Das wilde Hinterland der Côte d’Azur

Highlight im Hinterland: La Touri
Kleinod an der D 32/D332: La Tour.

Der gebändigte Var und der wilde Verdon waren meine ständigen Begleiter auf der Rundtour durch das Hinterland der Côte d’Azur, dessen tiefen Schluchten, einsame Bergnester und wehrhaften Städtchen Künstler und Kunsthandwerker seit mehr als 100 Jahren begeistert haben. Und wieder staune ich über die Gegensätze.

Nur wenige Kilometer trennen den unbeschreiblichen Luxus der dicht besiedelten Küste von den verschlafenen Dörfern im Hinterland. Hier strahlt der Himmel in blauer Klarheit, duftet der Lavendel stärker, verläuft das Leben geruhsamer.

Die Clue de Carejuan mit der alten Fußgängerbrücke über den Verdon

Beschaulich: das Hinterland

Am Morgen ist der Himmel blau, so blau, als hätte ihn Cézanne soeben frisch gemalt: monochrom, tief und klar. Seit Tagen bläst der Mistral, zerzaust die Platanen, rüttelt an den Fensterläden. Schafen und Kühe suchen hinter Mauern Schutz, Olivenblätter strömen wie altes Silber. Dann steigt die Sonne auf, wärmt den blank gefegten Himmel.

Die ersten Boulespieler trudeln auf der Place ein, und Jean schließt die Tische und Stühle vor dem Café auf. „Un petit Noir, Madame?“ Ich nicke und zeichne auf meiner arg gebeutelten Landkarte meine Route nach – Karte und Kaffee in der Hand, der Tisch ist einfach zu schön. Und passt zu meinem Wagen…

Kaum gelandet, war ich vom Aéroport de Nice-Côte d’Azur auf der Corniche du Var (D18) ins einstige Weindorf La Gaude gefahren, wo der dänische Bildhauer Ib Schmedes sein Écomusée Vivant de Provence gegründet hat – eine faszinierende Sammlung von Kröten, Reptilien und Insekten in ihren natürlichen Habitaten. Vorbei an einer Templer-Burg aus dem 14. Jahrhundert, die die 1991 verstorbene Schauspielerin Viviane Romance renoviert und bewohnt hat, kam ich nach St-Jeannet.

Kraxler-Mekka mit Weitblick

Es ist ein Mekka für Kraxler, die an der 400 m hoch steil aufragenden Südwand des Baou drei Klettersektoren mit Routen der Schwierigkeitsgrade 3c bis 7b finden. Wäre das Wetter besser gewesen, hätte ich dort noch den Gipfel des Baou (807 m), um eine fantastische Fernsicht zu genießen: Von den Alpengipfel des Mercantour über die Hügeln von Nizza bis nach Antibes, und weiter zu den Îles de Lérins Saint Honorat und Sainte-Marguerite bis zum Massif de l’Estérel reicht die Aussicht, die schon Maler wie Chagall und Poussin inspiriert hat.

Stattdessen zog es mich nach dem frühen Aufstehen für den Flieger recht früh ins Bett: Corinne und Benoît Couvreur haben eine alte Auberge in ein gemütlich-fröhliches Frogs House verwandelt, ein charmantes Chambre d’Hôte mit sechs Zimmern und einer Suite. Abends serviert Corinne ein dreigängiges Menü, dessen Zutaten ausschließlich von örtlichen Öko-Bauern und Bio-Produzenten stammen.

Über Gattières, ein Labyrinth malerischer Gassen mit grandioser Aussicht auf die Seealpen, kam ich nach Carros, wo sich die alten Häuser malerisch um das Schloss (heute ein tolles Museum für moderne Kunst!) drängen – ein deutlich schönerer Anblick als der moderne Teil mit seinen gesichtslosen Neubauten!

Wild, weit … und verlassen

Hinter Carros wurde das Land wilder und einsamer. Hier ein verrammeltes Haus, dort ein Laden à vendre. Besonders Bouyon scheint unter dem Wegzug der Jungen, die an der Küste Arbeit finden, zu leiden; viele Häuser stehen zum Verkauf. Doch nun hocke ich in Entrevaux, genieße den pechschwarzen Koffeinkick über den Var auf die Bergfeste, die ihr  mittelalterliches Gepräge wunderbar erhalten halt.

Danach wartet ein atemberaubendes Duo auf mich, geschaffen von Var und Verdon. Als erstes geht es auf der D 902, die zur D2202 wird, am Rand von fast senkrecht abfallenden, rotbraunen Wänden mit mehreren Tunneln und mitunter tollkühner Straßenführung durch die Gorges de Daluis.

Die Bungee-Brücke

Auf halber Strecke nach Guillaumes halte ich am Pont de la Mariée. Von der Brücke soll sich, so der Volksmund, eine Braut aus Liebeskummer in den Tod gestürzt haben. Heute lassen sich Bungee-Jumper am elastischen Seil aus 80 m Höhe tief in die Schlucht fallen. Bei St-Martin d’Entraunes geht es auf der D78/D2 hinüber den Col des Champs hinüber nach Colmars am Oberlauf des Verdon.

Das eindrucksvollste Teilstück der berühmten Gorges du Verdon beginnt hinter Castellane bei Clue de Carejuan, wo ihr nach dem großartigen Aussichtspunkt Point Sublime zunächst der atemberaubenden Route des Crêtes, dann der D 952 folgen solltet.

Die Höhenstraße am Nordufer erreicht nach 48 km ein Bergnest, das mit seiner Kapelle am Fels zu kleben scheint – und landesweit für seine Fayencen berühmt ist: Moustiers-Sainte-Marie. Am schönsten ist der Besuch des Städtchens vor dem Eintreffen der Armada von Ausflugsbussen gegen elf Uhr und am frühen Abend, wenn die Brunnen plätschern und das letzte Licht der Sonne die farbigen Fassaden glühen lässt.

Mein Favorit für einen Badestopp: der nahe Lac Sainte-Croix. Heute ist es ein wenig kühl – wir lassen flache Kiesel über die spiegelglatte Wasserfläche huschen.In Aiguines beginnt die Corniche Sublime, die vom Südufer aus völlig neue Einblicke auf die Gorges du Verdon eröffnet – besonders schön vom aussichtsreichen Balcons de la Mescla.

In Comps-sur-Artuby fertigen Louise und Jean-Paul Coddretto aus Leder Jacken, Taschen, Gürteln oder Portemonnaies – ganz individuell nach euren Wünschen.

Doch für uns geht es jetzt weiter nach Gréolières, wo eine nur vier Meter breite Landstraße die Gorges du Loup, die Wolfsschlucht, erschließt – steil ragen die grauen Felsen am Fahrbahnrand auf, mit starkem Gefälle schießt und sprudelt die Loup, die von der Quelle in 1.300 m Höhe bis zur Küste keine 50 km zurücklegt, über die Felsbrocken im Bachbett.

In Tourettes-sur-Loup muss ich halten: Hier versteckt sich der Stammsitz der Confiserie Florian. Und ohne ein Gläschen ihrer köstlichen Zitronenkonfitüre fahre ich nicht weiter bis nach Vence!

Selbst jetzt, außerhalb der Saison und nicht bestem Wetter, herrscht noch reichlich touristischer Trubel in der Altstadt mit ihren sprudelnden Brunnen, engen Marktgassen und lauschigen Plätzen, die eine völlig intakte Stadtmauer mit fünf Toren umschließt.

Malermekka mit vielen Brunnen

Fast noch ein wenig besser gefällt mir ein wehrhaftes Städtchen wenige Kilometer weiter südlich: St-Paul-de-Vence, das in den 1920-er Jahren Maler wie Signac, Bonnard, Modigliani und Soutine für sich entdeckten.  Die jungen Maler wohnten in einer einfachen Auberge am Ortseingang, wo sie Kost und Logis mit ihren Werken bezahlen konnten.

So machten sie die Colombe d’Or zu einer In-Adresse, die Literaten und Filmemacher, Sänger und Schauspieler anlockte: Simone Signoret, Yves Montand, James Baldwin und selbst Curd Jürgens. Calder, Chagall und andere Künstler folgten.

Einen Kilometer nordwestlich von St-Paul-de-Vence hat das Kunsthändlerehepaar Marguerite und Aimé Maeght aus hellem Beton und roten Backstein inmitten eines Parks mit Skulpturen von Calder mit ihrer Fondation Maeght ein Kunstmuseum geschaffen, das für mich zu den schönsten der Côte d’Azur gehört. Unseren letzten Abend verbringen wir in Haut-de-Cagnes, Und dann: zurück zur Küste, zurück zum Flieger.

Wären das nicht noch der Hafen von St-Laurent-du-Var mit seinen Fischern, den ich als Ausrede für einen Pausenschlenker nehme. Und das Einkaufszentrum Cap 3000 mit seinen 140 Läden und Boutiquen, dass meine Tochter lockt – gibt es dort doch französische Mode angesagter Marken wie Aigle, Petit Bateau, Undiz oder Comptoirs des Cotoniers. Am anderen Ufer der Var-Mündung sehe ich bereits wieder die Flieger am Flughafen von Nizza starten und landen…

Mein Reiseführer-Tipp

Südfrankreich kennt Ralf Nestmeyer wie seine Westentasche – und hat zur Region nicht nur zig Reiseführer verfasst, sondern auch Krimis wie „Roter La­ven­del“ und “ Die Toten vom Mont Ven­toux“. Auch seinem Côte d’Azur-Band kommt dieses Expertise zugute. Neben den klassischen Must-Sees von Saint-Tropez, Cannes, Antibes und Nizza hält er auch zahlreiche Tipps fürs bergige Hinteland parat. Und für  aktive Entdeckungen, mit Ge­birgs­wan­de­run­gen zu ein­sa­men Berg­se­en oder zu den Fels­zeich­nun­gen im Val­lée des Mer­veil­les. Klar, das auch die legendäre  Strand­wan­de­rung rund um die Halb­in­sel von Saint-Tro­pez nicht fehlt. Kurzum perfekt für alle, die gerne individuell und auch mal oft the beaten track unterwegs sind. Wer mag, kann den Band hier * direkt bestellen.

Ralf Nestmeyer, Côtes d’Azur Alpes Maritimes, Michael Müller Verlag, 9. Auflage 2018, 336 Seiten + herausnehmbare Karte (1:200.000); ISBN 978-3-95654-403-3

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9 Kommentare

  1. Bonjour Hilke, das ist wieder so ein inspirierender Artikel, dass ich am liebsten gleich den Koffer packen möchte.
    Vielen Dank für die vielen Tipps, der für mich unbekannteren Gebiete der Côte d’Azur. Claudia

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