Mein Frankreich: Michael Heinzel
„Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch? Diesmal erzählt Michael Heinzel aus dem Rheinland, der mit seiner Frau und seiner Tochter Julia die Picardie entdeckt hat, von ihrer Liebe zu Nordfrankreich.
An der Côte picarde – Ferien bei den Ch’Tis
Seit zwölf Jahren fahren wir jetzt schon in die Hauts-de-France. Für uns als Rheinländer im fortgeschrittenen Alter hat das einige Vorteile: Es sind nur 500 Kilometer, und auf denen hatten wir noch nie einen Stau. Das Klima ist für Herzpatienten wie mich ideal, insbesondere die Sommertemperaturen, geht selten über 30 °C. Und das Meer, obwohl Kanalküste, bietet echtes Atlantik-Feeling bei Wassertemperaturen um die 17 °C Ende Mai. Auch liegen die Preise rund ein Viertel unter dem holländisch-belgischen oder deutschen Nordsee-Niveau.
Die Picardie bildet den südlichen Teil der Region Hauts-de-France. Als historische Landschaft reicht sie von den Toren von Paris bis an die belgische Grenze.
Die Ch’Tis und das Picardische
„In die Picardie – wo ist denn das?“, wurden wir von unserem Hausarzt gefragt. „Das ist im Land der Ch’Tis. Sie kennen doch den Kultfilm Willkommen bei den Sch’Tis?“
Für viele deutsche Urlauber ist die Region Hauts-de-France – und die dort befindliche ehemalige Provinz Picardie – nach wie vor eine terra incognita. Auch die Franzosen fremdelten lange mit ihren Nordlichtern, bis drei Filme den Durchbruch verschafften: zunächst 2008 der schon erwähnte Bienvenue chez les Ch’Tis (Willkommen bei den Sch’Tis) von und mit Dany Boon, dann 2011 der Film Intouchables (Ziemlich beste Freunde), in dem der querschnittsgelähmte Philippe zum Schluss die Liebe seines Lebens in Éléonore findet, einer Ch’Ti, vor der ihn sein bester Freund Driss noch gewarnt hat: Die im Norden seien alle hässlich, hätten schiefe Zähne und könnten kaum sprechen. Damit meint er das Ch’Ti, eine regionale Sprachform des Picardischen, einer langue d’oïl, die zahlreiche Einflüsse des Französischen und Flämischen aufgenommen hat.

Und schließlich 2024 der Sensationsfilm En fanfare (Die leisen und die großen Töne) von Emmanuel Courcol, in dem es vordergründig um die Frage Genetik vs. Prägung geht, in der Hintergrundhandlung aber das pralle Leben des Nordens gezeigt wird, das die wirtschaftlich schwierigen Rahmenbedingungen durch eine lebensbejahende Mentalität und einen bemerkenswerten Optimismus kompensiert. Interessanterweise wurde der Film in Frankreich auch als portrait social en musique beworben, was seiner kongenialen Synthese aus Regie und Komposition meines Erachtens besser gerecht wird.

Nach einigem Suchen haben wir eine Vermieterin gefunden, die sich in ihrer Herzlichkeit und positiven Lebenseinstellung als typische Ch’Ti zeigt. Freilich passe ich in der Unterhaltung mit ihr besonders auf, zum Beispiel was die Aussprache von Ortsnamen anbelangt. So hatte ich mich lange gefragt, wie man wohl Le Crotoy ausspricht. Die Antwort ist ganz einfach: auf Französisch „Croto-a“ und auf Picardisch „Croto-ë“.
In der Tat hat man das Ortseingangsschild vor ein paar Jahren geändert in Le Crotoy/Ch’Crotoé. Oder bei Ault, dem kleinen Dorf ganz im Süden der Picardie, wo die Steilküste beginnt: Das spricht man als Ch’Ti, wie man’s schreibt.

Wenn man sich ein picardisch-französisches Wörterbuch ansieht, ist man als Rheinländer manchmal erstaunt, denn das eine oder andere könnte ein Kölner auch so sagen oder würde es zumindest verstehen. Insgesamt kann man ein ethnografisches Selbstbewusstsein feststellen. Das Ch’Ti-Bier hat durchaus Tradition und regionale Lebensmittel d’origine Ch’Ti auch, aber Ch’Ti-Wein ist im Kommen.
Wir sind hier in einem historischen Übergangsraum zwischen römischer, fränkisch-germanischer und später flandrisch-habsburgischer Prägung; Spuren davon finden sich in Sprache, Toponymie, Kultur und in begrenztem Maße auch in der Demografie. Heute verläuft hier die Grenze zwischen den französischen Départements 62 (Pas-de-Calais) und 80 (Somme).
Die Sprache der Ch’Ti
Picardisch gehört zu den Regionalsprachen in den Übergangszonen zum deutschen Sprachraum, die von Linguisten als thiois subsummiert werden. Im Norden wird Ch’Ti oder Rouchi noch von etwa einer halben Million Franzosen gesprochen und erlebt derzeit auch im Süden eine kulturelle Renaissance. Flämisch war in Nordfrankreich bis zu Napoleon weit verbreitet. Die Zurückdrängung begann bereits im 19. Jahrhundert mit der Schulpolitik der Dritten Republik und setzte sich auch noch lange nach 1945 fort. Das Ch’Ti ist ein letztes, selbstbewusstes Sprachrelikt. Als Tourist merkt man davon zunächst nichts, denn selbstverständlich wird man in astreinem Französisch angesprochen. Erst wenn man mit den Leuten vertrauter wird, stutzt man gelegentlich bei unerwarteten Vokabeln oder Aussprachen.
Die Küsten der Ch’Ti

Wo genau liegt jetzt die Côte picarde? Der Abschnitt zwischen den Flüssen Authie und Bresle im Département Somme (80) bildet die Côte picarde. Von der Authie-Mündung bis Wimereux verläuft im Département 62 (Pas-de-Calais) die Côte d’Opale. So hatte Édouard Lévêque 1911 die Küste von Crotoy bis Équihen genannt. In Ault folgen gen Süden die weißen Kreidefelsen der Côte d’Albâtre. An der Bresle beginnt mit dem Département 76 Seine-Maritime die Normandie; der größte Teil der Côte d’Albâtre ist damit normannisch.
Die Küstenformation ist recht unterschiedlich: An der Côte d’Opale bricht das Kalkgestein des Festlandes zum Meer hin ab und liegt oft in Form großer Brocken am Strand. Ganz im Norden, am Cap Gris-Nez oder Cap Blanc-Nez, ist der Abbruch besonders schroff. England ist hier bei klarem Wetter in Sichtweite, der Tidenhub beträchtlich. Schwimmen ist hier wegen starker Strömungen oft nicht möglich. Das Hinterland ist durchaus hügelig; wir fanden es eher wenig fahrradfreundlich.

Uns gefällt die von der Baie de Somme dominierte Côte picarde besser. Das Gelände hier ist eben und erinnert an Holland; entsprechend gibt es viele Radwege oder kaum befahrene Nebenstraßen. Der Küstenabschnitt nördlich der Baie de Somme bis etwa Équihen besteht aus Sandstrand, südlich der Somme findet man reine Kieselstrände, die galets bleus.
Sie bestehen überwiegend aus Silex und wurden bereits von unseren prähistorischen Altvorderen zur Herstellung von Werkzeugen, z. B. Feuersteinen, genutzt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich hier eine bedeutende Industrie, nachdem man festgestellt hatte, dass sich die verschiedenen Schmelzprodukte dieser galets, insbesondere das Wasserglas, in vielen Produkten des täglichen Bedarfs verwenden lassen.

Zur Herstellung von Wasserglas werden heute jedoch hauptsächlich Quarzsande verwendet, weil sie meist näher an den Verarbeitungsorten vorkommen und daher kürzere Transportwege ermöglichen. In der Picardie werden die galets heute noch als Zuschlagstoffe für Baumaterialien und zur Zementherstellung gewonnen, wobei die Verarbeiter unterschiedlich spezialisiert sind.
Wie die gesamte Picardie maritime sind auch ihre Küstenregionen, der Ponthieu und das Vimeu, stark landwirtschaftlich geprägt; die einzige größere Stadt ist Amiens im Département Somme, daneben Abbeville, Rue sowie die Villes Sœurs Eu, Mers-les-Bains und Le Tréport an der Bresle-Mündung.
Spuren der jüngeren Vergangenheit

Der Norden und insbesondere das Département Somme waren auch berüchtigte Kriegsschauplätze des Ersten und Zweiten Weltkriegs. 1916 tobte östlich von Amiens die Schlacht an der Somme, bei der rund eine Million Soldaten getötet, verwundet oder vermisst wurden. Die Offensive endete ohne entscheidenden militärischen Erfolg. In Naours gibt es schon seit dem Dreißigjährigen Krieg ein Höhlensystem in ausgekofferten Kalksteinfelsen, in das sich die Bevölkerung bei Bedrohungslagen immer wieder zurückzog. Dieses System wurde im Ersten Weltkrieg zu einer regelrechten unterirdischen Stadt ausgebaut, in der es ein Lazarett und einen Andachtsraum gab.
Im Zweiten Weltkrieg hatten die Deutschen hier an der Somme bei Abbeville im Mai/Juni 1940 einen Brückenkopf bis zum Meer vorgetrieben und so die französischen und britischen Truppen im Norden isoliert. Es kam zum Drama von Dünkirchen, wo die Briten in aller Eile ihre Truppen evakuierten, zusammen mit 140.000 Franzosen, aus denen General de Gaulle später einen Teil der Forces françaises libres formierte. Nach dem 22. Juni glaubten die Nationalsozialisten offenbar, im Norden leichtes Spiel zu haben, denn sie entzogen die beiden Départements 59 und 62 (Nord bzw. Pas-de-Calais) der Pariser Verwaltung und unterstellten sie zusammen mit Belgien der Militärverwaltung in Brüssel.
Später überführten sie dieses Konstrukt sogar in das Reichskommissariat Belgien-Nordfrankreich unter dem Kölner Gauleiter Josef Grohé. Entlang der französischen Grenze hatte man außerdem die Zone interdite réservée au peuplement allemand eingerichtet, die teilweise bis zur Somme reichte. Hier wollte man Volksdeutsche ansiedeln – eindeutige Vorstufen einer geplanten Annexion.

Beflügelt wurden solche Vorstellungen neben der Idee eines Pan-Thiois („von Königsberg bis Dünkirchen“) wohl auch durch autochthone völkische Bewegungen in Belgisch-Flandern, Französisch-Flandern und der Wallonie. 1940 hatte der Abbé Jean-Marie Gantois aus Lille, Begründer des Vlaams Verbond van Frankrijk, Hitler Avancen gemacht und ihn in einem Brief gebeten, die Flandre française in sein „Neues Deutsches Reich“ zu integrieren. In Belgien gab es in der Wallonie die Rexisten und in Flandern das Vlaams Nationaal Verbond, aus denen sich später SS-Verbände rekrutierten.
Aber ausgerechnet in dieser Region, wo sich die Nationalsozialisten so sicher glaubten, traf der Londoner BBC-Aufruf de Gaulles zum Widerstand zuerst auf offene Ohren, und es bildeten sich hier schon im Herbst 1940 mit der Libération-Nord die ersten, zunächst noch einzeln agierenden Résistance-Gruppen, oft initiiert von Freimaurern, während sich im restlichen Frankreich und im Vichy-Frankreich die Résistance erst ein bis zwei Jahre später formierte.
Das mag damit zusammenhängen, dass dieser damals noch unbekannte Brigadegeneral und Unterstaatssekretär im Verteidigungsministerium, der nun im Londoner Exil eigenmächtig agierte, hier verwurzelt war: De Gaulle war Ch’Ti, stammte aus Lille, hatte einen Teil seiner Schulzeit im benachbarten belgischen Hennegau verbracht und wird bis heute hier besonders verehrt. Übrigens ist auch Emmanuel Macron ein Ch’Ti. Er hat in Le Touquet ein Haus und ist in Amiens zur Schule gegangen.
Im Strukturwandel

Die wirtschaftliche Situation ist seit dem Niedergang der Montanindustrie vor rund 60 Jahren nach wie vor prekär, und der Brexit hat noch sein Übriges dazu getan; die Fischerei in Boulogne-sur-Mer und Dunkerque hat deutlich an Bedeutung verloren. Viel tut der französische Staat zur Kompensation offenbar nicht; da nützt auch eine Louvre-Dependance in Lens nicht viel.
Erstaunt war ich allerdings, als ich kürzlich las, dass die Gegend um Valenciennes angeblich zu den zehn am stärksten nachgefragten Gründungsregionen in der EU zählen soll. Hier siedeln sich im Umfeld von Renault und Toyota zahlreiche Zulieferer an. Mal abwarten, wie lange diese Entwicklung noch anhält.
Die Arbeitslosigkeit liegt im Norden Frankreichs bei rund neun Prozent und bildet zusammen mit der Perspektivlosigkeit einen Nährboden für den Rassemblement national und nicht etwa für die Linke. Der Süden ist mit seiner Landwirtschaft noch stabil, sieht sich aber durch das Mercosur-Abkommen gefährdet.
Touristische Situation

Die Küste wurde als Ferienregion praktisch 1878 mit der Eisenbahnlinie Paris–Boulogne erschlossen, und zwar einerseits durch Pariser Künstler, andererseits durch die Engländer, die nun innerhalb weniger Stunden zum Wochenende hier sein und französisches Essen genießen konnten. Boulogne war nur noch vier Stunden von Paris oder London entfernt. Kein Wunder also, dass Ende des 19. Jahrhunderts der Londoner Immobilienmakler John Robinson Whitley auf die Idee kam, diesen angloaffinen Ort für seine Landsleute zu erschließen. 1905 begann die gezielte Entwicklung als Badeort.
Durch die Bäderzüge entdeckten auch die Pariser Großbürger die picardische Küste als Naherholungsgebiet, lediglich unterbrochen durch die beiden Weltkriege. Forciert wurde diese Entwicklung 1936 durch das unter Léon Blum verabschiedete Gesetz zur Einführung des bezahlten Urlaubs. Das einstige Fischerdorf Le Touquet führt seither stolz den Zusatz Paris-Plage im Namen und strahlt bis heute eine gewisse Exklusivität aus.
In den 1950er-Jahren orientierte sich der französische Tourismus dann stärker in Richtung Midi, und die mondänen Ferienhäuser an der Côte d’Opale nahmen einen morbiden Charme an. Die Engländer kamen aber weiterhin und bauten exklusive Ferienresorts. Ein Umschwung kam erst 2020 mit dem Brexit, gleichzeitig verstärkt durch die Corona-Krise.
Die küstennahen Regionen leben überwiegend vom Tourismus, aber Jahre wie 2025 mit einem Einbruch von 15 Prozent sind nach dem Brexit-Rückgang inzwischen existenzbedrohend. So gibt es auch viel Leerstand. Engländer sieht man heute meist nur noch auf der A16 Richtung Bretagne durchdüsen. Die speziell für sie geschaffenen Campingplätze, Ferienresorts, Ferienhäuser und Pubs in und um Hardelot-Plage standen nach 2020 zum Verkauf.
Daran haben die Makler noch gut verdient, aber die französischen Gastgeber brauchen ihre mühsam erlernten Englischkenntnisse kaum noch. Der größte Teil der Touristen kommt inzwischen aus den Hauts-de-France und aus Paris, daneben auch aus Belgien und Luxemburg; Deutsche sind noch selten. Um sie bemüht man sich aber verstärkt, denn sie orientieren sich in ihrem Reiseverhalten gerade neu.
Die Saison läuft von Ostern bis Ende Oktober. Danach schließen viele Geschäfte/Restaurants, und die Parkautomaten werden wieder abgebaut. In den kleinen Orten wird es einsam. Nun beginnt hier die Zeit der impressionistischen Wetterbilder, die schon vor 150 Jahren die Maler nach Étaples gelockt haben. Seit einigen Jahren versuchen die Tourismusagenturen, die Region durchgängig zu vermarkten. Dazu müssen die wichtigsten Geschäfte auch im Winter geöffnet bleiben. So hat die Gemeindeverwaltung von Quend beispielsweise die Betriebserlaubnis für einen neuen Supermarkt an eine ganzjährige Öffnung geknüpft
Die Baie de Somme, ein Grand Site de France

Das Mündungsästuar der Somme gehört seit 2011 zu den Grands Sites de France. Es wird von den beiden Städtchen Saint-Valery-sur-Somme auf dem linken Ufer und Le Crotoy auf dem rechten Ufer sowie der zwischen beiden verkehrenden Schmalspurbahn des Chemin de Fer de la Baie de Somme (CFBS) geprägt. Dazwischen erstrecken sich tideabhängige Salzwiesen.
Die Somme ist meerseitig in Saint-Valery-sur-Somme durch eine Schleuse geschützt. Dadurch ist die Mündungsbucht im Laufe der Jahrzehnte stark versandet, sodass ein gewerblicher Schiffsverkehr heute nicht mehr stattfindet. Die Bucht und das südlich anschließende Hinterland, aber auch das nördlich gelegene Marquenterre sind ideale Fahrradgebiete.
Beide Städtchen sind mit jeweils etwas mehr als 2.000 Einwohnern bedeutende Touristenorte mit großen Wochenmärkten – in Saint-Valery-sur-Somme sonntags, in Le Crotoy freitags. Von Saint-Valery-sur-Somme gelangt man über das Cap Hornu und die Salzwiesen zum Cap Le Hourdel. Vor Le Crotoy ist die Bucht stärker verlandet; hier mündet auch die Maye, bevor das Naturschutzgebiet des Parc du Marquenterre beginnt. Dieses waldreiche Gebiet ist nicht nur Rückzugsraum zahlreicher Vogelarten, sondern wird nach Angaben der französischen Behörden auch von Schleusernetzwerken genutzt, die von hier aus Schlauchboote (Zodiacs) Richtung England starten lassen. Natürlich ist dies auch der Gendarmerie bekannt.

Die Spannungen im Ärmelkanal haben in den vergangenen Jahren zudem zugenommen. Neben der Bekämpfung der Schleuserkriminalität beobachten die französische und die britische Marine regelmäßig Aktivitäten der russischen Schattenflotte und russischer Kriegsschiffe im Seegebiet.
Somme-Kanal und Abbeville


Die Somme ist von Abbeville bis Saint-Valery-sur-Somme seit 1843 kanalisiert. Bis in die 1960er-Jahre wurde der Kanal von Binnenschiffen genutzt. Wir haben – bis auf einige stillgelegte Kähne – keine Frachtschiffe mehr gesehen und hatten auch den Eindruck, dass die Mole in Abbeville seit Langem nicht mehr genutzt wird.

So langsam entwickelt sich aber ein Bootstourismus; in Saint-Valery-sur-Somme gibt es dafür auch einen Jachthafen, ansonsten Anlegemöglichkeiten, an denen sich Bootsfahrer selbst versorgen müssen. Abbeville (picardisch: Adville) ist Sitz der Unterpräfektur des Arrondissements Abbeville und gilt als Zentrum der Picardie maritime. Die Stadt wurde 1940 während des deutschen Einmarsches schwer beschädigt.

Die Touristenbahn CFBS (Chemin de Fer de la Baie de Somme)
Sie ist zweifellos eine Hauptattraktion und ein bedeutender Wirtschaftsfaktor an der Baie de Somme. Es handelt sich um eine dampfbetriebene Meterspurbahn, die von April bis November die Orte Le Crotoy, Noyelles-sur-Mer, Saint-Valery-sur-Somme und Cayeux-sur-Mer verbindet. Das Streckennetz wurde 1969 für den regulären Betrieb stillgelegt; anschließend gründete sich eine Initiative, die Strecke als Museumsbahn weiterzuführen. Heute nutzen jährlich rund 200.000 Fahrgäste die Bahn mit ihren historischen Fahrzeugen – deutlich mehr als zu Zeiten des regulären Betriebs.

Außer dem täglichen Dampfbetrieb weist die Bahn noch zwei Besonderheiten auf: Zwischen Noyelles-sur-Mer und Saint-Valery-sur-Somme ist das Gleis vierschienig verlegt – außen Normalspur, innen Meterspur. Das ist heute eine Seltenheit in Europa und diente früher dazu, die normalspurigen Bäderzüge der SNCF von Paris ohne Umsteigen bis Saint-Valery-sur-Somme verkehren zu lassen.

Als weitere Attraktion übernahm die Bahn vor einigen Jahren ausrangierte Speisewagen aus der Schweiz, die heute für Dîner-Fahrten eingesetzt werden. Für 75 € erhält man ein Vier-Gänge-Menü einschließlich Getränke. Das erscheint angemessen, wenn man bedenkt, dass bereits die reguläre Fahrkarte 22 € kostet. Der Zug hält dann auf dem Bahndamm in der Bucht. Während des Essens genießt man beim coucher du soleil einen romantischen Blick über die Baie de Somme – ein einmaliges Erlebnis, besonders in den langen Juninächten.
Saint-Valery-sur-Somme

Auf dem linken Ufer der Baie de Somme gelegen, ist dieser Ort mit seiner hübschen, alten Bausubstanz durch den Sonntagsmarkt für viele attraktiv; entsprechend voll ist es dann. Bis in die 1960er-Jahre wurden hier die galets verschifft.

Außer lebenden Tieren gibt es auf dem Markt vor allem Touristisches, beispielsweise einen Jahresvorrat an Knoblauch.


Bis in die obere Altstadt verirren sich nur wenige Touristen. Hier geht es ganz urig zu, wie zum Beispiel auf dieser ferme urbaine mit Milchviehhaltung mitten in der Stadt.
Le Hourdel

Le Hourdel bildet das Ende des linken Somme-Ufers. Noch vor zehn Jahren eine verschlafene Fischersiedlung, bekommt man heute am Wochenende kaum einen Parkplatz. Hier beginnt schlagartig der Kieselstrand mit den galets. Hier gibt es auch die Strandaster Oreilles de cochon (Schweineohren). Die Blätter darf man pflücken; sie sind eine Delikatesse zu Fleisch und Fisch und erinnern geschmacklich an Salbei.

Daneben gibt es auch den Strandspargel (Salicornia), für dessen Ernte jedoch eine Pflückerlaubnis erforderlich ist. Frisch kann man ihn für wenig Geld auf den regionalen Märkten und sogar in den Supermärkten kaufen; die eingelegten Exemplare sind dagegen enttäuschend.

Cayeux-sur-Mer
Cayeux, im Vimeu der Badeort an der galets-Küste, nennt sich gerne „Brighton-Plage“. Die mondänen Engländer kommen zwar nicht mehr, aber vielleicht ist gerade das der Grund für seinen Charme vergangener Pracht. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war Cayeux-sur-Mer für die Gewinnung der galets bedeutsam; sie wurden mit einer Pferdebahn von Le Hourdel zum Bahnhof transportiert.

Wegen der Kiesel empfiehlt es sich aber – gerade mit Kindern – Badeschuhe dabeizuhaben. Auch hier gibt es einen Sonntagsmarkt, der den Vorteil hat, zum großen Teil überdacht zu sein, sodass er auch bei schlechtem Wetter ein lohnendes Ziel ist. Mich zieht es hier zu den Ständen mit antiquarischen Büchern.

Im Hinterland des Vimeu geht es noch recht ländlich zu, und wie bei diesem Café im Wathiéhurt könnte man fast meinen, hier sei erst gestern der General Leclerc mit seinen Panzern durchgekommen.

Der General stammte aus Belloy-Saint-Léonard im Vimeu. Sein richtiger Namen war Philippe de Hauteclocque, und Leclerc nur sein Tarnname. Der Ortsname Wathiéhurt ist wie viele hier im Norden dänischen Ursprung, sprich, stammt von den Wikingern.
Die Villes Sœurs Eu, Mers-les-Bains und Le Tréport

Die drei Schwesternstädte liegen an der Bresle, dem Grenzfluss zur Normandie; Mers-les-Bains (das „s“ in Mers wird mitgesprochen) liegt noch auf dem picardischen, rechten Ufer, Eu und Le Tréport bereits auf dem linken, normannischen Ufer. Die drei Orte sind vor allem wegen ihrer Belle Époque-Architektur, ihres Hafens und ihrer langen Tradition als Seebäder bedeutsam. Bis in die 1980er-Jahre wurden Mers-les-Bains und Le Tréport von direkten Bäderzügen aus Paris angefahren.

Als Besonderheit bietet Le Tréport eine Standseilbahn – gratis! Von der Oberstadt, terrasse genannt, hat man einen fantastischen Blick auf die Côte picarde. Hier oben lässt sich auch besser parken.

Le Crotoy (picardisch: Ch’Crotoé)
Am rechten Ufer der Somme liegt Le Crotoy. Hier ist die Bucht besonders stark verlandet, sodass bei Ebbe in den östlichen Bereichen Schafe auf den Salzwiesen grasen können. Der Ort ist mit Saint-Valery-sur-Somme vergleichbar, aber wir finden ihn angenehmer.
Der Marquenterre

Nördlich von Le Crotoy schließt sich der Marquenterre an, eine Niederungslandschaft zwischen den Mündungsgebieten der Somme, der Maye und der Authie. Zur Römerzeit war das Gebiet noch weitgehend Gezeitenzone. Die heutige Landschaft entstand durch Eindeichungen und Landgewinnung seit dem Mittelalter, insbesondere ab dem 12. Jahrhundert. Bei schweren Sturmfluten – zuletzt zum Jahreswechsel 2023/24 – werden einzelne Bereiche dennoch überschwemmt; auch Hochwasser der Flüsse kann sich dann weit ins Hinterland zurückstauen. Der Name Marquenterre wird meist von mer qui entre dans les terres – das Meer, das ins Land eindringt – hergeleitet.

In diesem Neuland war Vieux-Quend die früheste Siedlung. Der südliche Teil zwischen Le Crotoy, Rue und Quend wurde überwiegend im 18. Jahrhundert trockengelegt; hier ist die Besiedlung bis heute am dünnsten. Der Hauptort heißt Saint-Quentin-en-Tourmont, doch darf man sich ihn nicht als geschlossene Ortschaft vorstellen, sondern eher als eine lockere Streusiedlung.

Der küstennahe Bereich bildet seit den 1970er-Jahren das Naturschutzgebiet Parc du Marquenterre und wird seitdem nicht mehr landwirtschaftlich genutzt. Hier sind zahlreiche Vogelarten heimisch. Die schmalen Straßen eignen sich hervorragend zum Radfahren, denn Durchgangsverkehr gibt es kaum. Der Marquenterre wirkt eher unspektakulär und erschließt seinen besonderen Reiz erst auf den zweiten Blick. Eine Attraktion sind die halbwilden Henson-Pferde und ihr Viehtrieb Ende Oktober. Man fragt besser nicht, wohin es geht…

Natürlich gibt es auch hier Tourismus, allerdings deutlich zurückhaltender als an der Baie de Somme oder in den Badeorten nördlich der Authie. Hier verläuft auch eine Wetterscheide; südlich der Linie Rue – Le Crotoy fällt im Jahresmittel etwas mehr Niederschlag als nördlich davon.
Quend

Zu den ältesten Siedlungen an der Côte picarde gehört das Dorf Quend, das früher einen Bahnhof an der Hauptstrecke Paris–Boulogne besaß. Dadurch konnte es seit dem Ende des 19. Jahrhunderts vom aufkommenden Badetourismus profitieren, wenn auch deutlich bescheidener als die mondänen Badeorte des Département Pas-de-Calais. Dieser Charakter hat sich bis heute erhalten und macht den Charme von Quend-Plage aus. In den Monaten Juli und August steppt allerdings auch hier der Bär. Hunde sind am Strand übrigens erlaubt.

Der Bäcker ist wohl Italiener, denn oft läuft morgens um sieben in der Backstube italienische Musik. Zu Volare ( Nel blu dipinto di blu ) singt er lauthals mit und tanzt mit seiner Frau auch schon einmal durch den Laden. Die Kritik an seinem Geschäft in den Bewertungsportalen ist für mich nicht nachvollziehbar; die Baguette artisanale ist hervorragend.

Fort-Mahon-Plage ist schon deutlich touristischer und vor allem angloaffin; man hat sogar ein Casino. Dieses Fort-Mahon-Plage an der Authie-Mündung bitte nicht mit dem weiter nördlich gelegenen Fort Mahon bei Ambleteuse verwechseln. In den Salzwiesen der Authie-Mündung findet man ab Juni den Strandflieder.

Rue
Die einzige Stadt im Marquenterre ist Rue. Sie wurde vermutlich im 9. Jahrhundert im Zuge der Wikingerzeit gegründet; der Ortsname wird häufig mit dem jütländischen Ry in Verbindung gebracht, ist jedoch sprachgeschichtlich nicht eindeutig belegt.

Damals reichte das Meer noch bis in die Nähe der Stadt, und Rue besaß einen Hafen, der später verlandete. Familien mit skandinavisch klingenden Namen gibt es in der Region tatsächlich, ein direkter Zusammenhang mit den Wikingern lässt sich jedoch nicht nachweisen. Zu den Wahrzeichen von Rue gehören der imposante Belfried von 1448 und die Chapelle de l’Hospice aus dem 17. Jahrhundert.

Das ehemalige Hôtel-Dieu diente Jakobspilgern. Vor der gotischen Heiliggeistkirche gastiert samstags ein Markt. Ein Paradies für Männer ist die Quincaillerie Demortain. Hier wartet in hunderten kleiner Schächtelchen seit Jahren genau die Schraube, die „Mann“ jetzt braucht. Monsieur und Madame möchten allerdings gefragt werden, bevor „Mann“ auf Entdeckungstour geht. Mitten durch den Ort fließt die Maye.

Der Beitrag von Michael Heinzel ist ein Gastartikel einer kleinen Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken. Ihr wollt mitmachen? Dann denkt bitte daran:
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