Fangflotte, die vor der Küste Neufundlands nach Kabeljau fischte.

Das Milieu der Hochseefischer faszinierte auch Jean Gaumy. 1970 zog der weltberühmte Fotograf der Bildagentur Magnum nach Fécamp, wo er seitdem das Leben der örtlichen Fischer im Bild festhält, nicht nur an Land, sondern auch auf See: 15 Jahre lang, von 1984 bis 1998, teilte er mit ihnen den Alltag an Bord eines Trawlers.

Fécamp: Fachwerk des Maison du Grand Cerf. Foto: Hilke Maunder

Korsaren und Kurgäste

1824 eröffnet Marie Caroline, Herzogin von Berry und unerschrockene Schwimmerin, in Dieppe das ›Zentrum für Warmbäder‹ Frankreichs. In einem kleinen Holzbau direkt am Strand standen einige Badewannen, und Bademeister aus England halfen den Kranken, ihr Meeresbad zu nehmen. Das Eintauchen ins Meer wurde damals besonders für Deprimierte, Asthmatiker und Schwindsüchtige empfohlen.

Bereits 1835 kurieren so 400 Gäste jede Saison ihre Leiden. 2006 eröffnet in Frankreichs ältestem Seebad für fast 20 Millionen Euro wieder ein Pilotprojekt: Das Centre Thalasso-Ludique Le Carré vereint erstmals Meereskuren und Erlebnisbad unter einem Dach.

Doch bevor sich Dieppe das Gesicht eines mondänen, eleganten Seebades zulegte, bestimmte ein geschützter Tiefwasserhafen die Geschichte der Küstenstadt. Korsaren stachen von dort in See und kaperten Handelsschiffe, Entdecker brachen mit ihrer Flotte zu unbekannten Ufern auf.

1402 gründete Jean de Béthencourt aus Dieppe ein Königreich auf den Kanaren, 1488 entdeckte Jean Cousin Brasilien. 1562 nahm Jean Ribault für Frankreich Land in Florida.

Berühmtester Bürger der Stadt ist jedoch der Reeder Jean Ango, der in Westafrika einen Handelshafen anlegte und die Reise eines Florentiner Kapitäns finanzierte, der 1524 die Hudson Bay entdeckte.

Von ihren Reisen brachten die Kapitäne aus Dieppe neben Stoffen, Silber und Gewürzen auch Stoßzähne von Elefanten und Nilpferden mit, aus denen Diepper Elfenbeinschnitzer wie Pierre André Graillon filigrane Skulpturen und Schmuck schufen.

Dieppe: der Sportboothafen. Foto: ATOUT France/Jean Decaux.

Die Heimat der Bovary

Im Hinterland wechseln die lichten Buchenwälder von Eu, Arques und Eawy mit weiten Flachsfeldern, die ein Drittel des französischen Leinenbedarfs liefern. Auf den Weiden grasen normannische Milchkühe mit dem typischen braunen Fleck am Auge. Hier, im grünen Mosaik aus Feldern und Wäldern, liegt auch die Heimat von Madame Bovary.

Die Romanheldin von Gustave Flaubert (1821 – 1880) lebte im fiktiven Yonville-l’Abbaye, in Wirklichkeit Ry, wo heute ein Automatenmuseum mit mehr als 300 Figuren in mechanischen Schaubildern Szenen aus dem Roman nachstellt.

Ein ›Circuit Bovary‹ führt zu weiteren Handlungsorten wie Lyons-la-Forêt, wo der französische Kult-Regisseur Claude Chabrol 1990 Flauberts Roman verfilmte – der Brunnen, zu den Dreharbeiten errichtet, steht bis heute dort.

Flauberts geistiger Ziehsohn war Guy de Maupassant (1850 – 1893), der mit einem Hauch von Melancholie in Werken wie ›Gil Blas‹ und ›Pierre et Jean‹ den herben Landstrich des Pays de Caux beschreibt. Geboren wurde der Dichter auf dem mittelalterlichen Schloss Mirosmesnil, das sich in einem weitläufigen Park mit uralten Zedern und Buchen erhebt.

Hinter dem Château versteckt sich ein gärtnerisches Kleinod: ein ›Potager‹ nach Vorbild des Küchengartens vom Sonnenkönig Ludwig XIV. Gras und Blumen umgeben die vier Gemüse-Carrées, auf denen Endivien, Lauch, Kürbis und Kohl wachsen – bestimmt für die Tafel des Grafen Thierry de Vogüé, der hier mit seinen beiden Schwestern wohnt.

Typisch für die „vache normande“, die Milchkuh der NOrmandie, sind die rotbraunen Augenringe. Foto: Hilke Maunder

 

Beschauliches Pays de Bray

Ganz im Osten ragt die reiche Hochebene des Pays de Bray empor mit Obstgärten, üppigen Weiden und der Quelle der Epte. Der 17 km lange Fluss, der bei Forges-les-Eaux entspringt und bei Giverny in die Seine mündet, markiert seit 911 die Grenze zwischen der Normandie und der Île de France.

Seit dem Vertrag von Clair-sur-Epte teilt die Epte zudem die weite Kalkebene des Vexin in das westliche Vexin Normand und das östliche Vexin Français. Bis heute ist das Pays de Bray Bauernland.

Feld an der Epte bei Giverny. Foto: Hilke Maunder

Im 19. Jh. war die Region Hauptlieferant der Hauptstadt für Butter, Milch und Käse. Seit Jahrhunderten wird hier der herzförmige Neufchâtel-Käse gefertigt, heute begeistert auch die mit Rahm angereichte Kuhmilchrolle ›Bondon de Neufchâtel‹ Käseliebhaber. Auch das Töpfern hat hier eine lange Tradition.

Zum Zentrum des Traditionshandwerks wurde Forges-les-Eaux, dessen Name an die beiden wirtschaftlichen Standbeine von einst erinnert: die Schmieden und das Wasser.

Bis ins 16. Jh. wurde hier Eisenerz gefördert und verarbeitet, 1573 eine eisenhaltige Mineralquelle entdeckt, dessen gesundheitliche Wirkung 1633 von Louis XIII, Anna von Österreich und Richelieu bei ausgedehnten Kuren genutzt wurde. Später linderten hier Voltaire, Flaubert und Marie Curie mit Wasserkuren ihre Leiden. 1797 führten Funde von weißem und rotem

Kaolin zur Gründung der ersten Steingutfabrik, 1856 folgte ein zweites Werk – beide Manufakturen mussten um 1890 schließen: Statt Steingut war jetzt Porzellan gefragt. Die schönsten Stücke aus Forges sind heute im Musée de la Faïence zu bewundern. Wenige Schritte weiter hält im ehemaligen Gare Thermale der letzte Töpfer der Stadt das Traditionshandwerk lebendig: Alexandre Audel.

Le Havre: Blick auf die Stadt von der Seine. Foto: Hilke Maunder

Symphonie der Moderne

Wer nun nicht auf der Autobahn, sondern durch das verträumte Hinterland wieder den Klippen zustrebt, erlebt ganz im Süden der Alabasterküste ein Crescendo der Kontraste: Le Havre, für die einen ein abstoßender Moloch aus Beton, schnurgeraden Straßen und kantig-kalten Häusern, für die anderen eine einzige Hommage an die Moderne. Die Hafenstadt an der Mündung der Seine, die hier eine Breite von fünf Kilometern hat, spaltet bis heute die Besucher.

Doch einer der größten französischen Maler der Moderne liebte das Flair: Raoul Dufy (1877 – 1953), als siebtes von elf Kindern in der Hafenstadt geboren. Mal wild expressionistisch, mal verhalten und sanft, malte er immer wieder drei typisch normannische Motive: Früchte, Badende und Segelboote.

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